Wind, Licht, Sonne und ganz viel Banda Bassotti (1. Teil)

Am 8. März erschien nun endlich die neue CD von Banda Bassotti mit Namen Viento, Lucha y Sol. Die record release Party für Deutschland fand im Clash im Mehringhof statt. Eigentlich sollte vorher Boikot rocken, die aber leider wegen Krankheit des Sängers verhindert waren. Das Publikum wurde aber erstaunlich gut von den Net Flanders entschädigt. Die folgenden Punk Rock Boys waren zunächst recht witzig, bauten dann aber mächtig ab und nervten am Ende nur noch. Aber kommen wir zum neuesten Combat Rock Erzeugnis…

Die Platte geht schon mit einem fetten Hammer los. Figli di rechnet knallhart und skaking mit der familiären Vorbestimmheit sozialer Ungerechtigkeit ab. Es trifft sowohl die Kriegstreiber, die militant nach Ölvorräte suchen, finden und räuben, als auch die klerikale Eunuchen, die sich folkloristisch in einer quasimonarchistisch organisierten Festung im Herzen von Rom verbarrikadieren und von dort Rechtfertigungen für den Kampf der Kulturen weihrauchgeschwängert ausposaunen. Das alte italienische Mafiathema wird ebenfalls abgearbeitet. Auch Gewerkschafter und die Mitte-Links Regierung (bis vor kurzem noch unter Prodi und Konsorten) kommen schlecht weg. Die Banda setzt die Söhne folgerichtig auf die Anklagebank! Laut, krachend und vor allem tanzbar.

Der zweite Titel – Cuore Malato – kracht regelrecht in die Hörmuschel. Das komplette Programm explodiert gleichzeitig & geballt am Anfang. Die Bläser rufen zum Tanzen. Das Schlagzeug prügelt ungestüm los. Die E-Gitarre schrammelt. Und Picchio weckt mit einem lautem non den Intellekt! Super Sound! Nachdem Sigaro seinen Vers mit der Erzählung vom rassismo di stato beendet, gibts ein kleines, feines chilliges Aufatmen, ein quasi Ausruhen. Aber nur um gleich wieder als komplettes Orchester loszurocken.

Rosa Luxemburg Konferenz

Der Text beschäftigt sich mit Italien als Einwanderungsland. In einem Interview mit der jungen Welt (auf italienisch) beschreibt die Banda den Hintergrund zu diesem Lied.

    Die Italiener sind ein Volk von Einwanderern gewesen. Die USA, Deutschland, die Schweiz, Belgien, in all diese Länder sind sie von 1900 bis nach dem Zweiten Weltkrieg gegangen, um Arbeit zu suchen. Sie wurden behandelt wie Wesen zweiter Klasse. Man hat sie ausgebeutet und ihre Namen verändert. Heute kommen die Menschen aus den armen Ländern nach Italien und in die EU, um ein besseres Leben zu finden – wie die Italiener damals, die diese Leute nun genauso furchtbar behandeln, wie sie damals selbst behandelt wurden.

Das Thema ist durchaus brisant. Seit Jahren mehren sich in Italien fremdenfeindliche Übergriffe. Es trifft zumeist Dunkelhäutige, Asiaten und Sinti/Roma. Auf letztere gibt es eine regelrechte Hetztjagd. Letztes Jahr winkte die Prodi-Regierung ein Gesetz durch, dass es den lokalen Polizeibehörden erlaubt Nicht-EU-Bürger ohne die vorher notwendige Absprache mit dem Innenministerium abzuschieben. Diese Eskalation in der Flüchtlingspolitik betrifft insbesondere die Sinti/Roma in Italien. Am 10. März erschien hierzu ein Papier (pdf auf englisch) des Europäischen Zentrums für die Rechte der Roma (ERRC). Es bemängelt insbesondere die Hasstiraden italienischer Politiker und die Rolle der Medien in der Verbreitung rassistischer Vorurteile gegen diese Volksgruppe. Von der Regierung verlangte das Komitee Maßnahmen zur Verhinderung illegaler Polizeigewalt gegenüber den Roma und resolut gegen Ausgrenzung der Roma auf lokaler Ebene vorzugehen.

Sigaro in Berlin

Auch in La Cura geht es um soziale Mißstände. Im Grunde ist dieser Song ein Piratenlied, eine Ode an die kleinen Kriminellen, die mit mit Zwille und Messer den Riesen bekämpfen, die Geige spielen, als sie die Honda klauen. Es sind übrigens zwei, die keine Heiligen waren. Ich vermute, dass dies eine Anspielung auf die französischen Halunken ist, die von der Polizei in den Tod getrieben wurden. Die Therapie (mit Kärcher) sollte, laut der Banda, nicht diese beiden treffen, sondern die anständigen Leute, die meinen die Welt gehöre ihnen. Die Therapie wäre ein schöner Spaziergang unter uns Bettlern.

Das Intro zu La Cura ist ein schönes Skagitarren-Solo. Es deutet musikalisch zwar etwas an, was nicht kommt, jedoch entschädigt der Punk danach beeindruckend die Erwartungen. Sigaro singt über die Ausgestoßenen. Picchio erzählt die Geschichte der beiden Diebe, die von der Polizei zu Tode gejagt werden, zu (Strassen-) punkigem Gitarrengeschrammel. Den angedeuteten Ska gibts dann doch noch. Der Refrain ska‘ngt schön los. Eingeleitet wird er durch Sigaros einfache Feststellung, dass die Beiden keine Heiligen waren. Da sind dann auch wieder die Bläser! Übrigens ist Sigaros abstrahierter Text durch den Chorgesang der Banda als Echo konterkariert. Sie ergänzen im Grunde Sigaros Vers und machen aus dem Titel eine gemeinsame Stellungnahme.

Picchio Bühne

Der Text von Piccolo Lupo (Kleiner Wolf) ist sehr verwirrend und metaphorisch. Auch hier geht es wieder etwas schneller zur Sache. Es rockt, ähnlich wie cuore malato, von Begin an sehr schnell los. In der ersten Strophe geht es (offensichtlich) um mexikanische Indianer. Die Sprache und der Duktus erinnert stark an eine mythische Legende, die sich die Überlebenden eines beinah ausgestorbenen Stammes bis heute erzählen. Es geht wohl auch um den mexikanischen Befreiungskampf in dem der Indio Francisco – Pancho – Villa aus Nordmexiko zusammen mit den Gebrüdern Zapata aus Südmexiko gegen die mexikanische Regierung kämpfte. Aber vielleicht gehts auch um etwas ganz anderes. Wer weiss. Beendet wird die Reise in die Vergangenheit mit einem Sprachmix aus Englisch und Spanisch.

Dieser Bruch in Sprache, Kultur und Erzählweise wird musikalisch im übrigen fortgesetzt. Für circa 2-3 Sekunden setzt die Musik aus und es ist erstmal still. Nach dem Bruch beginnt im Grunde ein ganz anderer Titel. Aus dem Punkrock ist Ska geworden. Außerdem singt nun Picchio. Sein Statement warnt davor, ebenfalls in blumigen Versen, sich nicht zu schnell geschlagen zu geben. Die Vampire, die Soldaten und Gefreiten warten schon. Und wieder beendet das Englische yes I know den Ausflug in die Seele des mexikanischen Rebellen. Aus Ska wird diesmal ein wenig zurückhaltender Rock. ein Gitarrensolo ist die Bridge zur letzten Strophe. Hier verschmilzt der Indianermythos mit dem des Rebellen. Musikalisch vereinigt sich Rock und Ska. Die Bläser dürfen ihr Solo abliefern. Und die ganze Banda darf als wiederauferstandene gar nicht so kleine Wölfe heulen, die sich gegen Vampire und Federales wehren. Mit Letzteren ist im Übrigen die Föderale Mexikanische Polizei gemeint.

Mimi Maura

Nach diesen rockigen, mit Ska aufgefrischten Krachern, den Ausflügen in die weltweite Piraten- und Rebellengeschichte wirds erst einmal ein wenig ruhiger. Der Song Insciallah mi Amor ist ein Duet mit Mimi Maura, einer argentinischen Sängerin. Der Sound klingt in diesem Titel sehr nach ursprünglichem Ska. Ich glaub, das wird im Allgemeinen Rocksteady genannt. Aber ich kenn mich da nicht so richtig aus. (Hier könnte mensch sich auf jeden Fall aufklären lassen.)

Im Text gehts es im kollektiven wir um ein fahrendes, wildes, kämpfendes Völkchen. Sigaros gewohnt ruhigem, überzeugtem Gesang setzt Mimi Maura ihre hohe, fragile Stimme gegenüber. Das klingt dann ein wenig verzweifelt. Diese beiden Antipoden werden dann schon beinah unnatürlich durch eine einfache, fast gesprochene Aufzählung von Städten ergänzt. Das Gespräch der zwei Freunde wird so zu einem Ruhepunkt, zur Reflexion, nicht zur Verzweiflung. Die Beiden treffen auf tausende Augen immer in einer anderen Stadt. Sie sind Kampf Leben und Sonne. Das Inshallah am Ende des Liedes und im Songtitel weist eventuell darauf hin, dass sie sich in ihr Schicksal ergeben haben, dass sie nun einmal so sein wollen, so auch immer waren. Sie sind eben Kampf, Leben und Sonne. Gemeinsam und allein.

Picchio springt

Das merkwürdigste Lied auf dem neuen Banda Bassotti Erzeugnis ist Pitbull Mentality. Es klingt enorm wütend. Mit harmonisch können die musikalischen Läufe nicht beschrieben werden. Und, gefällig ist der Song ebenfalls nicht. Er ist vielmehr sehr spröde, kräuselt sich bevor er ins Ohr geht und vor allem hinterläßt ein ungutes Gefühl. Wenn ich mir dazu Pichio vorstelle, wie er bei einem Konzert sein biomechanisches Theater performt, krieg‘ ich allein von der Vorstellung schon einen respektvollen Schauer. Aber es sieht dann bestimmt super aus.

Im Text dreht es sich, wie schon der Titel andeutet, um einen symbolischen Pitbull Kampfhund. Er knurrt, beißt, greift an. Er verabscheut christliche Heuchler und pädophile Bischöfe. Den Mächtigen hört er nur knurrend zu. Der Pitbull wehrt sich! Das hört mensch auch sehr nachdrücklich & verstörend. Nach dem Liebeslied rockt hier ein wütender Rebell, der wirklich nix mit Kompromissen am Hut hat. Frustration, leichte Zweifel und Unstetigkeit sind weggespült. Die Gitarre jault. Das Schlagzeug prügelt vor sich her. Das Lied ist wirklich erstaunlich!

Fortsetzung hier!


2 Antworten auf „Wind, Licht, Sonne und ganz viel Banda Bassotti (1. Teil)“


  1. 1 der likedeeler 18. April 2008 um 5:49 Uhr

    Wow! Absolut klasse Review mit Herz und Verstand. Ich setz mal einen Backlink zu Dir!

    Danke für Deinen Hinweis.

    Die Faust zum Gruße

    Der Likedeeler

  1. 1 Talco - Ska Punk aus Italien » Von altravita » Musik » Italien blog Pingback am 06. August 2008 um 11:23 Uhr
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