Eröffnung der Ausstellung 68 – Brennpunkt Berlin

Am Vormittag des 30.12. lud die Bundeszentrale für Politische Bildung zur Pressekonferenz (pdf) zur Ausstellung 68 – Brennpunkt Berlin ein. Es trafen sich zur einleitenden Podiumsdiskussion der in den Berliner Bankenskandal verwickelte ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin Eberhard Diepgen, als ein Antagonist der 68iger Bewegung, und Peter Schneider, heute Schriftsteller, zwischen ’66 und ’72 (nach eigenen Angaben) Aktivist in der Studentenbewegung in Berlin und Trento (Italien). Die Pressekonferenz, ihre Protagonisten, die Austellung und die geplanten Ereignisse machen den Eindruck, dass diese Veranstaltung wiederum nur zur Denunziation der 68er Revolte genutzt werden soll.

Götz Aly ist einer der Protagonisten der schweren Vorwürfe, die er in der rbb Sendung stilbruch (am 31.1.08, 22:05 Uhr) ausformuliert. Der ansonsten recht vernünftige, interdisziplinäre Holocaustforscher erhebt gleichzeitig den Vorwurf, dass die 68er ein Autoritätsproblem hatten und die faschistische Schuld auf die Vereinigten Staaten übertrugen. Sie sollen bedingungslos und unkritisch einigen wenigen Führern gefolgt sein und die USA als neuen imperialistisch-faschistischen Feind überhöht haben.

    Die Jahre ’67 und ’68 sind die Jahre in der Bundesrepublik mit den allermeisten NS-Prozessen. Und da findet etwas statt, was man als Schuldübertragung bezeichnen kann. Der Faschist, der Nazi, sitzt plötzlich nicht in Deutschland und hat Namen und Adresse, sondern er wird nach Washington verlegt. Das drückt sich dann aus in der merkwürdigen Parole ‚USA-SA-SS‘.

Jedoch, dass es neben den zum Teil sektiererischen Gruppen, immer auch offene, alternative, nicht vom unpolitischem Popgeist infizierte Gruppen und Räume gab, wird geflissentlich verschwiegen. Die Szene war heterogen und nicht monolithisch folgsam. Zumindest in ihrer Aufbruchphase waren Diskurs, Diskussion und publizistische Befreiung die maßgeblichen Attribute, nicht die autistische Ausgrenzung.

Aber Herr Aly scheint dies nun komplett verdrängen zu wollen. Viel mehr ist er bestens im fundamentalistischen, neokonservativen Lager angekommen. Er konstruiert in der Frankfurter Rundschau vom 30. Januar einen Zusammenhang zwischen faschistischer und 68er Revolte. Der Essay nennt sich dementsprechend provokant und ebenso absurd Die Väter der 68er und setzt den tödlichen Faschismus mit der Studentenrevolte der 60er Jahre in direkte Verbindung. Wie widerlich und obszön diese Ansicht ist, bestätigen die Leserbriefe.

Ach, die Austellung übrigens findet vom 31. Januar bis 31. Mai in den Räumen des Amerika Hauses in der Hardenbergstrasse statt. Geöffnet ist täglich 10-20 Uhr. Der Besuch ist kostenlos.

Der Ort ist bewußt gewählt. Die rbb Abendschau erläutert, dass das Amerika-Haus an der Hardenbergstraße im westberliner Stadtteil Charlottenburg das Kulturinstitut der USA in Berlin war. Deshalb wurde es als Symbol des Kulturimperialismus der westlichen Welt zum beliebten Ausgangspunkt oder auch Ziel vieler Demonstrationen. Es war ebenfalls ein Zentrum des propagandistischen Informationskrieges gegen die Befreiungsbewegungen in Südamerika, Asien und Afrika. Die außerparlamentarische Linke baute eine Struktur der Gegeninformation auf, die bis heute besteht. Es ist nur folgerichtig sich gegen die denunzierenden Medienzentralen zu wenden, die damals im Amerika Haus beheimatet waren und bis heute im Springer Hochhaus residieren.

Es ist also nicht verwunderlich, dass an diesem Ort die deutsche Tradition fortgesetzt wird die Revolte, ob nun im In- oder Ausland, zu marginalisieren, diskreditieren und kriminalieren. Ganz brüderlich steht die amerikanische Sicht der deutschen bei. Auch wenn Thomas Krüger, der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung äußert, dass keine fertige Interpretation der 68er-Revolte geliefert werden soll, sondern vielmehr zu einer Debatte über deren Bewertung eingeladen wird, ist die Diskussion lediglich rhetorisch angelegt. Die Bewertung steht fest. Die Bewegung wird auf ihre autoritären und zerstörischen Höhepunkte reduziert. Emanzipation, Diskussion, das fundamentale, neue Wertesystem und die Bedeutung bis heute, werden zwar anerkannt, können aber gleichzeitig – ganz Pop – integriert und affirmativ als aus der bürgerliche Gesellschaft entstammend und in diese zurückwirkend vereinnahmt werden.

Die Austellung konzentriert sich auf die Berliner Vorgänge des Jahres 1968. Originalobjekte und zahlreiche Ton- und Bilddokumente veranschaulichen die Protestkultur und Lebensentwürfe der 68er-Bewegung, so die Pressemitteilung (pdf) zur Ausstellung. Ein Schwerpunkt ist der Vietnamkongress (ein Video), der am 17./18. Februar im Jahre 1968 (schon wieder) im Audimax der Technischen Universität Berlin stattfand. Es trafen sich mehrere tausend Teilnehmer, die die Solidaritätsarbeit und kontinuierliche Gegeninformation zu den bundesdeutschen Medien mit dem Anspruch verbanden, sich als Teil einer weltweiten revolutionären Bewegung zu begreifen, die den antiimperialistischen Befreiungskampf der Dritten Welt mit einem Kampf um Sozialismus in der Metropole verknüpfte. Die Schlußerklärung betonte, dass die Oppositionsbewegung in den kapitalistischen Ländern ihren Kampf auf eine neue Stufe heben, ihre Aktionen ausweiten, verschärfen und konkretisieren muss. Sie gipfelt in der Aussage, dass die Oppositionsbewegung vor dem Übergang vom Protest zum politischen Widerstand steht. Die Forderungen bezogen sich sowohl auf unterstützende Kampagnen, auf Aufklärungsarbeit bei amerikanischen GIs, Hafenarbeitern, die militärisches und ziviles Kriegsmaterial verluden, auf die Organisation von Massendemonstrationen, aber auch auf die materielle Unterstützung der Befreiungsarmee in Vietnam und konkrete Sabotageakte gegen Kriegsgüter in Betrieben und Kasernen.

Im Anschluß an den Kongreß fand eine friedliche, internationalistische Demonstration von weit über 10.000 TeilnehmerInnen durch West-Berlin statt, berichten die Haschrebellen, die anarchistische Stadt-Guerilla. Die Demonstranten liefen fest eingehackt in Ketten, womit eine Demonstrationstechnik übernommen wurde, die unter anderem von der linksradikalen französischen Gruppierung Gauche Proletarienne praktiziert worden war und bis heute insbesondere antikapitalistische Blöcke vor dem Zugriff durch die Polizei schützt.

Bezugnehmend auf diesen bahnbrechenden Kongress veranstaltet die Berlinale in diesem Jahr in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung die Retrospektive War at home (pdf) um die US-amerikanische Perspektive auf den Vietnamkrieg in einem kompakten Filmprogramm nachzuzeichnen. Die Aufführungen ergänzen ausdrücklich die Lesungen, Podiums- und Zeitzeugengespräche zur Austellung ’68 – Brennpunkt Berlin. Gezeigt werden einige kritische Spiel- und Dokumentarfilme und den einzigen, zeitgenössischen Film, der den Einsatz rechtfertigt, The Green Berets (auf deutsch Die grünen Teufel). Das Programm der kritischen, alternativen, aber auch Hollywoodproduktionen lohnt sich in jedem Fall. Die Filme Catch 22 und M.A.S.H. dürften einigen bekannt sein. Auch der politische experimental Film In the year of the pig könnte manchen, zumindest vom Hören, ein Begriff sein.

Ein Besuch dieser Retrospektive lohnt sich bestimmt. Insbesondere, weil der problematische Blick des deutschen Bürgertums auf die eigene 68er Biographie hier nicht denuzierend und verharmlosend eingreifen kann, denn es handelt sich in erster Linie um einen imaginiert externen Diskurs (dem natürlich nicht so ist).

Die Austellung
1. Februar bis 31. Mai. täglich in der Zeit von 10:00 bis 20:00 Uhr geöffnet.
Eintritt frei.
Amerika Haus
Hardenbergstraße 22-24
10623 Berlin

Internationale Filmfestspiel Berlin
In zahlreichen Filmtheatern in ganz Berlin
7. – 17. Februar 2008


2 Antworten auf „Eröffnung der Ausstellung 68 – Brennpunkt Berlin


  1. 1 Lothar Kopp 18. Mai 2008 um 13:17 Uhr

    Es ist schon merkwürdig, eine Ausstellung über 1968 mit ganz Berlin in Verbindung zu bringen. Realitätsgerecht müßte es heißen: „68 – Brennpunkt West-Berlin“. Unter Ulbricht war Stille im Osten. Nicht bei mutigen Bürgerrechtlern, aber unter Studenten in Ost-Berlin allemal.
    Den Mut der 1989er hatten sie nicht – noch nicht.

  2. 2 Machnow 18. Mai 2008 um 17:49 Uhr

    Diese Genauigkeit ist für die bundesdeutsche Bundeszentrale für politische Bildung einfach zu viel. Schon damals – vor ’89 – gabs aus BRD Sicht nur Berlin und Ost-Berlin. Das die BpB diese sprachliche Konvention beibehält, zeugt von ihrer Kontinuität & bestätigt ihre Verbindung zur bundesdeutschen Politik / zum bundesdeutschen Staat. Aufklärung, Aufarbeitung oder sonstige kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit darf von dort nicht erwartet werden.

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