Widerliche Scheiße!


Das die junge Welt bezüglich dem israelischen Staat, gelinde gesagt, mächtige Bauchschmerzen hat, ist bekannt. Die aktuelle Beilage ist dann aber doch zu viel. Einen Zusammenhang zwischen Israel, den faschistischen Migrantenstrukturen in Argentinien, postfaschistischen Firmen und den alten SS-Seilschaften in Deutschland herzustellen, ist einfach nur widerlich. Für diese ekelhafte Verschwörungentheorie auch noch den Massenmörder Adolf Eichmann zu instrumentalisieren, der zu Recht wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt wurde, und als Symbol für den deutschen Spießbürgertäter gilt, schlägt dem Faß den Boden aus.

Gaby Weber mag bezüglich des Aufbaus der Daimler Zweigstelle in Argentinien auf einige brisante Zusammenhänge gestoßen sein. Genauso hat sie offensichtlich äußerst akribisch die Aufarbeitung der Greuel der Militärdiktatur unterstützt. Danach folgten einige Bücher unter anderem zur Guerilla, der CIA und zum deutschen Imperialismus in Südamerika. Ihr aktuelles Buch, das Theaterstück Chatting with Sokrates fand keinen Verlag sondern erschien bei der Buchmacherei.

Die wichtigste These in ihrer Auseinandersetzung mit Eichmann ist seine phantasierte Verwicklung und Mitwissenschaft im konspirativen Aufstiegs Israels zur Atommacht.


    Meine Recherchen führten mich zur israelischen Atombombe. Sie hätte ohne Hitlers Wissenschaftler, die Technologie des Uranprojekts und das argentinische Uran nicht gebaut werden können.
    (Erläuterung zum Theaterstück als pdf)

Außerdem ist sie nach eigenem Angaben einem gewaltigen historischen Schwindel auf die Spur gekommen, der von argentinischen Peronisten, nationalsozialistischen Seilschaften in Argentinien, der Degussa – dem Nachfolger der IG Farben – der Deutschen Bank, Daimler, Rockefeller sowie der israelischen Regierung unter Leitung von Ben Gurion arrangiert wurde. Weber glaubt, daß am Satz Der Mossad hat Adolf Eichmann wegen seiner Verbrechen am jüdischen Volk aus Argentinien entführt nix wahr ist.


    Der zitierte Satz gibt die Version wieder, die in den Geschichtsbüchern steht und die vom israelischen Geheimdienst Mossad seit 1975 offiziell verbreitet wird. Nach jahrelangen Recherchen in Archiven und vielen Gesprächen mit Zeitzeugen bin ich zu einem ganz anderen Ergebnis gekommen: Erstens war es nicht der Mossad, der im Mai 1960 in Argentinien das Kommando führte. Es war ein kleiner Geheimdienst Israels, der Atomtechnologie beschaffen sollte. Zweitens war der Auslöser für Eichmanns Abtransport nicht seine Beteiligung am Judenmord, sondern sein Wissen um geheime Dreiecksgeschäfte. Drittens wurde er nicht entführt und viertens nicht aus Buenos Aires.

Bei solcher Anhäufung von Schwachsinn und lächerlicher Ignoranz könnt ich nur kotzen. Wenn ich es nicht in der jungen Welt gelesen hätte, könnte dieses Gewäsch leicht aus einer Nazipostille sein, die nun endgültig das tödliche Netzwerk und die fatale Kooperation zwischen Faschisten und Zionisten nachweist. Die Querfront ist hier nicht weit! Drecksch….

Darauf auch nur ansatzweise einzugehen ist im Grunde müßig, denn die grundlegenden Annahmen von Weber sind nachweislich falsch. Es war nämlich nicht der allseits gehaßte Mossad, der die Entführung Eichmanns als Legende kolportierte, sondern viel mehr Ben Gurion, der in Beiträgen zum Eichmann-Prozeß eben diese eingestand und offensiv verteidigte.

Außerdem thematisiert schon 1961 Hannah Arendt offen und kritisch in ihrer Berichterstattung über den Prozeß für den New Yorker die Umstände, wie der der Massenmörder nach Israel kam. Das daraus enstandene Buch Eichmann in Jerusalem: A Report on the Banality of Evil erschien 1963 in Amerika und unter dem deutschen Titel Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen im Piper Verlag nur ein Jahr später.

Es ist also grundsätzlich und historisch falsch, daß es der Mossad war, der Jahre brauchte um eine Entführungsgeschichte zu spinnen. Die Umstände, wie Eichmann nach Jerusalem gelang, mögen zwar immer noch unklar, mysteriös und vor allem geheim sein, vielleicht sind sie sogar Teil einer zwischenstaatlichen Vertuschung, jedoch steckt bestimmt keine Verschwörung dahinter.

Noch weniger glaubwürdig ist, daß Eichmann von einem omminösen Atomdeal zwischen Deutschland, Argentinien und Israel wußte. Wenn dies so konspirativ und geheim gewesen sein soll, hätte niemand Eichmann involviert, der auch nach Angaben von Weber in Argentinien nicht sonderlich beliebt war und auch nichts mehr zu sagen hatte. Das er sehr viel wußte, ist ebenfalls lediglich eine Spekulation, die jeder Grundlage entbehrt.

Arendt hat ihre Analyse von Eichmann nicht umsonst Die Banalität des Bösen untertitelt. Dieser Typ war farblos, ein Bürokrat, ein loyaler Nationalsozialist, der seine Menschlichkeit und seine Empfindungen überwunden hatte. Er wollte nix wissen! Er wußte wenig! Er funktionierte, wie ein Rädchen, wie die grauenhafte nationalsozialistische Zerstörungsmaschinerie, die die gesamte deutsche Gesellschaft durchdrungen hatte. Widerstand dagegen war nicht gewollt. Sondern vielmehr ließ es sich der deutsche Spießbürger – Eichmann – recht gut gehen. Seine Nazikumpels in Argentinien und Deutschland halfen ihm lediglich zu überleben. Wenn er zu viel gewußt hätte, wäre er ganz schnell eliminiert worden!

Auf die Frage nach Eichmanns Kontakten zur Atomforschung in Argentinien kann Weber auch nicht recht schlüssig antworten. Sie mutmaßt wieder, kann aber keine Nachweise für eine Mitwisserschaft Eichmanns liefern. Aber dafür setzt sie noch einen drauf.


    Er wurde als Amispitzel verdächtigt, deswegen mußte er aus dem Weg geräumt werden.

Nachweise gibt es nicht. Vielmehr folgen weitere Widerlichkeiten und unhaltbare Behauptungen, die immer nur in eine Richtung weisen. Nämlich, daß Israel bezüglich ihrem Machterhalt und ihrer Politik keine ethischen Grenzen scheut und sogar mit Naziverbrecherns zusammenarbeitet. Amerikanische Geheimdienste schweigen und wissen wieder mal über alles Bescheid. Erstaunlich eigentlich nur, daß nicht irgend wann das Wort Zionimus fällt.
Trotzdem wandert das Interview scharf an der Kante des Antisemitismus und antisemitischer Verschwörungstheorien, die eine Weltherrschaft – diesmal nicht der Juden – sondern Israels phantasieren.


    Ich vermute, die Israelis haben die Deutschen erpreßt. Wahrscheinlich auch die Frankfurter Firma Degussa, die in den 50ern die Wiedergeburt der deutschen Atomindustrie eingeleitet hat. Eine Degussa-Tochter hatte bekanntlich das Giftgas Zyklon B produziert, mit dem Millionen Juden in den Konzentrationslagern ermordet wurden.

So ein Dreck! Widerlich, einfach nur widerlich! Die junge Welt scheint nun vollends im Lager der antizionistischen Politsekten angekommen zu sein. Solch einem Schwachsinn muß kein Podium gegeben werden. Dieser Unsinn wird nicht einmal durch kiloweise Marihuana-Genuß glaubwürdiger. Ich würde mal sagen, mit diesem Interview hat die junge Welt mächtig in die Scheiße gegriffen.


2 Antworten auf „Widerliche Scheiße!“


  1. 1 Thomas 12. Oktober 2008 um 15:56 Uhr

    In der Tat scheint die Frau Weber hier einer wirren Verschwörungstheorie mit politisch brisantem Inhalt verfallen zu sein. Deinen Artikel finde ich sehr gelungen, abgesehen von der Überschrift. Und die Wörter „entgültig“ oder „vollends“ solltest du in Verbindung mit Zeitungscharakterisierungen weniger oft verwenden.

    Ist jetzt eigentlich die antizionistische junge welt oder die CSU-Postille namens taz schlimmer? ;-)

  2. 2 Machnow 12. Oktober 2008 um 17:13 Uhr

    na die taz is‘ schlimmer. aba wie es scheint, bewegt sich die junge welt auf sehr viel problematischeren spuren. sie nähern sich an…. denk ich. vielleicht :-)

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