Besucherbetreuung wird Hunden zum Fraß vorgeworfen

Lohndumping erwünscht Die Lage im Deutschen Technikmuseum Berlin spitzt sich für die Besucherbetreuer_Innen zu. Die Geschäftsführung der T&M Technik und Museum Marketing GmbH eskaliert die angespannte Situation mit jedem Tag mehr.

Nach einer erfolgreichen Aktion vor dem Technikmuseum und einer vielseitigen Berichterstattung in den Berliner Zeitungen, haben die Besucherbetreuer_Innen neue Hoffnung auf den Erhalt ihrer Arbeitsplätze geschöpft. Vor allem aber gaben die Gerichtsurteile des Arbeitsgerichtes Berlin großes Selbstvertrauen. Mittlerweile sind drei Klagen von ehemaligen Besucherbetreuer_Innen positiv verlaufen. Sie haben sich ihren unbefristeten Arbeitsvertrag erstritten. Nun ist davon auszugehen, dass auch die weiteren Klagen – immerhin noch rund 100 – mit demselben Ergebnis enden werden. Somit müsste die Geschäftsführung der T&M die Hälfte der einst fast 200 MitarbeiterInnen unbefristet einstellen.

Ermutigt durch diese Entwicklungen, versuchten die Besucherbetreuer_Innen mit Hilfe von ver.di auch politisch Druck für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze aufzubauen. Am 31. März versammelten sich einige von ihnen im Abgeordnetenhaus Berlin, um der öffentlichen Sitzung des Kulturausschusses beizuwohnen. Daraufhin entschieden sich die Vertreter der Grünen kurzerhand, das Thema Beschäftigungsabbau im Deutschen Technikmuseum Berlin auf die Tagesordnung zu setzen. Noch zu Beginn der Sitzung überreichten zwei Betriebsräte der Besucherbetreuer_Innen dem Regierenden Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit eine Resolution, in der sie ihn auffordern, sich für die Weiterbeschäftigung aller Mitarbeiter_Innen einzusetzen. Der Angesprochene reagierte gelassen, ebenso wie wenig später sein Staatssekretär für Kultur André Schmitz. Auf die Frage des Grünen-Abgeordneten Thomas Birk, wie die Senatsverwaltung die Entwicklungen im Deutschen Technikmuseum Berlin bewertet, beharrte Schmitz darauf, dass unbefristete Arbeitsverträge für die Besucherbetreuer_Innen nie vorgesehen waren. Dass diese nun aber da sind, scheint auf politischer Ebene noch nicht ganz angekommen zu sein. Angeblich solle dem Stiftungsrat, dem auch Wowereit angehört, im Mai ein neues Konzept zur Gestaltung der Besucherbetreuung vorgelegt werden. Die Entlassung von bislang 70 Mitarbeiter_Innen seit November 2007 beschrieb Schmitz als normalen Vorgang. Auf die Nachfrage hin, wie sich dieses Verhalten der Museumsdirektion und Senatsverwaltung mit den neu geschaffenen Sozialgesetzen zum Öffentlich geförderten Beschäftigungssektor und dem neuen Vergaberecht verträgt, wurde keine Antwort gegeben. Seit dieser Sitzung ist eine gute Woche vergangenen. Eine Reaktion Wowereits ist nicht absehbar.

Stattdessen überrascht die Geschäftsführung der T&M die Besucherbetreuer_Innen mit neuen Schritten und übergeht dabei ein ums andere Mal den Betriebsrat. Seit Ostern sind Leiharbeiter_Innen der Sicherheitsfirma Securitas im Technikmuseum im Einsatz. Diese angebliche Notlösung für die Unterbesetzung an den Feiertagen kommt seitdem täglich zum Arbeiten in das Museum. Die Museumsleitung stellte wohl fest, dass, wenn 50 Leute rausgeschmissen werden, diese auch irgendwie ersetzt werden müssen. So entschied sie sich letzte Woche auch, Securitas nun großflächig einzusetzen. Den Besucherbetreuer_Innen wurde der gesamte Arbeitsbereich des Neubaus entzogen. Dort finden die Museumsbesucher_Innen seither nur noch Securitas-uniformierte Menschen, die leider weder über Schließzeiten, geschweige denn Vorführungen, Bescheid wissen. Der Neubau mit den gesamten Ausstellungsflächen der Schiff- und Luftfahrt war einer von drei Einsatzorten für die Besucherberteuer_Innen der T&M, an dem täglich ungefähr 10 Beschäftigte tätig waren.

Dieser Vorgang sollte aber nur ein Vorgeschmack für eine weitere Entwicklung sein. Am gestrigen Dienstag erhielten die Besucherbetreuer_Innen eine Information der Geschäftsführung der T&M. In dem Schreiben teilt diese von den erfolgreichen Bemühungen mit, dass sich den Besucherbetreuer_Innen neue Beschäftigungsmöglichkeiten eröffnen würden. Securitas biete den Beschäftigten eine unbefristete Anstellung in ihrer Leiharbeitsfirma an! Alle Details seien mit Securitas selbst zu klären. Eine Tätigkeit könne mensch dann voraussichtlich schon ab dem 1. Mai – dem Arbeiterkampftag – beginnen. Dem beigefügtem Musterarbeitsvertrag zufolge wäre nur noch eine obligatorische Grundausbildung abzuleisten, dann stünden den neuen Servicemitarbeiter_Innen in schicker Uniform die Museumstüren wieder offen. Natürlich mit Schulden bei Securitas. Die zahlt die IHK-Ausbildung nämlich nicht.

Außerdem teilt Securitas gleich noch mit, dass sich die bisherigen Besucherbetreuer_Innen zügig entscheiden müssen. Bewerbungen, um die Posten bei der Sicherheitsfirma könnten – aus terminlichen Gründen – nur bis 30. April entgegen genommen werden. Dabei haben 50 Beschäftigte einen Arbeitsvertrag bis Ende Juni, weitere 20 bis Oktober und noch einmal 20 bis März 2009. Alle müssten bei der T&M kündigen um sich bei Securitas anstellen zu lassen, wobei dies nirgends erwähnt wird. Im Übrigen könne mensch auch in anderen Museen eingesetzt und natürlich auch an andere Konzerne ausgeliehen werden, wo die Mitarbeiter_Innen dann immerhin noch einen tariflichen Stundenlohn von 5,25 Euro brutto erhielten, der sogar noch den mickrigen T&M-Lohn von 6 Euro unterbietet. Nix mit Gutes Geld für Gute Arbeit (pdf). Also, kein Grund zur Klage, oder?

Gute Arbeit Kampagne


4 Antworten auf „Besucherbetreuung wird Hunden zum Fraß vorgeworfen“


  1. 1 Besorgter Bürger 10. April 2008 um 9:52 Uhr

    Schön, dass es doch noch Informationen jenseits von ver.di gibt. Und, die kommt dann auch mal kritisch auf den Punkt. Schon die erste Presseerklärung zur Betriebsversammlung ging unter. Erst die Artikel hier auf dem Blog und später in der jungen Welt, der Berliner Zeitung, taz und Neues Deutschland sind bestimmt nicht auf das betreiben von ver.di entstanden. Die Leute von denen schwiegen nämlich und ließen die Beschäftigten der T&M schnöde alleine. Sie versuchten sogar die Kundgebung, die ordentlich Druck auf die Geschäftsführung (Böndel, Steinle, Bretzel) ausgeübt hat, abzusagen und zu delegitimieren.

    Wie heute die Strassenbahner in Berlin zeigen, muss mensch auch ver.di manchmal vor vollendete Tatsachen stellen. ver.di kämpft nicht, sondern labbert nur rum. Anstatt die Interessen der beschäftigten zu vertreten, quatscht ver.di lieber telefonisch mit der Gerschäftsführung und verkauft deren Konzepte als realistisch und unumgänglich. Wo sind den die Konzepte von ver.di? Wo ist die Unterstützung für die schon Entlassenen, die Unterdruckgesetzten, diejenigen, die ihre Entlassung befürchten? Reden hilft nicht immer. Eine klare Positionierung, die uneingeschränkte Unterstützung der Forderungen des betriebsinternen Flyers (als pdf) – ordnungsgemäße Arbeitsverträge für alle, Wieder- und Neueinstellung bei T&M (!), Zahlung des gewerkscahftlich geforderten Mindestlohns von 7,50 Euro – das wäre jetzt nötig. Aber was tut ver.di. Genau das Gegenteil. Ein Ausgliederung der beschäftigten wird befürwortet…

    Der großzügige Sklavenvertrag von SECURITAS, den ver.di zumindest für bedenkenswert hält, ist ein witz. Eigentlich sollte darüber niemand ansatzweise nachdenken. Die Besucherbetruer_Innen werdne nämlich dann zu Leiharbeitern (!), die überall in Berlin eingesetzt werden dürfen. Als Sicherheitsdienstmitarbeiter (!) zum Beispiel. Die Ausbildung von 40h muss selbst bezahlt werden. Dass heißt also, der/die vom Besucherbetreuer_In deklassierte soll einen monat ohne lohn lernen / arbeiten. Und den zweiten monat bekommt SECURITAS den Lohn, weil bei denen muss die Ausbildung abbezahlen werden. (Ich glaube, bei Menschenhändlern, Schleusern, Zwangsverprostituierten u. ä. Kriminellen geht es ähnlich ab.) Zusammengefasst bedeutet dieser Vertrag also, dass die Beschäftigten zwei Monate kein Geld habe. Wovon leben die denn dann?

    Noch krasser ist aber, dass es ja gültige Verträge gibt. Diese müssten vorher gekündigt werden. Ganz selbstverständlich ntürlich. Mit Billigung von ver.di. Die beschäftigten verlieren so im Handstreich alle Ansprüche, die ihnen laut den letzten Gerichtsurteilen von Rechts wegen zustehen und die hart erkämpft wurden. (Sogar mit Hilfe von ver.di.)

    Also, wo soll da das Angebot sein? Da sind ganz andere Begriffe einschlägig.

    Und trotzdem betrachtet ver.di (und der Betriebsrat) diese Nötigung als Angebot. Wie scheisse!!! Ich werd mich auf jeden Fall nochmal informieren, ob ich gegen die SECURITAS Typen Peter Landschulze und Ingo Naumann Anzeige wegen Nötigung stellen kann. Die Geschäftsführung der T&M – Markus Bretzel & Holger Steinle – könnten (glaub ich) wegen Beihilfe zur Nötigung oder in mittelbarer Täterschaft wegen Nötigung angezeigt werden. Die Beiden wären aber auch mit auch mit Untreue ganz gut getroffen. Böndel hätte zwar mit der Nötigung weniger zu tun, aber für die Untreue wäre er ebenfalls als Geschäftsführer verantwortlich…

    Also, ich finde den Vorgang im Technikmuseum ekelhaft, grausig und vorgewerkschaftlich. Arbeitnehmerrechte werden mit Füßen getreten. Die beschäftigten werden (ebventuell strafrechtlich relevant) unter Druck gesetzt, verleumdet und in ihrer Existenz massiv bedroht. Doch ver.di duldet dies alles einfach nur. Unterstützung und Pressearbeit wird von dieser Seite torpediert und unprofessionell unterdrückt. Der Betriebsrat schweigt ebenfalls und erträgt jede neue Ohrfeige ganz devot, anstatt mal seine Beschäftigten zusammen zu rufen und endlich der Geschäftsführung Paroli zu bieten, endlich diejenigen zu schützen, die sie auch mal gewählt haben! Widerstand gegen die Pappnasen bei T&M wäre angesagt. Und, es gäbe Interventionsmöglichkeiten, die jedoch ausgeschlagen werden. Richter stehen auf der Seite der Besucherbetreuung. Die Presse giert nach Neuigkeiten! Die Politik läßt sich insbesondere in Berlin leicht unter Druck setzen! Es muss jetzt was getan werden, sonst werden aus den Besucherbetreuer_Innen Leiharbeitsklaven. Die Resolution ohne Presse – ganz still und heimlich im Auschuß übergeben – war einfach nur ein Schuss ins Klo!

    All das, IST EIN SKANDAL!

  2. 2 Thomas 10. April 2008 um 23:49 Uhr

    Das Angebot, man könne ab dem 1. Mai bei Securitas arbeiten, ist tatsächlich eine ziemliche Frechheit. Für 5,25 Euro brutto lohnt es sich doch kaum noch aus dem Haus zu gehen – aber vorher muss man dann auch noch eine kostenpflichtige Grundausbildung machen.
    Zum Glück gibt es noch unabhängige Arbeits- und Sozialgerichte.

  3. 3 Machnow 11. April 2008 um 9:30 Uhr

    Unglaublich, was da im Technikmuseum läuft. Umso trauriger ist es, dass es kaum Widerstand gegen diese irrationale Willkür von Seiten der Geschäftsführung der T&M gibt. Einer der Geschäftsführer soll nun gehäuft Besucherbetreuer angeflaumt haben und gefordert haben, dass die Mitarbeiter ihre vertraglich zustehenden Pausen zu einem ihm genehmen Zeitpunkt zu nehmen haben… Die Herren Großmonarchen von T&M haben ihre nette Lieblingschef-Maske fallen gelassen. Das Tribunal der Technikmuseum-Inquisition hat sich konstituiert…

  4. 4 securitaswatch 11. April 2008 um 15:56 Uhr

    Wie die Sicherheitsfirma „Securitas“ mit Betriebsräten umgeht konnte vor circa 14 Tagen in Frankfurt / Main beobachtet werden. Als es nämlich darum ging einen Wahlvorstand zu bilden wurden alle Mitarbeiter_Innen, die sich als Kandidaten meldeten, fristlos entlassen. Arbeitnehmerorganisation scheint für die Jungs in den schicken Blauen Armanianzügen ein rotes Tuch zu sein. Rechtliche Grundlagen sind ihnen dabei ähnlich egal wie der Geschäftsführung der T&M GmbH…

    Übrigens wollte ver.di Hessen Strafanträge (dh. Anzeige) wegen Behinderung der Betriebsratswahl stellen. Wurde das im Technikmuseum auch getan? Da gabs doch auch Behinderungen bei der Wahl.

    (siehe ver.di Hessen Presseerklärung und Neues Deutschland)

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