„Kabarett ist eine Art moderner Ablasshandel“

Gemeint ist das politische Kabarett. Die Zahlenden rekrutieren sich nicht aus erlösungswilligen, verängstigten, an jungfräulich empfangende Götter glaubende Jüngern, sondern aus der eventuell eschatologisch gestimmten bürgerlichen Linken. Der das sprach, war nicht etwa torsun. Auch nicht Jürgen Elsässer oder ein anderer Witzbold. Nein, mit diesen Worten beginnt der Kabarettists Volker Pispers sein Programm bis neulich. Er beschimpft und demaskiert quasi schon gleich am Anfang sein Publikum. Mutig, sag ich da nur! Und witzig! Warum sie lachen, wissen sie wahrscheinlich selbst nicht. Naja, kuckst Du . . .

    Kabarett ist eine Art moderner Ablasshandel. Das schlechte linke Gewissen aus dem Feuer springt wenn das Geld in der Kleinkunst-Kasse klingt. Und deshalb sollten Sie Kabarett-Eintrittskarten immer gut aufheben. Wenn dann irgendwann einmal nach dem Zusammenbruch des Kapitalismus … jemand zu Ihnen kommt und sagt: Welche Funktion hatten Sie denn in dem System, in dem Ausbeutersystem, wo Leute für einen Euro die Stunde arbeiten mussten, na, was hatten Sie für eine Funktion? Dann sagen Sie: Halt, Moment! Und holen den großen Karton mit den Kabarett-Eintrittskarten heraus und sagen: Hier, ich war im Widerstand! Ich habe laut und offen gelacht, wenn meine Regierung verspottet wurde. Ich habe anhaltend geklatscht, wenn das System kritisiert wurde … Ich bin kein Täter, sondern Opfer.
    (wdr promo)

Weitere Zitate können hier begutachtet werden. Aber weiter im Programm …

Kein Schwein auf der Welt will mit uns Deutschen Krieg spielen, wenn wir nicht anfangen.

Die Regierung Kohl hat den Export von Kurzstreckenraketen mit Giftgassprengköpfen aus Deutschland an den Irak genehmigt, meine Damen und Herren. Die hat den Todfeind Israels mit Giftgas aufgerüstet. Und dann saßen die Deutschen im Februar ’91 mit Gasmasken vorm Fernseher und sahen zu, wie die Israelis im Bunker saßen und mit Giftgas aus Deutschland beschossen wurden. Mit deutschen Raketen. Wie nennen sie das denn jetzt? Intelligenten Antisemitismus?

… Peter Struck rief völlig unterzuckert: Jetzt sind wir alle Amerikaner. Ich hab schon Probleme genug Deutscher zu sein. Ich weiss nicht, wie ihnen das geht. ich bin mit meinem bißchen Menschsein derart ausgelastet. Zum Deutschsein komm ich ganz, ganz selten.

Wovor haben sie Angst, das ist die entscheidende Frage. Wovor haben sie Angst? Vor Al Kaida? 150.000 Deutsche sterben jedes Jahr an den Folgen von Rauchen. 50.000 Deutsche sterben an den Folgen von Saufen. 6.000 Deutsche sterben im Straßenverkehr. Früher waren das mal 20.000 Deutsche, jedes Jahr. Da hat das mit der Rente auch noch funktioniert … Haben sie Angst vor Al Kaida? Ernsthaft? Haben sie lieber Angst vor Reisebusfahrern. LKW Fahrer, da sind Schläfer unterwegs. Die sind wirklich gefährlich.

Die Väter des Grundgesetzes haben gesagt: Die Deutschen brauchen keinen Fingerabdruck im Personalausweiss. Die Deutschen sind keine Verbrecher. Das wissen Schily, Schäuble und Beckstein aber besser. Man kann sie nicht hindern von sich auf andere zu schließen.


4 Antworten auf „„Kabarett ist eine Art moderner Ablasshandel““


  1. 1 Thomas 23. März 2008 um 23:42 Uhr

    Klingt alles sehr witzig. Man könnte aber auch andersrum rangehen und die Rolle des Kabaretts im System analysieren. Vielleicht hat es die gleiche Funktion wie die Kirche und sonstige karikative Einrichtungen: nämlich das System am laufen halten.

    Wenn ich mal keine überteuerten CD’s an alte Leute verticken und Verrückten eine verrückte Beratung geben muss, werde ich mir die Videos ansehen.

  2. 2 machnow 24. März 2008 um 15:08 Uhr

    so, wie du kabarett beschrieben hast, würde ich das zitat vom herrn pispers verstehen. kabarett hat nix mit „widerstand“ zu tun. vielmehr ist es teil der „katharsis“ kultur. die besonderheit iss eben, dass linke das publikum sind. kirche fällt für die linke ja aus. aber. laut pispers, erfüllt kabarett genau dasselbe bedürfnis nach gemeinschaft und erlösung, was die kirche bietet. (denk ich) und so würde ich ihm auch zustimmen. du ja auch!!!

    pispers iss ja gelernter theologe. da kann er das mit der religion / ablasshandel / paradies wohl nich so recht vergessen.

  3. 3 Jonathan Hart 25. März 2008 um 15:51 Uhr

    Witzigkeit kann ich bei Pispers keineswegs entdecken.
    Herr Pispers verhöhnt, verspottet eher die Personen und Ereignisse, über die er erzählt, was zur Zeit in der Kabarettszene einzigartig ist. Er spricht Dinge aus, fügt hier und da ein paar wenige kleine Gedankensprünge ein, aber überläßt seinem Publikum die Wertung.
    Sein Publikum, das er nicht verschont – warum auch, lacht darüber, und auch hoffenlich auch über sich, vielleicht sich sogar selbst auslacht. Letzteres hat es nicht anders verdient.
    Man lese nur Gästebuch auf Pispers Internetseite.
    […Warum sie lachen, wissen sie wahrscheinlich selbst nicht…]

    In meinen Augen führt Kabarett Personen und Ereignisse vor – und so manches mal sollte einem das Lachen dabei vergehen.
    Ich behaupte mal, daß der Großteil des Publikum sich Kabarett anhört, ein paar Tage darüber spricht und den Inhalt und dessen Schöußfolgerungen vergißt. Insofern glaube ich, daß eine politischen Klassifizierung seiner Zuhörer nur sehr schwer möglich ist. Schon gar nicht, daß sich nur Linke in seinem Publikum befinden, sondern eher die breite Masse von Nichtwählern, denen meist keine klare politische Richtung zugeordnet werden kann.

  4. 4 butch jonny 25. März 2008 um 19:50 Uhr

    witzig ist es wirklich nicht immer. komisch manchmal auch nicht. aber ansonsten würd ich schon sdagen, dass der pispers klassisch komik macht. das sein publikum darüber lacht, ist teil der versöhnung mit sich selbst. pispers – als clown / narr – spricht aus, was die anderen nur denken. weil er es ausspricht, entläd sich der druck der scham durch lachen (freuds komiktheorie).

    was mir an ihm aber besonders gut gefällt ist, dass er diskurse öffentlich macht, die normalerweise nur bei telepolis und in der jungen welt zu finden sind. das zeugt von seiner informiertheit und verbindet ihn mit einer radikaleren linken. sehr symphatisch…

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