Humanae Vitae wird 40

Benedikt XVI Am 25. Juli 1968 wird die Enzyklika Humanae Vitae veröffentlicht, die sich mit der ehelichen Gemeinschaft und Verhütungsmethoden auseinandersetzt. Dieses päpstliche Sittenbüchlein kommt zu dem Ergebnis, daß jegliche künstliche Geburtenregelung beim ehelichen Fortpflanzungsakt verwerflich ist. Abtreibung, Sterilisierung und der Gebrauch direkt empfängnisverhütender Mittel wird als immer unerlaubt verworfen. Der deutsche Papst sieht dies immer noch so und meint der Lehrinhalt der Enzyklika wäre unverändert wahr und ihre Lehre aktueller denn je.

Dieses Wochenende trifft sich die Elite der sich selbst freiwillig und geistig sterilisierten, klerikalen Sittenwächter an der Päpstlichen Lateranuniversität in Rom um den 40. Jahrestag der Enzyklika Humanae Vitae zu feiern. In einer Audienz am 4. Oktober erneuerte Benedikt XVI. die beinah göttlichen Ansichten des erleuchtenen Papstes gegenüber den Teilnehmern des Kongreßes. Gewohnt kryptisch und schwabelig dehnbar gab er den göttlichen Willen in gewählten, fein formulierten Worten Preis.


    Vierzig Jahre nach der Veröffentlichung der Enzyklika ist nicht nur ihr Lehrinhalt unverändert wahr, es zeigt sich auch die Weitsicht, mit der das Problem behandelt worden ist. Die eheliche Liebe wird nämlich als ein ganzheitlicher Prozess beschrieben und bleibt nicht bei einer Trennung von Leib und Seele stehen; auch ist diese Liebe nicht allein Gefühlen unterworfen, die oft flüchtig und fragwürdig sind, sondern sie nimmt die Einheit der Person ernst und die Tatsache, dass die Eheleute alles miteinander teilen, wenn sie sich gegenseitig schenken im Versprechen einer treuen und exklusiven Liebe, die Frucht einer wirklich freien Wahl ist. Das werdende Leben ist immer eine unschätzbare Gabe – Immer wenn wir sein Entstehen erleben, sehen wir die schöpferische Kraft Gottes am Werk, der dem Mensch vertraut und der ihn so dazu beruft, die Zukunft mitzugestalten in der Kraft der Hoffnung.

Na da hat unser deutscher Ratze aber mächtig zu gelangt und wider den Zeitgeist nochmal in einem Satz alles untergebracht, was die sittliche Ordnung ausmacht. Zunächst einmal bezieht sich die Enzyklika auf die eheliche Liebe. Außerhalb dessen existiert nix! Zweitens, sind es die Eheleute, die betroffen sind. Die Enzyklika spricht im Übrigen ausschließlich vom verantwortlichen Gatten und seinem Willen. Die Gattin gehorcht hierbei in Gattenliebe. Einen eigenen Willen scheint sie nicht zu haben. Der Akt selbst hat nix mit Leidenschaft zu tun, sondern soll vielmehr eine intime und keusche Vereinigung der Gatten darstellen, in der sich der auf den Schöpfer zurückgehende Plan nach Fortpflanzung manifestiert.


    Wie nämlich der Mensch ganz allgemein keine unbeschränkte Verfügungsmacht über seinen Körper hat, so im besonderen auch nicht über die Zeugungskräfte als solche, sind doch diese ihrer innersten Natur nach auf die Weckung menschlichen Lebens angelegt, dessen Ursprung Gott ist.

Oder ganz anders gesagt.


    Ein Akt gegenseitiger Liebe widerspricht dem göttlichen Plan, nach dem die Ehe entworfen ist, und dem Willen des ersten Urhebers menschlichen Lebens, wenn er der vom Schöpfergott in ihn nach besonderen Gesetzen hineingelegten Eignung, zur Weckung neuen Lebens beizutragen, abträglich ist.

Damit wurden die Paramenter kirchlicher Sexualethik im Jahr 1968, angesichts der drohenden Überbevölkerung, einem gewissen Wandel in der Auffassung von der Persönlichkeit der Frau und des staunenswertem Fortschritts des Menschen in der Beherrschung der Naturkräfte, skizziert. Die Eckpunkte des ehelichen Aktes werden im Credo liebende Vereinigung und Fortpflanzung zusammengefaßt. Es wird eine unbedingte Treue zum Schöpfungsakt verlangt. Alle Handlungen, welche die Fortpflanzung verhindern, sind verwerflich, verletzen die sittliche Ordnung und sind deshalb aus christlicher Sicht menschenunwürdig.


    Die Kirche bleibt sich und ihrer Lehre treu, wenn sie einerseits die Berücksichtigung der empfängnisfreien Zeiten durch die Gatten für erlaubt hält, andererseits den Gebrauch direkt empfängnisverhütender Mittel als immer unerlaubt verwirft auch wenn für diese andere Praxis immer wieder ehrbare und schwerwiegende Gründe angeführt werden. Tatsächlich handelt es sich um zwei ganz unterschiedliche Verhaltensweisen: bei der ersten machen die Eheleute von einer naturgegebenen Möglichkeit rechtmäßig Gebrauch; bei der anderen dagegen hindern sie den Zeugungsvorgang bei seinem natürlichen Ablauf. Zweifellos sind in beiden Fällen die Gatten sich einig, daß sie aus guten Gründen Kinder vermeiden wollen, und dabei möchten sie auch sicher sein. Jedoch ist zu bemerken, daß nur im ersten Fall die Gatten sich in fruchtbaren Zeiten des ehelichen Verkehrs enthalten können, wenn aus berechtigten Gründen keine weiteren Kinder mehr wünschenswert sind. In den empfängnisfreien Zeiten aber vollziehen sie dann den ehelichen Verkehr zur Bezeugung der gegenseitigen Liebe und zur Wahrung der versprochenen Treue. Wenn die Eheleute sich so verhalten, geben sie wirklich ein Zeugnis der rechten Liebe.

Dieser Blödsinn reglementiert Sexualität total und und negiert sie außerhalb der Ehe. Außerdem zementiert die Enzyklika Vorstellungen von einer christlichen vollmenschlichen Liebe, die aufs Ganze geht, treu und ausschließlich ist, sowie fruchtbar zu sein hat. Trieb und Leidenschaft müssen durch Vernunft und (Gatten-) Willen beherrscht werden, so daß geschlechtlich zuchtvolles Verhalten begünstigt werden kann. Aus diesem Grund werden staatliche Behörden, Wissenschaftler, christliche Eheleute, Ärtzte und ihre Helfer, Priester, Bischöfe, sowie alle Menschen guten Willens – also alle christlich sittlichen, vernünftigen und keuschen Menschen – aufgefordert die von Gott in seine Natur eingeschriebenen und darum weise und liebevoll zu achtenden Gesetze einzuhalten.

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Benedikt XVI. bestätigt die Enzyklika ohne Modernisierung. Ganz im Gegenteil, er lobt sie, betrachtet sie weiterhin als wahr, sieht ihre Aktualität sogar gesteigert und kanonisiert so patriarchale, hierarchische, äußerst verknöcherte Denkmuster. Das Kleriker, die sich keusch und ausschließlich der heiligen Liebe zu Gott, der ungeschlechtlichen Hingabe und Vereinigung mit dem Schöpfer verschrieben haben, wirklich glauben, daß sie nur ansatzweise über die Natur des Mannes und der Frau urteilen udn sie in Gänze erfassen könnten, bleibt mir schleierhaft.

Sie sterilisieren sich selbst, versagen die Fortpflanzung. Ihre liebende Vereinigung ist lediglich auf einen (eingebildeten) Gott gerichtet. Ihre Ehe ist ein sittlicher Egoismus. Ihre angestrebte Vollmenschlichkeit löst sich in einem totalitären, vernünftigen und willenszentriertem, klerikalem Zwang auf. Die entfesselte Sexualität in den 60igern, die enthemmte Unzucht, das hemmungslose Ausleben des menschlichen Körpers, abgelöst von den Zwängen nach einem mehret Euch, separiert die christlich-geistigen Eunuchen von ihrem Kirchenvolk und vor allem der alltäglichen Wirklichkeit.

In den 80igern – mit der Entdeckung der tödlichen HIV Infektion – wird die Aktualität der Enzyklika potenziert, erhält aber diesmal ein andere Färbung. Das dogmatische Verbot des künstlichen Eingriffs in den göttlichen Plan verwandelt sich in das Gebot eine potenziell tödliche Infektion in Kauf zu nehmen. Die modernisierte Akzentuierung der Forderung nach unbedingter Treue und die Dämonisierung von vorehelichem Sex, hilft hierbei wenig und kann die Diskrepanz zwischen der nun mehr eskalierter Realität und klerikalen Konstruktionen nicht auflösen. Das Trauma der selbstbestimmten Sexualität in den 60igern wird nun durch das Trauma der tödlichen Infektion ergänzt.


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Für christliche Fundamentalisten – und die Papstkirche bestätigt mit dem Kongress zur Enzyklika und dem Lob Benedikts seine exponierte Stellung in der Diskussion – ist dieses Thema ideologisch maßgeblich und Grundlage ihrer weißen, christlichen Hegemonie. Deshalb ist der Widerstand, wie in Berlin und in München, gegen diese selbsternannten Lebensschützer äußerst wichtig.