Das DTMB: Außen hui, innen pfui!


Das Deutsche Technikmuseum Berlin (DTMB) ist für seine Sammlungen weltberühmt. Die Sonderausstellungen sind ebenfalls eine feste Größe in der Berliner Kulturlandschaft. Das Museum schafft es, sowohl junge als auch ältere Berliner_innen und Tourist_innen zu beeindrucken. Nicht umsonst ist das DTMB eines der erfolgreichsten und meistbesuchten Museen in Berlin. Nach außen glänzt und funkelt es. Im Inneren läuft aber einiges im Umgang mit den Sammlungen, der Ausstattung, dem Umgang mit Besucher_innen und den Beschäftigten schief.

Die Sonderausstellungen waren und bleiben einer der wichtigsten Besucher_innenmagneten des DTMB. Im Frühjahr 2008 zog Neustart – mobil ohne Öl zeitgeistnah und eng an der aktuellen Klimadebatte tausende Besucher an. Zum Geburtstagsfest am 13. Juli kamen 12.000 Besucher_innen. Ab Oktober folgte die Ausstellung zum 150. Geburtstag von Max Planck. Wieder pilgerten Tausende ins Museum. Die aktuelle Ausstellung mathema zieht neben Erwachsenen besonders Schulklassen an.

Was aber für die Sonderaustellungen gilt, kann nur eingeschränkt auf die Dauerausstellung übertragen werden. Dem Erfolg des einen steht eine Vernachlässigung des anderen gegenüber. Dies ist sehr traurig, weil das Potenzial des Museums in seinen eigenen historischen Objekten, den mühsam und kostenintensiv restaurierten Exponaten, also dem eigenen Inventar, besteht und nicht in den teuren Leihgaben anderer Museen.

Das Oldtimer Depot

Ein Indiz für mangelndes Bewußtsein gegenüber den eigenen Perlen ist die Schließung des Oldtimer Depots. Sie wurde notwendig um eine Asbestsanierung des Gebäudes durchzuführen. Die Schließung ändert aber nichts daran, daß das Depot selbst in Veröffentlichungen weiterhin explizit beworben wird.

Seit Sommer 2007 ist es für Besucher_innen nicht mehr zu besichtigen. Am Eintrittspreis hat sich nichts geändert. Noch schlimmer ist aber, daß auch ein Jahr nach der Schließung keine größeren Umbauten stattfinden. Zumindest ist von einer Asbestsanierung oder anderen größeren Baumaßnahmen augenscheinlich nix zu sehen. Das Depot bleibt trotzdem, laut Information der Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin (pdf), wegen Bauarbeiten bis auf Weiteres geschlossen.

Die Beschäftigten der Besucherbetreuung sind bei der Klärung der Dauer der Schließung des Depots ebenfalls keine Hilfe. Sie können zur voraussichtlichen Wiedereröffnung keine Auskünfte geben. Ihnen wurde vom Management keine nähere Information zur Bauzeit übermittelt. Die Bild scheint da besser informiert zu sein. Sie behauptet, daß die Umbauten 2010 abgeschlossen seien.

Informationen für Besucher_innen

Audioguides von TONWELT Eine weitere, aktuelle Verschlechterung ist der veränderte Umgang mit den Audioguides, die zu den Audioführungen angeboten werden. Die Geräte werden seit Sommer 2008 nicht mehr mit Kopfhörern verteilt. Das heißt, die Besucher_innen zahlen 2 Euro, rennen mit einem Hörer durch die Gegend, der keine optimale Akustik hat, so daß die Informationen oft nicht verstanden werden. Es kam schon vor, daß sich Gäste, insbesondere die internationalen Besucher_innen, beschwerten, weil sie den Erläuterungen nur schlecht folgen konnten.

Die Kopfhörer werden übrigens deshalb nicht mehr verteilt, weil der verantwortlichen Firma tonwelt professional media GmbH der Verschleiß zu hoch war. Bis dahin hatte sie die Kopfhörer kostenfrei zu den Geräten bereit gestellt. Die häufig anfallenden Reparaturen wollte die Firma nicht mehr zahlen. Das Museum entschied sich daraufhin gegen die Kopfhörer und nutzt weiterhin lediglich die Audioguides. Damit bevorzugte die Museumsleitung akustisch grauenhafte, mit einer Gebühr von 2 Euro nicht gerade günstige Informationsträger.

Um das Besucherorientierungssystem (BOS) steht es ebenfalls nicht besonders gut. Die roten, mehr oder weniger gut sichtbaren Säulen sind in schlechtem Zustand. In einige dieser Säulen ist ein Monitor eingelassen, der zusätzliche Informationen über Vorführtermine und Sonderveranstaltungen bietet. Der besagte Monitor funktioniert aber oft nicht und die Reparaturen dauern lange. Noch schlimmer ist aber, daß die angegebenen Termine oft nicht aktuell sind. Besucher_innen verpassen deshalb nicht selten die raren Vorführungen spezieller Exponate.

Die Vorführtermine können aber neuerdings auch aus einem sehr viel banalerem Grund ausfallen. Nämlich, weil die spezialisierten Vorführer_innen nicht anwesend sind. Erschwerend kommt hinzu, daß nur bestimmte Vorführer bestimmte Exponante bedienen. Wenn der entsprechende Experte nicht da ist, wird das betreffende Objekt nicht vorgeführt.

Außerdem geht das Gerücht um, daß die Stellenanzahl der Vorführer_innen, die bei der Stiftung beschäftigt sind, halbiert worden sei. Es kann natürlich auch sein, daß jene einfach nicht mehr im DTMB eingesetzt werden, sie pensioniert wurden oder sie aus einem anderen Grund nicht mehr im Museum arbeiten. Der vermeintliche Abbau der Vorführer_innenstellen in der Stiftung dünnt die Termine für Vorführungen aus und verschlechtert das Angebot des Museums gegenüber seinen Besucher_innen weiter.

Die Gäste scheinen der Museumsleitung meines Erachtens nicht besonders am Herzen zu liegen. Sie muten ihnen seit einigen Monaten schlechtere Audioguides zu. Die elektronischen Infopunkte sind in einem schlechten Zustand und zeigen zum Teil falsche Vorführtermine an. Außerdem werden die Exponate weniger vorgeführt. Das Oldtimer Depot ist bis auf Weiteres geschlossen. Zusammengefaßt heißt das, es gibt immer weniger Sehenswürdigkeiten für denselben Preis!

Deportationswagen raus – Bufett rein!

Diese Entwicklung im Umgang mit den Besucher_innen des Technikmuseums ist leider nicht sonderlich neu. Die Exponate dürfen von den Gästen zum großen Teil nicht berührt werden. Deshalb sind die Vorführtermine zur Kompensation des verweigerten habtischen Besuchserlebnißes äußerst wichtig. Schließlich wollen die Besucher_innen die spektakulären technischen Wunderwerke anfaßen, spüren, wahrscheinlich sogar am liebsten selbst ausprobieren. Das geht natürlich nicht bei allen Exponaten. Außerdem gibt es für diesen Drang das innovative Spectrum für alle großen und kleinen Kinder.

Die historischen Objekte müssen vor zu viel Inanspruchnahme geschützt werden. Dies ist auch ein Grund, warum es die Besucherbetreuung im DTMB gibt. Die Besucherbetreuer_innen paßen auf, daß die Gäste nicht allzu heftig an den Exponaten runfummeln, auf sie klettern oder auf ihnen ein nettes Picknick veranstalten.

Das Berührungs- und Nutzungsverbot gilt aber nicht für alle Besucher_innen. Wenn eine Institution oder Firma sich ins Technikmuseum einmietet, kann es passieren, daß all die Verbote nicht mehr gelten. Da wird plötzlich das strenge Rauchverbot mißachtet. Manche, sonst gesperrte Objekte, werden benutzt. Das auswärtige Fest darf mehr als jede_r Museumsbesucher_in.


Deportationswagen DTMB
Informationen des DTMB zur Ausstellung und weitere Bilder

Besonders ekelhaft ist aber die Praxis, den Deportationswagen zu entfernen und ihn durch ein Fest zu ersetzen. Dieser Vorgang läuft bei den Beschäftigten nur unter dem Motto Deportationswagen raus – Bufett rein. Diese Art des Umgangs mit der technischen Komponente der Deportation, mit einem der wichtigsten Symbole für die industrielle Vernichtung von Millionen Jüd_innen, ist unerträglich und widerlich. Der Umstand, daß ein tödliches Symbol zu kommerziellen Zwecken durch Festessen und Unterhaltungsprogramm ersetzt wird, ist einfach nur ekelerregend. Denn es bedeutet nichts anderes, als daß sich Mord in Genuss verwandelt.

Auf einen Hinweis von mir versicherte der Museumsdirektor Dirk Böndel, daß diese Praxis zu Beginn des nächsten Jahres abgestellt werden soll. Die Ausstellung im Lokschuppen wird dann so umgestaltet, daß der Deportationswagen den Ausstellungsbereich auch bei Veranstaltungen nicht mehr verlassen muß.

Behinderte Besucher_innen

Trotzdem verwundert mich dieses unsensible Verhalten keineswegs. Denn im DTMB wurde eine Nutzungshierarchie aufgebaut, die vermuten läßt, daß manche Besucher_innen im Deutschen Technikmuseum Berlin gar nicht erst erwünscht zu sein scheinen. Ich meine behinderte Besucher_innen.

Für physische Barrierefreiheit wurde zwar größtenteils gesorgt, dafür sind aber insbesondere blinde Besucher_innen massiv benachteiligt. Denn auf dem gesamten Museumsgelände am Anhalter Bahnhof gibt es keinerlei angepaßte Informationen für blinde Gäste. Es gibt lediglich gesonderte Führungen, die jedoch vorher angemeldet und zusätzlich bezahlt werden werden müßen. Ansonsten wird auf die, wie weiter oben schon erwähnten, mangelhaften Audioguides verwiesen.

Eigentlich war ein Blindenleitsystem geplant. Es sollten Tafeln in Blindenschrift erstellt werden. Die Realisierung wurde aber plötzlich nicht mehr weiterverfolgt und dahingehende Pläne anscheinend komplett aufgegeben. Das einzige, woran gedacht wurde ist, daß für eine Begleitperson für blinde und sehbehinderte Menschen Eintritt und Führung frei sind. Jedoch ist ein selbstständiger Museumsbesuch für diese Personengruppen unmöglich gemacht.

Aber auch die Barrierefreiheit gilt nicht überall und wird allmählich aufgeweicht. So wurden der Lokschuppen mit zwei Podesten aufgerüstet, die Millionen gekostet haben sollen. Diese Plattformen sind für behinderte Gäste nicht betretbar. Trotzdem wurde diese behindertenfeindliche Ausgabe getätigt, ohne an entsprechende barrierefreie Zugänge zu denken. Für einen millionenschweren, barrierebildenden Umbau stehen demnach beträchtliche Mittel zur Verfügung, die behindertenfreundlichen Vorrichtungen dagegen werden fallen gelassen.

Es zeigt sich also, daß das Technikmuseums Berlin nicht nur mit seinen Sammlungen und seinem Renomée äußerst fahrlässig umgeht, sondern auch Besucher_innen klassifiziert und offen düpiert werden. Randgruppen scheinen bewusst ausgeschlossen zu werden. Noch schlimmer ist aber, daß die ethische Verantwortungslosigkeit gegenüber behinderten Menschen und der historischen, deutschen Verantwortung in einem Technikmuseum, dessen Objekte eben auf die menschenverachtende industriellen Menschenmordmaschinerie der Nazis verweist, augenscheinlich ignoriert wird. Letzteres ist in einem öffentlich gefördertem Museum kaum zu ertragen!

Im zweiten Teil des Dossiers zu den Zuständen im Deutschen Technikmuseum Berlin (DTMB) geht es um den Umgang mit den Beschäftigten. Auch dabei gibt es kostensenkende Beschäftigtenhierarchien. Diese führen insbesondere an Wochenenden und Feiertagen zu Umsatzeinbußen, da Kassen nicht besetzt werden. Mehrere tausend Euro gingen und gehen so verloren.