The Hessen-Show must go on!

Und die Hessen-Show geht natürlich weiter – nicht erst mit der Neuwahl am 18. Januar 2009 – sondern vor allem medial in der ARD. So beschäftigte sich am Sonntagabend erst Anne Will mit der vermeintlich gescheiterten Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti. Am Montag legte Beckmann nach und hatte die vier Reaktionäre zu Gast.

Anne Will widmete ihre Sendung mit dem Titel zwar Ypsilanti, doch persönlich war die Partei- und Fraktionsvorsitzende von Hessen nur per Interview-Zusammenschnitt im Studio anwesend. Anders die vier SPD-Rebellen bei Beckmann einen Tag später. Alle saßen schön aufgereiht mit traurig-nachdenklicher Mine in gleicher Reihenfolge wie bei ihrer so kurzfristig einberaumten Pressekonferenz am vergangenen Montag dem ARD-Talker Reinhold Beckmann gegenüber. Die vier Abweichler hatten nur eine Woche zuvor, Ypsilanti und die Öffentlichkeit darüber infomiert, daß sie sie aufgrund ihres Gewissens nicht zur Ministerpräsidentin wählen könnten.

Bei Anne Will warb Ypsilanti in einem Einspieler zum wiederholten Male um Verständnis für ihre Fehler nach der Hessen-Wahl, sowohl bei den Zuschauer_innen als auch bei den Studio-Gästen – vor allem beim Alt-Parteigenossen Klaus von Dohnanyi. Dagegen bekamen Carmen Everts, Silke Tesch, Jürgen Walter und Dagmar Metzger bei Beckmann eine halbe Stunde Sendezeit, um ihre späte, aber doch richtige, Gewissensentscheidung zu rechtfertigen. Eine anregende Rezension dieses Schauspiels bietet die hier selten verlinkte Redaktion von spiegelonline.

„Geschockt“ sind sie, wie wenig in der SPD das Gewissen zählt. Es sei ein Fehler gewesen, erst so spät Nein zu sagen, sagt Bandleader Walter. „Total unwohl“ habe sie sich gefühlt, erklärt Silke Tesch. Einmal habe sie auf ihrem Küchenboden gesessen und geweint, erzählt Carmen Everts. Die Abstimmung über die rot-grüne Minderheitsregierung von Gnaden der Linken sei eine „existentielle Frage“ gewesen. „Es gab keine Hoffnung mehr“, sagt Walter bedeutungsschwer.

Noch immer versuchen die Fanta-Vier sich mit ihrem Gewissen rauszureden. Dabei unterschätzen sie die Öffentlichkeit, die ihr Gewissen als Kontrollinsantz im Luhmannschen Sinne längst durchschaut hat. Was Ypsilanti selbst und ihre Leidensgenossin Heide Simonis als schamloses, verlogenes Verhalten brandmarken, war für Walter und Co. nur moralisch. Die politische Gegnerin (!) ins offene Messer laufen zu lassen, als letztmögliche Option im Richtungsstreit, machte das Gewissen aus, das sie nicht ruhig schlafen ließ. Es kennzeichnete ihre Moral, die sie zu großartigen Rebellen verklärte.

Auch wenn die hessische Netzwerker-und Seeheimer-nahe-Vierer-Connection den Folgen ihres Handelns für sich persönlich mittlerweile ins Auge sehen muss, gibt sie sich weiterhin selbstbewusst. Dabei wollen die vier Mitleid erheischen und gleichzeitig das vorläufige Ende ihrer politischen Karrieren vertuschen. Das gelingt angesichts eines so verständnisvollen Beckmanns und ohne Studio-Publikum recht einfach.



Tesch und Ypsilanti gemeinsam im Landtagswahlkampf in Marburg

Die Sozialdemokrat_innen im Herzen hätten nach eigener Aussage bis zuletzt auf eine Regierungsbeteiligung ohne die Linke gehofft. Daß sie gerade deswegen so traurig über die Neuwahlen seien, kann mensch ihnen nicht mal mit größter Anstrengung abnehmen. Schließlich ist hinlänglich bekannt, daß die Noch-Sozialdemokrat_innen ihrer Ämter enthoben und zur Rückgabe ihrer Mandate gezwungen werden sollen. Ganz davon zu schweigen, daß Walter und Co. nach ihrer Vorstellung natürlich nicht wieder in ihren Wahlbezirken aufgestellt werden.

Ob sie damit gerechnet haben? Vielleicht ja. Eine existenzielle Entscheidung war die Attacke gegen Ypsilanti aber ganz sicher nicht. Die guten Kontakte zur CDU und dem Energiesektor sollten den Abweichlern doch fürs Erste genügen. Daß ihnen sogar der Parteiaustritt nahegelegt wird, sollte nicht verwundern. Immerhin hat ein andere_r Metzger schon einmal vorgemacht, wie man sich verhalten könnte, wenn die politischen Auffassungen nicht (mehr) zu denen der eigenen Partei passen. Vor einer angemessenen Reaktion der Abweichler kann sie auch der Polizeischutz, unter dem Everts, Tesch, Walter und Metzger seit ihrer Pressekonferenz stehen, nicht schützen.

Wie links die Hessen-SPD wirklich ist, wird sich nach der Landtagswahl zeigen. Daß der rechte Parteiflügel vorerst bundesweit die Oberhand behält, scheint aber schon beschlossene Sache zu sein – vor allem angesichts eines nach gewissen Umfragen vorhergesagten Wahldebakels für Ypsilanti und Schäfer-Gümpel. Aber auch die Aufstellung eines männlichen Politikers als Spitzenkandidat ist Ausdruck einer geschlechtseinseitigen und konservativ dominierten Politik. Ein Mann wird, wie in den US-Präsidentschaftswahlen, einer charismatischen, intelligenten Frau noch immer vorgezogen.

Was zeigt uns all das mal wieder? Das Kasperletheater in der Politik. Das Schauspielvermögen, das sogar Landespoltiker_innen draufhaben. Was zählt, ist die beste Perfomance. Um Glaubwürdigkeit kann es schon lange nicht mehr gehen. Deshalb lohnt es im Grunde auch nicht (mehr), sich diese Talksendungen im Ersten oder sonstwo anzuschauen. Wenn also der abgewählte Roland Koch am nächsten Montag bei Beckmann seine Kommunistenhetze ablässt, hilft nur noch abzuschalten!


2 Antworten auf „The Hessen-Show must go on!“


  1. 1 kuba 13. November 2008 um 0:14 Uhr

    sehe ich mit dem kasperletheater genauso!
    vielleicht sollte man öfter wissenschaftler oder journalisten einladen!
    vielleicht hilft das ja….

  2. 2 Machnow 13. November 2008 um 14:19 Uhr

    oder, echte kommödianten! die würden dann witze erzählen & sich lustig anziehen. hätte dann zwar nix mehr mit politik zu tun, hat es jetzt aber auch nicht. vielelicht wäre das lachen für manchen politiker entlarvender als ihr blödes gequatsche.

    ich würde sie auch alle verkleiden lassen. schlißelich is‘ ja kanrneval. oder im nachhinein, quasi elektronisch am regiepult, mit netten kostümen belegen.

    den spiegel link kann ich ansonsten nich‘ gut heißen. auch wenn der text wirklich recht gut zu sein scheint. muß ein glücktreffer gewesen sein. aber die heulsusen geschichte und der völlig unbegabte moderator beckmann sind natürlich auch eine schöne kombination für ein wenig dissen…

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.