Zum „Tag der Unterdrückung“

Den „Tag der deutschen Einheit“ als „Tag der Unterdrückung“ zu bezeichnen ist zunächst natürlich sehr reißerisch und polemisch und nur möglich, wenn man im 3. Oktober primär einen Nationalfeiertag Deutschlands erkennt. Ein höchst scharfsinniger und lesenswerter Text des amerikanischen Intellektuellen Noam Chomsky („Die weltliche Priesterschaft und die Gefahren der Demokratie“) liefert eine Vielzahl von Argument, die eine solche Bezeichnung rechtfertigen.

Eine körperliche Unterdrückung findet zumindest in den europäischen Demokratien westlicher Prägung nicht statt. Auch gibt es keine Zensur und das Mittel des Meinungsverbots wird sehr beschränkt eingesetzt. Wir* selbst sind, um es nach Hobbes zu sagen, unser eigener Leviathan. Wir unterwerfen uns einer Selbstzensur. Bezogen auf die USA ein erhellendes Zitat aus dem Text Chomskys: Die USA sind eine vergleichsweise ungewöhnlich freie Gesellschaft und verdienen dafür Anerkennung. Ein Element dieser Freiheit ist Zugang zu geheimen Planungsdokumenten. Die Offenheit bedeutet nicht viel: Die Presse, und Intellektuelle generell, halten sich für gewöhnlich an die „allgemeine stillschweigende Übereinkunft, dass es‘nicht gut ankommen würde‘“, zu erwähnen, was sie enthüllen.

Das eigentliche Problem ist aber nicht das Schweigen der Presse und der Zivilgesellschaft. Das Problem ist vielmehr die Unterdrückung durch die Demokratie: Die breite Öffentlichkeit besteht aus „unwissenden und lästigen Außenstehenden“, deren Rolle in einer Demokratie die der „Zuschauer“ ist, nicht die der „Mitwirkenden“. Sie sind berechtigt, ihr Gewicht periodisch einem der mündigen Männer zu verleihen, was „Wahl“ genannt wird, dann aber zu ihrem individuellen Streben zurückzukehren. Eine nicht selbstzensierte Öffentlichkeit könnte dieser „Diktatur der Besitzenden“ ein Ende bereiten oder sie zumindest erschweren.

Zum Verständnis dieser gewagten These empfehle ich den Text von Noam Chemsky, besonders das letzte Drittel. Auch ist der Hinweis angebracht, dass hier nicht die Demokratie als solche, sondern die real existieren Demokratien kritisiert werden.

* gemeint sind: die Presse und die Zivilgesellschaft, bisweilen kann man auch sich selbst angesprochen fühlen