Pop goes Antifa?!

Da kuck ich ganz unverbindlich Fernsehen, lass mich kriminalistisch, humorlos und widerwärtig militaristisch berisseln, bis mir speiübel wird, da singt mich in dialektgefärbtem Gröhldeutsch was ganz unerwartetes an. Der Anitinazibund wird von den Sportfreunden Stiller besungen. Und zwar in der nationalistischen Grosskapitalistensendung Bundesvision Song Contest von Stefan Raab.

Diese Veranstaltung führt alles, was an sogenanntem deutschen Pop so durch die Gegend musiziert, zusammen. Ganz antieuropäisch, als Gegenveranstaltung zum verstaubtem Eurovision Songcontest, der seit der EU-Erweiterung durch die Osteuropa-Connection kontrolliert wird und alte, vorbildliche, zivilisierte Europäer, die noch nie was gerissen haben, verzweifelt vom Ausstieg faseln läßt, darf jeder nett und fein in seiner Landessprache (dh. ausschließlich deutsch), aber stilististisch verschieden seinen Beitrag zum Wir-sind-wieder-wer-Feeling beitragen. Alles, vom süssen Mädchenreggae, über weichgespülten H&M-Pop, gekreischtem Neo-NDW, knallharten Rappern, sowie Ragga Soundsystems, bis zu düsteren Gesellen und Orchestergesäusel, muss alles dabei sein. Nächstes Jahr ist dann vielleicht die Schweiz und Östereich (und weiss ich wer noch) anstatt beim europäisch-folkloristischen Eurovision beim BuViSoCo vom vulgären Kallauerkönig Stefan Raab. Gewonnen hatte übrigens Brandenburg mit Subway to Sally.

Doch dagegen wehrt sich etwas. Lieb bürgerlich und ganz tolerant kämpfen die bayrischen Alternative-Rocker Sportfreunde Stiller gegen die braune Brut. Der Skinhead wird einfach auf Weltreise geschickt und umerzogen (das Video). Mit Händchenhalten wird er im Kopf gesund gemacht. Zack! Und der Gedächtnisschwund ist geheilt.

Das war, schön geschrammelt, aber christlich harmonisiert, der Antinazibund der Sportfreunde Stiller. Noch im Sommer ’06, nach dem verlorenen Halbfinale, fröhnten sie ganz patriotisch, symphatisch nationalistisch dem Siegeswahn. Wenn nicht 2006, dann doch wenigstens 2010 sollte die deutsche nationalmannschaft gewinnen. Aber die nationale Seele mußte ja auch getröstet werden. Schließlich waren wir die Weltmeister der Herzen. Doch im Jahr ’08 gehts auch mal anders. Nämlich gegen Nazis.


    trendsetter, styler und langeweiler,
    hiphopper, postrocker und abseiler,
    dickhäuter, warmblüter, schwere gemüter
    rentner und schüler, väter und mütter

    wir schaun uns an, reichen uns die hand
    tun uns zusamm egal wo und wann
    und im kopf gesund gegen gedächtnisschwund
    rollt er los der antinazibund

    asketen und propheten, akkordarbeiter,
    studenten, angestellte, abteilungsleiter,
    einzelgänger, gruppenzwängler, wunderheiler
    der kreis wird weiter, die brust wird breiter

Alle stehen sie gegen die Faschisten, treffen sich zu Hause, oder auch mal zum Antinazi-Konzert in der Kirche. Vielleicht sogar, wenn es die Eltern erlauben – ach, die sind jetzt ja dabei, juhu – auf der Strasse, bei Bratwurst, Cola oder Bier. Wie schön Antifaschismus doch sein kann! Nicht wahr! Wie schön altönativ Bürger sich doch fühlen können. Doch unsere Opfertage bitte nicht anfassen. Wir müssen uns doch auch erinnern dürfen, an unsere zerstörten Familien, an unsere Trauer, an unsere Tränen. Die anderen sind doch schon so lange weg. Auch wenn sie schon wieder kommen und neue, ganz moderne Synagogen bauen. Wir sind doch im Antinazibund. Das muss reichen!

Mir reichts nicht, dieser bürgerliche Popantifaschismus. Die sogenannte Zivilgesellschaft feiert sich so nur selbst. Die Initiative mag löblich sein. Bisher sammelt sie aber lediglich Daten von Mitstreitern ohne ein Konzept anzubieten. Die Unterzeichner setzen ein Zeichen, ganz virtuell, ganz aktionistisch. Termine werden nicht aufgeführt. Was mit der Unterschrift passiert ist unklar. Sie wäre besser gegen die NPD abgegeben worden. Aber, das ist wahrscheinlich zu intolerant zu wenig sinnfrei, eben zielgerichtet. Nobel die Geste. Der Text völlig Scheiße! Die Unterstützung gleich null! Wat für‘n super Antinazibund. Ausserdem gibt es schön regionale Bünde, genannt Antifa.

Aber sonst, nen ganz gutes Lied. Trotzdem,
Better join your local Antifa!


3 Antworten auf „Pop goes Antifa?!“


  1. 1 Thomas 16. Februar 2008 um 17:57 Uhr

    Von den überpragmatischen Bürgerlichen zu den überdogmatischen Antifas – ich weiß nicht, ob das der richtige Weg ist.

  2. 2 machnow 16. Februar 2008 um 18:04 Uhr

    wenn die antinazibund-initiative nich so schwach auf der brüst wär hätt ick nix dagegen… und ich war schon positiv überrascht, wat da bei dem raab lief. deshalb hab ick ja nach recherchert. umso enttäuschter war ich, dass sich nix dahinter verbirgt! wirklich gar nix! kein aufruf zum zivilen ungehorsam gegen nazis! keine verlinkung zu opferinitiativen! einfach gar nix! nüscht… Nur ZEICHEN, ohne konsequenz!

  1. 1 Zona Antifascista #1 « Analyse, Kritik & Aktion Pingback am 13. August 2008 um 15:58 Uhr
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