Mathematik gegen das Leben

Ein aufschlussreicher Artikel über das Abschussverbot vermutlich entführter Flugzeuge und über das Folterverbot ist am 01.12.2007 in der FAZ erschienen. Gerd Roellecke, der Autor des Artikels, ist emeritierter Professor für öffentliches Recht und Rechtsphilosophie und steht offenbar der Argumentation des Innenministers Wolfgang Schäuble nahe.

In dem Artikel wird das Verrechnungsverbot des Bundesverfassungsgericht, mit dem der Abschuss von Passagierflugzeugen bei Terrorverdacht verboten wurde, kritisiert. Das Verrechnungsverbot stellt klar, dass jedes einzelne Leben ein Höchstwert ist und tausend Leben damit nicht mehr Wert als hundert Leben sind.

Roelleckes Mathematik ist allerdings eine andere. Er verlangt nach einer quanitativen Aufrechnung in Hinblick auf das Gemeinwohl. Für die Tötung von Individuen zugunsten des Gemeinwesens argumentiert er erstens mit dem Polizeigesetz Baden-Würtembergs, zweitens mit der Bibel und drittens mit Hilfe der Antrophologie.

Das Polizeigesetz Baden-Würtembergs erlaubt das Töten in Nothilfesituationen, falls keine anderen Mittel zur Gefahrenabwehr zur Verfügung stehen – auch, wenn Unbeteiligte gefährdet werden könnten. Gerd Roellecke zieht das Polizeigesetz deswegen zur Hilfe, weil Terroristen nicht zur Kommunikation mit dem Rechtsstaat bereit seien. In der Tat sind zum Selbstmord bereite Menschen ein besonderes Klientel unter den Kriminellen. Eine Tendenz zur Kommunikationsunwilligkeit mit dem Rechtsstaat ist aber eigentlich auch das Wesen jedweder kriminellen Handlung.
Die Tötung eines Deliquenten in einer Notsituation und der Abschuss eines Flugzeuges sind grundverschieden. Im ersten Fall ist ein Kollateralschaden die Ausnahme, im zweiten Fall liegt darin das Wesen der Handlung. Somit ist die Anwendung des Polizeigesetzes untauglich.

Um dem Erhalt eines Teils des Gemeinwesens mehr Wert zuzumessen als dem Erhalt des Individuums, zieht Roellecke ein Zitat aus dem achtzehnten Kapitel des Matthäusevangeliums heran. Darin heißt es: „Es ist besser für dich, verstümmelt oder lahm ins Leben zu gelangen, als mit zwei Händen oder zwei Füßen ins ewige Feuer geworfen zu werden.“ Das Zitat behandelt die moralische Frage der Verführung, die der autonome Mensch für sich entscheiden muss. Roellecke allerdings legt diese Stelle sinnbildlich für eine Gemeinschaft aus. Daraus ergibt sich die Problematik, dass ein Mensch entscheiden muss, ob einem anderen Menschen „der Arm abgehackt“ wird. Das allerdings verklärt die Bibelstelle, da es hier um individuelle Moral geht. Moralische Fragen kann aber kein Mensch für einen anderen treffen. Die Bibelstelle wäre nur auf den Abschuss eines Passagierflugzeugs bei Terrorverdacht anwendbar, wenn sichergestellt ist, dass alle unschuldigen Passagier zum Tod zugunsten anderer Individuen bereit wären – was ist der Realität unmöglich festgestellt werden kann.

Das letzte Argument wird aus den Erkenntnissen der Antrophologie gezogen. Das Töten von Artgenossen sei eine natürliche Verhaltensweise, wenn dadurch ein höherer Reproduktionserfolg gegenüber unmittelbaren nichtverwandten Artgenossen gesichert wird. Hier stellt sich die Frage, was das mit dem Gemeinwohl einer modernen Gesellschaft zu tun hat, in der Verwandtschaftsverhältnisse nicht mehr von primärer Bedeutung sein sollten.
Diese Frage ist allerdings zweitrangig. Wenn die Anthropologie als ein Argument für das Töten von Individuen bei terroristischer Bedrohung herangezogen wird, ist das nichts weniger als der Abschied von der Zivilisation.

Das eine quantitative Aufrechnung des Lebens und damit eine Herabsetzung des individuellen Lebens beruhigend auf die Bevölkerung wirken könnte, ist die krudestes These Roelleckes. Der Mensch denkt, wenn es um Leben und Tod geht, nicht in Kategorien des Gemeinswohls, sondern an das Leben des einzelnen Menschen. In dieser Hinsicht ist es das Urteil des Bundesverfassungsgerichtet, das eine beruhigende Wirkung ausstrahlt.

Ein Gemeinwesen, das zu seinem Schutz die Tötung der eigenen Bürger vorsieht, ist nicht mehr schützenswert.


3 Antworten auf „Mathematik gegen das Leben“


  1. 1 Michael 05. Dezember 2007 um 0:40 Uhr

    Bisher war ich der Meinung, wir hätten das Zeitalter der Aufklärung längst hinter uns gelassen und lebten nun in einem aufgeklärten Zeitalter. Der Artikel des Herrn Prof. Roellecke hat mich indes eines Besseren belehrt.
    So gestattet sich der Emeritus allen Ernstes gegen eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes Argumente anzubringen, die er aus der Bibel bezieht – damit stellt er sich selbst ins Abseits!

  2. 2 Butch Jonny 05. Dezember 2007 um 11:01 Uhr

    „Ein Gemeinwesen, das zu seinem Schutz die Tötung der eigenen Bürger vorsieht, ist nicht mehr schützenswert.“

    Da stimme ich Dir vollkommen zu. Denn eine Eliminierung einzelner Störenfriede aus der Gemeinschaft konstituiert eine kollektive Masse. Das Gemeinwohl verbindet sich also negativ, aus Angst, zur Sicherheit nicht getötet zu werden.

    Diese Konstruktion ist mehrfach pervers. Angst ist ihre Grundlage. Jeder kann zu jeder Zeit Opfer werden. Ein „permanenter Krieg“ gegen das Gemeinwohl und die individuelle, soziale und existenzielle Sicherheit wird angezettelt. Die Bibel, dieses große Märchenbuch, lesen die wenigsten genau. Die Bergpredigt, die ethische Revolution übersehen die meisten…

    „Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf daß ihr Kinder seid eures Vater im Himmel; denn er läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.“

    Das gefällt ihnen schon lieber Johannes mit seiner Offenbarung oder wat noch so an blutrüsntigem Endzeitmüll geschrieben steht.
    Aber die Anthropologie heranzuziehen iss der Oberhammer. Wenn es um den MENSCHEN geht, kann man nur versagen. DEN menschen gibt es nicht. Genauso wenig, wie G..tt. Wer mit tot als menschliche Eigenschaft argumentiert müsste dann eigentlich Abtreibungen auch akzeptieren. Iss doch menschlich? Oder…

    Wenn Du einen Menschen rettest, rettest Du die ganze Welt!

  3. 3 Thomas 05. Dezember 2007 um 14:26 Uhr

    Die Bibel heranzuziehen, finde ich allein nicht schlimm. Es ist das Buch, das die abendländische Zivilisation am nachhaltigsten geprägt hat – und damit auch die Aufklärung,. Die Aufklärung ist ja nicht in erster Linie antireligiös, sondern gegen kirchliche Dogmen und Denkverbote gerichtet.
    Wesentliche Argumente aus der Bibel zu ziehen ist dennoch nicht gut – gerade wenn man die Zitate dann auch noch so wirr auslegt wie Herr Roellecke.

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