Der Wolf in Mönchskutte!

Die junge Welt veröffentlichte einen Vorabdruck des wiederaufgelegten Colin Goldner Buches Dalai Lama. Der Fall eines Gottkönigs, das um Zitate und Vorgänge nach 1999 ergänzt wurde. Die abgedruckte Passage beschäftigt sich insbesondere mit der propagandistischen Inszenierung und medialen Nutzung der Vorbereitungen der Olympischen Spiele in China.

Daran maßgeblich beteiligt ist die neugeschaffene Dachorganisation Tibetan People’s Uprising Movement (TPUM) in der die meisten tibetanischen Exil- und Untergrundorganisationen zusammen geschlossen sind um in einem Marsch auf Peking die mediale Aufmerksamkeit, die die Olympischen Spiele bringen zur Durchsetzung ihrer Forderungen zu nutzen. Hierbei verknüpft die Mobilisierung die Kritik an den Olympischen Spielen und der nichtvorhandenen Menschenrechtspolitik Chinas mit dem sogenannten Volksaufstand der Tibetaner gegen die sogenannte chinesische Okkupation im März 1959 sowohl in ihrer medialen Präsentation als auch in den Forderungen. Goldner schreibt hierzu.


    Wie mehrfach betont, hatte 1959 keinewegs „das tibetische Volk sich gegen die Unterdrückung durch die Chinesen erhoben“, wie von Pro-Tibet-Gruppen bis heute behauptet wird, vielmehr hatte sich die in Lhasa ansässige Führungsschicht der feudalklerikalen Ausbeuterklasse, die sich durch die angekündigten Bodenreformen der chinesischen Kommunisten in ihren Privilegien bedroht fühlte, zu einem bewaffneten Aufstand zusammengerottet. Wie in östlichen Landesteilen bereits praktiziert, war auch für die Provinz Ü-Tsang mit ihrer Hauptstadt Lhasa vorgesehen, den Grundbesitz der Adelsfamilien und der Großklöster zu enteignen und an bisherige Sklaven, Leibeigene und unfreie Bauern umzuverteilen. Bis dahin waren die überkommenen Grundbesitz- und Herrschaftsverhältnisse in Ü-Tsang weitgehend unangetastet geblieben, insofern hatte es in Lhasa auch keine Notwendigkeit gegeben, sich gegen die Chinesen zu „erheben“, von deren Ausbau der Infrastruktur man bislang nur profitiert hatte.

Die TPUM wird vorrangig durch fünf Organisationen unterstützt, wobei mindestens zwei als militant einzuschätzen sind. Der Tibetan Youth Congress (TYC) zum Beispiel kämpft mit durchaus märtyrerhaftem Vokabular für die Wiederherstellung und totale Unabhängigkeit von Großtibet, das auch die drei umstrittenen, chinesisch dominierten Provinzen als historisch für sich beansprucht. Die tibetanische, zum Teil militante Gefangenenorganisation Gu-Chu-Sum Movement of Tibet ist ebenfalls mit von der Partie.

Diese beiden Organisationen würden sich mit einer Autonomie innerhalb Chinas, die schon existiert, nicht zufrieden geben. Sie fordern die Unabhängigkeit von Großtibet. Der dritte im Bunde, der sich für die Wiederherstellung der rechtlichen Unabhängigkeit (was für eine juristisch diplomatische Konstruktion), das heißt Unabhängigkeit von China und volle Autonomie, ausspricht, ist die National Democratic Party of Tibet. Bei denen fällt auf, dass sie eine echte Demokratie ohne Dominanz einer Religion, Status oder Region fordern, aber die Führerschaft des Dalai Lama an erster Stelle nennen. Wie auch bei anderen Befreiungsbewegungen üblich, kann diese Partei als der politische Arm der militanten, nationalistischen Organisationen angesehen werden.

noborder

Die vierte mitunterzeichnende Organisation, die Tibetan Women’s Association, geht nicht soweit die totale Unabhängigkeit zu fordern. Sie wollen eine, auch vom Dalai Lama favorisierte, genuine autonomy, was immer das auch ist. Aber ansonsten spricht auch diese Organisation von einer Okkupation durch chinesiche Besatzer. Ihre Forderungen beziehen sich aber viel mehr auf Bürgerrechte, Gleichberechtigung und peace and justice for all. Hierbei scheinen sie sich von den Adoleszenten und Klerikalen durchaus nachvollziehbar und berechtigt abzugrenzen. Trotzdem bleibt auch in dieser Organisation der Dalai Lamader Dreh- und Angelpunkt der rebellischen, nationalen Identität.

Die Students for a Free Tibet (SFT), die letzten Unterzeichner, verstehen sich als Netzwerk junger Menschen, Schüler, Studenten und Aktivisten aus aller Welt. Sie leisten Aufklärungsarbeit, Mobilisierung der Öffentlichkeit und gewaltfreie Aktionen um ihren Beitrag zum Kampf der Tibeter für ihr fundamentales Recht auf politische Freiheit durch zu setzen.


    Durch unseren Kampf für die Unabhängigkeit Tibets wollen wir besonders junge Menschen inspirieren und befähigen eine gerechte und faire Welt zu schaffen, frei von Unterdrückung, in der es Respekt für die Erde und alle lebenden Wesen gibt.

Das klingt alles sehr vernünftig und schon beinah anarchistisch. Ich vermute, dass sich hier die nützlichen, bürgerlichen, gutsituierten Idioten versammeln, die sich beim sehr viel reaktionärerem, chauvinistischen und fremdenfeindlichen TYC nicht wohl fühlen. Jedoch Probleme mit deren Vorstellung von Freiheit und Staatsauffassung scheinen sie nicht zu haben. Der Dalai Lama ist hierbei für die rebellische Persönlichkeit der Studenten weniger wichtig. Die nationale Ebene wird nicht betont. Vielmehr verschwimmen bei dieser Organisation die westlich geprägte Schwärmereien und die exiltibetanischen reaktionären Vorstellungen zu Gunsten der romantischen Verklärung.

Meine Meinung über das Schmunzelmonster dürfte allmählich jedem klar sein. Deshalb kann ich Liza nur zustimmen, die in ihrem Beitrag zum Lamaarsch-Besuch eine ausführliche, kritische Betrachtung dieses Kumpans abliefert. Der durchaus polemische Titel Der freundliche Skinhead weist sehr deutlich in die Nazirichtung, wobei es richtiger der freundliche Bonehead heißen müßte.

Mit diesem Hintergrundwissen werden die Unruhen in Lhasa plötzlich perspektivisch komplett verkehrt. Der so ambitioniert verkaufte gewaltfreie Widerstand pazifistischer Tibetaner, bevorzugt in gelben Kutten, verwandelt sich plötzlich in fremdenfeindliche Pogrome gegen Einwanderer. Hierzu fasst der Spiegelfechter in seinem Beitrag Blutige Niedeschlagung oder Pogrom? die widerrsprüchlichen Berichte sehr informativ zusammen.

Aber um dem Phänomen des Gottkönigs näher zu kommen lohnt sich der Besuch der Lesung des schon oben erwähnten Colin Goldner Buches. Er stellt es am heutigen Freitag ab 19:30 Uhr in der Ladengalerie der jungen Welt vor. Eine sehr ausführliche und umfangreiche Rezension zur alten 99iger Auflage lieferte vor zwei Jahren Marcus Hammerschmitt.


4 Antworten auf „Der Wolf in Mönchskutte!“


  1. 1 Thomas 04. Juli 2008 um 22:14 Uhr

    Also mal wieder ein Artikel zum in linken Kreisen mittlerweile zum guten Ton gehörenden Tibet- und Lama-Bashing. Und dann auch noch mit solchen aus der Luft gegriffenen Bemerkungen: „Ich vermute, dass sich hier die nützlichen, bürgerlichen, gutsituierten Idioten versammeln…“ Mehr mit Vorurteilen kann man wohl kaum behaftet sein.

    Das ein Leben in Tibet im Jahre 1959 kein Zuckerschlecken war und völlig unkonform mit unseren Vorstellungen von Freiheit und Gerechtigkeit ablief, das dürfte klar sein. Dem Dalai Lama und seinen Anhängern aber knapp 60 Jahre später vorzuwerfen, dass sie noch immer der gleichen Ideologie aufsitzen, ist doch sehr zweifelhaft.
    Bei der Annektierung durch China sollte man außerdem mal über die chinesischen Motive nachdenken. Darüber habe ich in diesem Blog noch nie was zu lesen bekommen.

    Ein Artikel über tatsächliche Wölfe – man denke z.B. an Robert Mugabe – muss ich dann wohl selber schreiben. Die radikale Linke erfreut sich ja lieber an Luftgefechten mit einem „Gottkönig“ ohne Land, über dessen Lächeln sich der trübsinnig-deutsche Revolutionär ärgern kann.

  2. 2 Butch Jonny 04. Juli 2008 um 23:05 Uhr

    Also, Thomas, so einfach kannst Du es Dir nicht machen. Schade, dass Du nicht bei der Lesung warst, da wär Dir echt übel geworden.

    Das Problem ist sehr viel vielschichtiger. Die Exiltibetischen Kreise und die Exilregierung sind nicht demokratish legitimeirt. Der Dalai Lama hat nie den Versuch unternommen sich selbst demokratisch zu legitimieren. Die politische Bewegung ist fremdenfeindlich, nationalistisch und theokratisch. Ein nettes Beispiel bieten die vier Grundpositionen des TYC.


      1. To dedicate oneself to the task of serving one’s country and people under the guidance of His Holiness the Dalai Lama, the Spiritual and Temporal Ruler of Tibet.
      2. To promote and protect national unity and integrity by giving up all distinctions based on religion, regionalism or status.
      3. To work for the preservation and promotion of religion and Tibet’s unique culture and traditions.
      4. To struggle for the total independence of Tibet even at the cost of one’s life.

    Die Positionen der National Democratic Party of Tibet ist ähnlich. Nur die SFT und die Frauen sind anders.

    Hinzu kommen Verbindungen des Dalai Lama und seiner Kaste zu älteren Nazis, Nationalisten und chauvinistischen Sekten. Sie Lehre des Aum-Mörders will Lamarsch nicht ablegen. Ihr Gründer ist für ihn still a spiritual man. Verbindung zu chilenischen Nationalsozialistischen Partei können ihm nachgewiesen werden. Zu den Nationalisten in Südtorol gibt es ebenfalls Verbindungen. Haider ist sein Freund. Und der CIA hat ihn bezahlt… Rassistische Vorstellungen gehören ebenfalls zu seinem Horizont. So glaubt er an eine tibetische Rasse die durch Überfremdung gefähredt ist.

    Die politischen Vorstellungen sind antiquiert. Freiheit der Bevölkerung gehört nicht dazu. Grundbesitz, Bildungdiktatur und ethnische Fundierung sind grundlegend. Was mit Fremden passiert, konnte am 11./12. März beobachtet werden.

    Die religiösen Positionen, die grundlegend für die tbetanische Kultur sein soll, sind noch hahnebüchender. Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Sexismus sind die Grundpfeiler der tantrisch buddhistischen Vorstellungen. Nur ein paar Beispiele. Der Dalai Lama selbst gibt zu, dass nur Männer das Nivana erreichen können. Homosexualität wird abgelehnt, weil es den weiblichen Teil braucht, um sich zu vervollständigen.

    Thomas, informier Dich ein wenig, dann wirst Du vieleicht die Schmunzelbrille abnehmen und den Widerling etwas anders sehen. Da bleibt wenig von den so schön exotischen westlichen Projektionen… Nix Pazifismus! Nix Zölibat! Nix, alle sind gleich! Lamas und Glebkutten sind nämlich gleicher! Die Naturliebe und Ablehnung der modernen Zivilisation mag naxch Green Anarchy klingen, geimt ist aber die Rückkehr zum alten theokratischen System. Lies einfach mal die Verlinkungen. Mensch kann nicht den einen Wahnsinnigen verurteilen udn den anderen hofieren!

  3. 3 Thomas 05. Juli 2008 um 15:27 Uhr

    Gut, gehen wir mal davon aus, dass du zu großen Teilen Recht hast und nicht einer prochinesischen Argumentation aufgesessen bist. Was tut dieser Lama… dann zur Sache? Wäre er in diesem Fall nicht absolut irrelevant? Von den paar in dem Fall verirrten Protestlern in Europa und in Amerika lässt sich China in seiner Politik doch eh nicht beirren.

    Das Problem besteht aber darin, dass zumindest Teile des tibetischen Volks tatsächlich von der chinesischen Diktatur unterdrückt werden. Für mich ist das um einiges relevanter als die Kritik an der Religion*.

    * Ich frage mich außerdem, warum die Kategorie nicht Religion statt Religionskritik heißt. Die Kategorie Politik heißt ja auch nicht Politikkritik.

  4. 4 LucaPinoRelli 05. Juli 2008 um 21:11 Uhr

    ich hab nix mit china an hut. menschenrechtsverletzungen sind dort an der tagesordnung. wanderarbeiter sind die neuen sklaven des chinesischen kommunistischen kapitalismus. die bauern werden am laufenden bande entrechtet und vertrieben… dies passiert aber leider in ganz china!!! die unterdrückung in china ist sozialer natur, nicht ethnischer! und genau an diesem punkt lügt die protibetische bewegung dem westen die hucke voll, nutzt ihre antichinesischen resentiments und antibolschewistischen ängste um theokratische interessen einer kleinen kaste durch zu setzen.

    der verlinkte artikel stimmt im übrigen hinten und vorne nicht. westliche touristen und selbst tibeter beschrieben die ausschreitungen in lhasa nicht als friedlichen protest. mönche und jugendliche sind nach der dalai lama rede am 10. märz zum jahrestag seiner vertreibung mardierend durch die innenstadt gezogen um chinesische geschäfte und wohnhäuser zu attackieren. die polizei hielt sich zurück, weil sie selbst tibeter sind und nicht auf die eigenen leute schlagen wollte. deshalb begnügten sie sich damit verletzte zu bergen, feuer zu löschen und zu patroulieren. dieser spuk ging drei tage lang. gotteshäuser wurden angezündet. eine moschee ebenfalls. chinesische geschäfte brannten samt verkäufern.

    DIES WAR EIN FREMDENFEINDLICHES POGROM GEGEN NICHT-TIBETER!

    Diese Ausschreitungen sind mit nichts zu rechtfertigen. und ganz bestimmt nicht mit einem phantasierten Kontext der brutalen Repression durch Peking. diese ethnische unterdrückung existiert nicht. minderheiten haben sogar mehr rechte als han chinesen. aber ich wiederhole mich…

    der tibetische widerstand war von beginn an kein friedlicher kampf. seit den 50igern bis weit in die siebziger kämpften vom CIA bezahlte untergrundgruppen gegen die chinesen (mußte sogar der dalai lama ende der 90iger zugeben). auch der dalai lama propagiert gewalt als mittel zur durchsetzugn politischer ziele. nur selten passiert ihm solche militante rhetorik im westen, aber sie passiert. die militanz trifft zumeist ethnische nicht-tibeter. der tibetische widerstand verübte noch vor der palästinensischen intifada anschläge auf krankenhäuser, schulen, universitäten… den bildung ist lama sache, nicht die des volkes!

    zur sogenannten autonomie tibets läßt sich schlecht was sagen, weil dies komplett unklar ist. die unabhängigkeitserklärung 1912 wurde verklauseliert in einem steuerdokument abgegeben. die chinesen (und die restlichen kapitalisten in ost und west) haben dies überlesen oder nicht ernst genommen. von 1912-1950 hat sich keiner für die unabhängikeit tibets interessiert. nichtmal die tibeter. nichtmal nazis, die vorher in tibet nach den mythischen atlantiern gesucht hatten. harrer allen voran… erst 1959, als die theokraten ihren besitz verloren, gings los.

    ansonsten war tibet seit jahrhunderten ein protekoriat chinas. die lamas haben mehrfach zum machterhalt mit chinesen zusammengearbeitet. die gelbmützen, deren chef der dalai lama ist, haben erst durch chinesische hilfe die innertibetischen machtkampf im 17. jhd. gewinnen können. bis 1950 dürften diese typen, die 2-3 % der bevölkerung ausmachten weltlich und religiös walten und schalten. sogar nach der machtübernahme der chinesen 1912/14 hatte sich nix geändert. auch nach dem einmarsch von maos kommunisten im jahr 1950 blieb es zunächst ruhig. die sklaven und leibeigenen wurden in die freiheit entlassen. eine neutibetische sprache wurde entwickelt. schulen wurden gebaut. die alphabetisierung der gesamten bevölkerung wurde vorangetrieben. die kindersterblichekit sank von 40% auf 3% heute… alles ganz schlimme menschenrechtsverletzungen!

    der aufstand von 1959 begann in lhasa, weil nun auch dort kirchlicher / adliger besitz verstaatlicht und an besitzlose verteilt wurde. erst jetzt ging es der feudaltheokratie nämlich wirklich an den kragen. aber davon erzählt die taz / le monde diplomatique nix. obwohl sie es wissen könnte und müßte. diese informationen nicht zu bringen, dedeutet für mich unkritische berichterstattung. und die kann ich absolut nicht leiden. steht für mich auf derselben stufe wie kirche und die SPD…

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.