Litauen verfolgt ehemalige Partisanen

Partisanen Die litauische Staatsanwaltschaft ermittelt seit Monaten gegen jüdische, ehemalige Partisan_Innen, die gegen die deutsche Besatzung und örtliche Mörderbanden kämpften. Ihnen werden Kriegsverbrechen an der litauischen Bevölkerung vorgeworfen. Die polnische Staatsanwaltschaft ermittelt ebenfalls gegen ehemalige jüdische Partisan_Innen. Die Betroffenen sind prominente jüdische Intelektuelle. In einem Beitrag bei telepolis wird der Skandal detailiert und in all seinen widerlichen Einzelheiten dokumentiert.

Die betroffenen, ehemaligen Partisan_Innen, gegen die ermittelt wird, sind Yitzhak Arad, Fania Brantsovsky, Rachel Margolis sowie Sara Ginaite. Sie hatten, laut junge Welt, mit kommunistischen Partisan_Innen kooperiert und sich gegen die litauische Zivilbevölkerung gewandt. Die litauische Bevölkerung war nicht gerade dafür bekannt, sehr zimperlich mit jüdischen Mitbürger_Innen umzugehen. Sie internierten, folterten und ermordeten Juden ganz von alleine. Sie kollaborierten massenhaft mit den deutschen Besatzern. So ist es kein Wunder, dass von 265.000 Juden, die 1941 in Litauen lebten, 254.000 während der Deutschen Besatzung ermordet wurden. In keinem anderen europäischen Land wurde die jüdische Bevölkerung derart umfassend in Zusammenarbeit mit der einheimischen Bevölkerung ausgelöscht.

Die blutige Annektion Litauens durch Stalins Sowjetarmee löschte beinah die gesamte litauische Elite aus. Die sowjetische Besatzung traf auf mächtigen Widerstand durch nationalistische und antikommunistische Kräfte. Die Propaganda der Litauer_Innen setzte die sowjetischen Invasoren mit der einheimischen, jüdischen Bevölkerung gleich. Deshalb richtete sich der Haß der litauischen Nationalisten / Faschisten insbesondere gegen jüdische Kommunist_Innen. Womöglich, weil sich in ihnen alles vereinte, was sie verabscheuten. Deshalb war der Einmarsch der faschistischen Wehrmacht und mit ihnen die Totenkopfabteilungen für breite Teile der litauischen Bevölkerung eine Befreiung. Nun durften die Litauer_Innen endlich wieder eine chauvinistische, antikommunistische, antisemistische Vernichtungspolitik ausleben. Daran scheint sich bis heute wenig geändert zu haben. Juden sind genauso verabscheuungswürdig, wie Kommunist_Innen, Russ_Innen und andere Nichtlitauer_Innen. Sie sind am litauischen Genozid schuld und gehören bestraft. In der Kampagne gegen die jüdischen Partisan_Innen vermischen sich all diese Resentiments zu einem widerlichen Cocktail. Fehlt eigentlich nur noch christlicher Anitjudaismus.

Dieser Haß ist umso unverständlicher, ob der langen Tradition der jüdische Diaspora in Litauen. Seit dem 9. Jahrhundert siedelte eine kleine jüdische Gemeinde im Litauischen Königreich. Seit dem 15. Jahrhundert vergrößerte sie sich zunehmend. Seitdem steigt aber auch die Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung in Litauen, obwohl bis ins 19. Jahrhundert hinein von einer Blüte der jüdischen Kultur im Baltikum gesprochen werden kann. Ein Beispiel sind die beieindruckenden Holzsynagogen. Diese wurden seit den 30iger Jahren des letzten Jahrhunderts kontinuierlich zerstört. Während der deutschen Besatzung wurden die Gebetshäuser zu Gräbern für die örtliche jüdische Bevölkerung!

Die litauische Hauptstadt Vilnius hat für die jüdische Bevölkerung weltweit eine äußerst wichtige Bedeutung. Diese hat nicht nur mit der enorm großen und jahrhunderte alten jüdischen Gemeide in der Stadt zu tun, sondern nährt sie sich vor allem von einem Namen. Der Talmudgelehrte Elijah ben Solomon Zalman (1720-1797), auch Gaon von Wilna genannt, war ein Genie in der Auslegung des Babylonischen Talmud. Bis zum Ausbruch des II. Weltkrieges gab es circa 110 Synagogen und 10 Jeshivot in Vilnius. Aufgrund des blühenden und für die Stadt charakteristischem jüdischen Lebens nannte schon Napoleon Vilnius das Jerusalem des Nordens. Der Anteil der jüdische Bevölkerung schwankte zwischen 35-45 Prozent. Die Konzentrierung der jüdisch-litauischen Bevölkerung im Ghetto von Vilnius war, wie in anderen Ländern und Städten mit einem hohen jüdischen Bevölkerungsanteil, der erste Schritt zur Vernichtung. Jedoch bildeten sich, ähnlich wie im Warschauer Ghetto, schnell Strukturen des jüdischen Widerstands, die glücklicherweise mit sowjetischen Partisanen zusammenarbeiteten konnten und so empfindliche Interventionen starten konnten.


E. M. Lilien, Der Ruf nach Zion – Illustration von Morris Rosenfeld’s Gezamelte Lieder

Die nun an den litauisch-nationalistischen Pranger gestellten prominenten, jüdischen Partisan_Innen stehen symbolhaft für den national-antisemitischen und antirussischen Verfolgungswahn der Litauer. Gegen diese Art der Geschichtsklitterung, die antifaschistische, jüdisch-litauische Widerstandkämpfer als Terroristen und Beteiligte am litauischen Völkermord betrachtet, formiert sich weltweit Protest aus ganz verschiedenen Richtungen. Die Antifa wehrt sich genauso, wie jüdische Organisationen. Aber auch die EU ist pikiert und bereut höchstwahrscheinlich schon die Wahl Litauens zur Europäischen Kulturhaupstadt im nächsten Jahr. Deutsche Historiker_Innen wenden sich in einem Offenen Brief vehement gegen die Verfolgung und Kriminalisierung jüdischer Partisan_Innen. Das Simon Wiesenthal Center schrieb ebenfalls höchst besorgt an den litauischen Präsidenten Valdas Adamkus. Die Organisation Ehemaliger Gefangener der Konzentrationslager reagierte ebenfalls mit einem Offenen Brief (pdf) und das Litauische Jüdische Kommitee fordert die Einstellung der Verfahren gegen die ehemaligen jüdischen Partisanen.

Diese Art mit der eigenen dunklen Vergangeheit umzugehen, kann nur abgelehnt werden. Litauische Kollaborateure bekamen jahrelang deutsche Renten. Ihre Opfer dagegen, oft jüdische Mitbürger_Innen, litten weiter unter Ignoranz, Verharmlosung, Marginalisierung oder offener Ablehnung. Schon seit Kriegsende wird an einer litauischen Opferlegende gestrickt. Die Vorstellung von einem vermeintlichen Genozid an Litauer_Innen durch kommunistische, jüdische und vor allem russischen Invasoren hält sich hartnäckig. Die Zusammenarbeit mit den faschistischen Besatzern dagegen wurde und wird glorifiziert. Deshalb ist auch bis heute kein einziger Nazikriegsverbrecher verurteilt worden. Wahrscheinlich gibt es einfach noch zu viele Juden – es sind schließlich nur 95 Prozent vernichtet worden – Russen und andere Kommunisten im Land. Ekelhaft und widerlich!

Keine Kriminalisierung von Antifaschisten!


2 Antworten auf „Litauen verfolgt ehemalige Partisanen“


  1. 1 Thomas 16. September 2008 um 22:55 Uhr

    Der christliche Antijudaismus, maßgeblich forciert z.B. von Martin Luther, ist für die Vertreibung der Juden aus Westeuropa gen Osten im Spätmittelalter und danach verantwortlich. Das Judentum fand dort in der Tat eine Blütezeit mit großartiger Literatur und einem eigenen jiddischen Dialekt bzw. Regiolekt. Das alles wurde dann vom Rassenantisemitismus zerstört und dauert offenbar bis heute an…

  2. 2 Machnow 17. September 2008 um 8:29 Uhr

    Die Besonderheit des osteuropäischen Antisemitismus ist, daß sich christlicher Antijudaismus, Rassenantisemitismus, Antisowjetismus, Antikommunismus zu einem widerlichen Gebräu Namens zydokomuna (pol.) vermischt. So kann die Zusammenarbeit jüdischer Protagonisten mit sowjetischen & kommunistischen Organisationen als natürlich und, aus der nationalistischen Perspektive, als Angriff auf die heile Nation gwertet werden. Die Legitimation und Konstruktion eines homogenen (braunen) Nationalkollektivs kann so gewehrleistet werden.

    Der zydokomuna ist eigentlich ein Phanomen in Polen. Jedoch scheinen die Parameter im Baltikum für ähnliche Nationalantisemitische Legenden zu sprechen. Der Haß auf die Judäo-Kommune / Judeo-Kommunisten, welche die eigene uralte Nation vermeintlich an den Abgrund der Auslöschung brachten legetimiert die totale Verfolgung der jüdischen und russischen Bevölkerung, sowie linker Kritiker, die auf diese ekelhafte Entwicklung hinweisen. Alle diese Gruppen werden oft unter dem Motto ‚Verleumdung der polnischen Nation‘ (oder wahlweise auch litauischen Nation) verfolgt.

    Der polnische Schriftsteller Jan Tomasz Gross ( umstrittene Bücher waren Nachbarn und das neue Angst)wies immer wieder auf diesen fatalen Zusammenhang zwischen der Konstruktion / Tatsache aller Polen als Opfer hin. Dadurch wird vergessen, daß Polen im Krieg ungezwungen zu Tätern an der jüd. Bevölkerung wurden. So waren sie in Jedwabne (1941) die treibende Kraft der Ermordung von 1.600 ansässigen Juden. Nach dem Krieg setzen sich die antisemitischen Pogrome – unter dem Vorwurf der zydikomunaungehindert fort.

    Wirklich ekelhaft diese braune Soße. Mir war echt nicht bewußt, daß sie auch im Baltikum ihr Unwesen treibt. Aber dieses Phänomen scheint eins von Ostmitteleuropa im allgemeinen zu sein.

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