„Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur“ (Marx)

Hol(e) Es fragt sich nur, welche gemeint ist. Die evangelikale Sekte The Call / The Cause, die in Nordamerika entstand, meint es wäre die Jugend der Welt, die über Unmoral, Abtreibung, Homesexualität und die Untiefen der Freiheit lamentiert. Der Gründer der christlichen Menschenfischer ist der erweckte Lou Engle. An seiner Seite versammelt er hübsche, aktivistische Knäblein und Weiblein, die ihn im Kampf gegen Abtreibungskliniken, Schwule und für die Wiederwahl von Bush unterstützen. Süßliche Popmusik, Gekreische, Heulen und ekstatisches Augenrollen sind die Zutaten für das erlösende Gemeinschaftsereignis.

Nur, was ist der Unterschied dieser Erweckungsliturgien zum evangelischem Christival, dem katholischen Weltjugendtag oder den eher ökumenischen Jugendtreffen der Taizé-Gemeinschaft? Der Unterschied scheint zunächst recht einfach. Die evangelikalen Menschenfischer intervenieren aktionistisch und performativ gegen die Verstößen gegen Gottes Gesetze, gegen perverse Unmoral und die Tötung von Gottes Schöpfung. Ihre Kirche ist die Straße. Ihre Liturgie das Festival. Ihre Psalme sind Popsongs. Ihre Predigt ist das Geheule von pubertierenden Teenagern! Oder das heiligabstoßende Geschwafel der erweckten Propheten.

Beim evangelischen Christival in Bremen lief das aber nicht anders ab. Zum einen sollte es ein Seminar geben, in dem darüber berichtet werden sollte, wie Homosexualität geheilt werden kann. Dies wurde zwar aufgrund massiver Kritik von schwul-lesbischen Vereinen, dem Bündnis Freihalt für Vielfalt unter maßgeblicher Leitung der Grünen Jugend Bremen und Volker Beck abgesetzt. Die Kritiker jedoch wurden weiter unter Druck gesetzt und Protest massiv verhindert. Trotzdem konnte sowohl die Mobilisierungsseite, als auch der Christival-Blog gehackt werden. Die Besucher des Christivals wurden außerdem mit für sie wohl unzumutbaren KissIns unterhalten.

The Call Evangelikale
Bilder von einer Aktionen vor einer Abtreibungsklinik.

Die evangelikalen Jugendfischer um die Missionen The Call und The Cause sind natürlich noch einen Zacken schärfer. Bei ihnen verschwimmt der Kampf gegen die Zivilisationskrankheiten Homosexualität, Aids und Abtreibung mit durchaus problematischen Äußerungen, die Präferenzen und mögliche Symphatien zu nationalsozialistischen Realitäten herstellen. Die The Call Mission war kurzeitig inaktiv und wurde durch die The Cause Mission ersetzt. Beides wird nun fortgesetzt, wobei ersteres reaktiviert wurde. Am 25. Juni begann die Mobilisierung zu einem Marsch auf Washington D.C. im August. Der Aufruf verknüpft die evangelikale Missionierung mit dem legendären Aufruf des Bürgerrechtlers Martin Luther King und seinem Traum von einem anderen Amerika. Das I have a Dream wird christlich fundamentalistisch in God has a dream transformiert.

Das Fenster nach Draußen weist in einem Beitrag auf die interessante und erschreckende Doku Jesus junge Garde (das Video auf Google) über die The Call Mission und ihre Aktivitäten in Deutschland hin. Eine Kostprobe ihren problematischen Beziehung zum Nationalsozialismus liefert Lou Engle, der Gründer von The Call, der ein recht bizarres Geschichtsbild propagiert.


    Ich glaube, Hitler hatte eine Stimme für die jungen Menschen der Welt. Doch er war ein gebrochener Mensch und hörte die falsche Stimme. Ich glaube, Gott hat eine Bestimmung für Deutschland. Die Bestimmung ist, die Jugend der Welt zu sammeln und sie zu Jesus Christus zu führen. Ich bin ins Olympiastadion in Berlin gegangen. Dort ist in eine Glocke eingraviert das Hitlerzitat: Ich rufe die Jugend der Welt. Ich bin dort hochgegangen und habe gebetet. Herr, laß Deutschland die Jugend der Welt rufen um Jesus kennen zu lernen. Ich glaube, das ist die Gabe, die Deutschland erlösen kann. (circa ab der 5. Minute)

Auf polylux gab es ebenfalls einen Beitrag zu den erweckten, faschistoiden Sektierern.


6 Antworten auf „„Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur“ (Marx)“


  1. 1 Thomas 11. Juli 2008 um 21:37 Uhr

    Religion ist eben, wie ich schon mal geschrieben habe, ein essentielles Lebensmittel. Daher ist sie für viele Spielarten von Verrücktheit ein beliebter Spielkaum.
    Nach der größten Finanzkrise seit 1929 setzen die Heuschrecken jetzt nicht ohne Grund auch auf den ‚Lebensmittelsektor‘.

  2. 2 Butch Jonny 11. Juli 2008 um 22:05 Uhr

    Religion ist kein Lebensmittel. Glaube vielleicht schon. Glaube grenzt aber nicht aus, sondern ist ein vorzügliches Sedativum, dass bevorzugt existenzielle Ängste betäubt… Die Zukunft hat plötzlich einen Sinn, es gibt einen Plan, den hat eine omnipotente, omnipräsente, unhinterfragbare – weil ursprüngliche – autorität erkoren. der mensch ist plötzlich AUSERWÄHLT! BESSER! GÖTTLICH!

    gruselig. aber ’ne schönere droge, ein besseres betäubungsmittel als glaube scheint nicht zu existieren. dumm ist nur, dass das indivuiduum aufhört zu existieren! aber alle sind eins. wozu sex, wenn alle gleich sind, alle eins sind in JESUS und GOTT. das gebet wird zum geschlechtsakt…

    Das Brot – der Liturgie – ist die Sättigung des physischen Hungers. Der elitäre Glaube an die Auserwähltheit – wie beim Papst, den Evangelikalen, Protestanten… – sättigt den psychischen Hunger der bedrängten Kreatur

    Aber ich predige ja… phu! gruselig!

  3. 3 Thomas 12. Juli 2008 um 0:06 Uhr

    Meines Wissens hat zumindest der Gott des christlichen Glaubens die ganze Welt inkl. Mensch und Tier geschaffen. Da kann wohl keiner auserwählt sein… und sich selbst als göttlich zu sehen gibt ja durchaus als Blasphemie.
    Sicher, der Mensch soll sich die Welt untertan machen. Aber offenbar is da keine spezielle Gruppe/Rasse genannt.
    Die anderen Kritikpunkte… z.B. die Entindividualisierung, haben wir ja schon oft genug diskutiert. Da Glauben immer etwas Individuelles ist, kann ich deiner Theorie nicht zustimmen. Sicher gehört zur Glaubensausübung für viele Menschen auch eine Predigt, ein Gottesdienst usw. … aber für mich steht das nicht im Vordergrund.

  4. 4 Butch Jonny 12. Juli 2008 um 6:54 Uhr

    Der christliche Gott hat – laut christlichen Glauben – die Welt in sieben Tagen erschaffen. Erlöst und unsterblich wird jedoch nur derjenige, der an den dreieinigen Gott glaubt, an jesus – den sohn gottes – als mensch geboren durch die gottgebärerin maria, die unbefleckte empfangen hat. des weiteren gehört zum christlichen glauben die auferstehensgeschichte, ich meine verraten, verurteilt, gekreuzigt und auferstanden. die taufe und der glaube an diese glaubensdogmen ist unerläßlich für die errettung / auferstehung nach dem tod, so wie es das ökumenische glaubensbekenntnis des konzils von nicea-konstantinopel (451 u.Z.) vorsieht…

      Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden.
      Wir erwarten die Auferstehung der Toten
      und das Leben der kommenden Welt.

    die auserwähltheit ist keine rassische oder nationale, sondern eine religiöse. denn nur der auserwählte wird gerettet. und nur die die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche – gemeint ist die römische und die ostkirche – hat den schlüssel zur wahrheit. alle atheisten, barbaren, ungetauften, götzendiener usw. sind verloren. sie landen post mortem in den ihr entsprechenden reinigungsabteilungen.

    göttlich zu sein ist wirklich blasphemie, jedoch sind menschen nach dem abbild gottes geschaffen. jesus – der gottessohn und bestandteil der göttlichen dreieinigkeit, nicht geschaffen, sondern präsexistent als logos – wurde als mensch geboren und konnte so den menschen mit gott versöhnen. es kann angenommen werden – natürlich rein theologisch – dass gott menschlich wurde, damit der mensch göttlich würde. ohne diese prämisse ist die auserwähltheit nicht möglich… indem mensch (!) nun die taufe empfängt, also den bund mit dem dreieinigen gott eingeht, ist er in die gemeinschaft der gläubigen aufgenommen, die am jüngsten tag ins paradiesische gottesreich einziehen werden. um diesen bund jeweils neu zu konstituieren und jeweils neu zu festigen ist die kommunion – die wiederholung des mythischen abendmahls als wahrhaftes ereignis, nicht als symbol (evangelisch) – als höhepunkt der liturgie notwendig.

    dies sind die theologischen grundpfeiler der christlichen religion, die auch von evangelikalen nicht hinterfragt werden. da is‘ nix individuelles. das gebet ist individuell, aber nicht der richtige glaube. der gottesdienst ist seit jahrhunderten vorgegeben. nur die liturgie mit kommunion bestätigt den gläubigen in der gemeinschaft der auserwählten und erretteten. sie ist notwendig!

    bei protestanten oder protestantischen sekten, wie eben den evangelikalen, ist die liturgie und kommunion nicht immer notwendig. hier übernimmt ein erweckungserlebnis, ein erlebnis der auserwähltheit, ein moment göttlicher erkenntnis, dass die glaubensgrundsätze wahrhaftig sind, die bestätigung des glaubens. die erinnerung daran im individuellen gebet übernimmt die funktion der kommunion. die liturgie kann so durch ein anderes massenereignis – ein andere massenhynose / -hysterie – ersetzt werden. denn nicht mehr in der liturgie, wie bei den katholischen kirchen, manifestiert sich die gemeinschaft der gläubigen. viel mehr wird das erweckungserlebnis und das (individuelle) gebet aufgewertet. an die stelle der liturgie tritt ein wiederholtes erweckungserlebnis, eine erweckungsshow (evangelikale sekten), oder eine gemeindsames individuelles gebet. diese praxis mag zunächst individueller anmuten, jedoch ist ihre grundlage ein elitäres (wiederholtes / wiederholbares) extraterrestrisches erlebnis, dass eine abgrenzung zu nichtgläunigen schafft…

    all das kannst du gerne aus atheistischer sicht als groben unfug betrachten und negieren. es sind nun aber mal die grundlagen des christlichen glaubens und der christlichen religion. es steht eben doch im vordergrund!

  5. 5 Thomas 12. Juli 2008 um 16:13 Uhr

    Dennoch ist Glaube und Religion heutzutage – dank der Aufklärung, die dem Menschen aber auch einige Probleme bereitet hat (siehe: Adorno) – eine ziemlich individuelle Sache. Natürlich nur dort, wo der aufklärerische Gedanke wirken konnte.
    Das merkt man ja auch in der Lebensrealität: alle gläubige Menschen, die ich bisher kennengelernt habe (dank meines Zivildienstes waren es zahlreiche) haben ihren Glauben sehr unterschiedlich gelebt und praktiziert. Von einer Massenhypnose kann man vielleicht in der antireligiösen Theorie sprechen, keineswegs aber in der Praxis. Deine Grundpfeileranalyse mag im Grunde richtg sein, ihr fehlt es aber an jeglicher Pragmatik. Am Ende wird eben doch alles zurechtgebogen, wie es passt – im positiven wie im negativen Sinne.

    Probleme gibt es dort, wo Religion und Aufklärung keine Symbiose eingehen konnten – also bei Teilen der katholischen Kirche und insbesondere bei Sekten. Probleme ergeben sich aber auch dort, wo die Religion verlustig gegangen ist und nur noch der reine aufklärerische Gedanke wirkt – und sich keine Ersatzreligion (Anarchismus, Fußball etc.) manifestieren konnte.

    Zum Marx Zitat: Ich würde es so auslegen*, dass die vom Kapitalismus bedrängte Kreatur durch die Religion einen Seufzer der Hoffung ausstoßen kann – und vielleicht wieder zum Menschen werden kann. Schließlich wird der Mensch erst durch den Glauben zum Menschen – meine persönliche und völlog untheologische Auslegung der Schöpfungsgeschichte. ;-)

    * Mir ist klar, dass das nicht wirklich im Sinne des Autors ist.

  6. 6 Butch Jonny 12. Juli 2008 um 20:47 Uhr

    Es mag sein, dass viele Menschen ein Kompromiß zwischen Aufklärung und ihrem christlichem Glauben gefunden haben. jedoch vermute ich mal ganz frech, hat diese neue symbiose sie von der amtskirche entfernt. ich polemisiere nicht gegen glauben, sondern gegen religion. ich definiere religion als glaube + kirche.

    wie glaube praktiziert wird interessiert mich im grunde nicht. jeder kann glauben, was er will. meinetwegen auch an knut den eisbär. religion dagegen ist meiner meinung nach nie emanzipativ, sondern grundsätzlich aus- / abgrenzend. das hat mit ritualen, gemeinschaftsbildung und aufwertung zu tun. der persönliche glaube, der individuelle, kann da durchaus abweichen.

    die grundpfeiler beleiben die dogmatischen grundsätze. theologie hat jahrhunderte dazu gebraucht pragramtik und orthodoxe kircheauffassungen zusammenzubringen. die ostkirche scheiterte am kaisertum, die katholische nicht. sie ergänzte den machtlose staat durch einen eigenen staat und schuf ein eigenes kaisertum, das papsttum als quasigenealogische adlige religiöse thronfolge.

    die katholische kirche scheiterte aber an der aufkommenden aufklärung. aus dieser reibung entstand der protestantismus, der sehr viel stärker das individuelle erlebnis, den individuellen glauben setzte. die kirche wurde im grunde entmachtet und demokratisiert. natürlich nur für die alphabetisierten. deshalb ist es nicht verwunderlich, dass es protestanten waren, die erstmals volksbildung betrieben. auf der anderen seite sind sie für nationalsprachen / nationenabgrenzung verantwortlich… die übertriebene moral und textgläubigkeit – also aufgeklärte theologie – trieb aber ebenflass merkwürdige blüten.

    der protestantismus betont die arbeit in senem ora et labora. puritanismus, moralsgläubigkeit und wahrheitsfetisch sind ihr kennzeichen. die fixierung auf arbeit ging nach hinten los und scheiterte an der herausforderung der industriellen revolution… mals sehen, was jetzt kommt! ich sehe eigentlich nix. außer vielelicht die evangelikalen, die sich auf das gebet berufen. nur das gebet. die arbeit – wie bei mennoniten, quäkern usw – wird nicht mehr so wichtig. nur noch das GEBET ist übrig geblieben…

    Aber ansonsten würd ich dir grundsätzlich zustimmen, dass aufklärung und glaube fruchtbar gewirkt hat. jedoch denke ich, dass für die heutige zeit der aufklärerische gedanke weitergedacht werden und die religion überwunden werden muss. aufklärung ist nicht schlecht, sondern lediglich ein methode der kritischen weltbetrachtung. die gläunige, religiöse sicht kann da stören und abgrenzend wirken. die aufklärerische sicht würde auch darüber – den eigenen glauben – reflektieren.

    und beim zitat von marx, denke ich, hat marx schon eher an an religiöses, psycholigisches, weltanschauliches sedtivum gedacht.

    die katholische kirche konnte mit der herausforderung

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