Ratze, die Unfehlbarkeit und christlicher Antijudaismus

Erst waren die Deutschen Papst. Dann beteten, zumindest die Christen unter ihnen, um die Erleuchtung ihrer jüdischen älteren Brüder und nun sind antisemitische, die Shoa leugnende Fundamentalisten wieder in die große Ökumene der katholischen Kirche aufgenommen worden. Jetzt gibt es offenbar wieder einen Ort für einen gepflegten religiösen Antijudaismus, für antisemitische Verschwörungstheorien und für Holocaust Leugner.

Plötzlich kann ihn gar keiner mehr leiden und versucht ihn öffentlich unter Druck zu setzen. Obwohl er doch unfehlbar ist. Als Papst meine ich. Doch daran denkt keiner! Da hat er sich doch so hartnäckig bemüht das Schisma seiner katholisch fundamentalistischen Mitbrüder endlich aufzuheben und gerät unbarmherzig und geradezu progandistisch antiklerikal in die Schußlinie.

Nun sogar von einer protestantischen Pfarrerstochter, die auch nicht gerade als aktionistische, schnell entscheidende Persönlichkeit bekannt ist. Sie fordert vehement und nachdrücklich von ihm endlich Antisemitismus in der Kirche eine klare Absage zu erteilen, ein Bekenntnis, das es keine Leugnung der Shoa geben darf, sowie einen positiven Umgang mit dem Judentum.

Nur komisch, daß sie bei die Massenseligsprechung von 500 Frankquisten als christliche Märtyrer, ohne eine Würdigung der faschistischen Opfer – vielleicht weil die keine Christen waren, sondern Kommunist_innen, Anarchist_innen, Sozialist_innen usw. – nicht reagierte. Erstaunlich, daß sie bei der Rückkehr zum Tridentinischen Ritus im letzten Jahr, in dem für die Erleuchtung der Juden – das meint Jesus Christus endlich als den Messias anzuerkennen – gebetet wird, nichts zu sagen hatte. Vielleicht, weil sie diese Entscheidungen nicht interessieren oder sie dann doch bisweilen, vor allem bei antimuslimischen Tiraden, den Papst zu verteidigen wußte.

Aber auch in der Kirche regt sich Unmut. Die Kardinäle von München bis Berlin distanzieren sich von den Nazibischöfen der Piusbruderschaft. Kardinal Lehmann spricht sogar davon, daß es immer noch einen ziemlich großen Bodensatz von Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit gibt. Nur merkwürdig, daß er immer noch gegenüber dem Papst Mitleid empfindet. Der wird sich darüber aber auch nicht gerade freuen, denn schließlich ist er unfehlbar, also eine unhinterfragbare Persönlichkeit, eben keine bemitleidenswerte Kreatur.

Auch der Berliner Kardinal Sterzinsky hat sich gestern eingemischt und gefordert der Papst soll seine Entscheidung noch einmal überdenken. Auch hier ist es wieder verwunderlich, wie der eine christliche Eiferer dem anderen in den Rücken fällt. Sterzinsky ist nämlich in den Berliner Gemeinden nicht gerade beliebt. Außerdem geht er auch mal gegen unliebsame Professoren vor, entzieht ihnen die Lehrerlaubnis und greift so in die Autonomie der Universitäten ein. Mit der Erhöhung der Kindergartenplätze hat er auch so seine Probleme. Schließlich verlöre er dadurch noch mehr Macht in der Indoktrination der Jugend. Über 20 % sind ihm schon an den Ethikunterricht verloren gegangen.

Aber die ersten Verteidiger außerhalb des Vatikans trauen sich allmählich auch an die Öffentlichkeit. So behauptet der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller gegenüber der Süddeutschen, daß Papst Benedikt XVI. über die Ansichten des Piusbruders Williamson nicht persönlich informiert gewesen sein soll. Deshalb müsse er sich auch nicht entschuldigen. Nur komisch, daß dieser so unwissende Papst am letzten Wochenende mit Gerhard Maria Wagner einen Priester zum Weihbischof ernannt hat, der Harry Potter für Satanismus hält und den Hurrikan Katrina als gerechte Gottesstrafe für das zügelloses Leben in New Orleans betrachtet.

Denn eigentlich hat der katholische Klerus bei den extremistischen Piusbrüdern – wie sie gestern richtigerweise bei radio eins genannt wurden – nur mit ihrem Antisemitismus ein Problem. Ihr christlicher Antijudaimus ist integrierbar und wird offen vom Papst goutiert. Damit betreibt Papst Benedikt XVI. die Rückkehr zur schon längst überwunden geglaubten Theologie des I. Vatikanischen Konzils und verwässert die Reformen des II. Vaticanums. Hierzu zählt als eines der wichtigsten Dokumente die Erklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen.

In der sogenannten Judenerklärung wurde der antijüdische Passus, die Juden wären des Gottesmordes schuldig, verworfen. Weiterhin wurde erklärt, daß die Kirche zutiefst bedauert nicht aus politischen Motiven, sondern aus religiöser Liebe des Evangeliums, den Haß, die Verfolgungen […] und die Äußerungen des Antisemitismus mitgetragen zu haben. Es wurde festgelegt die Liturgie dahingehend zu reformieren und antijüdische Passagen zu tilgen. Vor allem der lateinische Tridentinische Ritus wurde verändert.

Jedoch mit der Erlaubnis diesen ungekürzt wieder zelebrieren zu dürfen, hat Ratzinger im letzten Jahr den ersten Schritt zur erneuten Etablierung des christlichen Antijudaismus und seiner politische Form in der Kirche gemacht. Die Aufhebung des Schismas gegenüber der Piusbrüder, die das II. Vaticanum und seine Reformen explizit ablehnen, ist lediglich konsequent.

Die Diskussion um Antisemitsmus, Antijudaismus und Leugnung der Shoa ist in der Kirche seit Jahrzehnten renitent. Sie betrifft allerdings die gesamte Kirchengemeinde und sollte auch dort geführt werden. Der Klerus wird nie zurückrudern. Die päpstliche Entscheidung ist getroffen. Die Unfehlbarkeit seines Amtes wird ihn darin bestärken für die Christenheit immer das Richtige zu tun. Die Judenheit oder andere nichtchristliche Religionen interessieren ihn hierbei nicht. Wofür soll er sich entschuldigen, wenn er doch immer Recht hat? Er hat sich ja auch schließlich vom Antisemitismus distanziert, jedoch auf der anderen Seite antijüdische Tendenzen offen unterstützt. Aber das ist natürlich nicht dasselbte. Antijudaismus entspringt sschließlich dem Evangelium, Antisemitismus dagegen der politisch nationalen Welt.

Wenn ich Christ wäre und einer katholischen Gemeinde angehören würde – was aber nie passieren wird, Gott behüte ;-) – dann würde ich versuchen die Gemeinde davon zu überzeugen komplett aus der Kirche auszutreten, falls diese extremistischen Bischöfe nicht rausgeschmißen und ihre Ansichten endgültig verworfen werden. Dies wäre für mich einzig und allein wirklich konsequent!