Der Selbstmord indischer Bauern

Neulich ging die Meldung von einer Selbstmordwelle unter Jugendlichen in der walisischen Stadt Bridgend durch die Medien. 7 junge Menschen fielen (bisher) dieser Welle zum Opfer. Von einer Selbstmordwelle ganz anderen Ausmaßes wird in den Medien leider weit weniger berichtet: In Indien haben sich zwischen 1993 und 2006 schätzungsweise 130.000 Bauern das Leben genommen – wobei in dieser Statistik Bäuerinnen nicht auftauchen, da diese in Indien nicht unter den Berufsstand des Bauern fallen. Die reale Zahl dürfte also um einiges höher liegen, zumal das die offiziellen Zahlen des indischen Landwirtschaftsministeriums sind, das im Verdacht steht, die Lage noch zu beschönigen. Während die Ursachen für die Selbstmorde bei den Jugendlichen in England primär bei den Opfern selbst zu suchen sein wird und die Gesellschaft eher eine sekundäre Schuldifft, liegt der Fall bei den indischen Bauern um einiges anders – und dafür gibt es zahlreiche gute Argumente. Als Schuldige können die üblichen Protagonisten der Globalisierung und Privatisierung ausgemacht werden: die Weltbank, der internationale Währungsfond (IWF), die USA und auch die EU. Aufgrund der direkten und indirekten Beteiligung der westlichen Welt hat das Thema auch für uns eine wichtige Bedeutung und kann nicht mit dem Hinweis auf die räumliche Ferne der Ereignisse vom Tisch gewischt werden.

Verschuldung als Ursache für die Selbstmorde

Als direkte Ursache für die fürchterlich hohe Anzahl an Selbstmorden gilt die Verschuldung. Lag die Anzahl der verschuldeten Bauern in Indien 1993 noch bei 26 %, sind heute 48 % der Bauernhaushalte verschuldet. Simultan dazu hat sich auch die Selbstmordrate in den letzten 10 Jahren verdoppelt. In manchen Landkreisen, wie in der Baumwollregion Vidharbha im indischen Bundesstaat Maharashta, in der 25000 Dollarmillionäre wohnen, ist die Selbstmordrate von 2001 bis 2006 auf das Fünffache gestiegen. In den am meisten betroffenen Regionen Vidharbhas leben etwa 10 Millionen Menschen von der Landwirtschaft.

Drei zentrale Ursachen für die bäuerliche Verschuldung

Indien hat seine Ausgaben für die (interne) Entwicklungshilfe dramatisch gesenkt. Lag der Anteil der Entwicklungshilfe 1989 noch bei 14,5 % des Bruttoinlandsprodukts ging die Quote bis 2005 auf 5,9 % zurück. Statt der Landwirtschaft sollte die industrielle Entwicklung und die Entwicklung des Dienstleistungssektors gefördert werden. In der Tat gab es dadurch einen erheblichen Wirtschaftsausschwung in Indien, so dass das Land seit 2004 zu den zehn größten Volkswirtschaften der Welt gehört. Das Pro-Kopf-Einkommen von 700 Dollar pro Jahr befindet sich aber nach wie vor auf dem Stand eines Entwicklungslandes. Die übergroße Anzahl der Inder sind nach wie vor kleine, marginalisierte und landlose Bauern, die aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit zunehmend in die Städte immigrieren oder auf dem Land ein hoffnungsloses Dasein fristen. Sowohl die hohe Arbeitslosigkeit als auch die Krise der Landwirtschaft haben eine primäre Ursache in der Kürzung der internen Entwicklungshilfe.

Gleichzeitig fand in den 90er-Jahren eine ungehemmte agrarpolitische Deregulierung statt. Dies kann als die zweite große Ursache der landwirtschaften Katastrophe angesehen werden. Durch die Deregulierung kann das Agrobusiness nun glänzende Geschäfte machen, allen voran der Gentechnik-Konzern Monsanto (1, 2). Von 1991 bis 2000 stiegen die Preise für Düngemittel um das Vierfache. Die Preise für Saatgut stiegen je nach Sorte um 100 bis 300 Prozent – die Qualitätsstandards wurden dabei zurückgesetzt. Die großen Konzerne können die Preise fast nach Belieben festsetzen, so dass man nicht ohne Grund von Betrugskartellen sprechen kann. Durch die auf IWF und Weltbank beruhenden Konzepte zur Privatisierung sind auch die Preise für Strom und Wasser massiv gestiegen. Die Stromtarife wurden teils über Nacht um 70% angehoben.
In dieser Phase der massiven Kostensteigerungen wurde das staatliche Kreditwesen zunehmend zurückgefahren. Trotz der Schließung von mehr als 4000 Bankfilialien in den letzten 10 Jahren sieht die Regierung aber dennoch keinen Handlungsbedarf. Dadurch wurden die Bauern zunehmend in die Hände privater Geldverleiher getrieben, die nun extrem hohe Zinssätze fordern konnten. Brisanterweise sind die Geldverleiher oft deckungsgleich mit den Saatguthändlern und den Abnehmern der Ernte. Dadurch wird die Verschuldung zu einem zusätzlichen Druckmittel. Im Gegensatz dazu sind die Zinssätze für Luxusprodukte sehr moderat: Um einen Mercedes auf Kredit zu kaufen werden gerade mal 6% verlangt*.

Zu einem Verfall der Preise der Ernten kam es allerdings nicht in erster Linie durch die Personalunion von Geldverleihern und Ernteabnehmern. Vielmehr ist dafür ebenso das Oligopol weniger Konzerne, die die Weltmarktpreise bestimmen, ausschlaggebend. Die indische Regierung hat den Bauern empfohlen weniger Nahrungsmittel anzubauern und mehr Exportgüter für den Weltmarkt zu produzieren – was für die Bauern höhere Kosten und Risiken zur Folge hat. Der Fall des Rohstoffs Vanille zeigt, wie die Bauern Opfer manipulierter Weltmarktpreise wurden: 2003 konnte man für ein Kilo Vanille noch etwa 80 Euro erzielen. Ein Anbau von Vanille schien also lohnenswert, auch wenn die Kosten dafür zwanzig Mal höher sind als die Kosten für den Reisanbau. Heute bekommt man für ein Kilo Vanille gerade mal noch 1,50 Euro. Der Bankrott vieler Bauern war vorprogrammiert – genauso wie die riesigen Gewinne des transnationalen Oligopols. Bei den Rohstoffen Kaffee und Pfeffer sieht die Lage nicht besser aus.

Der niedrige Erlös der Ernteprodukte kann also als der dritte Grund für die bäuerliche Verschuldung angenommen werden. An diesem Preisverfall sind die USA und die EU wesentlich beteiligt. Mithilfe ihrer Instrumente IWF, Weltbank und WTO (Welthandelsorganisation) zwingen sie ärmere Länder einerseits Zoll- und Einfuhrbarrieren abzubauen und die Agrarsubventionen zu minimieren (siehe oben), andererseits unterstützen die EU und die USA ihre eigenen (Groß)bauern mit massiven Subventionen – auch das führt zu einer starken Verzerrung der Weltmarktpreise. Beispielsweise muss der durchschnittliche Inder mit der Hälfte des täglichen Förderungesbetrages einer europäischen Kuh leben. Die in der EU und den USA gezahlten Baumwollsubventionen stehen also in einem direkten Zusammenhang mit den tausenden Bauern in Indien und anderen Teilen der Welt, die Selbstmord aufgrund ihrer verzweifelten Lage begangen haben.

Folgen der Entwicklung

Die Selbstmorde der indischen Bauern sind nur das dramatischste Symtom der Entwicklungen in der Landwirtschaft. 60% der indischen Bevölkerung leben von der Landwirtschaft – sie alle sind Opfer des marktradikalen Entwicklungskonzepts. Die Anzahl der Dollarmilliardäre und -millionäre nimmt in Indien stetig zu, gleichzeitig wird die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer. Auch angeblich linke Regierungen haben an diesem Zustand wenig geändert. Die Ursache dafür liegt aber eben auch in der EU – hier bei uns müssen die Veränderungen beginnen. Auch wenn es in Bochum derzeit nicht so aussieht: die Globalisierung ist bisher eine ziemlich einseitige Sache zu „unseren“ Gunsten und vor allem zugunsten der Besserbetuchten.

* Dabei handelt es sich allerdings um einen nicht repräsentativen Einzelfall

Quelle: Le Monde Diplomatique, Ausgabe Januar 2008


2 Antworten auf „Der Selbstmord indischer Bauern“


  1. 1 Machnow 29. Januar 2008 um 14:13 Uhr

    Ich würde die Selbstmorde in Wales (und, laut Report München, auch in Deutschland) auf einer anderen Ebene auch auf die „Globalisierung“, viel mehr aber auf die neoliberale Ideologie, schieben. Soziale Kälte, der Kick besonders sein zu wollen, die informationelle, mediale Überbewertung ist durchaus auf einer subtilen Art ebenso existenziell, wie die Probleme der marginalisierten Bauern in Indien.

    Dort ist der „Terror“ der Mulitnationalen Großkonzerne sehr viel drückender. Meines Erachtens ist dort auch das Testfeld für kommende Strategien in den kaptalistischen „Kernländern“. Erst wird die dritte Welt ausgepresst. Danach ist die zweite dran, und irgend wann wir. Nach dem Schock kommt das große Absahnen. Unterstützt durch IWF, WTO, und denn anderen die Du schon genannt hast…

    Uns steht der Horror bevor. Nur werden es bei uns Arbeiter und Prekäre sein, nicht Bauern.

  2. 2 M. A. Bakunin 23. April 2009 um 13:57 Uhr

    Der Artikel wurde (dankenswerterweise) im Zusammenhang mit dem Tod des Finanzchefs von Freddie Mac im Kommentarbereich des Standard erwähnt: http://derstandard.at/?url=/?id=1240297935114

    Sicherlich muss erwähnt werden, dass auch der Selbstmord indischer Bauern in westlichen Medien behandelt wird, z.B. in der Le Monde Diplomatique, in Arte-Dokumentation etc. Das eigentliche Problem ist, dass der Gentechnik-Konzern Monsanto weltweit immernoch erheblich an Marktmacht und politischem Einfluss zulegen kann.
    Zwar ist das Genmais-Verbot in Deutschland ein großer Erfolg, ich befürchte aber, dass es sich auch dabei nur um einen temporären Erfolg im Rückzugsgefecht der Gentechnik-Gegner und Konzern-Kritiker handelt.

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