Vom Drang dazu zugehören und andere auszusondern

Mit dem Pamphlet Die Herrschaft der Kolportage verteidigt sich der ça ira Verlag und die ihr nahestehende AG Kritische Theorie gegen den Ausschluß aus der Linken Literaturmesse Nürnberg. Informativ, erfrischend und durchaus lesenwert wird ihr Standpunkt klar und provokant erläutet. Einzig der Seitenhieb gegen die profilneurotische Bloggerszene paßt nicht recht zum Rest der Erklärung. Denn diese Attacke wird undifferenziert diffarmierend und bösartig denunzierend geführt.

Während der 13. Linken Literaturmesse in Nürnberg eskalierte eine schon länger andauernde Abneigung gegen einen kleinen linken Verlag. Bisher geduldet schien dieser nun die dogmatischen Reflexe vollends in Gang gesetzt zu haben um beinah folgerichtig aus der großen linken Gemeinschaft endgültig ausgeschlossen zu werden.

Hintergrund des Raußschmißes aus der Linken Literaturmesse in diesem Jahr, war der Vorwurf, daß während einer Verantaltung zum Buch Die RAF Fiktion eine Analogie zwischen der Waffen-SS und der RAF gezogen wurde. Es soll der Satz gefallen sein, die RAF sei der verlängerte Arm der SS. Ein zweiter Vorwurf bezog sich darauf, daß am Stand des ça ira Verlages die Bahamas käuflich zu erwerben war. Die fortgesetzte Propaganda gegen eine phantasierte iranische Atombombe und den damit notwendigen Krieg gegen den Iran soll ebenfalls ein Grund für den Rauswurf gewesen sein.

Peter Wolter von der jungen Welt schreibt, daß einem antideutschen Verlag am Ende der Literaturmesse die Rote Karte gezeigt und er von der Literaturmesse ausgeschlossen wurde. Der redblog war beim Plenum, das zum Rauschmiß führte und echaufiert sich insbesondere über die krude Differenzierung zwischen westlichen, guten und bösen, iranischen Atombomben.

Aber so eindeutig dies alles klingen mag, die Erläuterungen des rausgeworfenen Verlages und der dazugehörigen AG machen mich stutzig und ich habe das Gefühl, daß der Auschluß forciert wurde und Mißverständniße zur Ausgrenzung eines linken Verlages führten. Die blödsinnige Kontroverse zwischen antideutschen und antiimperialistschen Sturrköpfen eskaliert wiedereinmal. Diesmal sind es zwar keine Fäuste, dafür aber eine ähnlich existenzielle Attacke gegen einen vermeintlichen politischen Feind, der eigentlich auf derselben Seite steht. Kritik wird mit Auschluß beantwortet. Der Nestbeschmutzer wird ausgesondert. Der unerwünschte Zeigefinger wird einfach abgehackt!

Wolter behauptet, daß mit einem klaren Beschluß der Mehrheit aller Aussteller der ça ira Verlag ausgeschlossen wurde. Die Rausgeworfenen sehen dies etwas anders.


Auf der Messe sind, wie die „Junge Welt“ selbst im weiteren berichtet, „etwa 50 Verlage“ vertreten gewesen – die beschlußfassende Versammlung bestand aus 15 Personen, vor denen sich unsere Genossen von der AG Kritische Theorie Nürnberg, die den ça ira-Messestand betreuten, rechtfertigen sollten, als sei’s ein Revolutionstribunal. Davon enthielten sich zwei, gegen den Ausschluß stimmten der Vertreter des anarchistischen AV-Verlags, eine weitere Person, sowie die Vertreter der AG Kritischen Theorie und des ça ira Verlages. Die „Mehrheit aller Aussteller“ bestand aus 8 Personen.

Der Rauswurf spiegelte demnach nicht die Messe als Gesamtes, sondern als avangadeskes Gremium, vor dem die AG Kritische Theorie zur linken Inquisition antanzen mußte. Des Weiteren war es keinsfalls ein klarer Beschluß.

Der zweite Vorwurf, daß ein direkter Zusammenhang zwischen Waffen-SS und RAF hergestellt wurde, läßt sich ebenfalls nicht aufrecht erhalten. Hier scheint ein bewußtes (oder altersbedingtes) akustisches Mißverständnis die Wurzel der üblen Aussonderungsaktion gewesen zu sein.

In der Veranstaltung wird Horst Mahler zitiert, der über den Sozialistischer Deutscher Studentenbund (SDS) und die RAF eine ganz eigene Meinung hat. Einen Mitschnitt der gesamten Veranstaltung gibt es gibts bei ça ira (mp3). Die betreffende Passage in der Mahler zitiert wird ist circa bei 65 min.


Die RAF war eigentlich nur der Waffen-SDS. Es gab einen Waffen-SDS und eine Theorie-SDS. Der Theorie-SDS war der Dutschke, als eine Art wiedergeborener Führer. Und die RAF war der Waffen-SDS. Und beide waren sich in dem Interesse einig eine nationale Befreiung herbei zu führen.

Eventuell ist das Zitat nicht glücklich gewählt und mißverständlich, jedoch geht es eindeutig nicht darum die RAF mit der Waffen-SS gleichzusetzen, sondern eine Tendenz zu erörtern. Außerdem sind es Mahlers Worte, nicht die der Vortragenden, geschweige denn des Verlages als Ganzes. Der Schon-Immer-Nazi Mahler ist lediglich das Extrembeispiel, das nachdrücklich die Nähe zwischen faschistischen Ideologien und einer revolutionären (nationalen) Befreiungsrhetorik exemplarisch nachweisen könnte.

Hier soll scheinbar etwas falsch verstanden werden, was in der eigenen (antiimperialistischen) Szene nicht gesehen werden darf. Die antisemitischen Tendenzen der Stadtguerilla RAF werden negiert und müssen – nach ça ira – abgespalten werden. Die RAF kann gar nicht antisemistisch gewesen sein, weil sie revolutionär war. Dieses Dogma läßt eine andere Interpretation, die aber ça ira dennoch wagt, einfach nicht zu. Jeder, der dies nur ansatzweise denkt, scheint ausgesondert werden zu müssen.

Im Fall des ausgeschlossenen Verlages bedeutet dies die Gefährdung seiner Existenz und könnte somit auch als Inszenierung mit einer widerlichen Vernichtungstendenz gesehen werden. Deshalb ist es nicht verwunderlich, daß sich der ausgesonderte Verlag derart heftig wehrt. Sie verteidigen sich äußerst pointiert, bildhaft und zum Teil gekonnt beleidigend. Erstaunlich bleibt aber die Konstanz sowie die Totalität der Ablehnung beinah aller Anwesender von kommunistisch, über trotzkistisch bis anarchistisch. Dies wäre beinah schon amüsant, wenn nicht die existenzielle Frage berührt werden würde.

Der Grabenkampf zwischen AntiD und AntiImp erlebt somit eine neue Qualität. Die Verlage, die sich allmählich zu Sekten zu verwandeln scheinen, wo nach Freund und Feind klassifiziert wird, als ob es jetzt schon um die Pfründe nach der Revolution geht, gehen aufeinander los. Die Straße kennt dieses lächerliche Spektakel schon längst. Es sind auch nicht mehr nur Nazis die DKP Büros angreifen, sondern neuerdings scheinen Antifas diesen Tummelplatz auch für sich entdeckt zu haben. (Oder sind es Nazis, die hier bewußt eskalieren.)

Dieser Quatsch nervt. Diese Auseinandersetzung innerhalb der radikalen Linken – und ich zähle immer noch beide verstockten Seiten dazu – ist nur ärgerlich und stört im vernünftigen sowie respektvollen Diskurs zur Herbeiführung der Sozialen Revolution, einer emanzipativen, herrschaftslosen Gesellschaft. Die existenziellen Attacken sollten unterbleiben! Dieses bockige und unnachgiebige Aufeinanderhacken ist kindisch und schmutzig. Von beiden Seiten!


2 Antworten auf „Vom Drang dazu zugehören und andere auszusondern“


  1. 1 alkohol 28. November 2008 um 18:35 Uhr

    Diese Auseinandersetzung innerhalb der radikalen Linken – und ich zähle immer noch beide verstockten Seiten dazu – ist nur ärgerlich und stört im vernünftigen sowie respektvollen Diskurs zur Herbeiführung der Sozialen Revolution, einer emanzipativen, herrschaftslosen Gesellschaft.

    Ich sehe nicht, was an den AntiD noch links sein soll. Für mich sind es rechte Bürger. Insofern ist es falsch von Grabenkampf zu reden. Es handelt sich vielmehr um Auseinandersetzungen zwischen Linken und Ex-Linken.

  1. 1 Gesammeltes #20 « riot propaganda Pingback am 28. November 2008 um 21:51 Uhr
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