Italien für Fussball-Touristen

Was macht ein Deutscher in Italien? Er lässt sich’s richtig gut gehen, isst gut, schaut endlich mal richtig guten Fußball, zwar nicht im Fernsehen und auch nur, wenn er sich ’ne Woche vorher entscheiden kann, aber dann schon. Es zeigt sich also, dass es sich immer lohnt nach Italien zu fahren. Deshalb geht aka auch genau dorthin on Tour. Und damit wir nicht ganz kulturell untergehen dokumentieren wir hier für uns ganz persönlich kleine Regeln für den jungfräulichen Italientouristen, die freundlicherweise Mister Altravita schon einmal zusammengestellt hat.

Gestern gabs zu den Beiträgen Autofahren in Italien und Restaurants in Italien von Mister Altravita mit Fußball in Italien Nachschlag. Gut für! Mit dem Autofahren hab ich zwar nicht soviel am Hut, aber Essen ist wichtig! Caffè natürlich auch. Und zu wissen, wo es gutes, günstiges Essen gibt, ist für Studenten existenziell. Insbesondere, wenn mensch sich im befreundeten Ausland befindet. Über die Fussballtipps freue ich mich natürlich noch mehr. Aber kommen wir zunächst zu den wirklich wichtigen Tipps.

Wenn ein Restaurant an einem normalen Wochentag voll ist, besonders Mittags, und vor dem Lokal lauter Autos mit italienischen Kennzeichen stehen, dann isst man dort sehr gut und preiswert. Gilt immer und überall und der Hintergrund ist folgender. Mittags essen Maurer und andere Handwerker, die haben ein feines Näschen und sind ein durchaus verwöhntes Völkchen. Für ihr 10-Euro-Mittagsmenü wollen die gut und möglichst viel essen, wer das nicht bieten kann, wird verschmäht. Bauarbeiter sind dafür bekannt, dass sie gegebenenfalls die Trattoria neben der Baustelle links liegen lassen und ein paar Kilometer weiter essen fahren. Mund-zu-Mund-Propaganda führt sehr schnell dazu, dass bei schlechtem Essen ein eben noch gut frequentiertes Ristorante innerhalb von Tagen verwaist! Gleiches gilt auch für den normalen Betrieb am Abend, eine italienische Freundin hat mir mal sehr prägnant den Grund dafür genannt. Essen hat in Italien eine sehr hohen Stellenwert, man gibt einen viel höheren Anteil seines Lohns für Restaurantbesuche aus. Dafür erwartet man sich aber auch besseres Essen als Zuhause. Nun ist es traditionell so, dass die italienische Mamma, Nonna oder wer sonst so kocht, in der Regel hervorragend kochen kann – geht man abends aus, so erwartet man sich etwas besonderes, besseres! Achtet mal drauf: Viele oder nur italienische Kennzeichen auf dem Parkplatz, oft verbunden mit einem vergleichsweise kargen, unprätentiösen Ambiente, sind sichere Anzeiger hoher Essqualität. Allerdings gibt es in solchen typischen Lokalitäten oft keine Speisekarte – und schon gar keine deutsche – und man erhält einen Vortrag vom Kellner oder die Gerichte stehen auf einer Tafel an der Wand.

Na dann wissen wir, wo wir essen. Mit dem Trinkgeld ist es in Italien übrigens so, dass es nicht üblich ist, welches zu geben. Wenn der caffè 90 Cent kostet, dann ist es völlig normal, sich die 10 ct herausgeben zu lassen – Urlauber oder nicht. Gleiches gilt für die Restaurantrechnung, es besteht einfach kein – auch ungeschriebenes – Gesetz, dass man Trinkgeld geben muss. Selbstverständlich freut sich die oft vergleichsweise karg bezahlte Bedienung über eine Aufmerksamkeit, diese wird aber nach dem korrekten Bezahlen der Rechnung entweder auf dem Tisch liegen gelassen, der Bedienung in die Hand gedrückt oder in die Spardose “Mancia” neben der Kasse gesteckt.

Anstatt des Trinkgeldes gibt es in Italien ein anderen laufenden Betrag, der beim Restaurantbesuch anfällt, der sich coperto nennt. Also, wenn sich auf eurer Rechnung oder Speisekarte ein Betrag “coperto” (typischerweise 2 oder 3 Euro) findet, so ist das kein Hinweis auf Wegelagerei gegen arme Touristen, sondern ein ganz üblicher Zuschlag. Einfach mitrechnen, dann gibts keien bösen Überraschungen. Und wenn kein coperto anfällt, dann freut sich bestimmt der Kellner über Trinkgeld.

Wichtig für Italientouristen ist zu wissen, dass die südlichen Essgewohnheiten erheblich von den nordisch-deutschen abweicht. Generell ist anzumerken, dass später und länger gegessen wird. Die erste richtige Mahlzeit ist Mittag. Frühstück gibt es nicht. Frühstück besteht – wenn überhaupt – aus einem Kaffee im Stehen und bestenfalls einem Hörnchen (cornetto bzw. brioche) oder einem ungetoasteten labberigen Toast (tramezzino). Oft werden zum Frühstück auch Kekse gegessen. Müsli bevorzugen eher Freaks. Mittag isst man zwischen 12.00 und 13.30 Uhr, danach ist die Küche zu. Abendessen beginnt in Ialien ab 20 Uhr, wobei es hierbei regionale Unterschiede gibt. Je südlicher mensch sich bewegt, umso später wird gegessen.

Eines der wichtigsten italienischen Institutionen ist die Bar. Diese darf jedoch nicht mit einem englischen Pub oder einer deutschen Kneipe verwechselt werden. In einer italienischen Bar gibt es nämlich ebenfalls an einer Theke bevorzugt koffeinhaltige Getränke, den Caffè, der an der Theke konsumiert wird. In der Bar trifft sich alles und unterhält sich.

Dass ein “Espresso” nur von Touristen bestellt wird, alle anderen “caffè” sagen, sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Glaubt aber nicht, dass ihr mit dem Wort gleich eine Klasse aufsteigt und sozusagen eingemeindet werdet oder als Italiener durchgeht. Wenn ihr also durchaus korrekt einen “caffè” bestellt, wundert euch nicht über die Nachfrage “americano”? oder “tazza grande”? Caffè americano ist das Äquivalent zur deutschen Kaffeemaschinen-Brühe und um sicherzugehen, wird lieber nochmal nachgefragt.

Übrigens, weil die Bar der Haupttreffpunkt ist, gibts dort natrürlich auch die besten Informationen. Wenn ihr also öfters mal in dieselbe Bar geht, ladet ruhig die alten Männer am Tresen mit ein – meist haben die schon ein Glas vor sich stehen, ihr braucht nur drauf zu zeigen, die Bedienung versteht das schon. Im Gegenzug erhaltet ihr so immer die besten Tipps zu den Sehenswürdigkeiten der Gegend oder zumindest einen kommunikativen Abend – garantiert hat irgendeiner der Barbesucher schonmal 30 Jahre in Deutschland gearbeitet und verwickelt euch in ein interessantes Gespräch. Da könnt ihr dann gern fragen, was man denn anschauen sollte in der Gegend oder wo man gut essen gehen kann!

Aber kommen wir nun zum Allerwichtigsten! Nämlich zum Fussball. Zum Hauptgrund unserer Reise nach Italien. Also, wie verhält mensch sich am besten im italienischen fernsehen?

Man verhält sich als Zuschauer genauso wie in deutschen Bundesliga-Stadien, wirklich. Wenn man sich nicht gerade in Inter-Kluft in die Südkurve des San Siro stellt und Schmähgesänge auf den AC Milan anstimmt, sollte eigentlich nichts passieren. Denn entgegen den Verlautbarungen der Sensationspresse sind italienische Fußballfans keineswegs allesamt kinderfressende Terroristen. Als offensichtlich deutschsprachiger Tourist ist man sowieso aus allen Schwierigkeiten raus. Wer ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis hat, kann sich hier unter Guerra e Pace über aktuell bestehende Fanfreundschaften (Gemelaggi) und Feindschaften (Rivalità) der Tifoserien der Serie A und Serie B informieren.

Genauso wichtig, wie über die komplizierten, etwas rauheren Sitten in der Kurve informiert zu sein, ist aber auch, wo es etwas zu trinken gibt. Etwas traurig ist, dass Bier nicht im Stadion ausgeschenkt wird, sondern in den Bars im Umfeld des Stadions bzw. an den zahlreichen Verkaufsständen drumherum konsumiert werden kann.

Hier kann man auch ordentlich essen oder diverse Fan-Artikel als Souvenir einkaufen. Nicht-offizielle Shirts kann man für 10-15 Euro erwerben, Schals kosten 5-10 Euro und Fahnen um die 10 Euro. Als Deutscher am besten ein bisschen daneben stellen und schauen, was die Italiener bezahlen – italienische fliegende Händler sind bei der Preisgestaltung oft sehr flexibel. Ab Rom südwärts würde ich zudem passend zahlen.

Mister Altravita weist auch nachdrücklich darauf hin sich ein kleines Grundvokabular für den Stadionbesuch zuzulegen. Mit Deutsch oder Englisch kann man nicht viel anfangen, die Ordner können teilweise nicht einmal Italienisch. Also hier ein paar Begriffe:

ingresso = Eingang
settore = Sektor
parcheggio = Parkleitsystem
ospitti = Gäste

Wenn eure Italienisch-Kenntnisse ausreichend sind, solltet ihr in Italien trotzdem Gespräche über Fußball sehr diplomatisch angehen, hier lauern erhebliche Fettnäpfe. Der Italiener lebt seine Leidenschaft für den Fußball sehr emotional und die feinen Verwerfungen zwischen den einzelnen Regionen und Vereinen sind einerseits komplett undurchschaubar und haben ihren Ursprung in irgendwelchen Geschehnissen vor 60 Jahren oder 2 Wochen und werden andererseits auch deutlich impulsiver gelebt. Vor allem, wenn fußballfremde Einflüsse dazukommen wie etwa regionale Feindschaften (Mailand/Neapel) oder unterschiedliche politische Ausriuchtungen (Livorno/Lazio). Was zwischen etwa Dortmund und Schalke meist Folklore ist, kann hier schnell in einen handfesten Hass ausarten. Am besten so tun, als ob ihr euch nicht für Fußball interessiert oder bestenfalls nur irgendeine deutsche Mannschaft unterstützt. Mann darf zum Beispiel keinesfalls davon ausgehen, dass man sich in Neapel oder Palermo Freunde damit macht, wenn man über die Klubs aus dem reichen Norden herzieht – praktisch alle Süditaliener sind entweder sowieso Fan eines der 3 großen Clubs oder haben zumindest Milan, Inter oder Juve als Zweitverein (”seconda squadra”). Man will ja auch mal auf der Siegerseite sein! Entsprechende Polemiken können also eher unangenehm zurückschlagen.

In Italien besonders schwer ist es an die begehrten Tickets zu kommen. Es gab mal Zeiten, da stand man vor dem Spiel am Stadion und kaufte sich einfach eine Eintrittskarte. Im Zuge der verschärften Repressionen ist das Beschaffen von Karten ein durchaus komplizierter Prozess geworden – und ich rede nicht nur von Spitzenspielen, die sowieso immer Jahre im Voraus ausverkauft sind. Es gibt im Prinzip 7 Möglichkeiten, an Tickets zu kommen: Über Online-Portale, über die jeweiligen Vereinsseiten, über spezialisierte Reiseveranstalter, über offizielle Fanclubs, italienische Freunde, Ebay und den Schwarzmarkt, wobei von letzterem abzuraten ist. Auch die eBay-Versteigerung ist problematisch. Die personalisierten Eintrittkarten können nciht übertragen werden, auch wenn jemand solches behauptet. Bleiben also noch die spezialisierten Reiseveranstalter, Fanclubs und italiensiche Freunde.

Es ist wie immer in Italien, man muss die richtigen Leute kennen. Praktisch jeder Italiener kann bis zu 4 Tickets für ein Spiel erwerben, vorzulegen sind dabei lediglich eine Kopie des Personalausweises oder Reisepasses, Urlauber haben ja in der Regel keinen codice fiscale. Wenn ihr also jemanden kennt, fragt einfach mal freundlich an und mailt oder faxt dem euer Dokument.

Bei den Fanclubs ist zu beachten, dass die gerne aktive Teilnahme wünschen. Reine Ticketjunkies sind nicht illkommen. Dort gibt es aber auf jeden Fall billige Karten, denn sie bekommen bestimmt Kontingente auch für Spitzenspiele. Besonders die großen Vereine haben Fanclubs auch in Deutschland und helfen gerne weiter. Eine Mitgliedschaft würde sich also nur lohnen, wenn es öfter ins Stadion gehen sollte.

Reiseveranstalter und Onlineportale sind die letzte, etwas kostenaufwendigere, aber dafür sichere, Alternative.

Guten Gewissens und aus eigener Erfahrung empfehlen kann ich Michele und Renato Cedrolas Front Group aus der Schweiz. Die Jungs kenne ich persönlich und auch mit dem einen oder anderen Ticket haben sie mir schon geholfen. Spezialisiert sind sie auf Spiele in Mailand, Turin und Rom, aber auch für andere Spiele kann man jederzeit mal fragen. Einerseits kann man die ganze Reise buchen (ab Schweiz oder Österreich), mit dem Vorteil, dass man ganz entspannt und in der Gruppe mit dem Bus anreist und sich keine Gedanken über Maut, Parkplätze, Schäden am Auto, Verpflegung oder italienischen Verkehr machen muss. Andererseits kann man aber auch nur das Ticket buchen, was einem dann entweder zugeschickt oder direkt am Stadion übergeben wird.

Die wichtigsten Onlineportale für italienischen Fussball sind zumeist englischsprachig. Herbei ist LisTicket und TicketOne hervorzuheben. Eine weitere Online-Alternative ist SeatWave.

Der wichtigste Ansprechpartner sind aber die jeweiligen Ticketverkäufe in den Stadien oder bei den Vereinen. Mister Altravita hat in seinem Beitrag alle relevanten Serie A Club Verkäufe verlinkt.

Na dann, kanns ja losgehen!


3 Antworten auf „Italien für Fussball-Touristen“


  1. 1 Thomas 23. Februar 2008 um 20:54 Uhr

    Danke für den kenntnissreichen Beitrag. Da kann bei unserem Italien-Tripp ja nicht mehr viel schief laufen.

  2. 2 partigiani 24. Februar 2008 um 12:58 Uhr

    Arme Studenten linker Provenienz gehen im nächstgelegenen Circolo essen und trinken. Erstens sitzen da im Zweifelsfall Ex-Partigiani und deren Nachwuchs, zweitens zahlen Circoli keine Steuern und die Preisgestaltung ist weniger profitorientiert. Theoretisch bräuchte man eine Mitgliedskarte, praktisch wird die aber nie kontrolliert und Besucher sind gern gesehen. Einfach am Urlaubsort nach dem nächstgelegenen Circolo fragen (vgl. alte Männer) und Urlaubskasse schonen. Es gibt auch weitere Circoli, die von Sportvereinen oder katholischen Arbeitervereinen betrieben werden, das macht in der Praxis alles keinen Unterschied (vgl. italienischer Pragmatismus).

  3. 3 tipper 24. Februar 2008 um 13:00 Uhr

    Offiziell gibt es zwar kein Bier im Stadion, wenn aber jemand mit Plastiktüte durch die Reihen schleicht mit nem Geldbündel in der Hand und unter der Hand „Grappa“ und „Sambuca“ anpreist, könnt ihr euch ruhig mit kleinen Fläschchen eindecken. Darüber hinaus sind die Kurven in der Regel von Schwaden orientalischer Kräutermischungen durchzogen, die auch ein schlechtes Spiel allein durch Passivrauchen zu einem angenehmen Erlebnis machen.

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