Die Linke, Israel, Palästina und ein verfilzter Diskurs

Ich hab zwar nicht soviel Ahnung von Filz. Beuys war da weiter. Das Onlinemagazin trend ebenfalls. Darin schafft es nämich Antonín Dick Filz mit dem Israel-Diskurs in der (radikalen) Linken zu verknüpfen, denn dieser sei längst verfilzt und daher zur Bewegungslosigkeit verurteilt. Die Linke kommt zwar hierbei nicht unmittelbar vor, muß aber als Grund für diese steile These herhalten.

Vielleicht hätte ich den Erläuterungen sogar zu gestimmt. Nur hat mich die linguistisch qualitative Analyse von Dick nicht überzeugt und schon gar nicht zur Bewegung in diesem verzwickten Diskurs motiviert. Das mag auch daran gelegen haben, daß ich sie nicht verstanden habe und nicht weiß, was sie mir eigentlich erzählen will. Da fand ich Hannes Gießlers Vortrag zum 60. Jahrestag der Gründung des Staates Israel schon etwas inspirierender. Aber trotzdem schaffen es beide Texte leider nicht den verfilzten Israel/Palästina-Diskurs grundlegend aufzulösen. Aber schließlich ist er ja auch verfilzt!

Die Linke, in ihrer Gebrochenheit schon beinah eine Metapher für die radikale und antifaschistische Linke, hat es auch wieder einmal geschafft sich in diesem diskursiven Filz zu verknoten. Waren es im November noch elf Bundestagsabgeordnete, darunter Norman Paech, der außerpolitische Sprecher der Partei, die sich der Erklärung Den Kampf gegen Antisemitismus verstärken, jüdisches Leben in Deutschland weiter fördern zum 70. Jahrestages der Reichspogromnacht verweigerten, rief Hermann Dierkes, Bürgermeisterkandidat der Linken in Duisburg, ganz schneidig zum Boykott israelischer Waren auf. Jedesmal gab es harsche Kritik aus den eigenen Reihen. Beidesmal glauben die redlichen Antizionist_innen und Israelkritiker_innen, daß sie Recht hätten.

Norman Paechs rechtfertigte sich in einem Interview mit der Analyse & Kritik (#534), das komplett auf der Politikplattform nachgelesen werden kann und im trend zu der schon ansprochenen linguistisch quantitaven Analyse führte. Wiederum ist beides miteinander auf problematische Art und Weise verfilzt. Vielleicht genauso, wie sich Anti-Ds und Anti-Imps im wilden Clinch ineinander verknotet haben. Die heftige Bewegung miteinander mag nach außen dann wirklich als Bewegungslosigkeit wirken. Hemmend ist es in jedem Fall.

Aber kommen wir zum israelkritischen, allerdings nicht antisemitischen Bürgermeisterkandidaten Dierkes zurück. Den wies nämlich Petra Pau gegenüber dem Tagesspiegel ordentlich zurecht. Angesichts der deutschen Geschichte würden Aufrufe zum Boykott israelischer Waren unsägliche Assoziationen und finsterste Klischees hervorrufen. Gemeint sind damit Erinnerungen und Bilder des 9. November 1938 und nationalsozialistische Kampagnen, die zur Reichspogromnacht führten, was wieder eine Verbindung zu den elf Verweigerern im Bundestag herstellt.

Petra Pau reagierte folgerichtig. Schließlich ist sie gerade erst vom Kongress der Interparliamentary Coalition for Combating Antisemitism (ICCA) aus London zurück gekehrt. Wie Matthias Küntzel beim NPD-Blog berichtet trafen sich am 16./17. Februar Parlamentarier verschiedener Kontinente um auf die erneute Verbreitung antisemitischer Rhetorik in der internationalen Politik aufmerksam zu machen. In einer London Declaration on Combating Antisemitism (pdf) einigten sich die beteiligten hierbei auf ein 35 Punkte Aktionsprogramm im Kampf gegen antisemitische Tendenzen weltweit. Das Petra Pau so schnell würde eingreifen müßen und dann noch in der eigenen Partei, hat sie sich wahrscheinlich nicht träumen lassen.

Und schon wieder ist er da – der Filz. Nicht der Beuys’sche. Schon aber der Dick’sche.

Dieter Graumann, vom Zentralrat der Juden in Deutschland, sieht einen ganz anderen Filz am Werk. Für ihn kommt der linke Israel-Hass vor allem aus der alten DDR, lebt durch die Partei Die Linke weiter und wird vor allem im Westen Deutschlands gepflegt. Also doch wieder Beuys.

Graumann beschreibt hier im Grunde die Wanderung eines ganz besonders widerlichen Filzes, nämlich der realsozialistischen Israelfeindschaft, die aus einer verqueren Palästinasymphatie entsprang, von Osten nach Westen. Und zack! Neben dem Filz sind nun auch gleich noch die Ossis schuld! An der Bewegungslosigkeit. Am diskursiven Knäuel. An der intelektuellen Ignoranz. Am Antisemitismus . . .

Um den Israel/Palästina-Filz zu aufzulösen und eine etwas andere Perspektive kennen zu lernen, empfehle ich das Interview mit Moshe Zuckermann, das bei telepolis veröffentlicht wurde.


7 Antworten auf „Die Linke, Israel, Palästina und ein verfilzter Diskurs“


  1. 1 Mathilde 26. Februar 2009 um 13:32 Uhr

    Der besagte Hermann Dierkes hat nun heute wenigstens die Konsequenz aus seinen Aussagen gezogen. Er ist nach einer Meldung von AP als Fraktionsvorsitzender und Oberbürgermeister-Kandidat in Duisburg zurückgetreten. Leider begründet er dies nicht mit der Einsicht, einen antisemitischen Fehler gemacht zu haben, sondern damit, dass er sich seit seiner Äußerung einer „Rufmordkampagne“ ausgesetzt sieht.

    Schon Dienstag verteidigte Dierkes seinen Boykottaufruf. Er verstehe sich immer ganz klar als „Linker“.

  2. 2 Machnow 26. Februar 2009 um 16:34 Uhr

    Es ist echt widerlich, wie durchaus nachvollziehbare Forderungen (zB Abruch der Waffenlieferungen) mit klaren anti-israelischen und zum Teil antisemitischen Forderungen verknüpft werden. Dann auch noch zu behaupten ein Warenboybkott (nach dem Motte „Kauft nicht beim Juden!“) hätte nix mit Antisemitismus zu tun & wäre eine (vielleicht jüdisch-israelische) Kampagne, ist schon echt hart. Genauso heftig ist, daß Dierkes in seiner Erklärung von einer Keule „Antisemismus“ faselt, die

    illegale Siedlungen in den besetzten Gebieten, Landraub und ethnische Säuberung, Mauerbau, wirtschaftliche Strangulierung und Unterdrückung

    diffamieren würde. Diese ominöse Keule kenne ich eigentlich nur von Möllemann, Hohmann & ähnlichen Typen.

    Und auch in der heutigen jungen Welt rafft Dierkes so einiges nicht.

    Ich bin immer wieder fassungslos, wie diese erbarmungslosen Freunde der israelischen Regierungspolitik so konsequent über das Elend in den besetzten Gebieten hinwegsehen. Über die hohe Zahl der Opfer im letzten Gaza-Krieg, über Streubomben im Libanon, über Phosphorbomben auf Kindergärten. Das alles interessiert sie nicht – jetzt geht es nur noch darum, diejenigen als Antisemiten zu diffamieren, die das kritisieren.

    Die Leute, die ihn jetzt kritisieren sind nicht durchgehend „Israelfreunde“ und viele sehen so manche Aktion der israelischen Regierung vielleicht sogar sehr viel kritischer als er. Nur würden die keinen Boykott israelischer Waren fordern, sondern die historische Verantwortung ernst nehmen.

    Hier geht es um die antiisraelische / antisemitische Aussage von Dierkes, nicht um irgend eine Art von Diffamierung.

  3. 3 Thomas 26. Februar 2009 um 18:44 Uhr

    Also in seinem Beitrag schreibst du noch „Aber kommen wir zum israelkritischen, allerdings nicht antisemitischen Bürgermeisterkandidaten Dierkes zurück“. In den Kommentaren wird er aber immer antisemitischer. Was denn nun?

    Meiner Meinung nach steckt hinter seinen Äußerungen keinesfalls Antisemitismus. Zunächst handelt es sich um durchaus berechtigte Israelkritik. Seine Folgerungen sind aber aus historischer und vor allem praktischer Perspektive vollkommen dämlich. Welche Waren bitte sind denn jetzt gemeint? In der globalisierten Marktwirktschaft kann man doch kaum von israelischen Produkten sprechen, höchsten wenn irgendwelches Obst mit dem Herkunftsland ausgewiesen ist. Aber ein Boykott von isralischem Obst als Mittel gegen den Mauserbau etc. zu protestieren? Vollkommener Unsinn. Am Ende läuft so ein Boykottaufruf Gefahr, dass aus den isralischen Produkten „jüdische Produkte“ (Cafes, Restaurants etc.) werden, die zwar nicht aus Isreal kommen, aber immerhin kommen könnten. Und dadurch wird der zwar nicht gewollte aber durchaus unvermeintliche Bogen zum Antisemitismus gespannt.

    Immerhin funktioniert bei der Partei Die Linken das innerparteiliche Korrektiv. Leider aber ist auch Hermann Dierkes dem politikertypischen Refexen von einem imaginierten Rufmord anheim gefallen, ohne auch nur im geringsten Zweifel an seinem Standpunkt zu haben. In der Hinsicht ist sein Rücktritt wohl notwendig gewesen.

  4. 4 Machnow 26. Februar 2009 um 21:38 Uhr

    Das „aber nicht antisemistschen…“ meinte ich eher ironisch. Die Tendenz dazu sehe ich schon.

    Die Forderung nach einem Boykott israelsicher Waren ist nicht partout antisemitisch. Antiisraelisch ist es aber schon. Und wie Dierkes reagierte (Antisemitismus-Keule, Israelfreunde, …) und der billige Rückzug auf die Beschlüße des Sozialforums ist echt schwach.

    Das Interview in der „jungen Welt“ bestätigt, daß es doch antisemitische Tendenzen (versteckt als Antizionismus / Antiisraelismus) sind, die in Dierkes schwellen. Das Interview ist unsäglich & unsensibel.

    Bei ihm wäre „Araberfreund“ genauso angesagt. Da fehlt ebenfalls eine kritische Distanz zu Genossen aus Palästina, Libanon usw. So wie Ägypten mit palästinensischen Flüchtlingen umgeht, müßten dieses Land ebenfalls boykotiert werden. In Jordanien / Libanon gibt es immer noch (seit über einem halben Jahrhundert!!!) Flüchtlingslager. Auch hier wird die Existenz der Palästinerser_innen massiv bedroht. Sie werden konsequent entrechtet. Naja…

    Der Boykott israelischer Waren in Deutschland ist fatal & weckt schlimme Erinnerungen. Das bleibt für immer! Das hat mehr mit Deutschland & seiner Geschichte zu tun, als mit Israel. Dierkes (als Politiker) hätte sich darüber bewußt sein müssen, was er da fordert! Aber, da hast Du Recht, Thomas, diese Art antiisraelischer / antisemitischer Tendenzen sind in der Linkspartei vorhanden, werden aber immer wieder äußerst kritisch hinterfragt…

    Sind wir eigentlich wieder beim Filz :lol:

  5. 5 Mathile 27. Februar 2009 um 10:55 Uhr

    Hier noch was zur „kritischen Distanz“ und zum Filz:

    http://www.jungewelt.de/2009/02-27/034.php

  6. 6 k 27. März 2009 um 17:21 Uhr

    ach so ja dann.und dann´ist gregor gysi wohl „anti-sichselbst“

  7. 7 Machnow 27. März 2009 um 17:34 Uhr

    ach so ja dann.und dann´ist gregor gysi wohl „anti-sichselbst“

    :?: versteh ich nicht. entweder wird gregor, als jude, mit israel gleichgesetzt, was purer antisemitismus ist, oder gregor hat probleme im umfeld und ist deshalb gegen sich, oder… wat fürn schwachsin, gegen sich selbst sein. als was denn? ich tippe auf meine erste spekulation.

    K, du scheiß antisemit! Geh mit der braunen / grünen scheiße spielen!

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.