„Ich steh nicht auf!“

Wegen einer älteren, grauhaarigen Frau kommen ein Bürgermeister, drei Anti-Konflikt-Polizisten, ’ne Menge Kameras und 7-10 Bereitschaftspolizisten. Letztere schleppen sie, mit Kabelbinder gefesselt, von ihrem Grundstück. Grund dieses rüden Vorgehens ist die hartnäckige Weigerung von Doris Groger, parteilose Ortsbürgermeisterin der Gemeinde Briesensee, an die öffentliche Kläranlage angeschloßen zu werden.

Vor Jahren begann die gewaltsam von ihrem Grundstück entfernte, militante Aktivistin damit einen autarken Hof aufzubauen, der eine autonome Kreislaufwirtschaft testet. Sie betreibt eine eigene vorbildlich funktionierende Nutzwassergewinnungsanlage. Eine Abwasserkläranlage braucht sie nicht. Im Jahr 2003 bekam sie hierfür den Brandenburger Umweltpreis, ausdrücklich auch aufgrund ihres vorbildlichen Wasserwirtschaftsmanagments.

Auf der anderen Seite siehts absolut nicht vorbildlich aus. Weder ökologisch, noch transparent, schon gar nicht (ökonomisch) effizient. Vielmehr zeichnet sich ein Bild informeller Kontakte, Verschwendung von Steuergeldern, die sogar vom Brandenburger Rechnungshof bemängelt wurde und antidemokratisches Machtbewußtsein. Denn schließlich darf es keinerlei Präzedenzfall geben. Wasserwirtschaft scheint ein privatisiertes Interesse von Klärunternehmen zu sein und nicht ein öffentliches Gut, dem sich, zu Gunsten ökologischer Technologien, verweigert werden darf.

In einem Interview mit der jungen Welt gibt sich Doris Groger kämpferisch. Auch als sie gefesselt von ihrem Grundstück gezerrt wird, bleibt sie entschlossen. Den Bereitschaftspolizisten antwortet sie auf die Einlassung, daß sie Aufstehen soll, wie folgt.

Ich steht nicht auf. Brechen sie mir die Hand! Sie verletzen die Gemeinderatsbeschlüße von Briesensee!

Aber all das hilft nicht. Die Ortsbürgermeisterin wird entfernt. Die ökologische Nutzwassergewinnungsanlage zerstört und außerdem droht der Lehrerin nun auch noch ein Berufsverbot. Das Amt Lieberose beschuldigt sie, daß sie die öffentlich die rechtsstaatlichen Grundprinzipien des Staates infrage gestellt haben soll. Das Staatliche Schulamt in Wünsdorf scheint nur etwas maßgeblich zu verwechseln. Zivilen Ungehorsam gegen absurde Verwaltungsentscheidungen zu leisten, ist durchaus durch das Grundgesetz gedeckt. Die Bürokratie scheint zu glauben, sie selbst wäre die Hütterin der Demokratie und deshalb unantastbar, wenn nicht gar (schein-) heilig.

Unverschämt ist, wie mit dieser ökologischen Aktivistin, dieser engagierten Ortsbürgermeisterin und Bürgerin umgegangen wird. Die gesamte bürokratische Hierarchie wir ihr auf den Hals gehetzt. Kompromiße sind von der Bürokratie nicht zu vorgesehen. Viel mehr muß ihr unwidersprochen gehorcht werden! Bitte keine Eigeninitiative und lokales politisches Engagement!



via redblog und pantoffelpunk


2 Antworten auf „„Ich steh nicht auf!““


  1. 1 pixelutopia 22. Oktober 2008 um 12:05 Uhr

    Befremdlich… dass es ein Gesetz gibt, dass man an die öffentlichen Kläranlagen angeschlossen werden muss, war mir noch nie bewusst. Weiß jemand, ob es das schon länger gibt? „Wir versorgen dich – ob du willst oder nicht!“

  2. 2 LucaPinoRelli 22. Oktober 2008 um 12:26 Uhr

    wasserwirtschaft, insbesondere in brandenburg, hat eine merkwürdige, undurchschaubare politik. zumeist entscheiden die gemeinden selbst über die höhe der gebühren. der „gierfaktor“ des bürgermeisters ist hierbei ausschlaggebend.

    den regionalen wasserwirtschaftsbetrieben wurde in den 90igern viel zu große anlagen verkauft. windige geschäftsleute kamen & machten den gemeinden den mund wässrig. die dachten wahrscheinlich, daß sie demächst „blühende landschafen“ erwarten. aber nix wars. sie haben sich hoch verschuldet und versuchen nun ihr geld wieder rein zu bekommen.

    naja, auf den brandenburgischen dörfern kann jeder ein lied von der perversen bürokratie erzählen. bei wasser / abwasserversorgung hat der bürger keine wahlfreiheit. er muß sich fügen!

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