Vorpommern strahlt bald noch mehr!

Am Samstag, den 27. Oktober trafen sich in der Greifswalder Innenstadt circa 100 Menschen um ihren Protest zum Atomtransport des Reaktordruckbehälters am 30. Oktober von Rheinsberg ins nahegelegene Zwischenlager Lubmin zu artikulieren. Zur Demonstration unter dem Motto „Weg des geringsten Widerstands“ hatte die Anti-Atom Initiative Greifswald aufgerufen. Es beteiligte sich ebensfalls, neben Bürgern und weiteren Anti-Atomkraft-Initiativen, ein Gaggle der Clownsarmy aus Rostock. Team Green hielt sich, entgegen der üblichen Schikanen, auffällig zurück.

Am 30. Oktober startet in Brandenburg ein weiterer Atomtransport. Der hochgradig strahlende Reaktordruckbehälter des stillgelegten und im Rückbau befindlichen Kernkraftwerk Rheinsberg (Kyritz-Ruppiner-Heide) wird zur (dauerhaften) Zwischenlagerung nach Lubmin bei Greifswald verbracht. Der Transport ist Teil der Entsorgung des ehemaligen Versuchskraftwerkes, das 1990 stillgelegt und seit 1995 zurückgebaut wird. Am 29. Oktober wird sich der brandenburgische Umweltminister Dietmar Woidke über die Vorbereitungen zum Transport und den Fortschritt des Rückbaus informieren. Der Transport selbst soll staalicherseits ohne große Einmischungen von Team Green vonstatten gehen. Ebenjene erwarten keinen großen Protest und halten sich deshalb zurück.


Quelle indymedia

Der Transport ist auf verschiedenen Ebene als problematisch zu betrachten. Zum einen soll der Reaktordruckbehälter mindestens 50 Jahre zwischengelagert werden, obwohl das Zwischenlager Lubmin nur eine Betriebserlaubnis für 40 jahre besitzt. Zum zweiten wird der hochgradig kontaminierte Müll mindestens 40, aber wohl eher 50 Jahre „abstrahlen“ muss, bis überhaupt daran zu denken ist, dass er endgültig zerlegt und entsorgt werden kann. Des Weiteren ist der Transportweg, laut Brückenkontrollen von contrAtom und der Bürgerintiative Uelzen nicht gerade als sicher zu betrachten. Mehrere Brücken sind marode und drohen bei der Befahrung durch den 175 Tonnen schweren, strahlenden, versiegelten Reaktordruckbehälter zusammen zu brechen. Deshalb wollen, laut Tagesspiegel, Atomkraftgegner Strafanzeige gegen die Deutsche Bahn wegen unterlassenen Sanierungsarbeiten an Brücken stellen. Die Baufälligkeiten sind dokumentiert und können hier besichtigt werden.


Quelle contrAtom

Aber wieder schweigen die Behörden. Das für Atomtransporte zuständige Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) scheint keine Beanstandungen zu sehen. Der marode Transportweg und die Diskrepanz in der Laufzeit scheint ebenfalls kein Hinderungsgrund zu sein. Womöglich sind pauschale Betreibergenehmigungen ohne terminliche Festsetzungen oder auch bundes- und landesspezifische Interessen für die Durchsetzung des Transportes, trotz enormer Sicherheitsmängel und gegenteiliger, gesetzlicher Bestimmungen, verantwortlich. Des Weiteren könnte es daran liegen, dass das Zwischenlager Lubmin, mit „seinen Lagerkapazitäten und seinen technischen Einrichtungen zur Behandlung von radioaktiven Material […] zurzeit die weltweit einzige Anlage dieser Art“ ist. Denn dort können, sowohl Castor-Behälter und größerer Müll gelagert, als auch flüssige und feste Stoffe konditioniert, das heißt, konzentriert verpackt, werden. Dieses einmalige Geschenk der realsozialistischen Kernforschung läßt sich eventuell, bei einem Regierungswechsel im Land und Bund oder auch schon jetzt, womöglich auch anderweitig nutzen. Deshalb verwundert es nicht, dass schon im nächsten Jahr hochradioaktive Fracht nach Lubmin transportiert werden soll, obwohl die Genehmigung sich nur auf Müll aus den ehemaligen Versuchskernkraftwerken Rheinsberg und Greifswald bezog.

Deshalb sollte der Transport, wenn möglich blockiert, aber vor allem nicht ruhig und verschwiegen seinem Ziel entgegenrollen dürfen. Lasst es ordentlich teuer werden!!!

Quellen
Presseerklärung der Anti-Atom Initiative Greifswald zur Demo
indymedia
inforiot
Märkische Allgemeine

Unterstützer
Anti-Atom Initiative Greifswald mit und ums Klex
contrAtom
Bürgerinitiative gegen Atomanlagen Uelzen
Bürgerinitiative Umwelschutz Lüchow-Dannenberg
Robin Wood


2 Antworten auf „Vorpommern strahlt bald noch mehr!“


  1. 1 Thomas 29. Oktober 2007 um 19:16 Uhr

    Es „ordentlich teuer werden zu lassen“ sollte meiner Ansicht nach nicht der Hauptgrund für Demonsrationen und Blockaden sein. Für mich steht eher die Information der Öffentlichkeit im Vordergrund. An diesem Beispiel kann verdeutlicht werden, wie problematisch die Gewinnung von Energie aus Kernkraft ist.
    Kostenintensiv ist Atomstrom sowieso schon, dazu bedarf es der Demonstranten nicht.

  2. 2 machnow 30. Oktober 2007 um 12:55 Uhr

    Es „teuer zu machen“ ist auch nicht der Hauptgrund. Es ist nur eine interventionistische Taktik, die es ermöglicht das System zu stören. Eine Blockade ist auch nicht unbedingt eine öffenlichkeitswirksame Methode politischen Protestes. Manche werden „konspirativ“ organisiert. Sonst würden sie ihre störende Wirkung nicht entfalten können.

    Die zweite Taktik ist öffentlichkeitswirksame Information mit Presseerklärungen und Demonstrationen oder auch Klagen gegen den Transport. Jedoch halten sich Gerichte, insbesondere bei Atomtransporten und die Rechtmässigkeit eben jener betreffend, nicht an die gesetzlichen Vorgaben und lehnt Einsprüche zumeist ab. Die Politik, bei diesem Transport der brandenburger Umweltminister Woidtke, stützen die Transporte. Sie sind politisch gewollt und werden in jedem Fall durchgesetzt, trotz Strahlung. Bei diesem Transport bezieht sich die Politik merkwürdigerweise nur auf die maroden Zufahrtswege. Die Laufzeit des Zwischenlagers und die Diskrepanz zur Abstrahlzeit des Mülls wird nicht thematisiert. Denn hier liegt der eigentliche Skandal. Das kann jedoch nicht eigeklagt werden, oder würde ebenfalls vom Gericht kassiert werden. Denn dann müssten einige weitere Atom-Kraftwerke abgeschalten werden.

    Die öffentlichkeitswirksame Taktik ist zwar wichtig, jedoch ist die „Verteuerung“ simpler Transporte auch nicht schlecht. Denn dann müßte großere Transporte stattfinden, die noch mehr Aufmerksamkeit und Brisanz hätten. Also, es gehört immer beides zum Protest, der Ärger auf der Schiene und auf der Strasse, oder vor Gericht.

    Es geht also nicht unbedingt um Kostenintensivität, sondern um politische Taktiken zur Intervention.

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