Der Kreislauf der Gewalt ist entfesselt!

Am gestrigen Abend ermordete ein palästinensischer Schütze acht Jeschiwa Schüler der renomierten Mervaz haRav Thoraschule und verletzte dutzend weitere. Der Attentäter wurde von einem Studenten durch zwei Schüsse in den Kopf getötet, noch bevor die Spezialkräfte eingreifen konnten. Laut der libanesischen Fernsehstation Al-Manar, die dem palästinensischen Widerstand nahesteht, bekannte sich die bislang unbekannte Organisation Angriffsfront der Freien Männer von Galilea – Gruppe des Martyrers Imad Moghniyeh und der Martyrer von Gaza.

Das Attentat auf die Jerusalemer Thoraschule wurde weltweit aufs schärfste verurteilt. Auch der palästinesische Präsident Abbas distanzierte sich strikt von allen Angriffen auf Zivilisten, ob sie nun Israelis oder Palästinenser sind. Lediglich der Hamas-Sprecher Fawzi Barhoum relativierte den Anschlag und setzte die während der mehrtägigen militärischen Intervention im Gazastreifen circa 128 Getöteten, 30 von ihnen Kinder und Babys, Greise und Frauen dagegen. Er behauptet, das Attentat ist lediglich die natürliche Anwort auf die israelische Okkupation und Agression, auf alle israelischen Verbrechen während der Okkupation. Ähnlich ekelhaft, wie die relativierende und rechtfertigende Reaktion der Hamaz, ist der Jubel einiger hundert im Gazastreifen.

Unverständlich bleibt, das die vereinten Nationen sich nicht zu einer Verurteilung des feigen Anschlags durchringen konnten. Auch wenn es nachvollziehbar ist, dass Libyen fordert den israelischen Militäreinsatz im Gazastreifen zu verurteilen, was jedoch schon am Sonntag Nacht passierte, so können beide Vorfälle nicht miteinander gleichgesetzt werden. Die militärische Operation richtete sich eindeutig gegen die quasimilitärische Infrastruktur terroristischer Verbände, das Attentat traf nur Zivilisten. Nicht mal entfernt lässt sich bei einer Jeschiwa ein militärisches Ziel konstruieren. Die von Libyen geforderte Ausgewogenheit mag richtig sein, dem wurde aber durch die Verurteilung der israelischen Operationen Rechnung getragen. Das Attentat in Jerusalem als terroristischen Akt zu geißeln, wäre in diesem Zusammenhang viel ausgewogener.

Der blutige Anschlag auf die Thoraschule war leider nicht der einzige tödliche Vorfall in Palästina am gestrigen Donnerstag. Am Morgen wurde ein Militärjeep in der Nähe des Kibbuz Gan haSchloscha nicht weit vom Gazastreifen getroffen. Ein Soldat wurde getötet der zweite schwer verletzt. In Gaza tötete die israelische Luftwaffe einen Hamaskämpfer. Des Weiteren wurde die Region Negev mit mindestens 8 Kassam Raketen und Mörsern beschossen. In Sderot traf eine Rakete ein Wohnhaus. Eine Person wurde schwer, drei weitere leicht verletzt. Eine zweite Kassam traf einen Gastank in unmittelbare Nähe eines unbewohnten Hauses. Ein drittes Haus wurde ebenfalls getroffen. Der Anschlag am Abend war jedoch der blutige Höhepunkt. Nachdem der Attentäter als Bewohner des arabischen Ostjerusalem identifiziert werden konnten, stürmte die israelische Polizei das Wohnhaus des zwanzigjährigen Alaa Hisham Abu Dheim und verhaftete seine Familie und Freunde.

Das Anschlagsziel scheint nicht willkürlich gewählt worden zu sein. Die Jeschiwa befindet sich in Westjeruslaem und gilt als Herz des Zionismus. Die Thoraschule Mercaz haRav steht der nationalistischen Siedlerbeweung nahe und lehrt neben den religiösen Schriften auch den revistionistisch zionistischen Ansatz, wonach Israel / Palästina zu beiden Seiten des Jordans, als Ganzes das von Gott geschenkte, das gelobte Land der zwölf Stämme Israel wäre. Der Gründer der Schule, der in Litauen geborene Rabbi Abraham Isaac Kook, auch genannt Rav Kook, war ein Verfechter des religiösen Zionismus, der die othodoxe Lebensauffassung mit dem politischen Zionismus verband. Bis heute gilt er als einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten.

Die problematische Ausrichtung der Jeschiwa rechtfertigt natürlich in keinster Weise den blutigen Anschlag. Die terroristische Tat ist weder heldenhaft noch heroisch. Sie ist kein Angriff auf eine phanatasierte zionistische Einheit, sondern ein feiger Mord an israelischjüdischen Bürgern. Auch wenn der Angriff dem Herz des revisionistischem Zionismus galt, so traf er doch Menschen. Ihr Tod ist durch nichts zu rechtfertigen!

Der Anschlag bezieht sich explizit durch den Namen der neuen Gruppierung auf die mehrtägige Militäroperation der israelischen Armee im Gazastreifen am letzten Wochenende. Allein am Sonntag starben im Zuge der Auseinandersetzungen 60 Palästinenser und verletzte weitere 200. Der UN Sicherheitsrat wurde deshalb zu einer Dringlichkeitssitzung zusammengerufen. Der UN-Generalsekretär Ban verurteilte dort in der öffentlichen Sitzung sowohl die terroristischen Handlungen gegen isrelische Zivilisten und forderte die unverzügliche Einstellung eben dieser. Darüber hinaus forderte er die unverhältnismäßig überzogene Gewaltanwendung, die so viele Zivilisten – darunter viele Kinder – getötet und verletzt hat, einzustellen. Aufgrund der beidseitigen militärischen Eskalation wurden die Friedensverhandlungen ausgesetzt. Der Abzug am Montag wurde durch die Hamas im Gazastreifen als Ende des Vernichtungskrieges mit einer Siegesparade gefeiert. In Israel dagegen wächst allmählich die Kritik an dieser Art militärischer Intervention. Der Minister für öffentliche Sicherheit Awi Dichter forderte ein entschlosseneres Eingreifen und eine schärfere Gangart.

Der Anschlag geschah am selben Tag, als britische Hilfsorganisation ein Papier veröffentlichten, das beschreibt wie grauenhaft und unmenschlich die Lage in Gaza zur Zeit ist. Das sechzehnseitige Papier Gaza Strip: A Humanitarian Implosion beschreibt die Auswirkungen der israelischen Blockade des Gaza Streifens auf erschreckende Weise. Die Lebensbedingungen sind aufgrund der israelischen Intervention auf einen Wert vor dem Sechstagekrieg 1967 gesunken.

Achtzig Prozent der Bewohner von Gaza sind auf Lebensmittelhilfen angewiesen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 40 % und die Erwerbstätigen sind oft bei staatlichen Institutionen angestellt, die von ausländischen Finanzhilfen abhängig sind. Die grauenhafte humanitäre Situation wird durch katastrophale Situation bei der Wasserver- und Entsorgung, die jederzeit zusammenbrechen könnte, enorm verstärkt. Eine medizinische Versorgung ist ebenfalls nur eingeschränkt und nur aufgrund von internationaler Hilfe möglich. Die gesamte Infrastruktur steht vor dem Zusammenbruch – ob es nun Wasser, Sanitäranlagen oder auch nur ärztliche Versorgung ist, äußert der Sekretär des UNHCR John Ging gegenüber reuters.

Der Bericht fordert deshalb, dass die politische und militärische Eskalation auf beiden Seiten beendet werden muss. Insbesondere wird Israel aufgefordert die Strom und Ölblockade gegen Gaza zu beenden. Des weiteren sollte die humanitäre Hilfe auf Zement und Ersatzteile ausgeweitet werden. Des Weiteren werden die Vereinten Nationen, die Vereinigten Staaten und die Europäische Union ermutigt sich offensiv für die humanitäre Lage in Gaza einzusetzen und stärkeren Druck auf Israel auszuüben damit Hilfslieferungen nicht zum Spielball für politische Auseinandersetzungen mißbraucht würden.

Das Attentat am Donnerstag Abend des 6. März auf die Jeschiwa Mervaz haRav ist als Akt unmenschlichen Mordens zu verurteilen! Jegliche Angriffe gegen zivile Ziele in Israel und Palästina sind grundsätzlich falsch. Ob es nun Kassam Raketen, Mörser, Liquidationen oder Luftangriffe gegen Wohnhäuser sind, spielt hierbei keine Rolle. Der unverhältnismäßige Einsatz militärischer Mittel gegen terroristische Strukturen sollte beendet werden! Die humanitäre Situation im Gazastreifen und der Westbank muss auf die politische Tagesordnung. Israel kämpft um seine Existenz gegen ideologischfundamentalistische Eiferer, darf aber ebenso das Überlebensrecht der palästinesischen Zivilbevölkerung nicht vergessen. Der Nahe Osten braucht Frieden, nicht Krieg!

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6 Antworten auf „Der Kreislauf der Gewalt ist entfesselt!“


  1. 1 Wendy 07. März 2008 um 16:23 Uhr

    Dieser „Kreislauf“ wurde schon vor längerer Zeit entfesselt. So vor siebzig Jahren ungefähr, von der zionistisch-völkischen SiedlerInnenbewegung.

    Palästina braucht Kommunismus.

  2. 2 Machnow 07. März 2008 um 17:17 Uhr

    Die 70 jahre sind meienr Meinung nach zu hoch angesetzt. ich denke, seit dem sechstagekrieg und der darauffolgenden besetzung der westbank und des gazastreifens durch die israelische armee und die expansive schaffung israelischer siedlungen in den besetzten gebieten, ist die lage eskaliert worden.

    damals mag die rechtfertigung zum krieg nachvollziehbar sein, eine fortgesetzte besetzung ist es aus heutigen sicht jedoch nicht. mythen entstehen und werden befördert. ein „gemeinsam“ wird negiert, obwohl es stattfindet. „mauern“ im kopf und zwischen den menschen werden als sicherheitsnotwendigkeite verkauft, wirken jedoch rassistisch und eskalierend…

    die „zionstisch-völkische siedlerbewegung“ ist nicht die siebzig jahr ealt, oder hatte nicht siebzig jahre einfluss. ihr einfluss stieg mit jedem jahr seit 1967.

  3. 3 Wendy 07. März 2008 um 18:27 Uhr

    Die ist weit über hundert Jahre alt, du Vollidiot und ihre Bemühungen führten zur Gründung von Israel, welche mit Terror, Vertreibung und ethnischer Säuberung einherging.

  4. 4 mr. yellow-finger 07. März 2008 um 19:44 Uhr

    also über 70 jahre locker… die studentenverbindung jordania zeigt ja, dass das nich erst seit 67 oder so auf der tageskarte stand

  5. 5 scheckkartenpunk 07. März 2008 um 20:55 Uhr

    welche staatsgründung ging eigentlich nicht mit terror und vertreibung einher?

  6. 6 machnow 07. März 2008 um 21:39 Uhr

    es gibt nicht den „völkischen“ zionismus. genauso gibt es einen kulturzionismus (siehe achad haam u.a.) oder den demokratischen zionismus. insbesondere der kulturzionismus hat seine wurzeln in der progromerfahrung in russland. grundlage ist die gerechtigkeit zwischen den völkern, nicht die entzweiung… achad haam hätte also fast ein religiöser anti-imp sein können… aber das verstehst du nicht wendy! reflektion hilft manchmal. und zuhören iss auch manchmal nicht schlecht. beleidigen kannste ja schon (wobei es ziemlich unkreativ & platt daher kommt)

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