Antifa Bewegung und Rechten Strukturen in Polen

Am vergangenen Montag gab es im Schnarup einen sehr interessanten Vortrag zum Thema Antifa Bewegung und Rechten Strukturen in Polen. Als Referent war ein Vetreter der Antifa Wild East aus Bialystok eingeladen. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Mobilisierung zu den Internationalen Antifaschistischen Aktionstagen Antifascista Siempre statt.

Der Abend begann mit der Begrüßung durch einen Aktivisten der North-East Antifascists, der Hintergründe zur geplanten Konferenz am 14./15. November mitteilte und zu zahlreichem Besuch an den Veranstaltungen aufrief. Es werden aus verschiedenen europäsischen Ländern Gruppen anreisen und über ihre Erfahrungen berichten. Neben Vertretern aus Spanien, Italien, Österreich, Polen, Russland werden dieses Mal auch tschechische Aktivisten kommen. Neben der Theorie wird aber auch besonderer Wert auf die Praxis gelegt. Deshalb wird es am 15ten ab 14 Uhr vom S/U-Bahnhof Pankow eine Antifa Demo Kein Kiez für Nazis im nazidominierten Bezirk Pankow geben.

Der Vortrag des polnischen Antifas war äußerst interessant. Neben den Informationen zu Nazistruktruren in Polen und deren Entwicklung waren es insbesondere die Erläuterungen zu den antifaschistischen Aktivitäten, welche die Perspektive auf militanten Antifaschismus zumindest bei mir veränderten.

Interessant ist vor allem, daß antikapitalistische und kommunistische Diskurse in der Antifaszene Polens eher unüblich sind. Die meisten Gruppen sind in den 90igern aus eine alternative, musikalische Subkultur entstanden. Außerdem war offenbar der Fußball und die nazistische Hegemonie in den Stadien für die Bildung antifaschistsicher Strukturen maßgeblich verantwortlich. Damit zusammen hängt aber auch bis heute die Konzentration auf die militante, körperliche Auseinandersetzung mit Nazis.

Zwar hat sich offenbar seit der Jahrhundertwende im Westen Polens einiges geändert. So engagierten sich nun auch bürgerliche Initiativen gegen Antisemitismus, Rassismus und Xenophobie. Mit der neuen Bewegung um eine polnische Gay-Pride Parade, die Angriffe gegen diese durch christliche, konservative und nationalistische Fundamentalisten, erstmals zusammen mit Nazigruppen, und die offensive Zurschaustellung homosexueler und transgender Kultur in der polnischen Öffentlichkeit veränderte sich die Alternativkultur wieder.

Bis zu diesem Zeitpunkt und auch danach waren offenbar offen faschistische Gruppen isoliert und chancenlos. Die Auseinandersetzung mit Antifas geschah eher auf einem Hooliganniveau mit eigenem, ganz speziellem Kodex. Demonstrationen, Infokampagnen und offensive Öffentlichkeitsarbeit gab es selten. Die Zusammenarbeit mit den Behörden wurde von beiden Seiten völlig abgelehnt.

In den östlichen Regionen hat sich daran wenig geändert. Im polnischen Westen dagegen entstanden eine alternative Kultur und Strukturen, die zunehmend auch von bürgerlichem Publikum frequentiert wurde. Außerdem gab es für spezielle Projekte staatliche Unterstützung. Während Demonstrationen gab es nun auch Kontakte zu den polizeilichen Autoritäten. Aufgrund dieser Zusammenarbeit zog sich die Antifa oft aus Büdnißen zurück. Ihre Probleme waren existenzieller Natur. Die Gefahr überfallen und verprügelt zu werden, ist bis heute unverändert groß. Solidemos werden von der Polizei – insbesondere im Osten Polens – für Massenfestnahmen genutzt um den Erkenntnisstand über die Szene zu überprüfen und zu erweitern.

Internationale Hilfe von außen scheint hierbei äußerst schwer. Die moralische Perspektive hinsichtlich der enormen Gewalt in der polnischen Provinz ist unbrauchbar und schadet eher. Verweise auf einen linken Antikapitalismus sind ebenfalls unbrauchbar. Die antikommunistische Stimmung in der polnischen Gesellschaft scheint bis weit in die Alternativstruktur zu reichen. Aus diesem Grund verstehen sich die meisten Gruppen offenbar eher als anarchistisch denn als kommunistisch.

Für weitere Informationen zur Situation in Osteuropa kann ich die aktuelle (#33) – und natürlich auch ältere – Ausgabe der Zeitschrift Abolishing the borders from below empfehlen. In einem Beitrag zur russischen Antifa geht es um ein ähnliches Thema. Beleuchtet wird die Gewalt innerhalb der Szene, der verbreitete Sexismus und die oft anzutreffende Homophobie. Das Thema der Hilfe solcher antifaschistischer Strukturen wird ebenfalls beleuchtet.