Freier Journalismus? Ach, ne! Ich kenn‘ doch den Herausgeber!

Nur Edathy authorisiert Sebastian Edathy ist 39 Jahre alt. Er wurde in Hannover, der Landeshauptstadt von Niedersachsen, geboren. Das lange Zeit sozialdemokratisch geprägte Land ging an die christlichdemokratischen Erneuerer um Christian Wulff verloren. Aber Edathy konnte dies egal sein. Denn er saß schon seit 1998 im Bundestag und machte Karriere. Die Rente ist ihm sicher. Sein Monatseinkommen auch. Und den Herausgeber der ZeitTheo Sommer – kennt er auch sehr gut, so dass ihm nörgelnde, investigative Journalisten nix anhaben können! Die belegt er einfach mit dem Edathy-Fluch. Und, schon ist Schluß mit Veröffentlichungen! So erging es zumindest der freien Journalistin Susanne Härpfer.

Frau Härpfer hatte beim Online Portal der neoliberalen Zeit mehrere Artikel zum Thema der Weitergabe von Postdaten an amerikanische Zoll- und Grenzschutzbehörden geschrieben. Hierbei geht es um die Vorabweitergabe von Daten über Absender, Empfänger und – sofern verfügbar – über den Inhalt bei Paketen, Päckchen und Briefen. Diese Art der Kooperation mit dem amerikanischen Heimatschutzministerium soll schon seit 2002 praktiziert werden. Laut Härpfer in der Zeit werden die sensiblen Daten spätestens seit 2004 auch an die amerikanischen Strafrechtsverfolgungsbehörden weitergegeben. Zur Zeit finden Verhandlungen, die bis zur Enthüllung von Härpfel geheim waren, zwischen den amerikanischen und europäischen Behörden statt, die einheitliche Standards zum Postdaten-Austausch in allen Mitgliedsländern etablieren sollen. Durchaus brisant ist, dass die Posttochter DHL diese Daten schon heute, ohne Zwang, im vorauseilendem Gehorsam übermittelt. Nur das widerständige Östereich weigert sich die Aushebelung des Postgeheimnisses zu unterstützen.

Der erste Artikel erschien in der Zeit am 22. Januar diesen Jahres. Am selben Tag erschien zum selben Thema ein Beitrag bei telepolis. Ein zweiter Artikel, circa eine Woche später, ebenfalls von Härpfel geschrieben, dokumentiert einige kritische Stimmen zum Vorgang, unter anderen vom ehemaligen Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP), vom schleswig-holsteinischen Landesdatenschutzbeauftragten Thilo Weichert und von Ulla Jelpke. (Linke). Einen Tag vor der nichtöffentlichen Sitzung des Innenaussschußes des Bundestages legt Härpfel in der Zeit nach. Und nun begann eine Posse sondergleichen.

Die Zeit war an weiteren Veröffentlichungen zu diesem Thema, obwohl sie Härpfel beauftragt hatte, weiter zu recherchieren, nicht sonderlich interessiert. Das Interview mit dem Oberindianer des Innenschußes war schon längst geführt. Der Beitrag fertig. Da die Zeit nix veröffentlichten wollte, übernahm schließlich telepolis den Artikel. Der Name des Vorsitzenden des Innenauschußes ist übrigens Sebastian Edathy, auch bekannt als Voodoopriester Nixmitfreiemjournalismus (für jeden Journalisten gibts den richtigen Fluch).

Edathy sah sich falsch zitiert, die Sätze seien nicht autorisiert und in einem entfremdeten Kontext wiedergegeben. Deshalb fordert er die Redaktion auf, zukünftig darauf zu achten,


    wörtliche Zitate vor einer Veröffentlichung autorisieren zu lassen, sofern dies nicht bereits im Gespräch erfolgt und tendenziöse Bericht zu unterlassen, die im Widerspruch zur Professionalität der ‚Zeit‘ stehen. Ich bin, auch aus persönlicher Bekanntschaft mit Theo Sommer, einigermaßen entsetzt über den Beitrag von Frau Härpfer auf heise.de (…) Bis auf weiteres werde ich aber bei Hinweis auf einen Mitarbeit bei ‚Zeit online“ skeptisch sein.

Härpfel selbst nennt er, weil sie ihm gegenüber zu aggressiv gewesen sein soll und kein Verständnis dafür hatte, dass er nix sagen könnte, unprofessionell, unjournalistisch und unterstellungsreich. Aber tritt nicht so der sogenannte Enthüllungjournalismus auf? Im Übrigen, wie soll ein Journalist, nach Meinung von Edathy, denn an brisante Statements kommen? Zucker in den Arsch pusten ist eine Methode, nur dauert die länger. Ein bißchen Stänkern bringt oft schneller Ergebnisse. Michel Friedmann war mit dieser Taktik in seiner Sendung beim Hessischen Rundfunk vor Jahren äußerst erfolgreich. Aber Edathy kennt ja denn Herausgeber. Da interesiert ihn wenig, wie freier, kritischer Journalismus funktioniert. Seine embedded Bundestagspresse läuft wahrscheinlich normalerweise anders ab.

Das Ergebnis des entfesselten Politikers aus den Reihen der Genossen ist ein partielles Berufsverbot für die kritische Journalistin Susanne Härpfel. Sie berichtet von einem Gespräch mit dem Textchef der Zeit.


    In diesem Telefonat teilte er mir mit, Herr Sebastian Edathy (Vorsitzender des Innenausschusses) habe sich bei seinem Haus beschwert über meine kritische Berichterstattung bei Heise zum Thema Postdatenaustausch an die USA. Daraufhin sagte mir Herr Greven, die Redaktion von ZEIT online werde deshalb die Aufforderung durch Herrn Edathy (SPD) Folge leisten und mir als freier Journalistin keinen Auftrag mehr erteilen.

Der Herr Sebastian Edathy etabliert so Prinzipien wie die Autorisierung, die nirgends zwingend vorgeschrieben ist und bei Personen des öffentlichen Lebens, insbesondere Politikern, die zu ihrem ureigenem Fachgebiet befragt werden, vielleicht sogar als fragwürdig erscheinen mögen. Auf diesem Weg werden willfährige Journalisten geschaffen, die sich nicht mehr trauen, ob ihres womöglich verlustig gehendem Verdienstes, kritisch und frech zu berichten. So entsteht ein anderer, herrschaftsgesteuerter Gesinnungsjournalismus (Edathys Vorwurf an Härpfel). Das die ehemals durchaus aufklärerische Zeit sich dieser neuen Maxime beugt, ist im Grunde kein Wunder. Trotzdem bleibt es erschreckend. Diese Art journalistsicher Gleichschaltungsversuche kommt mir bekannt vor.

Sebastian Edathy und Tom Cruise


3 Antworten auf „Freier Journalismus? Ach, ne! Ich kenn‘ doch den Herausgeber!“


  1. 1 Thomas 21. April 2008 um 8:16 Uhr

    Ich finde es schon ein weniger verwunderlich, dass die Zeit sich lediglich durch diese persönliche Bekanntschaft zu einem manipulierten Werkzeug machen lässt. Das dürfte bei den Leser nicht besonders gut ankommen. Die Lesermacht ist meines Erachtens das größte Gegengewicht zum Gesinnungsjournalismus.

    Worauf willst du eigentlich mit dem Bild am Ende des Textes hinaus? ;-)

  2. 2 Machnow 22. April 2008 um 15:03 Uhr

    die ZEIT hat sich mit diesem vorgehen selbst disqualifiziert. mich erstaunt es eigentlich nicht mehr. aus dem qualitätsblatt ist ein staatstragendes regierungsblatt geworden. womöglich wir des bald in Neue Zeit (nach dem vorbild des Neuen Deutschland als SED stimme) umbenannt.

    ausserdem geht es im foto darum zu spekulieren, woher der herr edathy seine art mit medien umzugehen hat. ausserdem würde das bild seine merkwürdige haltung erklären, als es um ein verbot von Scientology ging. Er äußerte nämlich dem tagesspiegel gegenüber:

    Ich habe Zweifel, dass man ausreichende Belege findet, um Scientology zu verbieten [weil sie] nicht so sehr die Axt an die demokratische Grundordnung [legen.]

    Ich frag mich nur, woran denn sonst? Aber er ist da nicht ganz allein. Schäuble, Leutheusser-Schnarrenberger u.a. sind ebenfalls der Meinung. Schon komisch, wie plötzlich alle einer Meinung gegenüber einem faschistoidem, totalüberwachendem, manipulierendem, heimlichen Wirtschaftsunternehmen mit psychotherapeutischem Anstrich sind…

  3. 3 Friederike Habermann 26. Oktober 2009 um 20:23 Uhr

    ´Voodoopriester´ und ´Oberindianer´? Diese rassistische Wortwahl über einen Deutschen of colour in einem sich als emanzipatorisch verstehenden (oder zumindest gebendem) Medium verschlägt einer wiedermal nur die Sprache.

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