Lila-weiße, lila-weiße!

Fussball iss ’nen super Sport! Zweiundzwanzig Typen – die Sportler – rennen in kurzen Höschen und Leibchen hinter einer kleiner Lederkugel in einem beschränkten Rasenbereich her. Und, draußen, auf den Rängen, gröhlen die Kumpels und versuchen die Schiedrichter zu beeinflußen. Manchmal – bei den ultrás – gibts einen, der alles vormacht, und die anderen machen es nach. Beim Berliner Fussballklub Tennis Borussia ist das etwas anders. Da dürfen alle ein bißchen bestimmen! Aber das ist nich das einzige, was anders is‘ bei TeBe.

Die Spieler sind anders. Der Vorstand is‘ anders. Die Geschichte is‘ kompliziert und auch die Fans sind ganz anders. Und, das hat alles Tradition. Die Vereinfarbe is‘ Lila. Warum eigentlich lila, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Doch die Symbolik von lila ist echt interessant. Hat zwar wenig mit Revolution zu tun, dafür aber mit oben / unten.

Als heilige Farbe ist violett die Mitte zwischen Rot und Blau. Sie stellt eine Verbindung zwischen Erde und Himmel, Aktiv und Passiv, Wärme und Kühle her. Sie symbolisiert das Ganzheitliche, die Harmonie der Gegensätze, den Weg der Mitte und hat im sakralen Raum eine große Bedeutung. Jesus zum Besipiel trägt auf alten ikonographischen Bildern oft ein lila Gewand – er verbindet die Gegensätze miteinander, er steht für die Verbindung von Himmel und Erde. Die Symbolik von lila erweitert violett als Symbol für in sich gehen, Umkehr und Erwartung.

Ein weiterer Aspekt von violett und lila ist die mystische Verbindung von Körper (rot) und Geist (blau) bei den mittelalterlichen Mystikern des Abendlandes, aber auch in vielen anderen Kulturkreisen. Im Violettem gelten völlig andere Gesetze als die bekannten. In der jüdischen Sphäre stehen lila und violett-Töne für ein inklusives Judentum, das Männer und Frauen gleiche Teilhabe ermöglicht.

Ganz allgemein ist lila also etwas Versöhnendes, Harmonisches, etwas, das Gleichheit und Emanzipation einfordert. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sich violett bei vielen, von der westlichen Kultur und der kapitalistisch geformten Zivilisation relativ unbeeinflußten oder diese Entwicklung ablehnenden Menschen außerordentlicher Beliebtheit erfreut. Je höher „zivilisiert“ die Kulturen und je höher ihr „intellektueller Anspruch“ und Einkommen sind, desto mehr stößt violett auf Ablehnung.

Der Wurzeln des Fussballclubs Tennis Borussia liegen im Tiefsten Berliner Osten am Hackeschen Markt im Berliner Scheunenviertel. Am 9. April 1902 beschlossen zwölf junge Sportler die Kameradschaftliche Vereinigung Borussia und die Berliner Tennis- und Ping-Pong-Gesellschaft zur Berliner Tennis- und Ping-Pong-Gesellschaft Borussia zusammenzuführen. Ein Fanklub nennt sich heute noch nostalgisch in Anlehnung an diese historische Vereinigung Ping Pong Veterans. Schon ein Jahr später konnte eine Fussballsektion gebildet werden, die für 50 Pfennig die Lizenz für die Teilnahme an der Berliner Meisterschaft erwarb.

Das Scheunenviertel war seit dem Erlaß von Friedrich I. aus dem Jahr 1737, der festlegte, dass alle Berliner Juden, die kein eigenes Haus besaßen, sich im Scheunenviertel in der Nähe des Alexanderplatz anzusiedeln hatten, das Zentrum jüdischen Lebens in Berlin. Schon 1866 musste eine Neue Synagoge mit 3.200 Sitzplätzen – heute das Centrum Judaicum – in der Oranienburger Strasse eingeweiht werden, da das alte Gotteshaus in der Heidereutergasse aufgrund des starken Zuzugs ostjüdischer Emmigranten nicht mehr ausreichte. Mit der Industralisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sammelten sich neben den ostjüdischen Einwanderern auch viele Arbeiter im Scheunenviertel, die in den Mietshäusern der Borsigwerke kaserniert wurden. So ist es also kein Wunder, dass das Vereinsleben von TeBe durch zahlreiche jüdische Mitglieder, Spieler und Funktionäre geprägt wurde.

Die Fussballabteilung der Tennis-Borussen entwickelte sich derart prächtig, dass sie in den 20er-Jahren neben Hertha BSC die führende Fußballmannschaft Berlins wurden. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte entstand zwischen Hertha BSC und Tennis Borussia ein packender, sportlicher Zweikampf um die Vormachtstellung in der Stadt. Anfeindungen und rassistische Fanbeschimpfungen blieben in der Zeit leider nicht aus. Aufgrund des jüdischen Hintergrunds und der „undeutschen“ Art Sport zu treiben beklagte der Berliner Korrespondent des „Kicker“ schon Ende 1927 nach einem Spiel zwischen den Berliner Klubs Tennis Borussia (TeBe) und Viktoria „hässlichen Nebenerscheinungen“. Es sei „eigentlich seltsam, dass alle Spiele Viktoria-TeBe mit einer unerhörten Schärfe ausgetragen“ würden und das Publikum „besonders gegen TeBe in einer Weise Stellung nimmt, die nachdenklich stimmen muss“. Viermal erreichte TeBe Ende der 20er-, Anfang der 30er-Jahre das Viertelfinale der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft. Für den Titel reichte es nie. Dafür wurden die damals in Niederschönhausen trainierenden Veilchen 1931 Berliner Pokalsieger und 1932 zum ersten Mal Berliner Meister.

Die Nazis beendeten diese Erfolggeschichte. Die verbalen Anfeindungen und Drohungen wurden nun staatlich sanktioniert und existentiell gefährdend. Die jüdischen Mitglieder verließen den Verein „freiwillig“ um der Gleichschaltung und dem damit verbundenen Rauswurf zu entgehen. Der arisierte Verein war nun ehrheblich dezimiert. Es blieben nur zwei Drittel der Mitglieder. Die jüdischen Borussen gingen zu rein jüdischen Sportvereinen, wie zum Beispiel Hakoah, der Berliner Sportgemeinschaft von 1933. Was mit ihnen später geschah, ist unbekannt. Einige wenige schafften es, in die USA oder nach Palästina zu flüchten, wie die Borussenlegende Simon Leiserowitsch, der später als Trainer von Makkabi Tel Aviv aktiv war.

In der Nachkriegszeit firmierte der Verein ab 1945 zunächst als Sportgruppe Charlottenburg und ab 1949 unter dem bis heute bekannten Namen Tennis Borussia Berlin. Dem Fussballklub gelang es bis Anfang der 50er-Jahre, neben Hertha, wieder zu einem der erfolgreichsten Berliner Vereine zu werden. Jedoch ausgerechnet als die Bundesliga im Jahr 1962 gegründet wurde, schwächelten die Charlottenburger allerdings sowohl sportlich als auch wirtschaftlich, und so bekam Hertha BSC den Berliner Startplatz zugesprochen. Nur zweimal, in den 70er-Jahren, spielten sie in der ersten Bundesliga. In der zweiten Bundesliga spielten sie insgesamt neun Saisons. Heute spielt Tennis Borussia in der Oberliga Nordost Nord und ist nur drei Punkte vom Aufstieg entfernt.

Eine der schillerndsten Gestalten von TeBe war der Showmaster, Mr. Dalli-Dalli Hans Rosenthal. Er gründete 1950 die Prominenten-Elf der Borussen, wurde ihr Präsident und blieb es bis 1973. Die schwierigen finanziellen und sportlichen Jahre konnte er gut überbrücken und den Nachwuchs für die Zukunft aufbauen. Bis zu seinem Tod arbeitet er für den Club. Seine jüdische Herkunft polarisierte wiederum die öffentliche Wahrnehmung des Vereins. Insbesondere neofaschistische Fanstrukturen wählten sich TeBe zu ihrem Lieblingsfeind. Ostalgie und antisemitische Kapitalismuskritik verbanden sich seit der Wiedervereinigung zu abstrusen Verschwörungstheorien. Der „böse“ Westverein, der sich Ende der 90iger anschickte mit enormer finanzieller Hilfe wieder in die Profiliga aufzusteigen, traf auf enormen irrationalen Hass. Die Investitionen der Vereinspitze wurden als fremde jüdische Einflussnahme durch das schon seit Wagner bekannte besonders „böse“ Finanzjudentum interpretiert. Der Hass ging soweit, dass gegenerische Fans den Tod von Hans Rosenthal Ende der 90iger zum Anlaß nahmen Sprechchöre wie „Juden raus“ und „Zyklon, Zyklon B“ anzustimmen. Dem damaligen Trainer Hermann Gerland wurde gedroht, ihn in den Ofen zu stecken.

Heute haben sich die Beschimpfungen beruhigt. Antisemitische und rassistische Sprechchöre sind selten zu hören. Neonazis und Nationale pflegen aber immer noch eine besondere „Vorliebe“ für die Borussen. Umso trauriger war deshalb die unglückliche Niederlage gegen den BFC Dynamo, den ehemaligen Stasi-Klub mit rechtsradikalem Anhang. Jedoch nach diesem Spiel und anschließendem Trainerwechsel hält eine unglaubliche Serie. Die Veilchen spielten und siegten, wie entfesselt, gegen BFC Preussen, LFC Lichterfelde und den Greifswalder SV. Auch der Anhang lief zur Hochform auf. Lautstark und sangesfreudig unterstützten sie die Veilchen-Elf. Die lila Party-Armee war wieder mal unterwegs!

Quellen
die Offizielle Seite
der Lila-Kanal
Ralf Fischer: Hevenu TeBe alejchem! Jüdische Allgemeine 8.11.07
Andreas Wittner: Steinhagel und Limonadenflaschen, stern
Broschüre zur Fussball-WM 2006 „Der Ball ist rund … und danach gehts weiter“


4 Antworten auf „Lila-weiße, lila-weiße!“


  1. 1 Thomas 26. November 2007 um 18:17 Uhr

    Ich muss etwas korrigieren. TeBe kann diese Saison nicht aufsteigen. Wenn man in dieser Saison die Ränge 1 bis 3 erreicht, steigt man nicht ab. Der Vierte muss in die Relegation. Alle anderen steigen in die 5. Liga ab. Das ist so, weil aus den aktuellen Regionalligen die 3. Bundesliga entstehen soll. Aus der aktuellen 4. Ligen werden dann Regionalligen.

  2. 2 Chronist 29. November 2007 um 13:23 Uhr

    TeBe ist kein jüdischer oder ostjüdischer Verein, der allein aufgrund dieser Tatsache den Applaus der heutigen Linken verdient hätte. Die Gründer waren Gymnasiasten des Grauen Klosters, einer protestantischen Eliteschule. Da waren auch einige „Juden“ dabei. Aber die waren völlig assimiliert, waren meist auch zum Christentum übergetreten. Deren größter Wunsch war es, echte Preußen zu sein. Deswegen der Name Borussia und die Vereinsfarben schwarz-weiß (lila wurde nur benutzt, weil es so viele schwarz-weiße Vereine gab).
    Die Mitglieder von TeBe waren auch in der Folgezeit bestes Berliner Bürgertum, ganz weit entfernt von KPD und NSDAP. Daher rührt ja auch der Antagonismus zwischen Hertha (Arbeiterverein) und TeBe (bürgerlicher Verein).
    Also bitte keine Legendenbildung.
    Tennis war und ist bürgerlich. Und auch der E-Block ist ja zutiefst bürgerlich, halt linke Bürgersöhne.

    Lustig aber Dein esoterischer Ausflug:
    „Ganz allgemein ist lila also etwas Versöhnendes, Harmonisches, etwas, das Gleichheit und Emanzipation einfordert. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sich violett bei vielen, von der westlichen Kultur und der kapitalistisch geformten Zivilisation relativ unbeeinflußten oder diese Entwicklung ablehnenden Menschen außerordentlicher Beliebtheit erfreut. Je höher “zivilisiert” die Kulturen und je höher ihr “intellektueller Anspruch” und Einkommen sind, desto mehr stößt violett auf Ablehnung.“
    Ja, und im Himmel ist Jahrmarkt. Wo ist die Leiter??

  3. 3 Butch Jonny 29. November 2007 um 14:54 Uhr

    Hey Chronist, welche Leiter meinst Du? Die von Jakob, oder die von Baal Shem Tov? Beide sind religiös. Glaubst Du etwa an religiöse Symboliken? Ich nich…

    Aber Dein Hinweis von wegen jüdisch-protestantischer Konvertiten iss interessant. Wenn Lila Jesus Farbe war und die der Protestanten macht das Sinn…

    Aber, nur weil jemand assimiliert und gutbürgerlich war heißt dass nich, dass er nicht beschimpft wurde. denn merkwürdigerweise gibt es ein fatale tradition TeBe und Judentum zu verknüpfen und zu beleidigen. ob das wohl mit dem bild des bösen jüdischen Kapitalisten zu tun hat, der knollennasige Wucherer, der nach dem gutem christlichen Geld greift und sowieso an allem schuld iss… ausserdem, wen machst du denn zum juden und wen nicht! assimilierte sind also keine juden, sondern scheiß kapitalisten, bürgerssöhne und weiss ich was für ein bösartiges gesocks. hertha iss natürlich besser! denn sie sind arbeiter. sieht man ja uach so oft im stadion, die arbeiter!!! sowohl aufm rasen, als auch im block!

    die polemik gegen das bürgerlich verstehe ich nich. scheinbar warst du noch niemals im block. zwar gibts da keine punks, aber auch keine nazis. weder auf der tribüne noch im block gibt es irgend wine anwandlung von neofaschismus. andere berliner klubs können sich davon nicht lösen. auch beim arbeiterklub union tummeln sich faschos. zwar gibts da auch linke fans, aber die anderen auch. nich mal die antifa-ultras von babelsberg kommen ohne thor steinar tragenden fans auf der tribüne aus. diese bürger sind ein super proletariat, stramm national und (ost-)sozialistisch super mischung!

    dein hinweis auf die gründer iss wirklich interessant, deine bürgerkritik völliger müll… und den „himmel“ (als paradies) gibts nich! haben sich blödmänner zur unterdrückung ausgedacht!

  4. 4 Thomas 29. November 2007 um 16:03 Uhr

    Hallo Chronist, du solltest vielleicht mal in den E-Block von TeBe kommen. Sicherlich sind dort auch „Bürgerkinder“ zu finden, aber mindestens genausoviele „Arbeiterkinder“.
    Diese Unterscheidung ist aber ersten schwierig, zweitens völlig sinnlos.

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