Gelesen (4): Abschalten. Das Anti-Medien-Buch

Abschalten'' class= In unserer am 19. Februar gestarteten Literaturreihe sind bisher zwei Romane und ein Krimi erschienen. Als erstes Sachbuch in dieser Reihe macht nun Hektor Haarkötters medienkritisches Buch „Abschalten“ den Anfang.

Der Mensch ist ständig von Medien umgeben. Der Übergang von einer oralen Kultur mir direkter Kommunikation zu einer Schriftkultur mit überwiegend indirekter Kommunikation hat sich längst vollzogen. Studien zufolge verbringen die Menschen in Deutschland durchschnittlich 10 Stunden am Tag mit der Nutzung von Medien. Hektor Haarkötter, selber Fernsehjournalist und freier Autor, hat sich diesem auch politisch bedeutsamen Thema angenommen und eine profunde Medienkritik herausgebracht. Nacheinander arbeitet er sich an den Medien Buch, Zeitung, Fernsehen und Internet ab und stellt dabei die Protagonisten der Medienkritik der letzten Jahrhunderte vor. Haarkötter geht es in seinem Buch keineswegs darum die positiven und negativen Eigenschaften der verschiedenen Medien herauszuarbeiten. Im Vorwort stellt er klar, dass die Kommunikationsmittel sicher auch eine aufklärerische Wirkung haben und für die Menschen von großem Nutzen sein können, in seinem Buch möchte er aber die negativen Medieninterpretationen beginnend bei Platon bis in die heutige Zeit nachzeichnen.

Das gelingt ihm außerordentlich unterhaltsam und kenntnisreich, aber insbesondere bei seiner Kritik am Medium Buch stößt seine Methodik an ihre Grenzen. Mit erscheint es wenig sinnvoll die Kritik der katholischen Kirche des 16. Jahrhunderts am damals neuen Buchdruck als Kritik am Buch insgesamt darzustellen. Sinnvoller ist da schon die Gegenüberstellung von oraler und schriftlicher Kultur. Es gab, bevor sich das gedruckte Buch durchsetzte durchaus Künstler, die einen Epos von erheblichem Umfang ohne schriftliche Aufzeichnungen memorieren konnten. Von den letzten Künstlern dieser Zunft gibt es Tonaufnahmen, die zum Beginn des 20. Jahrhunderts aufgenommen wurden.

Das Buch hat seine Stärke in der Kritik an den Medien Fernsehen und Internet. Bei der Fernsehkritik steht die Selektivität und die Banalität des Gesendeten im Vordergrund. Insbesondere die Kritik am „Leben aus zweiter Hand“ verdient besondere Aufmerksamkeit. Bei täglichem Konsum der privaten Sender kann man Auswandern, sein Haus renovieren, Kinder besser erziehen, toll Urlaub machen, exotische Tiere wahlweise essen oder in ihnen baden – und das alles ohne Haus und Sofa zu verlassen. Trivialität wohin man schaut. Gleichzeitig sinkt das Bewusstsein für das eigene Leben. Mit dem Interesse an politischen Themen ist es nicht anders. Die Kritik richtet sich hier gegen das „Infotainment“, welches dazu führt, dass Nachrichten immer aufregender präsentiert werden – und alles unaufregende aber eigentlich relevante gar keine Nachricht mehr ist.
Im Zentrum der Internetkritik steht das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Der Surfer wird, auch durch Selbstverschulden, immer mehr zum gläsernen Kunden einer datenraffenden Werbeindustrie. Mit diesem Thema hat sich der AKA-Blog schon desöfteren beschäftigt. Zweifelsohne kann man aber auch ohne Computernutzung die Datenbanken der Werbebranche füllen.

Hektor Haarkötter plädiert nicht in erster Linie für einen kritischen Umgang mit Medien, ihm geht es um Medienabstinenz. Der Ansatz erscheint zunächst sehr radikal. Was aber würde uns fehlen, wenn wir keine Zeitung mehr lesen würden und die Bildschirmscheiben von Computer und Fernseher dunkel blieben? Welche Nachrichten sind schon Meldungen, nach denen wir uns wirklich richten? Welchen (auch unökonomischen) Nutzen hat es Blogs zu lesen (und zu schreiben)? Schon Platon soll statt der Lektüre eines Buch einen Spaziergang empfohlen haben. Haarkötters Medienkritik ist provokant und utopisch, aber bedenkenswürdig. Das Buch empfehle ich daher jedem, der sich für das Thema Medienkritik interessiert – und denjenigen, die von der Kommunikationsdroge ein stückweit weg kommen möchten.

Hektor Haarkötter: Abschalten. Das Anti-Medien-Buch, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007, 14,90 €


4 Antworten auf „Gelesen (4): Abschalten. Das Anti-Medien-Buch“


  1. 1 scheckkartenpunk 26. Februar 2008 um 14:43 Uhr

    wenn medienkritik von platon bis mcluhan betrachtet wird, so ist auffallend, dass diese vorrangig extrem konservativ ist. immer ist das vorangegangene alte medium besser als das gerade aufgekommene. bei platon war das wort besser als die schrift, bei mcluhan das buch besser als der fernseher.

    gerade durch den schritt von den modernen medien kino und fernsehen mit ihrer logik der industriellen massenproduktion zu den postmodernen medien, in denen die ein-sender/viele-empfänger logik aufgebrochen wird und erstmals das in brechts radiotheorie versprochene eine umsetzung zu erfahren scheint, ist „abschalten“ wohl die konservativste und unemanzipierteste lösung eines anscheinend schon immer vorhandenen „medienproblems“. gerade die linke geht hier hand in hand mit ultrakonservativen. zumal diese forderung seit platon permanent der medienkritik innewohnt – und doch bis jetzt aufzeigt, dass passive verweigerung nicht funktioniert. statt dessen sollte es doch bei einer kritik postmoderner medien gerade darum gehen, diese aktiv und aggressiv für sich zu beanspruchen, subversionsmomente aufzuzeigen und die möglichkeiten der schaffung von unkontrolle diskutiert werden.

    dass postmoderne medien der logik postfordistischer massenproduktion mit ihrer personalisierung und der damit verbundenen datenakkumulation (nicht nur der werbeindustrie) auch eine schnittstelle bieten – dahingehend gilt es zu sensibilisieren und aufzuklären. das ideologische versprechen durch daten endlich aus der anonymen massenproduktion herauszukommen (welches natürlich durch die eigene logik der massenproduktion nie eingehalten werden kann) läßt sich nicht ‚abschalten‘, da es das subjekt auch ohne moderne und postmoderne medien umgibt.

  2. 2 Thomas 26. Februar 2008 um 21:22 Uhr

    Wenn du dich auf Blogs beziehst, dann hast du sicher recht. Diese sind nicht mehr mit den traditionellen Medien vergleichbar und entsprechend sollte es auch eine andere Form der Medienkritik geben. Haarkötter ist auf diesen Aspekt des Internets leider nicht eingegangen. Man muss aber bedenken, dass sehr viele Blogs weniger aus politischen, subversiven, informativen oder emanzipatorischen Gründen betrieben werden, sondern ganz einfach digitale Tagebücher sind, die eine hervorragende Quelle der Datenakkumulation sind.

    Generelles „abschalten“ ist keine Lösung, aber Sensibilität über den richtigen Zeitpunkt des Abschaltens schon.

    Vielen Dank für deinen Kommentar.

  3. 3 Mister Altravita 27. Februar 2008 um 11:05 Uhr

    Aber Blogs etc. müssen doch nicht aus „politischen, subversiven, informativen oder emanzipatorischen Gründen betrieben“ werden. Das implizit Subversive des Internets liegt ja gerade darin, dass die alte Sender-Empfänger Verbindung aufgebrochen wird. In klassischen Massenmedien war stets ein gewisser struktureller Widerstand zu überwinden (sprich: Geld), um Meinungen zu publizieren. Klar ist, dass es eine Motivation geben musste, um das nötige Geld auszugeben. Im Internet ist diese Schwelle nahezu komplett aufgehoben und praktisch jeder kann aus ureigener Motivation heraus publizieren, was er möchte. An die Stelle des großen Senders von Informationen und Meinungen tritt eine sehr präzise, seismografische und nur sehr schwer zu manipulierende Abbildung der Meinungslage der Menschen, die gleichzeitig als Produzenten und Konsumenten auftreten.

    Ob uns nun gefällt, was da abgebildet wird oder nicht, ist eine andere Frage. Die Ratio von veröffentlichem Schwachsinn zu veröffentlichten intelligenten Ideen kann es jedenfalls locker mit jedem Revolverblatt aufnehmen. Aber zumindest potentiell ist, z.B., AKA für jeden Interessierten weltweit abrufbar – dass die Zugriffszahlen hier sicher ein wenig kleiner sind als die von youtube, youporn oder pimpmygolfgti sagt ja auch was aus. Aber das darf man dem Medium nicht vorwerfen. ;)

  1. 1 Daten als Produktionsmittel | Scheckkarte Als Passion Pingback am 26. Februar 2008 um 18:55 Uhr
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