Happy Birthday, Lucarelli!

Heute hat einer unserer Ultras das Feld betreten,
Mit der 99 auf dem Rücken, dem Jahr der B.A.L.
Und jedes mal, wenn er sich zeigt
Sich tausend Fäuste in der Kurve strecken
Ohh, ohh, ohh, ohhh…
Und ganz LIVORNO singt CRISTIANO!

Am 4. Oktober, wird einer der größten sowohl fussbalerischen als auch politischen Linksaußen 32 Jahre alt. Cristiano Lucarelli ist sein Name. Er ist der Held des antikapitalistischen Fußballs. Unstrittig einer der besten italienischen Stürmer, der jedoch nur selten für eben jenes Nationalteam spielen durfte. Es ist zu hoffen, dass er diesen denkwürdigen Tag nicht im Exil in der Ukraine verbringt, sondern im ihn heiß liebenden Livorno, in der kommunistischsten Stadt Italiens. Den Cristiano Lucarelli ist ihr Held, ihr Heiliger und ihr Sohn, der einst neben dem „Vater“ Gramsci sitzen wird.

Der Jahrgang 1975 ist ein äußerst erfolgreicher gewesen. Die UNO erklärt das „Jahr der Frau“, die Frauenbewegung das „Jahr der Frauenkämpfe“. Im Kino fliegt Jack Nicholsen übers Kuckucksnest. Monty Python war mit seinen Kokosnüssen auf der Suche nach dem Heiligen Gral. Ich wurde geboren. Und der große Cristiano Lucarelli wurde geboren. Was sich seine Eltern bei seinem Rufnamen gedacht haben mögen, kann man nur spekulieren. Vielleicht war Mutters Wunsch ihr Sohn möge den 60iger Roten nicht in die Arme fallen, Vater des Gedankens. Geholfen hats nicht. Ihr Sohn nutzt sehr gern seine linke Faust, und er meint es kämpferisch und kommunistisch.

Schon mit 18 Monaten zog es den Knirps ins Stadion. Sein Vater Maurizio nahm ihn mit zum Jugendfussball-Turnier, das Torneo di Viareggio (den Karnevalpokal), in Viareggio. Mit seinem jüngeren Bruder Alessandro Lucarelli, heute ebenfalls Profi-Fußballer bei FC Genua, bolzte er den ganzen Tag auf der Strasse und zerschließ so einiges an Schuhen und Kleidung. Wenn es mal regnete, mussten die beiden Mini-Ultras zwar zu Hause bleiben, aber Fussball haben sie trotzdem gespielt. Dabei ging so einges zu Bruch. So dass sich die Großmutter wurdegenötigt sah, die Fussbälle zu verstecken, die dann später, bei einem Umzug, in Massen auf dem Dachboden auftauchten. Trikots waren ihm ebenfalls schon sehr früh wichtiger als andere materielle Güter. So tauschte er im zarten Jünglingsalter sein Fahrrad gegen ein Sampdoria-Shirt. Seine Mutter war gezwungen den jugendlichen Fußballwahnsinn zu beenden und den Tausch mittels erwachsener Autorität rückgängig zu machen.

Lucarelli begann seine Fußballkarriere mit sechs Jahren beim Verein Carli Salviano. Dort spielte er sieben Jahre. Er wechselte dann zum livorneser Club Armando Picchi Calcio, der zur Zeit in der vierten Liga spielt. Dieser Verein spielt übrigens im selben Stadion, wie der AS Livorno, im Stadio Armando Picchi, und scheint so etwas wie eine Kaderschmiede für Fussballprofis zu sein. Danach ging er für eine Saison zu Cuoiopelli, einem Drittligaclub. Cristianos Profikarriere begann beim FC Perugia, der zu dieser Zeit in der Serie B spielte. Er spielte dort zwei Jahre und wurde mit 55 Toren zum Torschützenkönig des Vereins. Im Jahr 1995 wechselte Lucarelli zum Rivalen ins süditalienischen Kalabrien, zum Zweitlisten AS Cosenzo Calcio. Nach erfolgreicher Saison bei diesem Verein, in der er 15 Tore schoss, wurde er 1996 zur italienischen Nationalmannschaft berufen, die in Atlanta beim olympischen Turnier teilnahm. Danach wechselte er in derselben Liga zu Calcio Padova, wo er 15 Tore schoss. 1997 ging er zum Serie A Club Atalanta Bergamo. Aufgrund von Verletzungen und anderen persönlichen Problemen kam er in dieser Saison nur auf 5 Tore .

Nach persönlichen und fussbalerischen Anfeindungen wechselte Lucarelli 1998 nach Spanien zum FC Valencia. Er hatte keinen Bock mehr auf Anfeindungen, die ihn trafen, weil er in einem u21-Spiel in Livorno beim Tor der Nord-Kurve ein Shirt mit dem Konterfei Che Guevaras präsentierte. Es war als Ehrenbekundung für die Fans des AS Livorno gedacht, machte aber national enorme Wellen. Er wurde beleidigt und hochkant aus der Nationalmannschaft geschmissen. Erst im Jahr 2005 spielte er für die Azzuri. Marcello Luppi lud ihn zum Training in die USA ein und ließ ihn gegen Serbien & Montenegro spielen. Lucarelli bedankte sich auch prompt mit einem Tor, zur WM nach Deutschland – 2006 – durfte er aber trotzdem nicht.

In Valencia setzte sich sein Pech fort. Er war oft verletzt, konnte seine Form nicht abrufen und saß oft auf der Bank. Nach nur einer Saison veließ er Spanien wieder und wechselte wieder zurück nach Italien in die Serie A zum US Lecce (zur Zeit in der Serie B). Dort erholte er sich allmählich wieder, fand seine Form und blieb für zwei Saisons und schoss 27 Tore. Danach holte ihn der AC Turin zu sich. Sein Formhoch fiel jedoch ab. Seine Reaktion war sich selbst das Gehalt wegen nicht erbrachter Leistung zu kürzen.

Endlich beim AS Livorno

Das Jahr 2003 war für Cristiano Lucarelli einer der wichtigsten sowohl persönlichen als auch fussbalerischen Meilensteine. Endlich konnte er nach Livorno, worauf er schon so lange gewartet hatte. In einem Interview mit der Welt sagt er, dass es immer sein Traum war dorthin zu gehen. „In meinen Träumen ging es nie um Milan, Inter oder Juve. Ich habe immer von Livorno geträumt. Schon als kleiner Junge habe ich imer geweint, wenn Livorno mal wieder verloren hatte.“ Er verließ den AC Turin, verzichte auf eine halbe Million Jahresgehalt und ging in die Serie B zum Aufsteiger AS Livorno. In der folgenden Saison 2003/04 schoss er für seinen Club 29 Tore und war damit maßgeblich am Aufstieg in die Serie A beteiligt.

Die Experten hielten den Aufstieg für einen Zufall. Insbesondere auch weil ein offen linker Club mit antirassistischen, antifaschistischen Tifosi sich in der italienischen höchsten Liga nicht halten durfte. Jedoch überstanden die Livornesi die erste Saison in der höchtsen Liga und errangen einen respektablen 9 Rang. Jedoch noch viel wichtiger, entgegen allen Unkenrufen, er könne sich nicht durchsetzen, wurde Lucarelli mit 24 Toren in der Spielzeit 2004/05 Torschützenkönig der Serie A. Nun stand auch der Berufung in die Nationalmannschaft nichts mehr im Weg.

In den folgenden Spielzeiten bemühte er sich redlich den AS Livorno zu unterstützen. Er schaffte es immer wider auf die vorderen Plätze der Torschützenliste. Der Club konnte sich bis heute in der Serie A halten, begann aber schon letztes Jahr zu schwächeln. Auseinandersetzungen zwischen Managment, Trainer und Mannschaft führte zu unstetem Spiel und Abstiegsgefahren. Das hin und her in der Trainerfrage ließ Fans und Spieler verzweifeln. Ergebnis der Spielzeit war, dass Igor Protti, der seit der Drittklassigkeit beim AS Livorno war, seine Karriere als Torschützenkönig dreier Ligen beendete und Lucarelli in die Ukraine zu Shaktar Donezk wechselte. Zur Zeit spielt er mit diesem Verein in der Championsleague.

Der Club spielt zwar immer noch recht gut und kann überzeugen, jedoch zahlt sich dies nicht in Toren aus. Die letzten Ligaspiele gegen Juve, Palermo und den direkten Konkurenten Florenz gingen verloren. Nur gegen Inter konnte Livorno ein unentschieden herausholen, das aber eigentlich ein Verlust war, weil sie zweimal in Führung gingen und dann doch verloren. Deshalb stehen sie bis zum 5. Spieltag immer noch auf dem letzten Platz. Er ist zu hoffen, dass in Catania (Sizilien) endlich ein Siege errungen werden kann.

Beziehung zu Livorno und den Brigata Autonome Livornesi (BAL)

Die politische Haltung Cristianos Lucarellis waren und sind bis heute Ursprung von Verehrung und Ablehnung. Er bezeichnet sich selbst als Kommunisten. Bei Toren läuft er zu den Tifosi, die linke Faust gestreckt. Auf seinen linken Arm hat er das Logo des AS Livorno tätowiert. Aber ncht in der offiziellen Version, sondern gezackt, wie das der Brigata Autonome Livornesi, den Ultras des AS Livorno. Auf dem Rücken trägt er die 99, die ihn an das Gründungsjahr der BAL erinnert, somit also gleichzeitig seine Verbundenheit zu den Tifosi und dem Club symbolisiert. Auch in Donezk trägt er die 99, in Erinnerung und als Zeichen das er seine Fans nicht vergißt.

Lucarellis kommunistische Gesinnung hat ihm jedoch nicht nur Symphatie, sondern auch Anfeindungen eingebracht. Seine Verehrung gegenüber Che Guevara, dem Idol der weltweiten antiimperialistischen Befreiungsbewegung, brachte ihm den Rausschmiß aus der italienischen Jugendnationalmannschaft. Seine linke Faust kostete ihn 30.000, wobei Canio, der faschistische Stürmer des Lazio Rom, für seinen Duce-Gruss – die gestreckte rechte Hand – gerademal 10.000 zahlen musste. Die Rivalität der beiden Stürmer kommt nicht von ungefähr. Die faschistischen Fans des Lazio Rom und vieler anderer italienischer Fussballclubs rieben sich insbesondere am AS Livorno und seien antifaschistischen Tifosi. Als bei einem Auswärtsspiel in Rom einge Livornesi verhaftet wurden, bezahlte Lucarelli höchstpersönlich die Kaution und sponsorte einen Reisebus für die Heimreise.

Aber auch die Stadt Livorno fand in Lucarelli einen ganz besonderen Helden. Er setzte die antikapitalistische Tradition der Stadt fort, in der im Jahre 1921 von Antonio Gramsci und anderen die Italienische Kommunistische Partei gegründet wurde. Er verzichtete ganz entgegen der weitläufigen Profiattitüde der meisten Fussballer auf ein hohes Gehalt. Ausserdem investiert er sein Vermögen nicht in Yachten, Parties und anderes materielles Klimbim, sondern eröffnet lieber eine Zeitung und holt so junge Journalisten aus der Arbeitslosigkeit. Zwei Millionen investierte er von seinen vier Millionen Jahresgehalt. Seine Biografie „Behaltet eure Millionen“ (leider nur auf italiensiche erhältlich) ist in Livornos Schulen Pflichtlektüre. Dieser Kommunist ist eben nicht einfach nur ideologisch verbohrt, sondern auch noch offen, symphatisch, zurückhaltend und neuerdings auch noch interessiert an universitärer Bildung. Und wenn man den Gerüchten trauen darf, dann kommt er bald nach Deutschland.

Es gibt übrigens einen super Film über Cristiano Lucarelli, seine Stadt – Livorno – und die Fans. Der heißt „99 Amaranto“. Ein Trailer findet ihr hier.

Quellen:
wikipedia, Cristiano Lucarelli
Birgit Schönau: Mit links, ZEIT, 21.7.05.
Felix Laurens: Cristiano Lucarelli: Der linke Rechtsfuß, goal.com, 2.6.07.
Cristiano Lucarelli: „In Italien dürfen Fußballer nur an Fußball denken“ (Interview), welt, 27.4.07.