Zapata vive, la lucha sigue!

Am 1. Januar vor 15 Jahren besetzten maskierte Guerilleros der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) fünf Ortschaften in Chiapas und riefen den Aufstand gegen die mexikanische Regierung aus. Am gleichen Tag tritt Mexiko dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen (NAFTA) bei. Am 2. Januar verlas Subcomandante Marcos die Erste Erklärung aus dem Lacandonischen Urwald. Er beginnt mit den Worten Ya Basta! Heute sagen wir: es reicht!

In dieser ersten Erklärung der zapatistischen Guerilleros fordern sie von der mexikanischen Regierung für alle Mexikaner_innen:

Arbeit, Land, Wohnung, Nahrung, Gesundheit, Bildung, Unabhängigkeit, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Frieden

Zwölf Tage wehrt sich der mexikanische Staat und tötet circa 1.000 Menschen. Aufgrund massiver weltweiter Proteste wird die Regierung zum Waffenstillstand gezwungen. Das Töten hat ein Ende. Der mexikanische Staat muß verhandeln. Als Zeichen guten Willens lässt die Regierung die zapatistischen Gefangenen frei. Die EZLN ihrerseits läßt Absalon Dominguez, den General und einen der gewalttätigsten Gouverneure in der Geschichte von Chiapas, um

bis ans Ende seiner Tage mit der Schande leben zu müssen, von denjenigen Vergebung und Güte erfahren zu haben, die er so lange Zeit erniedrigt, verschleppt, vertrieben, beraubt und ermordet hat.

Die Zapatisten, die indigene Bevölkerung und solidarische Gruppen weltweit hatten es geschafft, daß die mexikanische Regierung mit der EZLN verhandeln mußte. Die Lage der marginalisierten Volksgruppen, aber auch der prekären Metropolenbewohner_innen, wurde endlich Thema und mußte behandelt werden. Auf der anderen Seite schaffte es die EZLN weltweit für poetischen Aufruhr und kreative Solidarität zu sorgen.



Die Verhandlungen unter Vermittlung von Samuel Ruiz, dem Bischof von Chiapas, und seiner eigens iniierten Nationalen Vermittlungskommission (CONAI) zogen sich mehrere Jahre hin. Ein erster Erfolg war das Abkommen von San Andrés, das am 16. Februar 1996 unterschrieben wurde. Es beinhaltet erstmals die Anerkennung der Rechte und der Kultur der indigenen Bevölkerung sowie legte konkrete Bestimmungen zu Autonomie und sozialen Reformen in Chiapas fest.

Doch bis heute sind die Zusagen der mexikanischen Regierung nur sporadisch umgesetzt worden. Der Dialog stellte sich vielmehr als Hinhaltetaktik und Ablenkungsmanöver heraus. Erkennbar wird dies daran, daß die mexikanische Regierung die Gesetzesinitiative der staatlichen Parlamentskommission für Versöhnung und Frieden (COCOPA), beinah eine verfassungsgebende Versammlung unter Einbeziehung indigener Interessengruppen – wie der EZLN – mutwillig torpedierte und den Dialog ad absurdum führte. Die indigenen Abgesandt_innen zogen sich aus der COCOPA zurück.



Die mexikanische Regierung ihrerseits verstärkte die repressiven Maßnahmen in und um Chiapas. Ihr Motto war und ist hierbei spalten, um zu regieren. Das heißt, in Zusammenarbeit mit Paramilitärs wird die indigene Bevölkerung eingeschüchtert, die internationale Öffentlichkeit durch falsches Friedensgeschwaffel anästhesiert sowie die Verhandlungen durch immer neue Ideen zur Farce gemacht.

Im Jahr 1997 verstärkt sich der militärische Druck auf die zapatistischen Gemeinden. Paramilitärs und offizielle Truppen griffen immer wieder Kirchenzusammenkünfte, Dörfer und indigene Bauern an. In Chiapas wurde die aufständische, indigene Bevölkerung vertrieben, die Kaffee Ernte zerstört, Frauen vergewaltigt oder ganze Familien ermordet. Auch Bischof Ruiz war betroffen. Er entging nur mit Glück einem Attentat. Verantwortlich für die Übergriffe sind vor allem Truppen der paramilitärischen Gruppe Paz y Justicia, die im Jahr 1995 durch die regierende Partei und der Bauernvereinigung Bauern-Lehrer-Solidarität (SOCOMA) gegründet wurde.

Die EZLN reagierte auf die militärische Eskalation und die existenziele Gefahr ihrer Gemeinden mit friedlichen, landesweiten Demonstrationen. Außerdem machten sich am 9. September 1.111 maskierte Zapatist_innen auf den Weg nach Mexiko Stadt um endlich die Umsetzung des Abkommens von San Andrés zu fordern. Da die mexikanische Regierung sich weigerte die zapatistischen Gemeinden endgültig ihre zugesicherte Autonomie zu gewähren, mußten die indigenen Dörfer die Selbstverwaltung selbstständig in Angriff nehmen. Die Regierung schickte ihre Paramilitärs, vertrieb Tausende und zerstörte die ersten Schritte in die Selbstständigkeit.



Höhepunkt der Repressionswelle gegen die zapatistischen Gemeinden war das Massaker von Acteal. Am 22. Dezember 1997 wurden 45 Frauen, Männer und Kinder ermordet während sie an einer Weihnachtsmesse für Frieden in ihrem Gemeindebezirk teilnahmen. Die mexikanische Regierung reagierte zurückhaltend. Die 20.000 Menschen auf der Flucht interessierten sie wenig.

Vier Jahre nach Beginn des zapatistischen Aufstandes wird dieser elektronisch. Eine International Cyberspace Liberation Army ruft zum netwar gegen die mexikanische Regierung.

Der Aufstand der EZLN und ihre Kriegserklärung betraf die Befreiung der indigenen Gemeinden in Chiapas, die neoliberale Gefährdung sozialer Strukturen und der gewalttätige Ausbeutung der Natur. Autonomie, Selbstverwaltung und Emanzipation waren ihre Maximen. Der Cyberangriff gegen die virtuellen Strukturen des Staates richtet sich ebenfalls gegen die mexikanische Regierung, weitete die Attacke aber auf das nomadische Kapital des neoliberalen Zeitalters aus. Die virtuellen Zapatisten verlangsamten die digitalen Informationsströme und besetzten die taktischen Wege der Datenautobahn.

Die International Cyberspace Liberation Army bezog sich direkt auf das Acteal-Massaker und veröffentlichte ihren Cyberprotest weltweit. Dies war der erste transnationale (virtuelle) Befreiungskrieg für eine Zapatistische Revolution. Vier Jahre nach dem Aufstand weitet er sich, trotz der blutigen Repression und tausender Vertriebener, aus!



Im darauffolgenden Jahr inszenierte das Electronic Disturbance Theater (EDT) eine politische Performance, die den elektronischen Widerstand als auch die Avantgarde beeinflußen wird. Das neue Schlachtfeld ist nun der Cyberspace. Die Think Tanks des nordamerikanischen Imperiums reagierten schnell und vorbereitet. Die Veröffentlichung Cyberwar is coming (pdf) von John Arquilla und David Ronfeldt von der RAND Corporation erkennt die Herausforderungen und wird sowohl für das US-amerikanische Militärs als auch für Aktivist_innen zur Grundlagenlektüre.


The thesis of this think piece is that the information revolution will cause shifts both in how societies may come into conflict, and how their armed forces may wage war. We offer a distinction between what we call “netwar”— societal-level ideational conflicts waged in part through internetted modes of communication— and “cyberwar” at the military level.

Die International Cyberspace Liberation Army rief den netwar gegen die mexikanische Regierung aus. Das Electronic Disturbance Theater veröffentlichte hierzu die digitalen zapatistischen Kommuniques und führte den poetischen, virtuellen Kampf gegen eine menschenverachtende Regierung. Ihre Performance Electronic Civil Disobedience (ECD) – nach dem gleichnamigen Buch des critical art ensemble ist hierbei sowohl Cyberdemo, öffentlichkeitswirksame Kampagne, als auch theatrale Aufführung. Dazu gehörte genauso gleichberechtigt die theoretische Auseinandersetzung mit (Elektronischem) Zivilen Ungehorsam.

Während der ars electronica – einem Kunstfestival – reagierte die staatliche Autorität. Das Pentagon schaltete sich ein und eskalierte, um auch im militärischen Vokabular zu agieren, den arquilannischen/ronfeldtschen netwar zum cyberwar. Staatliche Agenten störten sowohl elektronisch als auch mit telefonischen Drohungen den Beitrag SWARM des EDT zum Kunstfestival, das sich 1998 mit information.macht.krieg auseinandersetzte.



Am 1. Januar 1999, am 5 Jahrestag des zapatistischen Aufstandes, veröffentlichte das EDT das Zapatista Tactical FloodNet Tool und ruft zum kreativen, globalen Protest auf.

Dieses Jahr sind es 15 Jahre, die der zapatistische Aufstand nun dauert. Zur Zeit findet das Festival der würdigen Wut in Chiapas statt. Die Andere Kampagne mit seinem anderen Journalismus läuft seit 2005. Es ist noch lange nicht vorbei!


Zapata vive!
La lucha sigue!



1 Antwort auf „Zapata vive, la lucha sigue!“


  1. 1 ART COLLECTIVES « ::: ROLAND WEGERER ::: Pingback am 05. Oktober 2009 um 19:26 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.