Gelesen (1): Jakob der Lügner

Jakob der LuegnerZukünftig möchte ich in diesem Blog Geschichten und Bücher vorstellen, die ich zur Zeit lese und die mir besonders gut gefallen haben. Vielleicht fühlt sich der eine oder andere dadurch selber zum lesen animiert. Ich werde literarische Werke ebenso wie Sachbücher vorstellen. Beginnen werde ich mit Jurek Beckers Roman „Jakob der Lügner“. Ich bin zwar kein Freund von Rankings, aber den ersten Platz hätte diese traurige Geschichte verdient.

Jakob, wenn man so will der Held der Geschichte, hat mit dem Lügen nicht mit Absicht begonnen. Er wollte seinem Freund Mischa das Leben retten. Mischa war gerade auf die Idee gekommen Kartoffeln zu stehlen, aber für so eine Tat gilt die Todesstrafe. Denn es sind deutsche Kartoffeln und Mischa und Jakob sind Juden. Um seinen Freund vor der Tat zu bewahren, behauptet er ein Radio zu besitzen. Auf Radiobesitz steht ebenso die Todesstrafe. Deshalb hat niemand im jüdischen Ghetto ein Radio. Und weil niemand ein Radio hat, weiß kein Bewohner des Ghettos, was außerhalb des Ghettos geschieht. Auch nicht, wer wohl den Krieg gewinnen wird. Also denkt sich Jakob Kriegsgeschichten aus, die er angeblich im Radio gehört hat. Bei ihm gewinnen die Russen ständig an Raum – nur leider nicht genug, damit alle das Dröhnen der Artillerie in der Ferne hören können.
Was Jakob einem Freund erzählt, weiß am nächsten Tag das ganze Ghetto. Jeder erwartet von ihm neue Meldungen von der Lage an der Front. Die denkt sich Jakob in der Nacht aus. Während der wenigen Pausen bei der Zwangsarbeit werden die Neuigkeiten dann erzählt. Auf einmal gibt es kaum noch Selbstmorde im Ghetto. Nur den Hunger kann man so nicht besiegen. Auch nicht die deutschen Gewehrläufe. So beginnt die Geschichte. Nur wo bleiben die Russen?

Jurek Becker, dessen Eltern Juden waren, musste als Kind mit seinen Eltern im Ghetto in Lodz leben. Getrennt von seinen Eltern kam er mit etwa fünf Jahren in das KZ Ravensbrück und später nach Sachsenhausen. Von seiner zwanzigköpfigen Familie überlebte nur er, sein Vater und eine Tante. „Jakob der Lügner“ ist sein erster Roman und sein größter Erfolg. Es wird behauptet, dass das Werk zu den besten Prosastücken gehört, die in der DDR geschrieben wurden. 1977 reiste Becker jedoch aus politischen Gründen aus der DDR aus.

Die Sprache des Stücks ist brilliant, die Geschichte mitreißend. Trotz ihrer großen Traurigkeit fehlt es der Geschichte nicht an Witz, Humor und vor allem Ironie. Von Belehrung auch keine Spur. Nicht mal die Bewacher des Ghettos sind alle von Grund auf böse. Obwohl der Tod stetiger Begleiter ist, machen die Protagonisten das beste aus ihrer Lage und verlieren dabei nicht ihre Menschlichkeit. Obwohl es schon schwer genug ist selber zu überleben, kümmert sich Jakob zusätzlich um ein Waisenkind und nebenbei noch um alle anderen Bewohner des Ghettos. Mehr ist auf dieser Webseite zu erfahren, aber viel besser ist es diese Geschichte selber zu lesen.

Jurek Becker: Jakob der Lügner, Suhrkamp, Frankfurt/Main 2008, 8,50 €


3 Antworten auf „Gelesen (1): Jakob der Lügner“


  1. 1 machnow 20. Februar 2008 um 16:20 Uhr

    Mit der DEFA-Verfilmung dieses Buches hat die DDR übrigens ihren einzigen Oscar erreicht. Schon Wahnsinn, dass die kapitalistischste Film-(Kultur-)Veranstaltung, die Großveranstaltung des Film-Spektakels, diesen groartigen Stoff und die Filmkunst der DDR ehrt.

  2. 2 Thomas 21. Februar 2008 um 22:54 Uhr

    Mal sehen ob man den Film irgendwie beschaffen kann.

  3. 3 LucaPinoRelli 22. Februar 2008 um 15:47 Uhr

    der film wär auf jeden fall wat fürn nen filmabend. wa!

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