Staunen! Lachen! Zirkus machen!

Naja, ist vielleicht nicht der schönste Reim, aber er beschreibt das Erlebnis Nouveau Cirque, glaub ich, am umfaßendsten. Ich komme darauf, weil es gestern abend bei arte einen schönen Themenabend zum Zirkus gab. Mit dem cirque de soleil war zwar wieder einmal der weihnachtliche, kommerzieller Dauerbrenner, die Größe der Branche, wohl aber zur Zeit auch der innovativste Zirkus vertreten. Für den Ausblick in die Zukunft sorgte der Beitrag über das Festival Mondial du Cirque de Demain. Die neuen Ideen verbanden in erstaunlichen Kombinationen künstlerische Phantasie und spektakuläre Einzelleistungen. Das alles hatte zwar nix mit Analyse & Kritik zu tun. Aber dafür war ganz viel Aktion dabei. Mir hat’s auf jeden Fall gefallen und mich staunen lassen!

Das Staunen im Übrigen hat nach der unmittelbaren Emotion dann aber doch auch mit Analyse zu tun. Neben dem Genuß des Zuschauens aktiviert es renitente Fragen. Beim Zirkus allerdings steckt die Vernunft fest und wird durch die Eutopie abgelöst. Die Zirkus Performance zeigt, daß es geht. Kritiklos & ganz unanalytisch verklärt insbesondere der Nouveau Cirque die Materie als märchenhaft, form- und dehnbar, vor allem aber als künstlerisches Werkzeug der (subversiven) Aneignung. Die Grenzen der Phantasie werden erweitert. Das Denkbare wird möglich. Fliegen, Schweben, Fallen, Verschwinden, Auferstehen! Was für eine totale Entgrenzung!



Weitere Bilder gibts hier

Eine äußerst spannende Truppe scheinen die Les 7 Doigts de la Main – die 7 Finger – zu sein. In der Show traces verknüpfen sie traditionelle Akrobatik mit Skatebording, Basketball, mit theatralen Elementen und modernen Tanz. Die Geschichte dreht sich um fünf Freund_innen, die sich im Glauben des letzten Moment ihres Lebens versuchen alles zu sagen, singen und tanzen, bevor es zu spät ist. Ihr Kostüm ist hierbei äußerst einfach und wenig bunt. Im Unterhemd und Jeans nutzen sie – mal kollektiv, mal alleine – jede Möglichkeit sich zu (ent-) äußern.



Beim 29. Weltfestival des Zirkus von Morgen waren sie mit ihrer Nummer der zwei chinesischen Stäbe aus traces eingeladen. Üblicherweise wird an einer Stange hoch und runter, kopfüber oder rund schwebend gearbeitet. Die Verdopplung gibt die Möglichkeit auch das Zwischen zu erkunden und vor allem den Überraschungsfaktor zu potenzieren. Die klassischen Elemente können kollektiv erneuert und neu montiert werden.

In dieser Nummer verschwimmt die Grenze zwischen den verschiedenen Darstellungsseparationen. Die Hierarchie der performativen Künste wird aufgehoben. Moderner Tanz fließt in Breakdance über und wird durch Akrobatik gewürzt. Nix kann ohne das andere. Es wird eine wahre Symphonie des Körpers aufgeführt. Leider fehlt der Gesang, was aber durch eine fast schon waltzsche fließende Montage der Attraktionen und einiger Schreckmomente entspannend entschädigt wird.



Bilder von Kooza gibt es hier

Diese 7 Finger haben mich beim Bericht über das Festival des künftigen Zirkus am meisten beeindruckt. Ich finde diese Idee vollständig! Da gibts wenig zu verändern oder zu erneuern. Schade, daß sie nix gewonnen haben und daß sie so schnell wahrscheinlich nicht nach Deutschland kommen werden!

Die Show Kooza des cirque de soleil dagegen wird ganz bestimmt in Deutschland auf Tour gehen. Ich befürchte aber, daß dies erst 2010 passieren wird. Zur Zeit füllt die Mischung aus traditionellen Zirkusnummern – natürlich potenziert, umgedreht und beschleunigt – und Clownerie die Hallen Nordamerikas. Es bleibt lediglich die filmische Aufzeichnung (bis zum 2. Januar) oder folgendes Fragment.



Die einzelnen Nummern sind diesmal sehr viel stärker von einander getrennt. Die Geschichte verknüpfen mehrere clowneske Charaktere, die in Slapstick Nummern und kollektiver Unordnung die sozialen Hierarchien durcheinander bringen. Vor allem die Überwindung der Arena und die Befreiung des Publikums entfesselt die Dekonstruktion des sozialen Gefüges. Mensch könnte glatt von einer sozialen Revolution sprechen (wenn nicht die Karten für den cirque so unverschämt teuer wären).

Ganz besonders beeindruckend fand ich die mystic pixies, die sich zu Dritt verdrehten, aufeinander balanzierten, sich gen Himmel streckten und dabei trotzdem so schön lächelten. Beim wheel of death dagegen blieb einem einfach nur der Atem stehen. Dem Publikum im Zelt schien dieses rasante Gedrehe ebenfalls mächtig die Beherrschung verknotet zu haben, so daß nur noch Schreck und ganz viel Staunen übrig blieb. Und aus dem Staunen folgt, wie schon erörtert, das befreiende – aber überhaupt nicht bürgerlich umgewertete kathartische – Fragen!


3 Antworten auf „Staunen! Lachen! Zirkus machen!“


  1. 1 Bart 02. Januar 2009 um 17:06 Uhr

    Ich habe letztens entweder das gleiche oder was ähnliches auf Arte gesehen.
    Schöner Bericht von dir.
    Was ich noch sagen muss, ist , dass das Zirkus ist wie er sein sollte nur mit „Menschen Show“
    und ohne Tiere.

  2. 2 Butch Jonny 03. Januar 2009 um 23:53 Uhr

    das war grundlage des „cirque nouveau“, die befreiung der tiere und die ersetzung durch kunst. damit ist theater & circus wieder eins geworden. und vor allem, daß was es mal war, nämlich befreiend, sinnlich, spektakulär & vor allem unmittelbar. mit katharsis, dunkelheit und ergriffener stille hat dies nix zu tun. viel mehr mit der entäußerung…

    aber ich schwärme wieder!

  1. 1 Manege frei! Für Ausbeutung und Leid! « Analyse, Kritik & Aktion Pingback am 21. Januar 2009 um 10:45 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.