kaioo: gemeinnützige Community

Thomas Kreye und Rolf Schmidt-Holtz, der eine ehemaliger Topmanager bei der Bertelsmann AG, der andere momentan als CEO bei SonyBMG tätig, haben als Privatpersonen mit „kaioo“ eine gemeinnützige Community gegründet, mit der sie den Marktführern facebook und StudiVZ Konkurrenz machen möchten. Die Anschubfinanzierung stammt aus ihren üppigen Gehältern ihrer teilweise zweifelhaften Arbeitgeber.

Die Werbeeinnahmen der Plattform kaioo sollen ausschließlich gemeinnützigen Zwecken zugute kommen. Die Betriebskosten sollen, soweit möglich, aus Spenden finanziert werden. Wem die Werbeeinnahmen zugute kommen, darüber sollen die Nutzer der Plattform selbst entscheiden. Die Grundidee von kaioo hört sich gut und realistisch an. Die Plattform wird durch die Finanzstärke der Gründer schnell an Zulauf gewinnen. Weltweit wird jährlich mit sogenannten „social communities“ ein Umsatz von 1 Milliarde Dollar gemacht (bei kaioo spricht man von 3 Mrd. Dollar). Auch wenn die Betriebskosten nicht vollständig durch Spenden abgedeckt werden können, wird das Spendenvolumen noch beträchtlich sein – zumindest wenn sich genug Benutzer dafür finden lassen. Nicht umsonst hat Holtzbrinck das StudiVZ für geschätzte 50 Millionen Euro gekauft.

Kritikwürdig ist die Abstimmung darüber, wer die Spenden am Ende des Jahres erhält. Die Anzahl der Gruppenmitglieder eines staatlich anerkannten Projektes oder einer Organisation entscheidet über die Spendenvergabe. Hier wird weniger über die Sinnhaftigkeit eines Projektes entschieden, sondern darüber, wer die stärkste Lobby hat. Da nur die ersten 10 Projekte in den Genuss der Spenden kommen, haben kleine Projekte kaum eine Chance. Eine solche Abstimmung nach (virtuellen) Köpfen ist aber ein allgemeines demokratisches Problem, dass man in diesem Fall aber dadurch entschärfen könnte, indem man außerdem eine unabhängige Jury einrichtet, die auch kleinen Projekten eine Chance gibt.

Der große Vorteil dieser Community besteht darin, dass sie glaubhaft nicht als Datensammler und Verkäufer agiert. Es macht wenig Sinn, den Umsatz auf diesem Weg zu erhöhen, wenn er später vollständig gespendet wird.

Von zentraler Bedeutung ist die Transparenz über die Werbeeinnahmen und das sich daraus ergebende Spendenvolumen. Es muss sichergestellt werden, dass die Werbeeinnahmen auch tatsächlich für den vorgegebenen Zweck eingesetzt werden. Bis jetzt sieht es gut aus: Die Gründer sind namentlich bekannt und ihre Firma ist als gemeinnützig anerkannt. In der Projektbeschreibung werden wichtige Fragen klar angesprochen.

Technisch ist kaioo noch lange nicht ausgereift. Einige Optionen sind noch nicht verfügbar, obwohl die Plattform 25% mehr Möglichkeiten bieten soll als das StudiVZ. Das größte Problem besteht im Moment darin, dass man laufend ausgeloggt wird. Eingegebene Daten werden teilweise nicht gespeichert – und die Fehlermeldung dazu ist nicht zu lesen. Wie es mit den Sicherheitsfunktionen aussieht, ist unklar. Bei allen Kritikpunkten muss aber bedacht werden, dass es sich hierbei noch um eine Beta-Version handelt.

Als besonders vorteilhaft kann im Moment die Übersichtlichkeit hervorgehoben werden. Funktionale Unterschiede zum StudiVZ gibt es kaum. Ein Unterschied besteht darin, dass nicht nur innerhalb von Gruppen diskutiert werden kann. Auch auf lokaler und reginonaler Ebene gibt es Diskussionsforen. Innovativ ist die Flirt-Funktion: Nur wer sich gegenseitig anmatcht, wird über das Begehren des anderen informiert.

Zur Zeit fühlt man sich auf der Plattform noch sehr einsam. Es bleibt zu hoffen, dass kaioo durch Mund-zu-Mund-Propaganda und Werbung schnell an Bekanntheit gewinnt. Immerhin hat Spiegel online schon darüber berichtet. Dann wäre es wirklich eine echte Alternative zu den Marktführern – mal davon abgesehen, dass eigentlich kein Mensch eine virtuelle „social community“ braucht.

Wie man auf einen derart bescheuerten und nichtssagenden Namen wie „kaioo“ kommen kann, wird wohl ein Geheimnis der Gründer bleiben.

Update:
In der Blogwelt wird recht positiv darüber berichtet. Zum Beispiel beim Blog von Henning Schürig, bei zweinull.cc und bei pooker.de. Sogar bei Heise wird das Projekt nicht in jedem Kommentar zerrissen.


7 Antworten auf „kaioo: gemeinnützige Community“


  1. 1 Butch Jonny 18. November 2007 um 18:26 Uhr

    die idee scheint erstmal ganz gut. vor allem, weil der herr top-kapitalist, medienkrieger und ppp-profiteur von bertelsmann thomas kreye davon spricht seinen „Traum von einer wirklich sozialen, demokratischen und völlig unabhängigen Gemeinschaft im Internet“ zu verwirklichen…

    doch gerade, weil er von bertelsmann ist und sein compagnon von sony BMG trau ich ihm dann doch nich recht. den es geht ihnen doch um „profit“ und daten muss man trotzdem angeben. wenn die persönliche daten gefaket werden hat man dann doch die ip…

    „Der laufende Betrieb des Social Networks soll auch weiterhin durch Spender gesichert werden, damit die Profite ohne den Abzug von Kosten gespendet werden können.“ (quelle heise)

    naja und dann verstehe ich nich so recht, was so eine virtuelle „soziale comunity“ eigentlich soll…

  2. 2 Thomas 18. November 2007 um 19:22 Uhr

    Bei kaioo heißt es: „Da kaioo seine äußerst geringen Kosten durch Spenden deckt, kann kaioo 100% der Umsätze (= alle Werbeeinnahmen) für gemeinnützige Projekte/Organisationen verwenden.“ Heise konnte wohl nicht zwischen Profit (=Gewinn=Umsatz-Kosten) und Umsatz nicht unterscheiden.

    Solche Netzwerke erfüllen keinen Zweck im engeren Sinne, danach darf man nicht fragen. Die Sache soll in erster Linie Spaß machen. Weil hier ein großes Spendenpotential entstehen kann, denke ich aber das diese Sache auch für uns von Relevanz ist.

  3. 3 Thomas Praus 20. November 2007 um 15:22 Uhr

    Der gemeinnützige Gedanke ist doch gar nicht das Ziel von Kaioo, sondern lediglich ein smarter Zug, um das Wachstum zu promoten, von den Problemen mit der Spendenvergabe oder der Ermittlung der Kosten (Ein stolzes Managergehalt für die Unterhaltung der Community kann da auch ein Kostenfaktor sein..) mal ganz abgesehen.

    Wer sich tatsächlich sozial engagieren will, und das im Rahmen einer weltweiten Gemeinschaft, der sollte sich http://www.betterplace.org anschauen, die bringen Projekte vor Ort (z.B. Stipendien für Schulkinder in Kamerun) mit Unterstützern aus aller Welt zusammen. Man kann sich ganz konkret für die, z.B. monetäre, Unterstützung für ein Projekt entscheiden und wird dann über den Stand auf dem Laufenden gehalten.

  4. 4 Machnow 20. November 2007 um 21:22 Uhr

    das projekt betterplace.org klingt wirklich sehr interessant. ihnen geht es vornehmlich um eine grasswurzelvernetzung sozialer projekte und menschen. profit und kosten sind keine relevanten eckpunkte. bei kaioo ist das schon anders. profit, kosten und einnahmen sind (mindestens als begriffe) durchaus relevant. auch wenn alles sozial genutzt werden soll, wie zur einführung behauptet wird. vor allem spass is dort wichtig. betterplace.org macht vielleicht nich so viel spass, aber als alternative zu myspace, studiVZ und anderen isset bestimmt ganz interessant….

    mehr information zu betterplace gibt es bei stylewalker, blognation, bei werbeblogger und gründerszene.

  1. 1 Wird kaioo das soziale und offene Social Network, auf das alle warten? » Beitrag » zweinull.cc Pingback am 18. November 2007 um 19:13 Uhr
  2. 2 StudiVZ: Austreten am 31. Dezember? | Analyse, Kritik & Aktion Pingback am 26. Dezember 2007 um 15:10 Uhr
  3. 3 Seiten-Ladefehler Trackback am 28. Januar 2008 um 11:26 Uhr
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