Gelesen (2): Tannöd

Tannöd„Tannöd“, ein Krimi von Andrea Maria Schenkel, hat sich sehr lange in den deutschen Bestenlisten (gemessen an den verkauften Exemplaren) gehalten und musste sich nur von Harry Potter geschlagen geben. Ein äußerst erfolgreiches Buch also, aber es fragt sich schon warum. Sicher, das Buch ist spannend, ziemlich originell in der Handlung und am Ende kommt der für jeden Krimi obligatorische Aha-Effekt. Sprachlich ist der Krimi ausgereift, die Monologe der zahlreichen Charaktere sind sehr realitätsnah dargestellt. Aber das allein reißt wohl niemandem vom Hocker und kann schwer der Grund für den gewaltigen Erfolg sein.

Vielleicht sollte man bei der Suche nach dem Erfolgsgrund doch bei der einfallsreichen Geschichte ansetzen: Eine Frau kommt in den Ort ihrer Kindheit zurück, in dem ein schrecklich brutaler Fünffach-Mord passiert ist. Vom Täter fehlt – wie könnte es anders sein – jede Spur. Der Ort hat ziemlich wenig Einwohner, so dass die Frau fast jeden Bewohner interviewen kann. Also sagt jeder was er weiß und beobachtet hat. Nur der Mörder selbst gibt zunächst ein verzerrtes Bild der Realität wieder, wer könnte es ihm auch verdenken. Beim Lesen tappt man ob der Aufklärung des Mordes ziemlich im Dunkeln, aber die interessanten Charaktere und ihre Lebensgeschichten, die sich alle in diesem kleinen Dorf mitten im Nirgendwo abspielen, halten die Lust am Lesen. Der Mörder klärt den Mord dann praktischerweise selbstständig auf. Es war ein Lustmord. Dem Täter fehlte es an der Fähigkeit zur Triebsublimierung. Das wiederum ist wenig originell, spielt aber keine große Rolle.

Die Geschichte ist also ganz passabel, hat aber den Haken, dass man ihr so recht keine Botschaft extrahieren kann. Das es „keinen Gott gibt“ – so die Erkenntnis des Mörders – haben wir schon oft genug erfahren. Das macht aber nichts, denn nicht jedes Buch muss uns gleich die Welt erklären. Interessanter sind da schon Autorin und Verlag. Anna Maria Schenkel hat vor diesem Buch nie etwas veröffentlicht und auch nie ein Seminar über kreatives Schreiben besucht. Sie war Arztgattin und hat an den Abenden diese Geschichte niedergeschrieben. Entdeckt wurde sie vom linken Verlag Edition Nautilus [1] [2]. Seit 1975 bringt der engagierte Kleinverlag aus Hamburg politische, anarchistische, dadaistische und situationistische Schriften heraus und ergänzt sein Verlagsprogramm um literarische Texte. Durch den großen Erfolg von „Tannöd“ konnten erstmals die Löhne für die Angestellten nennenswert angehoben werden. Frau Schenkel hat Charakter bewiesen und ihren nächsten großen Erfolg, den Krimi „Kalteis“, ebenso bei Edition Nautilus herausgebracht.

Man muss „Tannöd“ nicht unbedingt gelesen haben, schon gar nicht, weil der Krimi so erfolgreich ist. Die Geschichte ist aber spannend und nimmt nicht viel Zeit in Anspruch. Eine Empfehlung ist das Buch also auf jeden Fall wert.

Anna Maria Schenkel: Tannöd, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/Main 2007, 11,90 €


2 Antworten auf „Gelesen (2): Tannöd“


  1. 1 LucaPinoRelli 22. Februar 2008 um 16:03 Uhr

    wo wa schon ma bei krimis sind. einer meiner lieblingsautoren in sachen krimi ist carlo schäfer. seine reihe um den kauzigen beinahpensionierten heidelberger kommissar theuer und seine freaktruppe ist wunderbar. der letzte – fünfte – band ist erschienen, übrigens bei rororo. sein im kirchenmilieu spielender krimi kinder und wölfe ist ebenfalls bei edition nautilus in der reihe kaliber.64 erschienen. ein kurzkrimi der es in sich hat. es bleibt wirklich zu hoffen, dass dieser verlag proporierend weiter den freaks & anarchos dieser welt ein auskommen bieten kann…

    übrigens, der oben beschrieben krimi kann auch direkt bei der edition nautilus (zwar für einen euro mehr, aber was solls) bestellt werden. die infos gibts hier.

  2. 2 Thomas 22. Februar 2008 um 20:42 Uhr

    Die Büchergilde finde ich auch sehr unterstützenswert, wenngleich das Programm etwas bürgerlicher ist.

    Eigentlich lese ich ja gar keine Krimis, aber wenn mir mal die Literatur ausgeht, werd ich mir bei dir den Schäfer ausleihen.

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