Breitseite ins Leere

Man soll sich von keiner Idiotie in die Zukunft führen lassen, so die Erkenntnis Bernd Graffs in seinem Artikel vom 07.12.2007 in der Süddeutschen Zeitung, in welchem er der Blogosphäre und Wikipedia eine volle Breitseite Verachtung entgegenschießt. Die Reaktionen darauf waren mannigfaltig. Die FAZ hat den Artikel wohlwollend aufgefasst, was wenig verwundert, verteidigt Graff doch den FAZ-Mitherausgeber Schirrmacher. Beißenden Spott dagegen hat Graff auf Telepolis geerntet.

Was ist passiert? Bernd Graff glaubt als Hauptbeschäftigung der Blogger und Wikipedia-Schreiber „Sabotage, Verschwörung, Häme, Denunziation, Verächtlichmachung, Hohn und Spott“ erkannt zu haben. Doch nicht nur das: Dieses anonym und beliebig agierende Web 2.0 wird als die demokratische Zukunft der Publizistik angesehen – und damit kann Herr Graff nicht leben. Für ihn sind allein die Printmedien Träger der öffentlichen Meinung. Diese wären bedeutender und fundierter als alles was im Netz geschrieben wird. Gegen die nicht vorhandene „Weisheit der Vielen“ setzt er die Elite des publizierenden Standes.

Herr Graff mag in vielen Punkten recht haben – bei etwa 25,4 Millionen Blogs insgesamt und täglich 70.000 neuen ist es aber auch leicht eine Vielzahl an Schund auszumachen. Die „Gala-Vorstellungen“ allein zu betrachten, davon rät er ab. Aber was würde passieren, wenn man dieses Prinzip auf die Printmedien anwendet? Wie viel Schund finden wir denn in der „Bild“-Zeitung, von wieviel Sachkenntnis ist die Berichterstattung in den zahllosen Frauen-Magazinen getrübt?

Der große Vorteil der Printmedien sei einerseits der elitäre Schreiberkreis, andererseits das Prinzip des Gegen- und Korrekturlesens, da sind sich SZ und FAZ gleichermaßen einig. Natürlich ist es auch heute noch wichtig wer etwas wo schreibt, aber das die Blogosphäre eine unverkennbar demokratischere Struktur aufweist, darüber kann man nicht hinweg sehen. Und das bei den Blogs und der Wikipedia kein Gegenlesen stattfindet, ist schlichtweg Unsinn. Das man einen Fehler in der Wikipedia so schnell ausmerzen kann, das sorgt oft für eine bemerkenswerte Aktualität und Qualtät. Fehler und thematische Einseitigkeit findet man in vielen anderen Lexika genauso. Auch das neue Lexikon-Projekt von Google, dass sich als Konkurrenz zur etablierten Wikipedia versteht, kommt nicht ohne besagte Weisheit der Vielen aus.

Demokratie ist ein wichtiges Stichwort: Offensichtlich fühlen sich die Journalisten der Süddeutschen Zeitung von der öffentlichen Meinung belästigt. Gleichzeitig mit dem Erscheinen der Kanonade Graffs auf das Internet wurde beschlossen, dass Kommentare auf die Artikel in der Onlineausgabe der SZ nur noch zwischen 8 und 19 Uhr veröffentlich werden dürfen. Am Wochenende sind gar keine Kommentare mehr zugelassen. Ein Verweis auf das Urteil des Landesgerichts Hamburg vom 4. Dezember, nach dem Leserkommentare vor Veröffentlichung auf Rechtmäßigket geprüft werden müssen, wäre für die auflagenstärkste Qualitätstageszeitung Deutschlands mehr als schwach.
Berechtigterweise fragen sich die Mitglieder des „Südcafes“, dem SZ-eigenen Leserforum, ob das Kommentieren jetzt nur noch Arbeitslosen gestattet ist. Es wurde eigens ein Protestforum eingerichtet: www.szenso.de.

Ein weiterer Kritikpunkt, den sowohl SZ als auch FAZ äußern, ist, dass in den Blogs kein Wissen, sondern bestenfalls Meinungswissen ohne Informationswert dargeboten wird. Aber auch diese Kritik ist reichlich unsinnig, macht doch den Wert einer Zeitung zum großen Teil die dargebotene Meinung aus. Wie viele CDU-Stammwähler gibt es denn, die sich ein Abo der taz, der Jungle World oder der Freitag zwecks geistiger Erfrischung leisten? Das es den Projekten des Web 2.0, insbesondere der Wikipedia und den Expertenzirkeln im Internet nicht an Wissen fehlt, das sieht sogar Bernd Graff. Dieses Wissen ist für jeden (der sich einen Internet-Zugang leisten kann) jederzeit verfügbar.

Warum also diese harte Kritik? Leuchttüme und Schund sind sowohl im Internet als auch im Bereich der Printmedien zu finden. Die jeweiligen Leuchttürme können gut nebeneinander bestehen, da sich jedes Medium durch eigene Qualitäten auszeichnet. Es gibt keinerlei Veranlassung sich von einer Idiotie die Zukunft weisen zu lassen. Die Aufregung war also umsonst.


6 Antworten auf „Breitseite ins Leere“


  1. 1 Butch Jonny 17. Dezember 2007 um 13:19 Uhr

    die blogosphere zu verteufeln zeugt schon von enormen lücken in modernen journalistischen formen. denn ohne diese bösartige blogosphere gäbe es wenig nicht-staatliche informationen aus russland, china, während, vor und nach den auseinandersetzungen auch aus myanmar… womöglich geht es den vorreitern qualitiativ hochwertiger beiträge eher um KONTROLLE. die reaktionen deuten ebenfalls darauf hin. könnte man diesen verhalten der konservativen, bürgerlichen medienmacher nicht schon beinah totalitär nennen? denn nur kontrollierte meinungen werden veröffentlich!

    die monolithische, sesshafte journalie reagiert für mich, wie ein totalitärer staat, der seine sicherheit und meinugskontrolle davon schwimmen sieht. gegen die nomadische blogosphere und foren ist er machtlos. das muss unglaublich nerven & frustrieren….

  2. 2 Thomas 17. Dezember 2007 um 14:44 Uhr

    Na ja, du übertreibst da wohl gewaltig diesmal, würde ich sagen. Die Journalie ist keinesfalls monolithisch. Es gibt in dem Sinne ja kein Machtzentrum. Verglichen zu anderen Ländern sind unsere Printmedien sehr vielfältig – auch was die politische Ausrichtung betrifft. Auch in Sachen Qualtät haben wir es noch ganz gut. Von einem Medientotalitarismus zu sprechen halte ich deswegen auch für weit verfehlt. Ich denke auch das es nicht sinnvoll ist überall gleich totalitäre zu erkennen.
    Nichtsdestotrotz fühlen sich einige altgedienste Medienhäuser durch die neuen Medien offensichtlich angegriffen, was zu reflexhaften Gegenreaktionen führt.

  3. 3 Butch Jonny 17. Dezember 2007 um 18:11 Uhr

    es geht mir im totalitäres verhalten, nicht um totalitären journalismus. es geht auch um die SZ und die FAZ im besonderen, nicht im allgemeinen. die beiden sind institutionen gewesen, so wie die bild. auf dem gebiet der information & meinung sind sie sozusagen vorherrschend. jeder erstzunehmende politiker, journalist, berater, unternehmer… muss die SZ, FAZ, die Bild und noch vielleicht die WELT lesen. dort wird meinung gemacht. kontrolliert! redaktionell! politisch! propagandistisch! doch die auflagen sinken. man glaub den institutionen nicht mehr. sie sind zu schwerfällig, langsam und überholt… der blogosphere geht es nicht um irgend was, und wenn dann um verschidenes, informationen kosten dort nix… der reflex ist ein ängstliches zucken!!! aus kontrollwahn? aus verlust der meinungsführerschaft? ich weiss es nicht…

  4. 4 Thomas 19. Dezember 2007 um 16:24 Uhr

    Dem ersten Teil deiner Aussage kann ich zustimmen, wenn du das speziell auf die SZ, die FAZ und besonders auf die BILD beziehst. Ein gewisses Kontrollmoment hat wohl jede dieser Zeitungen, und das drohen sie jetzt zu verlieren. Sie haben sich zu sehr daran gewöhnt die Macher der öffentlichen Meinung zu sein, obwohl das nicht dem Ideal des Journalismus entspricht. Andererseits bürgen diese Medien für eine gewisse Qualität. Wenn man alle großen Tages- und Wochenzeitungen betrachtet, hat man auch ein gewisses Meinungsspektrum.
    Allerdings haben Sie alle etwas gemein, was Noam Chomky das „bewusste Weglassen“ nennt: Dinge, die den politisch Herrschenden nicht gefallen, werden nicht aus Zensurgründen weggelassen, sondern weil es nicht gehört, darüber zu reden – die Gründe dafür sind genauso vielfältig wie verworren.
    Massenmedien, wozu die Zeitungen zweifelsohne gehören, kann man aber auch noch aus einer anderen Perspektive betrachten, nämlich als allumfassende Eindringliche in das private und öffentliche Bewusstsein. Matthias Eckoldt hat dazu in der letzten Ausgabe der Freitag einen interessanten Text geschrieben: http://www.freitag.de/2007/50/07501901.php Hier entfaltet sich aber auch nicht unbedingt das beste Menschenbild.

  1. 1 | Analyse, Kritik & Aktion Pingback am 24. Dezember 2007 um 16:32 Uhr
  2. 2 Zensur bei der Süddeutschen - Freiheit für die Kommentare - mobbing-gegner.de blog Pingback am 01. Januar 2008 um 12:44 Uhr
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