„Eine gottlose Gesellschaft, ist eine wertlose Gesellschaft.“

Ende September im letzten Jahr erschien im Pattloch Verlag ein zeitgemäßer Schinken, der sich ganz dem GRÖSSTEN verschrieben hatte. Es hat den provokanten Titel Gott. Geschrieben hat es ein gewisser Herr Manfred Lütz. Er ist Facharzt für Nervenheilkunde, Psychiatrie und Psychotherapie. Ausserdem ist er diplomierter Theologe. Am 25. September 2007 wurde das Buch live in Phönix vorgestellt. Anwesend waren der Autor, Friedrich Merz, designierter Abzocker, untalentierter Lobbyist, irrelevant & unaktuell, wie seine Homepage, sowie Gregor Gysi, rhetorischer Überflieger und geheimer Religiöser. Moderiert hat der ekelhafte Matthias Mattusek.

Die Wiederholung der Präsentation des Buches hab ich erst diese Woche gesehen. Normalerweise interessiere ich mich nicht so dafür, was irgendwelche Christen über ihren Gott erzählen. Außerdem hat mich äußerst erstaunt, dass ausgerechnet Gysi mit auf dem Podium saß. Ihm war offensichtlich die Rolle des Anti-Christen zugedacht, der er sich aber schon fast sozialdemokratisch entwand.

Ich hatte grad eingeschaltet, als der widerliche Herr Merz seine Rezension beendet hat. Leider kann ich mich an gar nix wichtiges, irgendwie erhellendes oder wenigstens relevant absurdes aus dem Munde dieses Herrn erinnern. Er soll behauptet haben, dass der Autor mit diesem Buch einen Gottesbeweis vorgelegt hat. Gysi dagegen referierte interessanter. Er lobhudelt nicht blödsinnig rum, sondern beschäftigte sich sehr genau und erwartungsgemäß kritisch, aber auch informiert, mit dem Gott-Wälzer des Herrn Gehirnklempner mit theologischem Einschlag. Der ist dann doch so sehr verwundert, ob der stringenten tiefen Analyse seines Buches, dass er dem Atheisten Gysi attestiert ein besserer Christ zu sein, als manch Kirchensteuerzahler. Und Merz nickt frenetisch. Was ist also passiert?

Zunächst einmal berichtet Gysi von einer kleines Begebenheit aus seiner Kindheit, die ihn dazu brachte doch zu beten. Mittels naiven Winkelzügen erschleicht er sich lautes Beten seines kindlichen Krankenhauszimmerpartners, der allabendlich zunächst still seinen Gott anrief. Der Preis für diese frühkindliche, religiöse Anwandlung war der Lieblingstalisman von Klein-Gysi. Ich dachte: Schaden kann’s ja nicht. Wenn es Gott doch geben sollte, habe ich vielleicht Vorteile.

Seine Ausführuungen waren dann jedoch nicht mehr so naiv, sondern erstaunlich kenntnisreich. Im Gegensatz zu Merz behauptet Gysi, dass Lütz nicht einen Gottesbeweis führt, sondern Perspektiven, sowohl atheistische, als auch religiöse einnimt, die atheistische dabei diskreditieren möchte, wohl aber eher auf die moralisch unhaltbaren Konsequenzen eines radikalen Atheismus aufmerksam machen möchte. Gysi hebt hierbei mehrfach ausdrücklich hervor, dass die atheistische Dogmengeschichte äußerst gut beschrieben ist. Erstaunlich ist hierbei, dass die kritischen Atheismen von der Theologie integrierbar waren, weil sich die Kritik lediglich gegen ein bestimmtes Gottesbild, das durch den jeweiligen Atheismus bekämpft wird, wendet. Gemeint ist hierbei insbesondere der mittelalterliche und reformatorische Atheismus bis zur Aufklärung, denn danach scheitert der Autor Lütz sowohl an den Ideen von Kant, als auch an Nietzsche.

    Die Nietzsche-Interpretation ist in der Sache verfehlt. Worum es Nietzsche geht, ist nicht die Absage an Moral oder das Aufzeigen der Konsequenz, dass der Tod Gottes den Tod der Moral nach ziehen würde, sondern worum es Nietzsche geht, ist die Frage(!), ob es eine freie Kooperationsmoral geben kann, die nicht durch institutionelle Zwänge, seien sie staatlicher oder religiöser Natur, stabilisiert werden muss.

Es geht also nicht in erster Linie darum, ob Gott tot ist, sondern inwieweit moralische Institutionen notwendig sind, sei es als Religion oder als Staat, um ein geordnetes Zusammenleben zu ermöglichen. Nietzsche fragt, nach Gysi, ob es überhaupt einen Übermenschen oder einen kommunistischen Neuen Menschen ohne institutionelle Zwänge geben kann. Der Autor verfehlt diese Frage komplett, denn er diskutiert sie nicht, sondern betrachtet sie als rhetorisch. Als Christ muss es natürlich übergeordnete Instanzen geben, nämlich den Herrgott und die Kirche. Der christliche Neue Mensch ist zwar in der Bibel auch angelegt, paradiesisch gleichberechtigt, nur den Heiligen und ihrer Hierarchie untergeordnet.

    Auch gegen die Kantdeutung sind erhebliche Einwände vorzutragen. Es ist mitnichten so, dass Freiheit, Unsterblichkeit und Gott zwingende Folgerungen aus der Vernünftigkeit des moralischen Gesetzes seien […] Die Auflösung dieser Paradoxien ist bei Kant eher eine praktische als eine „logische“. Die „Postulate“ Freiheit, Unsterblichkeit und Gott gehören zu den Konstituenten einer vernünftigen Praxis, die natürlich auch moralische Praxis ist. Damit ist Kant derjenige, der klar macht, dass „Gott“ und „Moral“ zwei konvergente Begriffe sind […] Auch Kant geht es um eine Kooperationsmoral: Freie Kooperationen würden implodieren, wenn wir immer nur lügen, Verabredungen nicht einhielten usw. Freie Kooperation und Moral sind miteinander verflochten. Moral und religiöse Tradition sind aber auch engstens verflochten.

Die Problematik Kants besteht also nicht in irgend einer Existensfrage um Gott oder die vernunft, sondern ebenfalls darin, wie Gemeinschaften sich moralisch & freien konstitueren. Hierbei ist der kategorische Imperativ lediglich ein Test bezüglich der Freiheit, Moral und Vernunft. Religion fungiert in diesem gedanklichen Experiment als kulturelle Konstituente und Ressource, nicht aber als übermenschliche, unhinterfragbare Grundlage.

    Die Konsequenz aus dem Atheismus ist nicht Amoralismus. Aber die Religion ist ihrerseits – als Tradition – kulturelle Ressource für eine vernünftige Praxis. Damit kann es in der Religion – worum es in ihr im Einzelnen auch immer gehen mag – nicht einfach um Unvernünftiges gehen.

Sondern, es geht ihr in erster Linie um Moral. Und an diesem Punkt verknüpft Gysi beinah zu leicht religiöse Moralvorstellungen mit der Enstehung und Entwicklung der europäischen Linken. Er behauptet, dass seit Beginn des 19. Jahrhunderts die Linke eine moralische Instanz war. Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit hießen die moralischen Imperative. Mensch könnte soweit zustimmen. Diese Werte, so Gysi, wurden durch den Staatssozialismus durch die Nichteinlösung seined Heilsversprechens diskreditiert, so daß die Linke heute nicht in der Lage ist allgemeinverbindliche, soziale Moralvorstellungen durchzusetzen. Diese Aufgabe übernehmen zur Zeit die Kirchen, deren christliche Grundwerte die moralischen Maßstäbe setzen. Und aus diesem Grund ist heute eine gottlose Gesellschaft auch eine wert-lose Gesellschaft.

Ich würde dem nicht unwidersprochen zustimmen. Die christlich-jüdischen Werte sind, als Grundlage der westlichen Gesellschaft, durchaus universelle Moralvorstellungen, die auch in sozialen Bewegungen relevant sind. Jedoch darf nich vergessen werden, dass eben jene christlichen Werte durch Kreationisten, Evangelikale und andere ultraorthodoxe Sekten zunehmend diskrediert werden. Diese propagieren den Kulturkrieg und Vernichtungsphantasien gegenüber anderen, rivalisierenden Glaubensvorstellungen. Ihr Glaubenseifer ist zerstörerisch, unmoralisch, auch wenn er sich moralisch maskieren mag, und vor allem unvernünftig. Ein weiterer Einwand ist, das die Grundlage der sozialistischen Gesellschaftstheorie der Mensch selbst ist, und nicht, wie in den christozentrischen Vorstellungen, etwas herausragendes, hierarchisch Übergeordnetes, dass entweder als evangelisches Symbol daherkommt oder als katholisches Urbild in der göttlichen Dreieinigkeit. Die sozialistische Idee in all seinen Ausformungen ist diesseitszentriert, die christlich-jüdische dagegen bezieht sich auf ein paradiesisches Jenseits. Gysis Schlußwort bleibt natürlich trodzdem richtig.

    Die Linke wird eine moralische Instanz in den Gesellschaften erst dann wieder sein können, wenn sie die Fehler und auch Verbrechen, die im Namen des Staatssozialismus begangen wurden, selbstkritisch aufarbeitet und die Imperative Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität wieder eine zunehmende Bedeutung erlangten.

Die Frage bleibt natürlich, ob die Linke eine moralische Instanz sein möchte, oder nicht viele mehr eine Bewegung von unten, die sich um die Befreiung der Massen kümmert. Die soziale Revolution sollte meines Erachtens viel mehr das Ziel der Linken sein, als eine irgend wie herausgehobene Instanz in was weiss ich für Fragen. Menschen sollten der Linken wichtiger sein, als die Moral. Die Imperative Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität sind hierbei das Banner, die konstituerende Grundlage der Bewegung, nicht aber ihre Moral.


8 Antworten auf „„Eine gottlose Gesellschaft, ist eine wertlose Gesellschaft.““


  1. 1 Thomas 11. Januar 2008 um 22:35 Uhr

    Ich kann der These, dass aufgrund der Schwäche der Linken eine gottlose Gesellschaft eine Gesellschaft ohne Werte ist, auch nicht zustimmen. Zwar ist der vorherrschende Neoliberalismus eine wertvernichtende Denkrichtung, dennoch bleibt als Wertinstanz der einzelne Mensch. Und ich glaube prinzipiell an das gute in diesem.

    Für mich ist fraglich, ob die Linke die Menschen „befreien“ soll und kann. Im Grunde können sich die Menschen nur selbst befreien – das ist ja auch der anarchosyndikalistische Ansatz. Die Linke kann dabei als Wertesystem fungieren.
    Eine Linke mit dem Auftrag zur Befreiung der Massen kann meines Erachtens nur über die Politik gehen und damit über den Staat. Das ist meiner Ansicht nach der falsche Weg.

    Deine Kritik an der christlichen Religion muss ich zurückweisen. Deine Beobachtungen sind absolut richtig, betreffen aber keineswegs nur die Religion. Auch der Sozialismus hat eine solche Fehlentwicklung schon einmal durchgemacht – das ist das was man heute unter Staatssozialismus versteht. Dem Anarchismus kann das auch passieren – das wäre Tyrannei und Faustrecht. Nur weil Religion auch eine negative Seite hat, ist sie nicht per se schlecht.

  2. 2 Machnow 11. Januar 2008 um 23:11 Uhr

    religion ist, meienr ansicht, per se schlecht. ich meine damit nicht die werte von (nächsten-) liebe, tötungsverbot, wahrheit usw, sondern den hierarchischen aufbau einer jeden religion. es gibt immer leute, die in religionen besser sind. es gibt vor allem die allerheiligsten (jesus, maria, die apostel, mohammed, buddha…). danach kommen die heiligen. wer ein solcher ist entscheidet die kirche. dann kommen die seligen… die pyramide ist steil, vor allem steht die masse ganz unten. eine weitere hierarchie bauen mönche. ihre lebensweise, das austeigen gibt ihnen die möglichekit der transzendenz, jedoch brauchen sie diese auch. sie steigen aus dem system aus, quasi stellevrtretend für die gemeinschaft, als die befreier der gemeinschaft. doch an den grundgfesten & prinzipien der gemeinschaft rütteln sie nicht. somit entsteht wiederum eine hierarchie…

    ich denke, dass diese hierarchien – im diesseits und im jenseits – der religilösen vorstellung inhärent ist. sie muss es auch, denn es gibt im religiösen immer etwas GROSSES außerhalb des menschen. dieses außen steht über allem. ist ursprung & grund, macht & hilfe… warum ist es aber nicht der MENSCH der über allem steht. und zwar der arme, der trauernde, der pazifist, die barmherzigen, die gerechten…. solange etwas über einem steht, kann mensch nicht frei sein. der sozialismus möchte diesen zustand der knechtschaft von einem oben, egal ob als vorstellung oder menschlich, beenden. deshalb ist er in seienr idee emanzipativ. die religion ist von seiner grundlage hierarchisch und exklusiv, dh ausschließend. die idee der bfreiung wird ins transzendente verschoben & deshalb unterjocht GOTT immer, nicht nur seine institutionen, sondern auch eine vorstellung davon!

  3. 3 Thomas 14. Januar 2008 um 9:52 Uhr

    Ich muss deine Hypothese, Relegion sei per se schlecht, entschieden zurückweisen. Ich betrachtet Religion grundsätzlich aus einem anderen Blickwinkel. Ich habe dabei nicht die Gesellschaft oder die auf den Religionen aufbauenden Institutionen im Blick, sondern den einzelnen Menschen. Für den einzelnen, gläubigen Menschen kann die Religion eine entscheidene Lebenshilfe sein. Deswegen möchte ich der generalisierten These, Religion würde sich nur ums Jenseits kümmern, widersprechen. Auch trifft unter diesem Gesichtspunkt das Hierachieargument nicht mehr zu, da kein Gläubiger eine erzwungene Hierarchie zwischen ihm und seinem Gott empfinden wird. Gott ist in diesem Sinne kein Chef. Man könnte sogar so weit gehen, dass es im Verhältnis Gläubiger und Gott keine Hierarchie gibt. Und da dieses Verhältnis wesentlich für eine Religion ist, möchte ich auch die Gegenthese zu dir aufstellen, nämlich dass den Religionen keine Hierachie inhärent ist.
    Die Kirche ist eine weltliche Institution, in der es ganz sicher eine (starke) Hierachie gibt. Diese Hirchachie ist aber meiner Ansicht nach menschengemacht und nicht religiös bedingt. Religiöse Institutionen sind für mich bei Betrachtung von Religionen nicht von zentraler Bedeutung.

    Das Religionen deine Meinung nach exklusiv sind kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Insbesondere im Christentum ist der Zugang sehr einfach: Man muss nur an Gott/Jesus glauben. Auch aus anderen Religionen ist mir keine Zugangsbeschränkung bekannt. Exklusivität ist ein Zeichen für Sekten, aber nicht für Religionen.

    Wirft man einen Blick auf den Buddhismus, so kann man auch noch die letzen Argumente gegen Religion abschütteln. Dort werden die „Heiligen“ nicht durch religiöse Institutionen bestimmt, sondern durch weltliche Taten. So werden Menschen durch bestimmte, selbstlose Handlungen auch zu Lebzeiten zu heiligen Personen, aber keineswegs mit dem Anspruch über andere zu bestimmen.
    Auch kennt der Buddhismus kein Jernseits, sondern nur einen ewigen irdischen Lebenskreislauf des Dieseits und das Nirwana (einen Ort des Nicht-mehr-Seiens). Entsprechend kann diese Religion gar nicht auf ein Jenseits fixiert sein.

    Für einen Atheisten wie mich, ist sicherlich der Sozialismus (o.ä.) der bessere Ansatzpunkt. Aber auch hierfür ist eine bestimmt Art von Glaube notwenig: Nämlich der Glaube an das generell Gute im Menschen. Dieses ist ebensowenig nachweisbar oder widerlegbar als die Existenz Gottes.

  4. 4 Machnow 14. Januar 2008 um 12:36 Uhr

    Mag sein, dass aus einer individuellen Perspektive Glaube sogar hierarchiefrei sein kann. Jedoch würde ich diese Perspektive religiös nennen, nicht aber mit Religion gleichsetzen.

    Zur Religion gehören Dogmen, kanonische Bücher, Sakramente. All dieses wird nicht in einer persönlichen zwisprache mit irgendwem göttlichem ausgehandelt, sondern, da hast du recht, es sind menschen, die diese dinge in gruppen aushandeln, oft sogar durch nachdenken.

    als lebenshilfe kann glaube hilfreich sein. doch zur christlichen religion gehört nunmal der glaube an eine außermenschliche, omnipotente, omnipräsente macht, die alles schuf, überwacht und über deine – des gläubigen – taten recht sprechen wird. genauso gehört zur christlichen religion der glaube an das wunder der unbefleckten empfängnis, der geburt eines GOTTES – christus nämlich – gezeugt vom vater – nämlich GOTT – also nicht menschlich, sondern vermenschlicht. die zahlreichen anderen engels- und prophetenwunder im alten testament sind genauso teil der christlichen und hier auch der jüdischen religion. die wunder haben nichts mit den therapeutischen aspekten des glaubens gemein, können also lösgelöst von ihnen betrieben werden, jedoch gründet die christlichen RELIGION auf diesen wundern. dort sind ihre dogmen & das glaubensbekenntnis. als vaterunser in verbindung mit dem credo wird es liturgisch seit der urkirche und den ökumenischen konzilien bestätigt tradiert und als dogma gesehen. jede abweichung davon führt zur häresie, dh ausschluß aus der kirche, was natürlich kein ausschluß aus irgendeinem persönlichem glauben bedeutet, jedoch nur durch die gründung einer neuen religion geheilt werden könnte. wiederum sind leute DURCH glauben ein- oder ausgeschlossen. diese exklusivität wird in der liturgie zementiert. zB darf in der orthodoxen kirche jemand, der nicht gebeichtet hat, keine kommunion, also das heilende / mit Gott vereinende Ritual nicht vollziehen. Seine persönliche Verbindung zu Gott mag weiterhin bestehen, jedoch wird sie nicht bestätigt. Die Liebe Gottes, die dieses Ritual für einen orthodoxen bedeutet, wird ihm verweigert…

    Aus diesen glaubenstechnischen Gründen an Wunder, Engel, einer extraterrestrischen Lebensform (nicht vergessen omnipräsent & omnipoten) sind viele ausgeschlossen und auch die sich diesem glauben anhängig fühlen, kennen momente des ausschlußes. zumindest, wenn sie die dogmen & riten ihrer religion wirklich kennen & daran halten. die persönliche religiösität ist davon nicht betroffen. da hast du recht. lebenshilfe kann auch religiös sein, jedoch darf hierbei das das vermittelnde medium nicht vergessen werden. ein „selbstgespräch“ in der kirche – als akt des glaubens – kann heilend sein, hat aber weniger mit der kirche oder gar der religion zu tun. ein gespräch mit einem priester mag mich ebenfalls von sorgen befreien, ist aber ein gespräch mit einem menschen, nicht mit einem gott. auch der glaubem dass es einen gibt, der mich beschützt, ist wärmend und beruhigend, jedoch kann dieser schutz entzogen werden. und, wenn mal etwas passiert, ist der schreck umso größer, das ER nicht da war. wieviel sind vom glauben abgefallen angesichts der greuel von menschen gegen menschen….

    der buddhismus ist übrigens auch nicht frei von diskriminierenden elementen. abhängig von welcher schule ist die exklusivität verbreiteter. im japanischen zen buddhismus, langläufig als freieste form angenommen, gibt es ebenso dämonen, irgend welche energien & kasteiungsrituale. und es gibt sogar zen meister, die am besten wissen, wie man dem nirwana näher kommt, oder die das nirwana erreicht haben. (wobei nirwana sehr mit der orthodoxen apathie vergleichbar ist.)

    die orte der religiösen befreiung – auch iom buddhismus – sind exklusiv, denn es sind klöster & schreine. das opfer ist weihrauch & geld. die befreieung aus dem kreislauf des lebens des lebens geschieht nicht nur durch gute taten, sondern durch initiationen & mystische rituale. im tibetanischen buddhismus sind die höchsten äußerst kriegerisch, nicht minder apokalyptisch als die christlichen vorstellungen des endes aller tage und vor allem exklusiv für männer (frauen sind im buddhismus grundsätzlich nicht erleuchtungsfähig). widerlich ist auch die mär vom asexuellen tibetanisch-buddhistischen mönch. aber insbesondere über den ach so friedlichen tantrabuddhismus und den lamaismus existieren dutzende klischees, die sich so nicht halten lassen. sexualität ist da nämlich sehr stark mystisch aufgeladen & männlich dominiert. meister und guru sind in dieser hinsichtlich (wiedereinmal) öußerst wichtige attribute…

    und eben diese wunder, magischen rituale, apokalyptischen vorstellungen, religiösen hierarchien, beziehungen von gehorchen (diener/herr) gibt es im anarchistisch sozialistischem glauben nicht. die menschliche institutionensind sind nicht durch irgend etwas (ritual & gebet) oder irgend wenn (gott) legitimiert. sie müssen jedesmal neu legitimiert werden. lebenshilfe ist die ebene des zwischen-. es kann religiös sein, ihre methoden sind aber eher weltlich (vielleicht sogar psychologisch, oder auch sozial), dh auf jeden fall nicht in erster linie religiös. auch wenn sie sich dafür halten…

    religion ist und bleibt menschlich geschaffenes opium fürs volk. religion zementiert herrschaftsstrukturen. die trennung in meister/schüler, herr/diener, mönch/laie, gottschöpfer/geschöpftermensch (macher/gemachter) usw stellt distanz herr. diese versucht der anarchistische und sozialistische glaube aber insbesondere und vordergründig aufzuheben. es geht um gleiche unter gleichen! deshalb ist religion per se kritikwürdig! religion gilt es zu überwinden!

  5. 5 aka 16. Januar 2008 um 17:34 Uhr

    Während du den anarchistischen bzw. sozialistischen „Glauben“ vertrittst, bin ich im Moment der Vertreter des religiösen Glaubens. Dadurch ergibt sich für mich ein großes Problem: Der religiöse Glaube ist eine Ausprägung der menschlichen Zivilisation, der meines Erachtens mit dem Gewisswerden des eigenen Todes zusammenhängt (hierzu interessant: der Gilgamesch-Epos). Der Mensch, zumindest ein Großteil, ist damit seit mehreren Tausend Jahren religiös, währenddessen die anachistischen Versuche kurz und meist wenig nachhaltig waren, weil sie von Außen zerstört wurden. Es ist klar, dass sich neben den Wurzeln der Religion (also der Versuch dem Tod zu entrinnen) vielerlei Dinge von den Menschen im Laufe der Generationen dazugedacht wurden. Vieles davon dient ganz sicherlich dem Machterhalt und der Unterdrückung. Wenn ich aber von Religion spreche, dann meine ich die Wurzeln des religiösen Empfindens, meintwegen kann man das auch Glaube nennen. Meine These lautet: Glaube ist für viele Menschen notwendig und für das Leben hilfreich. Der machtsichernde Überbau der verschiedenen Religion ist kritikwürdig. Eine Überwindung der Religionen ist Unsinn – und auch nicht wirklich tolerant gegenüber gläubigen Menschen.

  6. 6 Machnow 16. Januar 2008 um 23:46 Uhr

    ich mache einen unterschied zwischen glaube und religion.

    ich glaube nicht an anarchismus, genauso wenig, wie an gott, jesus, mohammed oder was weiss ich für einen propheten. ich glaube an das gute im menschen. das mag mensch mir nachsehen. manche christen, moslems, buddhisten glauben ebenfalls an das gute im menschen. mit diesen religiösen menschen hab ich kein problem.

    ich hab ein problem mit jemandem, der mich mit seinem glauben ausschließt und von der sogenannten erlösung ausschließt. meine erlösung ist die freie, gerechte, herrschaftsfreie (sozialistische) gesellschaft. die des christen das paradies nach dem tod. ich tue nichts um nach dem tod besser zu leben. für ein besseres leben will ich heute und jetzt aufstehen & kämpfen.

    die überwindung des todes ist lächerlich. er ist zwangsläufig. die wurzel religiösen empfindens ist ANGST. ihr sollte mensch sich stellen und nicht religiös zu kleistern. eine offene & freie auseinandersetzung mit sich selbst und seinen ängsten könnte auch das zusammenleben mit anderen verbessern. so kann mensch nächstenliebe auch interpretieren. manche tuen es. der papst, seit dem ersten vatikanischen konzil unfehlbar und der totale chef in seelenfragen der christen, denkt anders. alein die liebe in GOTT und die TAUFE befreit & erlöst…

    mag sein, dass Glaube für den Menschen notwendig und hilfreich ist. jedoch religion ist es nicht. deshalb bin ich der auf jeden fall der meinung, dass religion überwunden werden muss. nicht glaube! jedoch sollten glaubensgrundsätze jedesmal hinterfragt werden. nicht glaube ist der feind, sondern ritualisierung und manifestierung in der institutionalisierten religion. glaube ist, meiner meinung nach individuell, religion dagegen hat den schritt der individualität hinter sich und den der abgrenzung angenommen.glaube ist plural, kann auch atheistisch sein, in der nagation. religion jedoch ist exklusiv, denn mensch gehört dazu oder nicht, zum beispiel zu einer anderen religion oder eventuell zu gar keiner… die intoleranz besteht auf seiten der auschlußmechanismen von religionen. glaube lässt sich dann eher als persönliche beziehung & identität beschreiben. von daher ist glaube eventuell notwenig….

  7. 7 Thomas 19. Januar 2008 um 2:08 Uhr

    Nun ja, ein Christ, der das zentrale Gebot der Nächtenliebe beachtet, der kämpft dafür, dass es Andere im Hier und Jetzt besser haben. Damit hat der Christ es einerseits im Jenseits besser, aber andererseits auch im Diesseits, wenn sich auch die anderen Menschen (nicht nur die Christen) an das Prinzip der Nächstenliebe halten. Eine gerechte Gesellschaft und Religion schließen sich also nicht aus.

    Mir stellt sich die Frage, ob es in der westlich geprägten Welt überhaupt eine Vorstellung von Nächstenliebe ohne das Christentum gäbe.

    Die unbedingte Fixierung auf das Hier und Jetzt kann auch eine Zukleisterung der Angst sein, die deiner Ansicht nach die Religion konstituiert. Meiner Ansicht nach ist es aber Hoffnung. Ich als Atheist bin mir da aber nicht sicher. Natürlich ist es nicht sinnvoll den Blick stets auf den Horizont zu richten, dummerweise ist der Mensch aber so „gemacht“ – weswegen die Religion für viele Menschen unabdingbar ist.

    > nicht glaube ist der feind, sondern ritualisierung und
    > manifestierung in der institutionalisierten religion.

    Genau dieser Ansicht bin ich auch. Ich würde deine Definition von Glauben als die Ursprünglichkeit von Religion ansehen. Vermutlich werden wir uns in diesem Punkt aber nicht einig werden.

  8. 8 nichtalternativlos 24. Januar 2008 um 10:10 Uhr

    Wenn wir Religion als Ursprung unserer Werte betrachten, so würde ich argumentieren, dass diese religiösen Werte, obwohl sie inzwischen säkularisiert und pluralisiert, also damit immer tendenziell umkämpft sind, doch in modifizierter und in vielen Punkten anders gedachter Form in sozialistische Gesellschaftsvorstellungen eingegangen sind.

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