Gelesen (5): Die Zukunft des Staates – vom klassischen Liberalismus zum libertären Sozialismus

Zukunft des Staates Heute möchte ich das Buch „Die Zukunft des Staates“ des amerikanischen Wissenschaftlers, Aktivisten und Anarchisten Noam Chomsky vorstellen. Der Text des Buches entstand während eines Vortrags im New Yorker Poetry Center am 15. Februar 1970 – hat aber nach wie vor kaum etwas an seiner Aktualität verloren. Der Text wird durch ein Interview vom 24. März 2005 mit Noam Chomsky in Berlin ergänzt.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil beschäftigt sich Chomsky mit den Ideen des klassischen Liberalismus, im zweiten Teil geht er darauf ein, wie sich aus dem Liberalismus der libertäre Sozialismus ableiten lässt. Im dritten Teil geht es um Staatssozialismus und -kapitalismus, also einerseits um Planwirtschaft sowjetischer Machart, andererseits um den von Konzernen und der privaten Machtelite gelenkten totalitären Kapitalismus westlicher Prägung.

Den Grundgedanken des klassischen Liberalismus sieht Chomsky in der Forderung nach möglichst wenig Eingriffen in das private und gesellschaftliche Leben, da es sich beim Staat um eine antihumanistische Institution handelt, der den freien, forschenden und sich selbst vervollkommnenden Menschen unterdrückt. Als Vordenker des Liberalismus sieht er Wilhelm von Humboldt und insbesondere dessen Essay „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ (1792). In dessen Tradition sieht er Bakunin, Marx, und Miller. Nach Chomsky lehnt der klassische Liberalismus den Kapitalismus ab, da deren Arbeits- und Produktionsmethoden den Menschen ausbeuten und entfremden. Humboldt hat allerdings nur staatliche Unterdrückung kritisiert, nicht die Unterdrückung des Individuums durch andere Privatpersonen. Aus seiner Theorie lässt sich aber eine Gegnerschaft zur Lohnsklaverei ableiten. Humboldt strebt eine auf freier Assoziation beruhende Gesellschaft an und steht demnach dem anarchistischem Kerngedanken nahe.

Aus dem klassischen Liberalismus humboldtscher Prägung leitet Chomsky also den libertären Sozialismus als die bevorzugte Gesellschafts- und Wirtschaftsform ab. Bakunin und Adolf Fischer sieht er als Vordenker des libertären Sozialismus. Die wichtigste Forderung besteht in der Abschaffung des Eigentums an Produktionsmitteln, da es sich dabei um eine Form des Diebstahls handelt (Proudhon). Weder der Staat noch Privatpersonen dürfen Eigentümer der Produktionsmittel werden. Die Arbeiter selber müssen sich zu Arbeiterräten zusammenschließen und so zu den Herren der Produktion werden, ohne dass sich eine neue Klasse konstituieren kann. Der Staat kann durch eine Industrie- und Wirtschaftsverwaltung abgelöst werden. Arbeiterräte, Konsumentenräte, Gemeindeversammlungen und regionale Föderationen übernehmen die früheren Aufgaben des Staates und funktionieren nach dem Prinzip der direkten und widerrufbaren Repräsentation. So soll es gelingen eine tatsächliche Demokratie einzuführen, die nicht durch eine machtvolle Elite von Wirtschaftsführern unterdrückt wird.
Das System erscheint zwar auf den ersten Blick sehr aufwendig, aber die Entscheidungsfindungsprozesse bei Eliten sind meist ebenso lang wie die von Kollektiven. Außerdem ist maximaleffizients Handeln kein relevanter Lebensinhalt.

Im dritten Abschnitt des Buches, dessen Inhalt hier nur sehr beschränkt wiedergegeben werden soll, befasst sich Chomsky mit dem Thema Staatskapitalismus und -sozialismus. Starke Paralellen sieht er zwischen dem real exierenden Staatssozialismus und dem westlichen Staatskapitalismus, der auf einer totalitären Macht von Konzernen aufbaut und in dem eine enge Verflechtung zwischen Staat und privater Macht besteht.
Der Staatskapitalismus führt zu einer autoritären Geisteshaltung, da die Menschen zwar ihre politischen Vertreter wählen können, im Bereich der Wirtschaft aber willkürlichen Herrschern hörig sein müssen. Da die Sphäre der Wirtschaft von demokatischer Kontrolle ausgeschlossen ist, sieht Chomsky eine Nichtvereinbarkeit von Demokratie und Kapitalismus. Eine Elite aus Konzernmanagern und Konzerneigentümern beherrscht das wirtschaftliche und politische System. Chomsky betont aber ausdrücklich, dass es sich hierbei nicht um eine Verschwörung handelt, sondern dass dies die normale Funktionsweise eines monokapitalistschen Systems ist.

Das Buch bietet eine knappe und übersichtliche Zusammenfassung der Theorie des libertären Sozialismus. Negativ ist mir aufgefallen, dass Chomsky zahlreiche Gedanken zwar andeutet, aber keine weiterführende Erklärung liefert. Auch die informative Bibliografie kann in vielen Fällen nicht weiterhelfen. Bei einer solch geringen Seitenzahl ist das aber nicht verwunderlich. Das Buch ist als Einstieg gedacht. Wer sich näher mit dem Thema beschäftigen möchte, sollte auf ausführlichere Werke zurückgreifen. Hochinteressant ist außerdem das Interview im Anhang des Buches, auf das an dieser Stelle aber nicht weiter eingegangen werden soll.

Noam Chomsky: Die Zukunft des Staates. Vom klassischen Liberalismus zum libertären Sozialismus, Schwarzerfreitag, Berlin 2005, 10,00 €