„Die mutierten dadurch zu Verfolgten, die Demonstranten aber zum Mob“

Mit Die sind Nazis gemeint. Und der solch eine Perspektive suggeriert heißt Maximilian Probst. Er schrieb für die taz einen Kommentar über die Proteste von mindestens 3.000 Oldenburgern gegen den Naziaufmarsch am 5. Juli. Hierbei wurden Dutzenden Demonstranten durch massiven CS-Gas Einsatz und Übergriffe der Polizei verletzt. Eine Person und eine Sanitäterin mußten wegen mehreren Schnittverletzungen durch einen Polizisten behandelt werden. Diese Art des Umgangs mit Demonstranten, ich würde es gefährliche Körperverletzung im Amt nennen, versucht Probst ganz bürgerlich verharmlosend mittels Küchenpsychologie zu erklären.

Er erkennt schon noch, dass es der reinste Wahnsinn wäre, wenn ein ein Polizist mit einem Messern auf Demonstranten einsticht. Es folgt ein Zeigefinger Aber.


    Wollte man es allerdings unternehmen, diesen Wahnsinn zu erklären, dann käme man auf die Wut im Bauch so mancher Polizisten und weiter zu der militanten Linken, die diese Glut mit ihrer Wut immer wieder anfacht. Das Messer des Polizisten wäre im Wortsinn die Spitze eines gegenseitigen Anstachelns. Bei den Linken fängt es damit an, dass die Polizisten als „Bullen“ apostrophiert werden, und hört bisweilen damit auf, dass man keinen Unterschied mehr sieht zwischen ihnen und den Nazis.

Der Gedanke, dass der Polizist, der auf Demonstranten – auch wenn sie militant sein mögen – wütend und enthemmt, womöglich mit Tötungsvorsatz einsticht, irgend wie gerechtfertigt handelt, ist einfach nur ekelhaft. Das vermeintliche gegenseitige Anstacheln läßt sich vielleicht sehr viel mehr einseitig wiederfinden, nämlich auf der Einsatzbesprechung der eingesetzten Einheiten. Ich erinnere an die absurden Gerüchte, dass die Anti-G8 Demonstranten in Rostock Äpfel mit Rasierklingen präpariert hätten. Oder, das die Clownsarmy einen chemischen Angriff gegen Team Green mittels Wasserpistolen und Pustefix plant. In Genua streuten staatliche Stellen das Gerücht, dass Demonstranten die Sicherheitskräfte mit HIV-infizierte Blutkonserven bewerfen würden. Schon merkwürdig, woher Probst das gegenseitige Anstacheln hernimmt.

Nun aber zur Küchenpsychologie. Herr Probst meint, dass das Konzept der gewaltbereiten Gegendemonstration zur identifikatorischen Annährung von Polizei und Nazis führt.


    Die Polizei wird dadurch in die Rolle gedrängt, die Nazis schützen zu müssen.

Warum Team Green Nazis schützen muss, bleibt für mich aber schleierhaft. Auf die Idee, dass der Aufmarsch in Abwegung der Interessen auch abgebrochen oder gar verboten werden könnte, kommt er nicht. Vielmehr, suggeriert Probst, sind die Antifaschisten selber schuld, dass die Polizei zu dem wird, was sie ihnen schon immer vorwirft.

Ein weiteres abstruses Argument ist, dass Nazis durch die Gegendemonstration und den großen Polizeiaufmarsch mehr Aufmerksamkeit als ihnen gebührt bekommen. Dieser Blödsinn wird auch dadurch nicht richtiger, dass er oft wiederholt wird. Zumeist sind es konservative und bürgerliche Antifaschisten, die solchen Quatsch faseln und ganz enthusiastisch ihr aktives Ignorieren praktizieren und somit die Naziaufmärsche dulden.

Aber Probst ist noch lange nicht fertig. Seine kommentierende, äußerst stringent ekelhafte Argumentationskette gipfelt in der Umkehrung des Täter / Opfer Bildes.


    Die [Nazis] mutierten dadurch zu Verfolgten, die Demonstranten aber zum Mob.

Die Nazis sind nun also plötzlich das Opfer. Sie sind quasi zu den neuen Juden geworden, die nun mehr vom probstisch transformierten antifaschistischen Mob gejagt werden. Absurderweise inszenieren sie sich selbst, ganz dem bürgerlichen Bild folgend, neuerdings, wie wendy ausgegraben hat, als solche. Und deshalb, wie es sich für einen guten Bürger gehört, liefert auch Probst das lessingsche und die Moral von der Geschicht‘.

    Für Polizei und Linke muss die Losung nun Deeskalation lauten. Zum beiderseitigen Vorteil. Und zum Nachteil der Nazis.


1 Antwort auf „„Die mutierten dadurch zu Verfolgten, die Demonstranten aber zum Mob““


  1. 1 Nazis blamieren sich in Neukölln! « Analyse, Kritik & Aktion Pingback am 06. September 2008 um 13:31 Uhr
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