Schluß mit Netzpiraterie! Sofort!

Der Bundesverband der phonographischen Wirtschaft hat sich zu Weihnachten etwas besonders nettes ausgedacht. Dieser umtriebige Lobbyistenverein hat zusammen mit der Internationalen Föderation der Phonographischen Industrie (IFPI) noch schnell kurz vor Weihnachten eine Wunschliste zusammengestellt. Sie nannten sie Technische Ansätze gegen Online-Copyright-Verletzungen. Jedoch war sie nicht an den trottligen Weihnachtsmann gerichtet, sondern an die viel machtgeilere und machtvollere Kommission der Europäische Union und das Europäische Zwergenparlament. Das Optionspapier, wie Wunschzettel in der Wirtschaft neuerdings heißen, kritisiert insbesondere die unzureichende Kooperation der Internetprovider im Kampf gegen Raubkopierer, sie sollten vielmehr Filtermechanismen installieren, um Urheberrechtsverstöße zu verhindern. Also, dann her mal her mit der Internetzensur! Und zwar sofort!

Die deutsche Internetseite des Bundesverbandes Musikindustrie hat auf ihrer Seiten einen netten Zähler, der fortlaufend anzeigt, wieviele illegale Downloads seit dem 1.1.07 geladen wurden. Als ich anfing den Beitrag zu schreiben war der Zähler bei circa 370.650.500, wenn ich fertig bin, wird er wahrscheinlich bei 370.670.000 sein. Wenn mensch pro Track circa 1 Eur Wert annimmt, wären es also circa 400 Mio. Eur, die der Musikindustrie in Deutschland durch die Lappen gehen. Dies ist der Zähler der Musikbranche. Merkwürdigerweise verbreiten sie aber noch andere Zahlen. Auf ihrem Portal verbreiten sie eine ganz andere Zahl. Ganz süffisant behaupten sie dort, natürlich in der dritten Person, dass der Schaden von Raubkopien, illegalen Privatkopien und Internet-Piraterie in Deutschland auf rund eine Milliarde Euro jährlich geschätzt wird. Und sie legen noch eins drauf. Denn dem Staat und dem Steuerzahler entgehen Einnahmen in dreistelliger Millionenhöhe durch nicht entrichtete Mehrwertsteuern und Arbeitslosigkeit in der Musikbranche. Wahrscheinlich sind die fiesen Raubkopierer an der enormen Staatsverschuldung schuld. Und weil dieses Jahr 25.000 von ihnen vor Gericht gezerrt wurden, konnte endlich ein ausgeglichener Haushalt präsentiert werden. Juchu, also, kauft alle CDs und rettet den Staat!

Diese absurden Zahlen, die sich widersprechen, konnten nicht mal den Focus überzeugen. Woher sie stammen und inwieweit die Branche wirklich Umsatzeinbußen hinnehmen mußte, ist völlig unklar. Dazu sagt der halbe Oberguru, oder besser im bürokratendeutsch ausgedrückt, der stellvertretender Geschäftsführer beim Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft, Stefan Michalk natürlich nichts. Aber ein wenig auf die Kacke hauen, iss natürlich immer mal drin. Denn die Musikindustrie kann doch wohl nicht ernsthaft glauben, dass alle illegalen Downloads gleich zu setzen sind mit Verlusten. Ich meine damit, dass nicht alles was runtergeladen wird, auch gekauft werden würde.

Die Lobbyarbeit in den Fluren des europäischen Bürokratendinosauriers hat übrigens die Electronic Frontier Foundation veröffentlicht. Drauf angesprungen ist, nicht verwunderlich, natürlich Heise, die taz, sehr erstaunlich und umfassend, der Spiegel und andere kleinere Publikationen. Bis auf die letzteren werden die Veröffenlichung der EFF einbezogen. Die anderen nutzen ganz objektiv zumeist nur das sinnlose Gequatsche von Stefan Michalk. Aber was solls, ändern wirds sowieso nix. Es fehlt eigentlich sogar nur noch, dass unser heißgeliebter Überwachungsfetischist Wolfgang Schäuble aus dem Bildschirm springt und wieder mal nach dem Bundestrojaner gröhlt, diesmal mit eingebauter Netzzensur.


1 Antwort auf „Schluß mit Netzpiraterie! Sofort!“


  1. 1 Thomas 01. Januar 2008 um 23:40 Uhr

    Ich bin für die Einführung einer sozialen Kulturflatrate, so dass alle Kunst, insbesondere Ton und Bild, unter einer freien Lizenz stehen. Ich bin mir aber auch darüber im Klaren, dass das einige Probleme mit sich bringt: 1) Verteilungsprobleme an die Künstler 2) Jeder müsste nach seinen Möglichkeiten zahlen – es gibt aber bestimmt viele, die das nicht wollen. Man würde dann ja auch Pop-Gedudel und irgendwelche Blogbaster mitfinanzieren.

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