Prekariat, bildungsferne Schichten und Henryk M. Broder

San Precario Am 9. April gabs wieder mal eine öffentlichrechtliche Talkrunde in der berüchtigten Sparte Polittalk. Zeremonienmeister Frank Plasberg lud zum harten aber fairem Gespräch ein. Das Thema war: Superstar statt Fleißarbeit – verfällt ein Land dem Castingwahn? In der Beschreibung ist der argumentative Weg vorgezeichnet. Es wird analytisch festgestellt, dass in der Show, im Leben, im Job – überall gecastet wird. Die Kontroll- und Testgesellschaft greift um sich. Es muss nicht mehr nur die Arbeitskraft verkauft werden, sondern der gesamte Körper und die Psyche prostituiert sich für die kapitalistische Verwertung. Leistung ist gefragt. Folgerichtig fragte die Sendung, nach den Auswirkungen des Darstellungdrucks auf junge Menschen, aber nicht ohne anzumerken, dass dieser eventuell als gute Schule für die Leistungsgesellschaft notwendig ist. Wohin das wohl führt?

Die Gästeliste zur Sendung versprach einiges an Spass. Der Musikproduzent und das ehemalige Jurymitglied von Deutschland sucht den Superstar (DSDS) Thomas M. Stein war gekommen. Henryk M. Broder, der zynisch egozentrische Publizist und verzweifelter Egoist, gab sich ebenfalls die Ehre. Der dritte im Bunde war Daniel Küblböck, als schräger Vogel mit eingeschränktem musikalischem Talent ausgestattet, schaffte er es trotzdem durch seine extravagante Selbstinszenierung die erste Staffel von DSDS als Dritter zu beenden. Als Künstler ist er übrigens über Steins Firma – 313music JWP – zu buchen. Als echte Künstlerin wurde Joy Fleming in die gemütliche Runde verpflichtet. Den ethischen Zeigefinger lieferte der Erziehungswissenschaftler und Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann.

Die Sendung schien recht langweilig verlaufen zu sein. Ich hatte den Beginn verpasst und erst bei einem unverständlichen Plädoyer von Herrn Ich-Bin-Der-Geilste M. Broder umgeschalten. Sofort fiel mir sein Button mit Amerikaflagge auf. Er hatte ihn aber umgedreht. Dieses winzige, modische Detail beschäftigte mich eine Weile. Ich dachte mir, vielleicht ist der Broder ein Amerika-Ultrá, der mit seinem Team unzufrieden ist. Andererseits könnte es natürlich auch sein, dass er seine so geliebten weißen Sternchen und weiß-blauen Streifen sehr gerne anschaut. Und zwar richtig rum. Aber, was ihn dazu brachte die amerikanische Fahne falschrum auf sein Revers zu heften, weiss nur der Broder selbst.

Naja, auf jeden Fall hab ich ganz Gedankenversunken weitergeschaut. Vielleicht sogar nur, weil der physisch & modisch verwandelte Neujazz-Sänger Daniel Küblböck beim Geblubber von Broder ganz nervös schien und seinem mimischen Ausdruck komplett unkontrolliert freien Lauf ließ. Ich war echt gespannt, was er antworten würde. Aber es kam nix! Dafür enttäuschte der Musikproduzent Stein nicht. Sein Statement zum Thema war zwar schon eklig genug, aber es muss ihm so sehr gefallen haben, dass er es sinngemäß in der Sendung wiederholte.


    Leistungsvergleiche gehören zum Naturell des Menschen; wer am Casting teilnimmt, muss auch eine ehrliche Meinung verkraften.


La Maternita
Nur der Berufszyniker Broder konnte diese Ode an den Sozialdarwinismus toppen. Er verband – ganz Antilinker, Antigutmensch, Antiglobalisierungsgegner und total politisch unkorrekt – den spektakulären Leistungsdruck positiv mit der neoliberalen, nomadischen Verwertung. Aber noch schöner fand ich, als Broder einiges an politischen Begriffen durcheinander warf. So war er der Meinung, dass Prekariat mit bildungsfernen Schichten gleichgesetzt werden kann, die sich bevorzugt in Ghettos – oder neudeutsch, in Problembezirken – vegetierend niederlassen. Nur ist dieser Begriff nicht so einfach zu klären. Was er aber bestimmt nicht meint, sind Hartz-IV-Betroffene und all die anderen Überflüssigen der Gesellschaft. Vielmehr ist er als Gegenbegriff zum (organisierten) Proletariat gemeint, eben die ungeschützten, prekären Beschäftigten.

Was dem Herrn Broder vor schwebt, scheint die Begriffsdefinition der Friedrich Ebert Stiftung (FES) zu sein, die sie in ihrer Studie Gesellschaft im Reformprozess (pdf, ab S. 81) formulieren. Sie behaupten vom abgehängtem Prekariat, dass es zu 49 % in den Unterschichten und der unteren Mittelschicht zu finden ist. Die Prekären erleben sich selbst als gesellschaftlich Abgestiegen. Es sind zumeist Arbeiter, Facharbeiter und einfache Angestellte. Was ein wenig verwundert ist, dass, laut FES, der gewerkschaftliche Organisationsgrad überdurchschnittlich hoch sein soll.

Il Licenziamento Jedoch ist diese Einordnung des Prekariats nur bedingt richtig. Der Begriff verweist, in seiner Ablehnung des klassischen Proletariats ein Phänomen, dass auf Beschäftigungsverhältnisse verweist, die einem vororganisiertem Proletariat entspricht. Einerseits lassen sich Elemente des Lumpenproletariats finden, die nichts materialistisch Nützliches produzieren und sich nicht an das revolutionäre Proletariat binden wollen. Aber auch Elemente des vorbürgerlichen Tagelöhners lassen sich erkennen. Um so verwunderlicher ist es, dass der gewerkschaftliche Organisationsgrad hoch sein soll.

Im Prekariat ist dem nicht so. Die Arbeitsverträge werden formal oft auf Tagesbasis gewährt und müssen jeweils neu gezeichnet werden. Oft gibt es Selbstständigenkonstrukte, die den Arbeitgeber von den Sozialabgaben entlasten, den Arbeitnehmer jedoch mit seiner sozialen Versorgung belasten. Typischerweise sind sogenannte Servicemitarbeiter das Rekrutierungsfeld des Prekariats. Leiharbeiter gehören ebenfalls dazu. Typische Berufsbilder sind Callcenteragents, Mitarbeiter bei Fastfoodketten und in Restaurants, Zeitarbeiter_Innen, junge Akademiker und Künstler. Letztere glauben, ihr prekärer Zustand erhebt sie positiv aus der arbeitsabhängigen Unterschicht, denn sie wählen diesen Zustand selbst. Diese Leute nennen sich Digitale Boheme. Jedoch kaschieren sie durch die positivistische Überhöhung ihrer Freiheit und die euphorische Egozentrik ihres vermeintlichen Avandgarde Status jede existenzielle Gefahr. Sie verkleistern ihr Selbstbild, nach Harmonie mit dem Spektakel strebend, vollkommen hedonistisch zu.


Contratto a Tempo
Aber es geht auch anders. Die Mayday-Bewegung setzt ein Zeichen gegen diese Selbstverdummung. Die Hedonistische Internationale ist ebenfalls auf dem Besten Weg sich ihrer historischen Aufgabe klar zu werden und interveniert immer öfter, wobei ihr Schwerpunkt auf der Befreiung des Raumes nicht der Arbeit liegt.

Eine weitere gemeinschaftsbildende, kulturelle Intervention ist die Hoffnung auf Sankt Prekarius, dem Schutzheiligen der Prekär Beschäftigten. Dazu gehören, neben den schon weiter oben Genannten, die aus dem Bildungsbürgertum stammenden, unorganisierten, sich am Rande des Existenzminimums rum schlagenden Dauerpraktikanten.

Il Padrone Und so schließt sich der Kreis wieder. Der Neocon Henryk M. Border ist einer vermeintlichen Neudefinition der Sozialdemokraten aufgesessen, die, wie schon so oft, recht unsauber, zwischen dem Proletariat und der neuen Mitte laviert. Eine positive Positionsbestimmung läßt sich von dort nicht erwarten. Um so fataler ist es, dass der frustrierte Altlinke auf solch Gewäsch reinfällt. Verwunderlich bleibt es trotzdem, denn an ihm scheinen einige Jahre der Entwicklung seiner Lieblingsfeinde vorbeigegangen zu sein. Ist aber vielleicht doch gar nicht so erstaunlich, denn seine Egozentrik hat sich von den alten Verbalgedemütigten an andere gewandt. Der neue Krieg des Herrn Broder richtet sich harmonisch eingebettet in den war on terror und ideologisch bestimmt durch den clash of civilizations, fest an der Seite der Herrschenden, gegen den Islam. Da kann mensch schon mal bei den anderen Klassen und deren Erosion durcheinander kommen.

Noch erstaunlicher war aber, dass der Plasberg darauf nicht reagiert hat und ihn verbesserte. Aber auch die anderen Herren und Damen still bei ihrer jeweiligen Selbstbeweihräucherung blieben. Joy Fleming sang noch ein wenig. Küblböck erntete Lacher. Dem Psychologen Bergmann glaubte der Zuschauer allles. Broder fiel voll durch. Vermutlich sollte deshalb sein Duet auch mit einem geklonten Selbst aufgenommen werden. Einen Partner neben sich, außer sich selbst, könnte er höchwahrscheinlich nicht ertragen.

Hart aber Fair


3 Antworten auf „Prekariat, bildungsferne Schichten und Henryk M. Broder“


  1. 1 Machnow 14. April 2008 um 20:09 Uhr

    Schöner Text auf nem anderen Blog zu der angesprochenen Sendung. Gefällt mir sehr gut!

    Ich bleibe dabei. Wir sollten uns über Broder nicht erregen. Der Mann braucht unser Mitgefühl. Schließlich ist er in besseren Zeiten, als er noch Menschlichkeit zeigen wollte, oft für uns aufgetreten. Hat uns zum schmunzeln, manchmal sogar zum Lachen gebracht. Lasst uns gnädig mit ihm sein. Auch wir werden alt und der Geist schafft die Höhenflüge der Jugend nicht mehr. Vielleicht brauchen wir dann den Applaus nicht so sehr wie er. Vielleicht haben wir Glück und merken rechtzeitig wenn der Applaus von der falschen Seite kommt. Aber sicher bin ich mir da nicht.

    (duckhome, FAZ fällt auf Broder rein)

  2. 2 Jonathan Hart 15. April 2008 um 13:01 Uhr

    Henryk M. Broder!
    Was soll einem halbwegs geistig gesundem Menschen zu dieser Figur noch einfallen?
    Diese Figur reißt das Maul derartig weit auf und erlaubt sich Dinge zu äußern, die nicht nur unglaublich empörend und zudem maßlos beleidigend sind, sondern zeugen auch von dessen schier grenzenloser Unwissenheit.

    Ich habe die Sendung verfolgt und ich hätte garnicht so viel essen können, wie ich kotzen wollte, immer dann wenn Broder meinte wieder mal eine geistreiche Äußerung plazieren zu müssen.

    Ich habe eine sehr gute Meinung von Herrn Plasberg, doch warum er und seine Redaktion dieser Figur auch noch eine Plattform für die Verbreitung von schadhaftem Unsinn bieten muß, verstehe ich in keiner Weise. Es reicht doch schon, wenn der Spiegel diesem Scharlatan auf dem Leim geht, da muß doch der ÖR nicht auch noch unkommentierte Phrasen der Figur Broder verbreiten.

  3. 3 machnow 15. April 2008 um 15:44 Uhr

    der broder hat echt enorm abgebaut. seine pointierten, durchaus klugen entflechtungen vor jahren sind längst passe. wie bei so vielen muss ihm 2001 mächtig was durchs gehirn geschossen sein, dass er nur noch in seinem kosmos umher fleigen kann. doch seit monaten verändert sich die qualität seines realitätferne. entweder nimmt er richtig geile drogen, oder er wird einfach langsam senil…

    „schadhaft“ würde ich den blödsinn nicht nennen, den der broder da vor sich hin blubbert. ihm hört sowieso kaum noch jemand zu. sein zeug versteht niemand mehr. nicht einmal mehr witzig ist es… eigentlich tut er mir langsam leid! er ärgert mich nicht mal mehr. der iss irgendwo nach islamophobia, oder auch broderia gennatn, ausgewandert. ich glaub, das wars mit dem henryk m. nun endgültig. wann hat er das letzre mal für spiegel geschrieben? nur radioeins lässt ihn ab und zu noch faseln… naja, für politischen, ungefährlichen nonsense sind sie ja immer zu haben. (nur nicht depressiv darf es sein.)

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