This is how democracy looks like!


Am Samstag war mal wieder ein bißchen Kultur im eigenen Wohnzimmer angesagt. Ich wäre gern zum temporären Museum of Capitalism gegangen, wenn nicht die schnöde Existenz nach Verdienst gerufen und mich am Sonntag früh – noch bei Dunkelheit – geweckt hätte. Aber auch das Wohnzimmer kennt antikapitalistische Tendenzen und durfte ihnen beim Film Battle in Seattle, dem Regiedebut von Stuart Townsend, nachgeben.

Der Film hat mich sehr überrascht. Ich dachte erst, er wäre zu sehr Hollywood, zu sehr bürgerlich emotionale, entschlackte Revolutionsfolklore. Es war aber alles andere als oberflächlich sentimental und spektakulär reißerisch. Der Protest wurde nicht doffarmiert. Nicht einmal von der black bloc Taktik der wütenden Anarchisten distanziert sich der Film. Viel mehr sind es verschiedene Protestformen, die offensichtlich in ihrer Gesamtheit die WTO Tagung kollabieren lassen.



Der Film erzählt in verschiedenen persönlichen Geschichten, wie Menschen gegen die WTO protestieren oder mit dem Protest umgehen. Auf der einen Seite stehen die einzelnen, individuellen Charaktere einer Aktivisten Gruppe, die eine Blockade der WTO unter dem Motto Nobody in! Nobody out! organisiert und durchgeführt haben. Auf der anderen Seite steht der Bürgermeister, der einen Gipfel durchführen will, ohne jedoch den friedlichen Protest zu delegitimieren. Von Außen wird auf ihn Druck ausgeübt den Protest, mit allen Mitteln aufzulösen. Er wählt seine Robocops um die Demonstrant_innen mit Tränengas auseinander zu jagen, zu hetzen und brutal zu verprügeln.

An diesem Punkt wird das Schicksal eines Polizisten, gespielt von Woody Harrelson (bekannt aus Oliver Stones Natural Born Killers) und seiner schwangeren Frau, sehr zurückhaltend und dramtatisch zerstört von Charlize Theron gespielt, erzählt. Sie arbeitet in einer Boutique in der Innenstadt, die von einem Anarchisten attackiert wird, ohne jedoch, daß ihr und dem ungeborenen Kind etwas passiert. Der Gummiknüppel eines Kollegen ihres Mannes, der ihr im Vorbeilaufen in den Unterleib schlägt, beendet die Schwangerschaft blitzartig. Der Schock wird einiges in Bewegung setzen.



Auf Seiten des Protestes sind verschiedene Taktiken gleichberechtigt und in ihren Brüchen vertreten und werden filmisch diskutiert. Hierbei steht der zivile Ungehorsam einer geschlossenen Aktivist_innen Gruppe mit Aktionsplan, eine bürgerlich gewerkschaftliche Demonstration und der militante Widerstand einzelner Gruppen, die im Film und wohl auch in der nachträglichen Wahrnehmung der riots als Anarchisten bezeichnet werden, gleichberechtigt nebeneinander. Der Diskurs um Militanz, mögliche Rechtfertigungen, friedliche Aktionen, die persönliche Verweigerung eine Verhaftung zu riskieren und der Kampf um die Freilassung der Gefangenen wird zwar oberflächlich geführt, aber eben nicht zugekleistert. Die Verbindung dieser eher theoretischen Diskussion mit zwar typisierten Figuren und ihren beispielhaften Schicksalen wertet die Positionen mit Gesichtern auf und ermöglicht eine freie Identifikation ohne sich von den anderen Perspektiven abgrenzen zu müssen.



Neben dem Protest auf der Straße, dem Krieg, der durch die Sicherheitsorgane eskaliert wurde und sich gegen alles richtet, daß sich in der Innenstadt bewegt, gibt es einen Erzählstrang, der sich mit Vertretern von NGOs und afrikanischen Ländern beschäftigt. Sie scheitern zunächst an den Organisationsstrukturen der WTO Tagung, wehren sich dann aber – genauso emotional und entschloßen, wie die Aktivist_innen auf der Straße – gegen die zynische und kolloniale Behandlung ihrer Probleme. Es entsteht der Eindruck, daß die zwei Vertreter der Marginalisierten – übrigens aus Bosnien & Afrika – sich aus ihrer persönlichen Erfahrung mit dem Protest der mörderischen WTO Ideologie entgegenstellen und sie zu Fall bringen.

Am eindrucksvollsten fand ich aber die Entwicklung des Polizisten, der gezwungen wird sich mit Demonstrant_innen auseinanderzusetzen, die ihn daran hindern sich um seine Frau zu kümmern. Er realisiert gar nicht, daß es ein Kollege war, der den werdenden Eltern das gemeinsame Kind gestohlen hat. Mit einem unspektakulären Hieb in den Magen beendete der Robocop eine hoffnungsvoll aufgeladene Existenz und hinterließ ein schwarzes Loch! Diese kleine Millisekunde staatlicher Willkür unterbrach eine als sicher und gesichert wahrgenommene Wirklichkeit. Es blieb der Schock! Es kam die Wut!



So erstaunlich der Film ist, so umfassend er berichtet, damit die Mär eines dominierenden, randalierenden black bloc dekonstruiert und die Auseinandersetzungen eindeutig kriegerischen Polizeihorden zuweist, bleiben problematische Aspekte. Der Bürgermeister kommt relativ gut weg. Er wird als im Grunde demokratischer Politiker inszeniert, der durch den Druck aus Washington zum Überharten Einsatz der Polizei gezwungen wird. Er scheint zu hadern, zu zweifeln, schickt dann aber – trotz gegenteiliger Zusicherung gegenüber den Aktivist_innen – seine Prügeleinheiten los. Er ist es auch, der die Gefangenen Tage lang inhaftiert hält.

Die Katharsis des Polizisten, der erst als Zivilist zu seiner Frau zurück kehren kann, erscheint ebenfalls eher unrealistisch, aber trotzdem glaubhaft. Vor allem, weil offen gelassen wird, ob er wirklich grundlegend seinen Job hinterfragt und nicht einfach nur erschreckt über seine entfesselte Brutalität ist. Dieser Schock allerdings, die Erkenntnis, daß friedlicher ziviler Ungehorsam mit massiven Einsatz von Sicherheitskräften, mit der Eskalation und Verletzung von Menschen bestraft wurde, scheint ein grundlegendes Thema des Filmes zu sein.



Das Archivmaterial der äußerst brutalen Übergriffe während der Proteste läßt sich oft nicht den fiktiven Sequenzen unterscheiden. Zum Teil sind sie sogar noch erschreckender und exzessiver. Es ist die Staatsmacht, die prügelt, verletzt, tötet und auch auf der politischen Ebene einfach nicht zu hören kann. Kühl exerziert der Staat seinen gefütterten Machtanspruch. Der Protest ist bunt, gebrochen, kreativ, das ein oder andere mal sogar witzig, vor allem aber geschloßen. Auch hier würde ich eine Glättung sehen. So harmonisch und vereint waren die Tage von Seattle bestimmt nicht. Aber das Battle in Seattle war ein Krieg der militarisierten Staatsmacht gegen ihre Bürger.

Der Film lohnt sich auf jeden Fall. Leider ist er in Deutschland nie rausgekommen. Dies ist aber auch im Grund nicht verwunderlich. Denn im Frühjahr letzten Jahres ackerten unsere deutschen Lobbyisten fleißig an der Rechtfertigung der verdachtsunabhängigen Totalüberwachung und der Zementierung des Feinstrafrechts, das in seiner konsequenten Anwendung eben zu Szenen, wie in Seattle führt. Also, Film kucken!

Der Film kann auf englisch in sehr guter Qualität hier runtergeladen werden.


5 Antworten auf „This is how democracy looks like!“


  1. 1 kuchen 10. Februar 2009 um 12:56 Uhr

    „Er wird als im Grunde demokratischer Politiker inszeniert“
    Der Bürgermeister von Seattle war/ist doch auch demokratischer Politiker. Aber das schließt ja nicht aus, dass er Widerstand brutal niederschlagen lässt, befördert das vermutlich sogar eher…

  2. 2 Auf Bewährung 10. Februar 2009 um 14:25 Uhr

    Hoert sich verdammt gut an… Mal reinschauen.

  3. 3 Thomas 10. Februar 2009 um 17:14 Uhr

    Du musst dich gegen deine Arbeitgeber auflehnen! Für ein Recht auf Faulheit und im-Bett-liegen-bleiben-dürfen!

    Das vorweg, jetzt zum Thema: Ein bisschen habe ich die Befürchtung, dass diese treffende Darstellung auch etwas damit zu tun hat, dass die Ereignisse von Seattle doch schon etwas betagt sind und damit nicht mehr unmittelbarer Streitpunkt im politischen Diskurs. Andererseits sind die G8-Treffen als solche noch immer jedes Jahr ein weltweites Politikum. Nach dem was du da beschreibst, scheint es ein guter Film zu sein. Ich hoffe die obligatorische Liebesgeschichte hast du nicht nur ignoriert. Ich werd mir den Schreifen sicher mal anschauen.

  4. 4 Butch Jonny 10. Februar 2009 um 18:46 Uhr

    Die obligatorische Liebesgeschichte gibts. Aber is‘ nicht unbedingt wichtig. Trotz der persönlichen Stories bleiben die Figuren recht typisiert. Das gilt auch für die Liebesgechichte…

  1. 1 London calling and the Battle come down « Analyse, Kritik & Aktion Pingback am 02. April 2009 um 9:02 Uhr
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