. . . die sind eben so!

Ultras Beim Thema Fußball und Fansein scheiden sich die Geister. Die Diskussionen werden heftig, emotional – was im Grunde nicht so schlimm ist – aber auch zum Teil äußerst aggressiv geführt. Begrifflichkeit, wie Ultràs und Hooligans sind die bestimmenden Attribute, die sich die unversöhnlichen Kontrahenten selber geben. Ihr Vokabular ist zum Teil gewaltverherrlichend, totalitär und hat ein gruseligen Vernichtungscharakter, vor dem auch sogenannte linke Fangruppen nicht gefeit sind!

Auslöser um sich mit diesem Thema etwas ausgiebiger zu beschäftigen sind Diskussionen nach dem Spiel und die unsäglichen Kommentare des dabeigewesenen (1, 2, 3) zum Beitrag über das Erstrunden DFB-Pokalspiel von Tennis Borussia gegen FCE Cottbus, die nur so in Vernichtungsphantasien und Hass schwelgen. Vernünftige Ansätze, nachvollziehbare Argumente oder nur ein Funken von Respekt gegenüber Freund und Feind – um bei den in- und exklusiven Kategorien des dabeigewesenen zu bleiben – gab es nicht. Anstatt fruchtbare Ergänzungen, analytische Erweiterungen oder inhaltlich Neues lieferte dieser Ultrà lediglich Hass gegen Alle (Anderen) und autistische Forderungen von Allen (Anderen).

Im Forum des lila kanal wurde eine Video verlinkt, das eindrucksvoll und beinah kommentarlos dokumentiert, wohin Rivalitäten führen können. Das Video interviewt Mitglieder zweier Stadtrivalen, zweier gegnerischer Fanclubs, nämlich der Borussenfront von Borussia Dortmund und vom Schalker Club Mighty Blues. Die beiden Gruppen entstanden Anfang der 80iger Jahre und zelebrieren eine total(itär)e Identifizierung der eigenen Person mit dem Fankollektiv, das mit Begriffen wie Ehre, Loyalität, Stärke und Macht verknüpft wird. Der individuelle Fan löst sich in diesem Mob zugunsten einer aggressiven Masse auf, die sich durch Pöbelei und Randale seiner selbst vergewissert und durch die Schlägerei ihre sakrosankte Gemeinschaft jeden Samstag / Sonntag erneuert.

Das Logo der berüchtigten Borussenfront setzt sich aus dem schwarzen Schriftzug, einem roten Löwen auf gelbem Shirt zusammen. Das Schwarz steht nach Eigenangaben für den Tod, das rot für das Blut der Feinde, das für den eigenen Sieg vergossen wird. Das gelb ist schlicht die Vereinsfarbe von Borussia Dortmund. Die Mighty Boys aus Schalke wählten für sich einen SS Totenkopf mit dem Schalker S auf dem Stahlhelm.

Die Nutzung von Nazisymbolik ist von beiden Fangruppen bewußt gewählt. Der Feind ist ein Feigling, Scheißer, Lutscher, Assozialer, Abschaum oder einfach ein schwacher Jude. Der Gegner soll vernichtet werden. Hass, Tod und Tötungsphantasien kennzeichnen die Gesänge. Im Beitrag Tod und Hass beim Ruhpottderby beim störungsmelder wird dieses Phänomen beschrieben. Die antisemitischen und rassistischen Verbalentgleisungen werden als unverkennbarer Nazisjargon charakterisiert. Inhalt der Schmähungen ist die Vertreibung und Ausrottung von unwertem Leben, die vollständige Vernichtung des Feindes, das Schänden von Toten und ihrer Gräber. Ein qualitativer Unterschied zwischen den Fangruppen läßt sich nicht finden. Die Gesänge sind zum Teil dieselben, wobei der zu vernichtende Vereinsname variiert.

Diese Fixierung auf Gewalt und Vernichtung des Anderen würde ich fanatischen Hooliganismus nennen. Auf der anderen Seite steht die Ultrà Bewegung, der es in erster Linie um die Unterstützung der Mannschaft und seines Vereins mit Gesängen, Fahnen, Schals und Choreographien geht. Die beiden Phänomene lassen sich heute jedoch nicht mehr sauber voneinander trennen. Spätestens seit Ende der 80iger Jahren verschwimmen die Grenzen zwischen dem Support und der gewalttätig loyalistischen Verteidigung der Fanehre, die meistens aber wenig mit dem Verein zu tun hat.

Ein spannendes Dokument, das sich in dieser Grauzone zwischen Gewalt und Unterstützung bewegt kommt von den italienischen Boixos Terracina, den Ultràs vom AS Terracina. Es beschäftigt sich mit der Repression und der Stigmatisierung der unkommerzialen Ultràs, die sich von den Mainstream Tifosi abgrenzen, und an jedem verdammten Sonntag ihre Mannschaft unterstützen.

Hooliganismus und Ultrà Bewegung sind jedoch zunächst nicht politisch. Die soziale oder politische kollektive Identität wird totalitär durch den Verein, die Mannschaft oder das Fankollektiv ersetzt. Seit den 80iger Jahren vermehrt sich aber der Einfluß faschistischer Organisationen und Strukturen in verschiedenen Subkulturen. So wie sich auch bei Punks und Skins über den Umweg von Oi in der Szene auch Nazis etablieren konnten, wurde auch verstärkt in Fußballstadion – insbesondere bei gewaltbereiten Hools – rekrutiert. Die Politisierung des Stadions wird hierbei jedoch immer antifaschistischen, linken Fans vorgeworfen. Es ist eben nicht richtig, daß es vor der Politisierung der Kurve durch eine explizit linke Fanszene keine Gewaltexzesse und Nazigegröhle im Block gab!

Prügelei und Hooliganismus im Stadion gab es auch schon früher. Dies ist kein neues, postfaschistisches Phänomen. Auch die Rhethorik der Beschreibung von Fußballspielen erinnerte schon früh nicht selten an Kriegsberichterstattung. In Abwesenheit einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Staaten, Nationen, Volksgruppen sowie ethnischen und subkulturellen Kollektiven wird diese martialisch und testosterongetränkt ins Stadion übertragen. Kollektive Ursprungs- und Legitimationsmythen, exklusive Klischees und territoriale Vorherrschaft kennzeichnen die mit Gewalt ausgetragenen Konflikte. Tennis Borussia traf es hierbei jeweils besonders hart. Insbesondere weil der Verein durch die Jahrzehnte immer wieder als jüdisch – entweder aus vermeintlichen religiösen, ethnischen oder kapitalistischen Gründen – stigmatisiert wurde.

Erstaunlicherweise gibt es aber durchaus auch in sogenannten linken Fankultur Tendenzen die Vernichtung des Feindes verbal und physisch zu betreiben. Im Kapitel Die hooliganistische Linke im Beitrag Hooliganismus, der auf der Seite des selbstverwalteten Jugend-Kulturzentrum von Leipzig-Connewitz, dem Conne Island, erschien, wird darauf eingegangen. Auch sonst ist die Analyse durchaus zu empfehlen. Der folgende Absatz gilt hierbei sowohl für rechte als auch für linke Hools / Ultràs.


    Nicht selten wird der Gegner stigmatisiert. Was dabei der Rechenschaft dient, ist eigentlich egal, aber auf Grund des sozial-politischen Kontextes bedarf es zwangsweise einer Begründung des eigenen Handelns. Die Akteure verhalten sich demnach nicht reflektiert zu sich selbst, sondern begründen ihr Handeln nur auf der Basis eines subkulturellen Verständnisses. Die Politik dient hierbei nur noch als Vorwand für die eigene Gewaltanwendung … Es bedarf aber heute keiner Begründung mehr, die es in den Auseinandersetzungen noch gab, sondern nur der Stigmatisierung. Diese kann von Nazi über Sexist bis hin zu Antisemit gehen. Dabei dient die Gewalt aber weniger dem Aspekt, mit diesem Handeln potentielle Opfer zu schützen, sondern eher darum, der eigenen Gewaltlust zu frönen, so daß als Nazis denunzierte Personen fast schon zu Tode geschlagen wurden … Man wähnt sich schon auf der richtigen Seite, weil es nur die moralische Leitdifferenz Gut/Böse gibt und man(n) damit notwendig keiner weiteren Reflektion mehr bedarf. Es gibt kein Bedürfnis danach, sein Handeln innerhalb einer konsistenten Theorie zu begründen oder darzulegen. Man hat in seinem abgeschlossenen Weltbild von Gut und Böse keinen Bedarf danach, vor sich selbst Rechtfertigung abzulegen oder sein eigenes Handeln kritisch zu hinterfragen.

Hier aber nun das filmische Dokument zweier Fanclubs, die sich aus denselben Gründen tödlich hassen und am liebsten die Vernichtung des Anderen forcieren.