Gelesen (3): Der Fremde

Der Fremde Die Konfrontation des Individuums mit der Gesellschaft wird in diesem Roman von Albert Camus thematisiert. Das Individuum in dieser Geschichte ist ein antriebsloser Mann, der sich nicht im Geringsten für seine Umwelt interessiert und dem die Anstrengung nachzudenken offenbar zuwider ist. Die Beerdigung seiner Mutter betrachtet er als einen formalen Akt, ob er seine Geliebte heiratet oder nicht ist ihm gleichgültig und seinem offensichtlich gewalttätigem Nachbarn leistet er Hilfe. Alltägliches und Banales sind das einzige, worüber der Protagonist nachzudenken vermag. Alles was darüber hinaus geht und ihn nicht direkt tangiert ist ihm gleichgültig.

Das Leben des Mannes verläuft in geregelten Bahnen bis er aus Zufall einen Mord an einem Araber begeht. Mit dem Opfer hatte er zuvor nichts zu tun – sein krimineller Nachbar lag mit dem Araber im Streit. Auch der Mord vermag der Phlegmatik des Protagonisten nichts anzuhaben. Noch nicht einmal um einen Anwalt kümmert es sich und empfindet die Zuweisung eines Pflichtverteidgers als eine praktische Formalie. Erst das Gerichtsurteil, dass auch durch eine von den Medien angestachelte Öffentlichkeit beeinflusst ist, erweckt den Mann aus seinem gedanklichen Tiefschlaf. Dennoch empfindet er noch immer keine Reue wegen seines Mordes, er empfindet nur Mitleid mit sich selbst. Als ihn ein Geistlicher in der Zelle nach seiner Vision eines anderen Lebens anspricht, kommt es zur Konfrontation. Für den Protagonisten gibt es kein anderes Leben. Er war wohl nie lebendig.

Die Geschichte ist auch ganz anders deutbar: Der Protagonist begeht aus Zufall einen Mord. Doch anstatt ihn für den Mord, den er sofort gesteht, zu verurteilen, wird dem Mann sein nicht den gesellschaftlichen Moralvorstellungen entsprechendes Verhalten zur Last gelegt. Bei dem Verfahren geht es nicht in erster Linie um die Tötung des Arabers. Ihm wird zur Last gelegt, dass er den Tod seiner Mutter nicht betrauert, dass er nicht an Gott glaubt und dass er seinem gerüchteweise moralisch niederträchtigem Nachbarn hilft. Der Mord wird von der Gesellschaft ausgenutzt um in die Privatsphäre des Mannes einzudringen. Er wird zu einem Sündenbock.

Es ist diese Zwiespältigkeit, die das Werk von Albert Camus zu einem Meisterwerk der Literatur macht. Unter anderem dafür wurde er 1957 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Camus ist einer der bedeutensten französischen Philosophen des 20. Jahrhunderts.

Für den Roman „Der Fremde“ möchte ich einen uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen.

Albert Camus: Der Fremde, Rowohlt, Hamburg 2003