Hungerstreik in deutschen Gefängnissen!

Heute endet der europaweite Hungerstreik, der von der Interessenvertretung Inhaftierter (IvI) als Protest gegen die untragbaren Zustände in deutschen Knästen initiiert wurde. Die Aktivisten fordern die Abschaffung von Isolationshaft, Sicherungsverwahrung und Zensur. Es beteiligten sich, laut political prisoners, 537 Inhaftierte aus 29 deutschen Haftanstalten und 14 in anderen europäischen Ländern (Spanien, Niederlande, Belgien, Schweiz). Der Auslöser für diese Aktion war die an die Grenze der Erträglichkeit gesteigerte Repression gegen die IvI-Aktivistin Nadine Tribian. In einem Brief schreibt sie: Mittlerweile bin ich an einem Punkt angekommen, wo ich leider sagen muss, dass ich definitiv nicht mehr kann.

In der JVA Köln wurde Nadine Opfer sexueller Nötigung durch Vollzugsbeamte. Der Täter wurde rechtskräftig, auch wegen anderer Übergriffe auf weibliche Inhaftierte, verurteilt. Nach ihrer Verlegung in die JVA Bielefeld-Brackwedel attestiert der sogenannte psychologische Dienst Nadine, dass sie sich den Mißbrauch lediglich einbildet. Nadine wehrt sich und wird mit durch Vollzugsbeamte vorsätzlich inszenierten Vergehen konfrontiert, die zu Isolationshaft, Kontaktsperre, Einschränkung des Briefverkehrs und anderen Schikanen führen. Sie wird permanent psychisch unter Druck gesetzt. Nun droht ihr die Sicherheitsverwahrung wegen einer erneuten Straftat, Unbelehrbarkeit und Gefahr für die Allgemeinheit, weil sie 10 Briefmarken gestohlen haben soll. Es ist die Anstaltsleitung, die dieses Verfahren forciert.

Der Fall von Nadine Tribian steht, nach Ansicht der IvI lediglich exemplarisch für die täglichen Demütigungen und willkürlichen Schikanen. Peter Scherzl, in der JVA Rheinbach inhaftiert und an der Koordinierung der Proteste beteiligt, berichtet von zunehmenden Druck im Gefängnisalltag. Zensur kritischer Zeitungen und Briefe, Kontaktsperren, Isolationshaft sind mittlerweile ein alltägliches Instrumentarium in vielen Haftanstalten. Daher war der Fall von Nadine Tribian, erklärt er, nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Häftlingsinsassen brauchten keine längeren Erklärungen, sondern konnten die Situation der Frau sofort gut nachvollziehen.

Ralf Streck setzt bei telepolis diesen verzweifelten Aktionismus in direkten Zusammenhang mit den seit Monaten gehäuft auftretenden Selbstmorden und Mißhandlungen in deutschen Haftanstalten. Er erklärt, dass diese Verweigerung des existenziell Notwendigen auch für Seelsorger und bürgerliche Gefangenenorganisationen nicht überraschend kommt.

Die Zustände in deutschen Knästen sind katastrophal. Überbelegung, mangelnde Ausstattung, Arbeitszwang und Langeweile kennzeichen den Vollzugsalltag. Schließer, wie Inhaftierte werden allein gelassen und aggressiv gegeneinander gestellt. Die repressiven Isolationsorgane übernehmen aktiv die entrechtende Rolle und machen den Inhaftierten zum Objekt. Der psychische Druck wird so durch strukturellen ergänzt und hinterläßt totale Verzweiflung. Ungehorsame werden isoliert, gedemütigt und verfolgt. Kooperationswillige genießen Vorteile. Draußen nennt sich dieses Konzept Fordern und Fördern!

Dieser Kampf läßt sich nicht isoliert von den gesellschaftlichen Prozessen, die sich Optimierung, Produktivitätssteigerung und Objektivierung des Subjekts auf seine Fahnen schreibt, betrachten. Jedoch ist im Knast die Ablehnung dieser Mechnismen mit der existenziellen Bedrohung für Leib und Leben verknüpft. So veröffentlicht der Hungerstreik die staatlich repressive Verweigerung der Persönlichkeitsrechte und stellt sie als potenziell tödliche Unterlassung aus. Die Wahl des zivilen Ungehorsams, anstatt des Aufstandes, als Mittel des politischen Kampfes kennzeichnet ebenfalls die zunehmende Verzweiflung und Ohnmacht der Häftlinge!


4 Antworten auf „Hungerstreik in deutschen Gefängnissen!“


  1. 1 Thomas 07. August 2008 um 21:26 Uhr

    Das ist ein schwieriges Thema. Die konventionelle Ansicht ist ja, dass diejenigen, die im Gefängnis inhaftiert sind, selbst Schuld an ihrer Lage sind und eine schlechte Behandlung durchaus verdient hätten. Dabei wird vollkommen verkannt, dass Gefängnisse auf diese Art Orte der Krimminalitätsförderung werden. Insbesondere die „Objektivierung des Subjekts“ (also: Entmenschlichung) dürfte langfristig auf viele Menschen massiv aggressionsfördernd wirken.

  2. 2 Butch Jonny 08. August 2008 um 16:49 Uhr

    ich finde, dass menschen im knast dieselben menschenrechte haben, wie die draußen. menschenrechte sind eben universell. die gehen nicht verloren. erst die entmenschlichung ermöglicht diese. der einschluß geht neuerdings mit ausschluß einher. die heuchlerische kritik an guantanamo negeirt dass es eben in deutschland nicht viel anders aussieht. die möglichkeit vor gericht zu gehen existiert zwar noch. aber die entwicklung weißt ebenfalls in eine entrechtende richtung. der aussätzige wird zum feind und kann so auch ausgestoßen werden. er muss sich erst wieder anpassen, sich erniedrigen ud sein böses ich läutern um wieder in die geminischaft der bürger aufgenommen zu werden. die allgemeingesellschaftlichen mechanismen der objektivierung des individuums werden im knast einfach verschärft. die stoßrichtung dieser mechanismen wird so sehr viel stärker sicht- und spürbar.

  3. 3 Rogue 29. August 2008 um 16:14 Uhr

    Gestern Abend erschien bei Indymedia eine erste Auswertung zum Hungerstreik:

  4. 4 aka 29. August 2008 um 22:33 Uhr

    danke für den tipp! die auswertung bei indymedia gibts hier.

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