„Das Denken überlaß uns!“


Es gibt eine Stadt im Süden Italiens, sie muß nicht einmal benannt werden, in der stinkt der Alltag in allen Schichten, auf allen Ebenen, in jedem Haus. Der Begriff Camorra ist dabei lediglich ein Symbol für eine bestimmte Art zu leben, ein allumfassendes System des entfesselten Kapitalismus, in dem ein Mensch nichts mehr wert ist.

Der Film Gomorrha nach einem Buch von Roberto Saviano beschäftigt sich auf beeindruckende Weise mit diesem Thema. Der Untertitel Eine Reise in das Reich der Camorra wäre im Grunde nicht notwendig gewesen, denn diese fast schon mythische Organisation verschwimmt hinter einem fiktional dokumentierten Alltag aus kleinen Betrügereien, Träumen von Macht und Wohlstand, sowie im Sumpf der Hierarchien, aber vor allem im Krieg des Jeder gegen Jeden.

Das Beeindruckende an diesem Film ist nicht seine inszenierte Authenzität, seine messerscharfe Analyse oder die kühle Darstellung der Gewalt, sondern viel mehr die totale Durchdringung einer gesamten Gesellschaft – von ganz unten bis ganz oben – die sich, um zu überleben, Korruption, Desinteresse, Ohnmacht hemmungslos hingibt. Der Norden erscheint als Giftlieferant, den nix interessiert. Er will lediglich seine Probleme entsorgen, wie interessiert ihn nicht sonderlich. Viel wichtiger ist dem Norden, daß alles clean aussieht, daß es (für ihn) sauber bleibt.

Das Gomorrah des Films ist der napolitanische Vorort Scampia, eine Slum-Vorstadt aus einem ausweglosen Höllenkreis der Erbärmlichkeit, Gewalt und Geschäftemacherei. Fünf Geschichten werden parallel erzählt.

Don Ciro, der Mann mit dem Geld, versorgt die einzelnen Familien des Clans mit ihren monatlichen Zahlungen. Es ist immer zu wenig. Es sind kleinste Handlanger. Don Ciro scheint sie ernst zu nehmen. Trotzdem bleibt er eine Puppe, ohne Herz. Zunehmend verängstigt und getrieben erscheint er als Relikt einer vergessenen Gemeinschaft der Clans, die sich sorgt und in der Loyalität mit dem Leben belohnt wird. Er ist der Bote! Er ist innen leer! Der Krieg aber überfordert ihn!

Totò, der Jüngste, ist ebenfalls ein Bote. Er liefert Lebensmittel und Drogen. Er muß sich von seinem Jugendfreund trennen, weil er die Seite gewechselt hat. Seine Loyalität wird auf die Probe gestellt, als der Clan das Revier verteidigen will. Die Mutter des Verräters soll sterben. Er ist der Schlüssel. Toto vertraut sie, doch er gibt sich auf und opfert die emotionale Loyalität für eine blutige des Clans! Er hat aufgehört zu denken. Toto funktioniert nur noch!

Pasquale, ein begnadeter Schneider, ist zwar ein Genie auf seinem Gebiet, jedoch hilft ihm das nicht ein gutes Leben zu führen. Er kopiert gekonnt und sensibel Haute Couture. Sein Chef läßt ihn am langen Arm verhungern. Frustriert wendet er sich den Chinesen zu, die sogar gut kochen können und Tai-Chi praktizieren. Erstmals scheint er annähernd glücklich. Jedoch bricht die Wirklichkeit brutal seinen Traum. Er überlebt! Er verliert! Seine Gabe kann er nicht mehr nutzen. Er wird in der Nacht LKWs fahren.

Die Politik stinkt, im wahrsten Sinne des Wortes, ebenfalls. Mit dieser Episode bricht die Realität in die filmische Wirklichkeit ein. Ein Müllhändler erkundet Lagestätten für hochgiftigen Müll aus ganz Europa. Dioxin, Halogene, Schwermetalle usw. werden fachmännisch durch Migranten in Steinbrüchen und auf Feldern vergraben. Die Natur wird vergiftet. Die Früchte des Landes – die Sapori di Regione – stinken und bringen die Bauern um. Erstaunlich, daß es in dieser Episode gelingt, aus der surrealen Absurdität Komik zu produzieren. Der sterbende Bauer kann kaum mehr sprechen. Nur noch Euro bringt er über die Lippen! Und seine Kinder danken es ihm! Lediglich auf dieser Ebene – der wirtschaftlichen und politischen – scheint ein Ausstieg möglich. Der junge Roberto verweigert sich dem Müllunternehmer und geht seinen eigenen Weg. Er wird bis zum Ende des Film am Leben bleiben.

Anders ergeht es zwei jugendlichen Rabauken, die euphorisch amerikanische Gangsterschmonzetten nachspielen, einem Camorra-Clan Waffen stehlen, den Drogenhandel abzocken und vortäuschen keine Angst zu haben. Im Grunde wollen sie einfach nur leben. Ein romantisches Gangsterleben, daß sie erträumen, in dem sie nur sich allein Rechenschaft schuldig sind. Sie werden in einen Hinterhalt gelockt und hingerichtet. Die Alten beklagen sich ob des Aufwandes für diese Rotznasen. Vergessen bleiben sie. Ihre entfesselte Gewalt, ihr übersteigertes Lebensgefühl tötet sie in der hierarchisierten Gesellschaft Napolis. Sie sind nichts und sterben dementsprechend!

Der Film bedrückt und desillusioniert. Er schockt! Er entläßt den Zuschauer in Ratlosigkeit und Empörung, meint Claudia Lenssen im Freitag. Jedoch viel erschreckender ist, daß all dies so alltäglich und authentisch scheint. Es gibt keinen Ausweg! Oder vielleicht doch. Denken wäre womöglich ein Ausweg! Oder die Stadt verlassen.


2 Antworten auf „„Das Denken überlaß uns!““


  1. 1 Für die Freiheit! Für das Leben! Gegen die Mafia! « Analyse, Kritik & Aktion Pingback am 22. Oktober 2008 um 12:37 Uhr
  2. 2 Die Mafia zu Gast im Picchi « Brigata Amaranta Venticinque Aprile Pingback am 02. Februar 2009 um 9:49 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.