converse kauft Bahnhof!

Converse Connectivity Gestern verschlägt es mich ganz unerwartet auf den U-Bahnhof Friedrichstrasse. Dort waren grad einige Kreative am Werk und beklebten ganz guerillastreetartmäßig die Kacheln und Wände. Ausserdem hängten sie zwischen den Pfeilern Transpis auf, die als Forderung Converse verlangten. Eigentlich wär mir die spektakuläre Performance gar nicht aufgefallen. Nur diese Nekrophilie nervte tierisch. Insbesondere, weil sie quasi bahnhofüberschwemmend plaziert wurde. Ob dies wohl der Weg sein wird, die Tarifforderungen der BVG zu finanzieren?

Die Aktion ist Teil der weltweiten Werbekampagne von converse zu seinem 100. Geburtstag. Sie nennt sich connectivity. Laut converse soll die Kampagne die rebellischen Ikonen der Vergangenheit und Gegenwart vereinen. Womöglich ist sie die Konnektivität auch an den Betrachter gerichtet. Dieser muss natürlich höchst hip, kreativ und alternative / Punk musikalisch bewandert sein. Ein wenig sportliches Wissen wäre auch wichtig. Denn ansonsten versteht er die Kampagne nicht. Aber für die Neuhippen gibt es ja das Internet.

Der Streifzug in die Welt der Popgötter beginnt mit dem journalistischen Rebellen, Drogenkonsumentenen und Selbstmörder Hunter S. Thompson. Der zweite im Bunde ist der Basketball Star Dwayne Wade, der wohl die Verbindung zur frühesten Vergangenheit der Marke herstellen soll, denn sie wurde als Basketballschuh im Jahr 1908 erstmals verkauft. Der dritte, etwas schief dreinblickende, vermutlich mit Bierbüchse in der Hand inszenierte Typ ist Sid Vicious vom Punkurgestein Sex Pistols. Als viertes taucht das erste Mädel auf, nämlich der eclectic urban music star M.I.A., die ganz sonnenbebrillt zurückhaltend, retrobehutet, überhaupt nicht lasziv, sondern vielmehr mächtig ordinär, posiert. Als fünftes – mittendrin – thront James Dean, der Archetypus des Rebellen. Gleich daneben ist tiefausgeschnitten, in luftigem Kleidchen, provozierend glotzend Karen O. die Sängerin der Punk-Band Yeah, Yeah, Yeah mit James Dean verknüpft worden. An ihre Seite gesellt sich ganz poplike und crossoverstilemäßig der sexistische Rapper Common, der aber quasi generationsübergreifend von rechts von der schon fast feministisch angehauchten Rockröhre Joan Jett in die Zange genommen wird. Soviel Frauenpower hätte dem Undergroundrapper, glaub ich, nicht gefallen. Die zwölf Converse-Apostel werden durch den ganz doll rebellischen Billie Joe Armstrong von den Kommerzpunkern Green Day komplettiert.

converse Kampagne am Rosenthaler Platz

Regional stützt die rebellische Marke converse ihre Kampagne auf einheimische Stars. In Deutschland steuerte die Agentur S+SPR zur werbeindustriellen Ausgebeutung die Stars Nina Hagen und Thomas D bei. Beides Rebellen, wie es im Buche steht. Thomas D. glänzt mit vorsichtiger Abwesenheit und die vormals skandalträchtige Nina Hagen nur noch mit exzentrischem Rumprolete und geistigen Dünnschiß (a la Ausserirdischen, UFOS und anderem Müll). Nichstdestotrotz findet auch dieser spektakuläre Scheiß, diese Adaption rebellischer Inszenierungsmuster, Bewunderer und skrupellose Popfetischisten, die sich in Berlin auch schon mal an den Plakaten vergreifen und ihre Lieblingsikonen als Aufwertung ihres heimischen Ambiente stehlen. An den nekrophilen Mißbrauch toter Menschen denkt kaum jemand, denn die Benutzten sie sind ja schon längst zu Göttern medial verklärt worden.

Aber die Ausbeutung der Toten durch converse in diesem Jahr lässt sich steigern. Der geniale Melancholiker und das Symbol des Grunge – Kurt Cobain – wird durch einen eigenen Schuh mit eigener Unterschrift geehrt und so kapitalistisch verwertet. Dieser neue nekrophile Höhepunkt in der Werbeindustrie scheint sich zum Trend durchzusetzen. All die Beschimpfungen – auch durch die Kobain-Witwe Courtney Love – gegen DocMartens, die letztes Jahr ihre Kampagne durch Tote provokant aufwerteten, sind vergessen und der Verwertung keine Grenzen gesetzt.

Aber die Provokation ist auch bei converse Programm. Schließlich geht es um Rebellion, um die Outsider, die Ausgestoßenen und Unangepaßten. Merkwürdig ist nur, dass die alternative Gegenkultur Klamotten und Schuhe der Marke converse nicht (mehr) trägt. Vielmehr sind es Stars (oder die, die sich dafür halten) und hippe Yuppies, die immer noch an der Modemarke festhalten und sich gerne rebellisch besohlt ablichten lassen. Sie möchten eben anders sein. Einzigartig sieht der Konsument besser. Und, zum Image des Rebellen gehören eben Chucks. So kann es schonmal passieren, dass Nicole Richie in einer Liste mit Avril Lavigne oder Ewan McGregor auftaucht.

Von Rebellion kann also bezüglich converse keine Rede sein. Die ikonographische Ausbeutung von vermeintlichen rebellischen Stars, ob nun Antibürgerliche, Punks, Rocker, Feministinnen oder auch Sexisten, lässt sich eher in das Phänomen der spektakulären Überhöhung einfacher Produkte und Erzeugnisse als revolutionäre Artefakte einordnen. Bezüglich converse fällt diese Zuordnung besonders leicht, denn die ehemals kleine, selbstständige Sportartikelfirma wurde im Sommer 2003 für 305 Mio. Dollar komplett von nike übernommen. Diese Firma war Vorreiter einer globalisierten, neoliberale Wirtschaftsideologie. Sie produziert bevorzugt in Billiglohnländern, wie Thailand, Sri Lanka und Indonesien. Des Weiteren nutzt nike auch gern mal Kinder, um den Profit zu maximieren.

Wer seine Meinung zu dieser widerlichen Kampagne Kund tun möchte, sollte sich direkt an die Verantwortlichen Cheryl Calegari in den USA (per Telefon: +1-646-563-7362, per e-Mail: cheryl.calegari@converse.com) und / oder an Neil Stevens (per Telefon: 0031 35 626 9358, per e-Mail: neil.stevens@converse.com), der für Europa, den Mittleren Osten und Asien zuständig ist, in den Niederlanden wenden. Die freuen sich ganz bestimmt über jede Reaktion!


7 Antworten auf „converse kauft Bahnhof!“


  1. 1 Mean MaReK 24. März 2008 um 17:35 Uhr

    Oh oh oh!
    Schöne Scheisse, sowas!
    Hoffen wa ma, dass da nich so viele drauf reinfallen.
    Nike sind eh total böse und so!

    Krass fand ich auch die „Jede Warheit braucht einen Mutigen der sie auspricht“-Kampagne von der BILD-Zeitung, bei der Martin Luther King, Ghandi und ähnliche missbraucht wurden um den Seriösitäts-Anspruchen dieses Lügen-Schand-Blattes gerecht zu werden.

    Interessant fand ich aber auch, dass Alice Schwarzer, als Lebende, Teil dieser Kampagne war.
    Würde mich ma interessieren, was die da so zu gesagt hat.
    Kann das ma jemand recherchieren?
    Bin zu faul!

  2. 2 butch jonny 25. März 2008 um 20:06 Uhr

    BLÖD und die wahrheit, dass ich nich lache. richtig geil. aber dit ding für die WELT KOMPAKT mit den verjüngten politern war ähnlihc übel. aber an die converse scheisse kommen die nich ran…

    übrigens rechtfertigt sich die schwarzer bei der BLÖD kampagne ziemlich langweilig. nämlich so:


    Zur Zeit läuft eine Plakataktion der ‚Bild‘-Zeitung, die – nach vielen toten Männern – in diesen Tagen auch mit mir wirbt. (…) Verständlich, dass viele glauben, dies sei ohne meine Zustimmung geschehen, denn mein kritisches Verhältnis zu ‚Bild! (und deren Wahrheitsgehalt) ist kein Geheimnis. Doch ich habe zugestimmt. Ganz einfach, weil ich finde, dass es nicht schaden kann, wenn in so einer Runde – von Gandhi bis Willy Brandt – auch mal eine Frau auftaucht. Und eine sehr lebendige noch dazu. Übrigens: Das Honorar geht direkt an drei Projekte, die muslimischen Mädchen in Not helfen.

    (gefunden bei netzeitung)

    der tagesspiegel und bildblog haben auch über alice im bildland geschrieben.

  3. 3 donumberto 28. März 2008 um 19:50 Uhr

    Danke für den Artikel!!!

    Seid längerem verkrampft sich angesichts der Conversekampange meine Magengrube jedesmal aufs neue…
    Nicht nur das die Zusammenstellung der abgebildeten Personen (wie von Johnny beschrieben) eine Frechheit und Dummheit sondersgleichen ist, ich frage mich langsam ehrlich wohin diese Kommerzialisierung von Ideen und Attitüden (denn dafür stehen die Personen ja schließlich)führen soll…
    Wie weit ist es denn noch mit der Wertschätzung von beispielsweise Gerechtigkeit und Freiheit (Thompson); der poetischen Qualitäten eines Ian Curtis oder der Auflehnung gegen Establishments a la M.Thatcher (Vicious)? Die Reduzierung auf Gummisandalen und die Kombination mit aktuellen Sport- oder Popsternchen perversiert den Mut und die Entschlußkraft einiger (wahrhafter!?) Zeitgeister auf abartigste Weise…
    In diesem Zusammenhang sollte es selbst für Werbefuzzis Grenzen geben, welche aber wahrscheinlich nicht erst seit Benetton nicht mehr vorhanden sind.

  4. 4 twentyfirst 10. April 2008 um 0:29 Uhr

    Ich versteh nicht was ihr habt?!
    Das sind alles Pop-Ikonen!
    Pop-Ikonen=Mode=Converse!!

  5. 5 thrill 27. April 2008 um 22:53 Uhr

    Danke für den Artikel! Habe die schwarz-weiße Menschenkette dieses Wochenende am Bhf. Friedrichstraße gesehen und mich gleich gewundert, was Hunter Thompson wohl dazu gesagt hätte, posthum für Turnschuhwerbung Modell zu stehen. Die anderen Leute kannte ich fast alle nicht, aber ausgerechnet die Abbildung eines Menschen, der sowas zu Lebzeiten nie mitgemacht hätte, macht die Kampagne (und mit ihr die beworbene Marke) so richtig unsympathisch…

    --Stefan

  6. 6 Funda 23. Juni 2008 um 14:52 Uhr

    hallo leute,

    fakt ist dennoch:
    die schuhe wurden von all diesen stars auf den plakaten getragen. selbst ian curtis trug chucks zu seinen lebzeiten, wenn diese auch kurz und wohl sehr destruktiv war… ich denke converse will damit deutlich machen wie weit die legende dieses schuhes reicht.

    LG

  1. 1 Converse an der FriedrichstrasseZentrale auf dem Schrottplatz Pingback am 24. März 2008 um 16:21 Uhr
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