Tunix-Kongress – heute dringender denn je

Tunix-Kongress Vom 27. bis 29 Januar 1978 fand an der TU Berlin der Tunix-Kongress statt – die taz hat in der Freitagausgabe dazu ein paar Sonderseiten gebracht. Bei dem Kongress kamen 5.000 bis 20.000 Menschen zusammen, um über ein alternatives Leben außerhalb des von der SPD propagierten „Modell Deutschland“ zu diskutieren. Doch nicht die Diskussion oder die Theorie stand im Zentrum des Kongresses, sondern das konkrete Tun. Der Traum von der großen gesellschaftlichen Revolution war mit dem Deutschen Herbst und dem immer repressiver werdenden Sicherheitsstaat eh zerplatzt. Klassenkampf und der „Marsch durch die Institutionen“ schienen ebensowenig glückversprechend. Wenn es eine neue Theorie gab, so war es die der gewaltlosen Graswurzelrevolution. Statt phraseologischer Kapitalismuskritik stand nun die praktische, individuelle und lebendige Veränderung im Kleinen im Vordergrund. Wenn überhaupt dann können der französische Philosoph Gilles Deleuze, der Anti-Psychater Felix Guattari und der damals in Deutschland noch eher unbekannte Michel Foucault als „Denker“ des Tunix-Kongresses gelten.

Der ’78-er Kongress, auch „Woodstock in Räumen“ genannt, hat zahlreiche tolle Ergebnisse gebracht, die vielfach in der heutigen Linken wenig gewürdigt werden. Dazu zählt zum Beispiel auch die TAZ. Dieser als linksradikales, aber auch undogmatisches Projekt gestarteten Zeitung wird Verbürgerlichung und Integrierung in das bundessdeutsche System vorgeworfen und das sie keineswegs mehr links oder alternativ wäre. Das linken Projekten derartiges vorgeworfen wird, wenn sie einen gewissen Erfolg haben, kommt leider immer wieder vor. Das „Projekt A“ (u.a.) von Horst Stowasser in Neustadt an der Weinstraße ist dafür ein weiteres Beispiel. Die Kritik an der Partei Bündnis 90/Grüne, die ebenso als ein langfristiges Ergebnis des Tunix-Kongresses angesehen werden kann, mag zwar um ein vielfaches berechtigter sein, hier wird aber vergessen, dass es sich bei dieser Partei keineswegs um ein monolithisches Gebilde handelt. Wer aber ewig nach dem Paradies schielt und so diese undogmatischen Linken Projekte ablehnt und hier sogar den reaktionären Feind zu entdecken glaubt, wird nie sein Glück auf Erden erreichen. Dann könnte man sich auch gleich der katholischen Kirche anschließen.

Viel wichtiger als diese „großen“ Projekte sind aber eh die kleinen Veränderungen, die Wohnprojekte und kleinen Betriebe: alternative Buchläden, Ökobauernhöfe, Fahrradwerkstätten, Stadtteilgruppen, Bürgerinitativen, Reiseagenturen und was noch alles nach 1978 als Projekte der Selbstorganisation startete. Das einiges von diesem zum Lebensstil gutverdienender Bewohner des Prenzlauer Bergs wurde, kann man auch kritiseren, aber es hätte definitiv schlimmer kommen können. Andererseits kann dieser unpolitische Lifestyle keinesfalls eine wirkliche Alternative sein. Es handelt sich dabei schließlich nur um eine geringfügige Modifikation der kapitalistischen Logik. Es ist aber die Ökonomie, die eine wirklich alternative Lebensweise ausmacht!

Dem Tunix-Kongress wurde von linken Theoretikern vorgeworfen zu einer Entpolitisierung und einem Abgleiten ins Private zu führen, wobei die Veränderung der gesamten Gesellschaft aus den Augen verloren ginge. Das aber ist Unsinn. Denn im Gegensatz zu den großen Utopien des SDS und der marxistischen K-Gruppen, wurden hier die sozialistischen und libertären Utopien nicht auf eine ferne Zukunft verschoben, sondern, so fern es die menschliche Unzulänglichkeit zuließ, im Hier und Jetzt verwirklicht. Das selbstgebackene Brot ist allemal besser als ein Schrank voll utopischer Bücher oder ein langer Blog-Beitrag – wobei letztere zu lesen, zu schreiben und zu diskutieren sicher kein Schaden verursacht.

Was wir heute brauchen ist ein neuer Tunix-Kongress. Damit alle die Sache richtig verstehen sollte man ihn diesmal realitätsgerecht Tuwas-Kongress nennen. Es gibt ja noch ziemlich viele Projekte in ganz Deutschland (und darüber hinaus) die an die Philosophie des Kongresses anknüpfen. Darauf können wir aufbauen, daran können wir uns beteiligen. Auch damals hätte man nicht gedacht, dass sich so viele Menschen in den Räumen der TU einfinden. Vielleicht ist ja unsere Zeit doch besser als ihr Ruf.


3 Antworten auf „Tunix-Kongress – heute dringender denn je“


  1. 1 Machnow 27. Januar 2008 um 8:10 Uhr

    Die Perspektiventage letzte Woche könnte vielleicht als „Tuwas“-Kongress beschrieben werden. Veranstaltet wird das treffen vom ehemaligen CampTeam Heiligendamm in Zusammenarbeit mit anderen Gruppen. Mensch könnte sogar meinen, dass der graswurzel-Ansatz wiederum angesetzt wurde. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass ebenso anarchistische Initiativen sich an den Diskussionen beteiligen wollten.

    Es ging also in erster Linie um Bündnisse schmieden / Aufrecht erhalten und gemeinsame Aktionen / Camps planen. Geflügeltes Wort war der Minimalkonsens. Wobei auch dieser insbesondere in Autonomen und Antifa Kreisen heftig umstritten ist. Ganz viel Harmonie gabs aber auch…

    Ich persönlich finde es nicht schlimm ein bißchen rumzudiskutieren & Raum für Ideen zu lassen. Doch eine spektrenübergreifende Fundamentalkritik findet leider selten statt. Aktionen & Bündnisse sind bei der heutigen Zersplitterung der radikalen Linken nötig, doch fehlt es oft an einer Diskussion um soziale & geselschaftliche Perspektiven. Die meisten Initiativen bleiben auf einer Graswurzelebene, vernetzen sich natürlich und ermöglichen zumindest ein alternatives Leben, jedoch wird die Diskussion um die Verbürgerlichung selten geführt. Der undogmatische Ansatz ist hierbei vielleicht hilfreich, der Minimalkonsens nötig, jedoch muss eben auch jenseits von temporären, hierarchiefreien Experimenten, so wichtig diese auch sind, theoretisch diskutiert werden. Die Konzentration auf die Gründung / Untersützung von freien, revolutionären „Volksuniversitäten“ wäre in dieser Hinsicht eventuell ebenfalls eine Perspektive!

  2. 2 Thomas 28. Januar 2008 um 0:17 Uhr

    Ich glaube Diskussionen gibt es durchaus genug. Die Graswurzelebene finde ich durchaus für erstrebenswert, aber von hier aus muss es weitergehen, da hast du recht. Große Dikussionen vor Erreichen dieser Ebene halte ich aber für nur bedingt fruchtbar.

  3. 3 Machnow 28. Januar 2008 um 11:23 Uhr

    Ich hab nix gegen Graswurzelstrukturen. Sie sind eine Möglichkeit alternative Lebensentwürfe existenziell zu sichern. Andererseits sollte eine Diskussion geführt werden inwieweit solche Strukturen politisch agieren. Mit gehts eher um die Verbürgerlichung und Loslösung mancher (!) Graswurzelprojekte von der radikalen Linken… Das geht soweit, dass auf Kosten des Minimalkonsens gegen andere politische Entwürfe gewettert wird ohne sich die Hintergründe genau anzuschauen. (So passiert bei der Kampagne der taz gegen die Anti-G8-Demo in Rostock, wo unhinterfragt Polizeiangaben übernommen wurden und die bürgerliche Angst-Kampagne aufgegriffen wurde)

    Graswurzelstrukturen müssen sich insbesondere mit der Frage auseinandersetzen, wie stark sie (auch) Teil eines politischen Netzwerkes sein wollen. Das bedeutet oft die Duldung durch den Staat aufs Spiel zu setzen. Doch liegen hier meines Erachtens der Wert von squatprojekten und regionalen Graswurzelinitiativen. Die große Diskussion meine ich damit gar nicht, sondern die Kleine, die der Positionierung in einer weitestgehend radikalen Struktur. Die Perspektive kann sich erst später entwickeln. Da hast Du (vielleicht) recht.

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