Die reichsten 9 Millionen Menschen auf der Welt verfügen über ein Vermögen von 37 Trillionen Dollar. Soviel zur Finanzierung des bedingunsglosen Grundeinkommens – sicherlich etwas vereinfacht. Im Grunde sind es zwei Grundfragen, die zum Grundeinkommen beantwortet werden müssen: Erstens: Kann man damit die riesige Schere zwischen Arm und Reich zumindest im Ansatz schließen? Zweitens: Kann durch das Grundeinkommen dahingehend ein Mentalitätswechsel bewirkt werden, dass der „Wert“ eines Menschen nicht mehr nach dessen lohnabhängiger Tätigkeit bemessen wird?
Am 21. Februar hatten ich zum ersten Mal einen Beitrag zum Thema Bedingungsloses Gruneinkommen verfasst. Seitdem hat die Idee einige Reaktionen in den Medien und darüber hinaus ausgelöst, von denen eine Auswahl hier nachvollzogen werden soll. Das Archiv Grundeinkommen liefert hierzu nach wie vor eine gute Grundlage. Im Sinne der Dialektik, die in diesem Blog ja mittlerweile lebhaft betrieben wird, will ich einen Schwerpunkt auf die Kritik gegen das Grundeinkommen legen.
Neuigkeiten
Zunächst der Verweis auf ein Buch, dass vor zwei Tagen erschienen ist und damit wohl genau zur richtigen Zeit: Einerseits greift es Thematiken der krisenbedingt allenthalber gallopierenden Apokalypse auf, andererseits beschäftigt es sich mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen. Das ist wenig verwunderlich, ist doch die Autorin, Katja Kipping, eine der prominentesten Vertretern der Idee des Grundeinkommens in Deutschland. Das Buch kostet 19,90 € und hat ordentliche 368 Seiten. Mit Themen wie „Entpolitisierung der Gesellschaft“ und „Wiederentdeckung der Langsamkeit“ werden darin auch weitere Dauerbrenner des diskurspolitischen Geschwafels aufgegriffen.
Mein nächster Hinweis gilt einer Umfrage der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung Deutschlands (KAB), die sich ebenfalls mit einem eigenen Konzept am Grundeinkommensdiskurs beteiligen. In der Umfrage geht es hauptsächlich um Meinungen zur Sozialpolitik im Rahmen der Europawahlen vom 4. und 7. Juni 2009 und welche Instrumente den Bürgern dabei besonders wichtig sind. Hinter dem Mindestlohn belegt das Grundeinkommen dabei den zweiten Platz. Die private Absicherung ist abgeschlagen auf dem letzten Platz zu finden – das ist nur folgerichtig, ist die private Absicherung doch sowohl unsolidarisch als auch ineffizient.

Ein dritter Hinweis gilt einem bestimmten Workshop beim Kapitalismus-Kongress von attac, der vom 6.03. bis 08.03., also an diesem Wochenende, stattfinden soll. Am Samstag wird es dort von 14.30 Uhr bis 16.00 Uhr ein Seminar mit dem Thema „Eine Allianz für Gute Arbeit und ein Leben in Würde: Mindestlohn. Grundeinkommen. ArbeitFairTeilen. Drei Forderungen und drei Bewegungen, die zusammengehören!“ statt. Mit u. a. Sven Giegold, dem Mitbegründer von Attac in Deutschland und heutigen Abgeordneten der Grünen im Europaparlament ist die Referentenliste hochkarätig besetzt. Allerdings sind 1 1/2 Stunden für diesen großen Themenkomplex deutlich zu wenig.
Ein letzter Hinweis, bevor ich zur Kritik am Grundeinkommen übergehe, gilt einer Rede von Gerald Häfner. In seiner Rede auf der Veranstaltung „Grundeinkommen ist machbar“ beschäftigt sich der Vorstandssprecher des Vereins „Mehr Demokratie!“ mit dem Zusammenhang von direkter Demokratie und Grundeinkommen. Diese ist jetzt in vier Teilen auf der Internetseite Youtube abrufbar. In der Tat wäre es ja sehr interessant, wenn es bei einem gereiften Konzept zum Grundeinkommen einen Volksentscheid (auf Bundesebene) zu dem Thema gäbe.
Kritik am Grundeinkommen
Kritik an der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens kommt in der Hauptsache aus den Reihen der SPD. Beispielsweise fühlt sich Carsten Schneider als scharfer Kritiker des Grundeinkommens berufen und tat dies recht ausführlich in der SPD-Postille Berliner Republik kund. Nicht zu unrecht nimmt er darin zunächst das Grundeinkommensmodell von Dieter Althaus auseinander. Er kritisiert die Abschaffung aller Sozialleistungen des Staates (mit Ausnahme der Krankenversicherung) und die Abschaffung des Progressivitätsprinzip – beim Modell Althaus sollen bis zu einem Einkommen von 1.600 Euro zzgl. Grundeinkommen 50% Einkommensstauer und ab 1.600 Euro Einkommen durchgängig nur noch 25% Einkommenssteuer bezahlt werden. Das hier ein wichtiges Grundprinzip des Sozialstaats zerstört wird, ist nicht ganz unrichtig und die Titulierung des Konzept von Althaus in seiner jetzigen Ausführung als „Verarmungsprogramm“ nachvollziehbar.
Richtig erkennt er dann auch, dass Armut vielschichtig ist und monetäre Transferleistungen nicht alles sind und es Benachteiligten oft an der Möglichkeit aktiver Teilhabe und an Bildung fehlt. Seine Schlussfolgerungen sind leider wenig nachvollziehbar. Er meint, dass Erwerbsarbeit, Bildung und ein Leben aus eigener Kraft den Menschen glücklich macht. Das Erwerbsarbeit glücklich macht, darf bezweifelt werden. Einerseits weil sie krank machen kann, andererseits weil viele Arbeitsstellen eigentlich nur Einkommensstellen sind. Das die meisten „Erwerbsbiografien“ immer prekärer werden, macht die Lage nicht besser. Schneider meint weiterhin, dass Arbeit durch das Grundeinkommen an Sinn und Wert einbüßen würde. Tatsächlich würde sinnlose und unterbezahlte Arbeit rapide an Wert verlieren. Sinnvolle und bisher unbezahlte Arbeit (im weiteren Sinne) würde aber an Akzeptanz nicht nur als Mundbekenntnis zunehmen – Voraussetzungen für diese Annahmen ist natürlich ein positives Menschenbild.
Carsten Schneider verpasst auch nicht die Gelegenheit Hartz IV als richtige Maßnahme zu bezeichnen und als Mittel zur Armutbekämpfung eine bessere Wirtschaftspolitik vorzuschlagen.
Ausführlicher hat sich die Grundwertekommission der SPD mit dem Thema des Grundeinkommens auseinandergesetzt – und kommt in der 14-seitige Studie zu einem vernichtenden Ergebnis. Zahlreiche Ziele des Grundeinkommens sieht die Grundwertekommission allerdings mit dem sozialdemokratischen Leitbild in Übereinstimmung: So wird die Erkenntnis geteilt, dass bestimmte Formen von Erwerbsarbeit, inbesondere prekäre Beschäftigungen im Niedriglohnsektor, eine Ursache gesellschaftlicher Ausgrenzung sein können. Ansonsten wird aber an dem Paradigma festgehalten, dass Erwerbsarbeit inkludierend wirkt. Als Grundziel beider Vorstellungen wird die Sicherstellung von Freiheits- und Beteiligungschancen genannt. Außerdem wird der Wandel der Arbeitswelt, also immer häufiger werdende prekäre Beschäftigungverhältnisse und ein Defizit des aktuellen Sozialstaats anerkannt.
Das Grundeinkommen wird aber nicht als ein Instrument angesehen, dass diese Probleme zu lösen verspricht – im Gegenteil. Im folgenden sollen die sieben wesentlichen Ablehnungskriterien gegen das Bedingungslose Grundeinkommen genannt werden, jeweils mit einem kleinen Kommentar versehen.
1) Die Grundwertekommission hat offensichtlich ein negativeres Weltbild als die Vertreter des Grundeinkommens. So wird vermutet, dass sich Arbeitslose in ihrem Zustand einrichten würden, so dass das Grundeinkommen für Exklusion, also einer weiteren Spaltung der Gesellschaft, sorgen würde. Da die Bereitschaft ehrenamtlichen Engagements mit der Erwerbersarbeit meist korreliert, würde auch die Aufwertung freiwilligen Engagements die Spaltung nicht ausgleichen. Diese Sichtweise ist natürlich hermeneutisch von einem negativen Weltbild hergeleitet, kann aber nicht ganz von der Hand gewiesen werden. Das nach der Einführung des Grundeinkommens die Kategorien Freizeit & Arbeit etwas mehr aufgebrochen werden können, das wird leider überhaupt nicht refektiert.
2) Insbesondere wird auf die drohende Exklusion unterer sozialer Schichten hingewiesen, die mit der Freiheit des Grundeinkommens nicht umzugehen wüssten. Für das meist akademische Milieu, von dem das Grundeinkommen maßgeblich gefordert wird, wäre die neue Freiheit hingegen beflügelnd. Die Forderung des Grundeinkommens kommt also der Lobbyarbeit für die eigene soziale Schicht gleich. Zweifelsohne liegt in diesem Punkt – der ja auch schon in den ersten Kritikpunkt stark hineinspielt – der Knackpunkt des Grundeinkommens. Allerdings sollte man bestimmte soziale Milieus nicht von vornherein verdammen und für unmündig erklären.
3) Allein durch monetäre Transferleistungen würde sich die Lage kaum verbessern. Diese recht simple und richtige Feststellung kann aber dadurch entkräftet werden, dass andere sozialstaatliche Dienste auch mit dem Grundeinkommen nicht weggeräumt werden sollen.
4) Es wird eine Spaltung der Gesellschaft in Nutzer und Finanzierer des Grundeinkommens befürchtet. Außerdem muss das Grundeinkommen zu seiner Legitimation so niedrig sein, dass die Netto-Einzahler (also die Finanzierer) einen höher Lebensstandard haben. Dieser Einkommensunterschied wiederrum würde ausgrenzend wirken. Bei diesem Kritikpunkt geht man offentlichtlich von einem Menschen aus, der stets auf den eigenen Vorteil aus ist und alles was ihn benachteiligt mit Neid vergeltet. Ein solches Menschenbild haben die Vertreter des Grundeinkommens nicht, trotzdem ist der Punkt nicht von der Hand zu weisen. Das große Einkommensunterschiede ausgrenzend wirken ist auch richtig, allerdings wird mit dem Grundeinkommen ja gerade eine Angleichung der Einkommen erhofft.
5) Es wird wieder der Punkt aufgegriffen, dass monetäre Transfers alleine keine Lösung sind, wie am Beispiel des Kindergelds beschrieben wird. Viel wichtiger wäre der Aufbau einer sozialen Infrastruktur nach dem Beispiel Schwedens.
6) Es wird die Befürchtung geäußert, dass das Grundeinkommen zu niedrigeren Einkommen führen würde, weil Arbeitnehmer eher zu Einkommenseinschränkungen bereit wären. Das würde eine Art generellen Kombilohn schaffen und Arbeitgeber subventionieren. Vertreter des Grundeinkommens haben hierzu eine generell andere Ansicht. Das Grundeinkommen schafft die Möglichkeit schlechte Arbeitsbedingungen abzulehnen und würde so auch zu einer Demokratisierung der Wirtschaft beitragen. Außerdem könnte das Grundeinkommen mit einem generellen Mindestlohn gekoppelt werden.
7) Die Hoffnung auf einer schlankere Verwaltung ist angeblich trügerisch. Es käme nicht auf weniger Verwaltungsarbeit an, sondern auf eine qualitativ höherwertige. Armut und Ausgrenzung kann nur durch eine hochwertige Verwaltung erreicht werden – hierzu wird das Beispiel der vernachlässigten Kinder genannt. Das ist sicher richtig, aber kaum ein Grundeinkommens-Konzept spricht sich für den Abbau wichtiger Leistungen der sozialen Infrastruktur aus. Als letzter Punkt wird die Angst vor einer großen Migrationsbewegung genannt. Das ist zweifelsohne bedenkenswert. Zu einer großen Migration wird es aber nur kommen, wenn das Grundeinkommen ein großer Erfolg ist. Ein Ausbau der Entwicklungspoltik ist sicher ein wichtiger Ansatz. Außerdem ist eine höhere Migration bei einer alternden Gesellschaft wie der deutschen nicht nur wünschenswert, sondern auch notwendig.
Die Diskussion um das Grundeinkommen gewinnt aber auch innerhalb der SPD mehr an Fahrt. So ist in den letzten Tagen ein Gegenpapier zur Stellungnahme der Grundwertekommission erschienen. Der Soziologe Stephan Lessenich hat diese Expertise für die Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt. Am 26. März um 18 Uhr soll dazu in Berlin die Konferenz „Bedingungsloses Grundeinkommen und vorsorgender Sozialstaat – Zwei Strategien für gesellschaftliche Inklusion“ stattfinden.
Eine provokante These zum Grundeinkommen hat der Kultursoziologe Wolfgang Engler aufgestellt. Ihm zufolge sollte das Grundeinkommen an eine ernsthafte Bemühung um Bildung gekoppelt sein. Ich halte diese These durchaus für richtig, auch wenn das Grundeinkommen dann nicht mehr bedingungslos wäre und der Nützlichkeitsgedanke von Arbeit und Bildung wieder aufgegriffen werden würde. Trotzdem muss der Umgang mit dem Grundeinkommen gelernt werden. Der Knackpunkt des Grundeinkommens ist in der Tat die Fähigkeit aller Menschen ein selbstbestimmtes Leben führen zu können – davon kann nicht von vorn herein ausgegangen werden. Meiner Meinung nach kann das durch Bildung erlernt werden. Die Kopplung von Grundeinkommen und Bildung müsste natürlich zeitlich begrenzt sein. Wolfgang Engler will im Detail den Erhalt des Grundeinkommens an einen Schulabschluss koppeln. Das halte ich für wenig geeignet – zumindest so lange das Bildungssystem in Deutschland der entscheidende Faktor der sozialen Selektion ist und ein Scheitern in der Schule überhäufig oft mit der Armut der Eltern korreliert.
Ich finde die zwei Fragen an das Grundeinkommen (Minderung existenziellen & sozialen Ausgrenzung / Mentalitätswechsel) auch sehr wichtig. Nur würde ich diese noch ergänzen. Nämlihc, ob die „Idee“ eines Grundeinkommens wirklich brauchbar ist die kapitalistische Wirtschaftsweise zu überwinden. Oder, ob es beim Grundeinkommen lediglich um eine Angleichung sozialer Verhältnisse gehen soll, oder schlimmer / besser die Abschwächug sozialer Härten.
Grundlegend finde ich es wichtig, daß mit dem Konzept eines Grundeinkommens vor allem das Paradigma der Arbeit im weitesten Sinne durch eine gesicherte Existenz & soziale sowie kulturelle Teilhabe abgelöst wird. Die SPD Wertekommision hält aber genau daran offensichtlich fest. Das ist nicht Kritik, sondern Ignoranz.
Wenn das Grundeinkommen die Dichotomie von Arbeit / Freizeit aufheben will, kann es keine Kopplung dieser Existenzsicherung an irgend welche Bedingungen geben, so humanistisch diese auch gemeint sein dürften. Die „Idee“ des Grundeinkommens wertet eben nicht, weder moralisch, noch ethisch, religiös oder anthropoligisch. Wer faul sein will, soll es auch sein dürfen…
Das größere Problem, was ich beim Grundeinkommen sehe, ist die Zentrierung der „Finanzierung“ im Konsum. Genauso problematisch finde ich die Vorstellung einer fortschreitenden wirtschaftlichen Entwicklung. Es ist also wiederum eine kapitalistische ‚Beschleunigung‘, statt einer gesellschaftlichen Entschleunigung, impliziert.
Auch die (trotzdem notwendige) Kopplung des Grundeinkommens an einen Mindestlohn – beides läßt sich nicht getrennt voneinander betrachten – hebt diese grundsätzliche Frage nach Konsum nicht auf. Auch die Wertigkeit von Arbeit (im Allgemeinen) wird nicht grundsätzlich berührt, sondern bleibt in den ‚Modellen‘ maßgeblich.
Auf der anderen Seite ist an das Grundeinkommen, meiner Ansicht nach, eine begrüßenswerte Entbürokratisierung und vor allem Entstigmatisierung von Transferleistungen gekoppelt. Hinzukommen müßte allerdings eine Stärkung regionaler Selbstverwaltung und der basisdemokratischen Mitbestimmung. Mit der Verschlankung der staatlichen / wirtschaftlichen Bürokratie muß ein Abbau staatlicher Hierarchien zu Gunsten partizipativer Strukturen geschehen…
Soweit ich sehe schaffen es die Modelle nicht uneingeschränkt ein bedingungsloses Grundeinkommen zu denken. Es ist zumeist lediglich existenzsichernd, was zwar schon mal etwas ist, aber im Grunde am Paradigma Arbeit = Wert nicht rüttelt, sondern lediglich die Auswirkungen des Krisenkapitalismus abschwächt. Die Zentrierung des GELDES und damit impliziert auch des Konsums läßt, meiner Ansicht nach, die Loslösung des menschlichen Wertes von einer nützlichen Beschäftigung nicht zu. Es ist im Idealfall zwar nicht mehr die Arbeit, die den Wert des Menschen bemißt, aber seine Konsumfähigkeit und sein Vermögen sich sinnvoll zu betätigen schon…
Also, die SPD Kritik bestätigt nur, daß diesen (Seeheiemr) Kreisen an einem Paradigmenwechsel von der Arbeit / Produktiität hin zum sozialen Wert nicht (mehr) zu denken ist. Es gab das so einen widerlichen Spruch mit Arbeit, der vielleicht von der SPD Wertekommision nicht ganz abgelehnt wird… Trotzdem bleibt das Grundeinkommen ein Schritt zur Existenssicherung & Lockerung der Verbindung Erwerb / Transfer. Dadurch wird es aber keine grundlegende Änderung in der kapitalistischen, geld- und konsumzentrierten Gesellschaft geben. Dazu müßten grundlegende Veränderung der sozialen Strukturen vollzogen werden. Dieses Ziel sehe ich aber in keinem Modell.
noch zu empfehen: dieser fim
hab ich auch mal drüber „berichtet“
Ich würde davon abraten die Idee des Grundeinkommens (alleine betrachtet) überzustrapazieren. Das kapitalistische System wird man damit nicht abschaffen können. Da brauch man sich keine Illusionen machen. Natürlich besteht die Möglichkeit, dass nach einem Paradigmenwechsel beim Thema Arbeit auch der Kapitalismus nicht mehr als Axiom der Wirtschaft gilt.
Das größere Problem, was ich beim Grundeinkommen sehe, ist die Zentrierung der „Finanzierung“ im Konsum. Genauso problematisch finde ich die Vorstellung einer fortschreitenden wirtschaftlichen Entwicklung. Es ist also wiederum eine kapitalistische ‚Beschleunigung‘, statt einer gesellschaftlichen Entschleunigung, impliziert.
Götz Werner vertritt mit seiner These, dass die Wirschaft die Aufgabe hat die Menschen von der Arbeit zu befreien, die Auffassung, dass durch eine vernünftige wirtschaftliche Entwicklung eine gesellschaftliche Entschleunigung stattfinden kann – einfach weil der Mensch weniger Zeit mit der Einkommensarbeit verbringen müsste. Ich zähle mich zwar nicht zu den Technikgläubigen, diese Vision von Werner teile ich aber.
Eine Konsumkritik ist meines Erachtens nicht ohne die Einbeziehung moralischer Werte möglich ( = streitbare These). In einer arbeitsteiligen Gesellschaft gibt es zur Bedürfnisbefriedigung zwangsläufig Konsum – diesen Begriff würde ich nicht von vorn herein negativ auslegen. Über Bedürfnisse sollten wir nicht moralisch urteilen, wohl aber über Konsumprodukte. Moral ist aber nicht gleichzusetzen mit Nützlichkeit.
Die Zentralisierung von Geld wird dann ein Problem, wenn Geld nicht nur als Wertäquivalent in einer arbeitsteiligen Gesellschaft gilt, sondern es auch als Spekulationsobjekt an einem virtuellen Finanzmarkt verwendet wird. Hier müssten sich Regionalgelder als gleichberechtigtes Wertmittel weiter durchsetzen.
Grundeinkommen, Mindestlohn, direkte Demokratie, Regionalgeld – leicht sieht man, dass die verschiedenen „Instrumente“ bei unserer grundsetzlichen Zielsetzung (Kapitalismuskritik) nicht losgelöst voneinander gedacht werden können. (Bei zunehmender Technisierung müsste auch die Ökologie stärker einbezogen werden.)
Vielen Dank für die Zusammenfassung der SPD-Studie. Die SPD ist zwar eine ausgebrannte Partei, deren gesellschaftliche Bedeutung immer noch weit überschätzt wird, aber die Argumentationslinien in der Studie sind hoch interessant. Ich beobachte in der Diskussion um das BGE schon eine ganze Weile die Tendenz, es aus völlig sachfremden Gründen zu befürworten oder zu kritisieren. Wenn die Studien beispielsweise behauptet, dass ein Grundeinkommen nicht ausreiche zur sozialen Integration und dass vor allem mehr Bildung hinzukommen müsse, so ist das von geradezu erhabener Trivialität. Ich kann jedoch ein Auto nicht dafür kritisieren, dass es nicht fliegen kann. Das BGE abzulehnen, weil es nichts zur Bildung beiträgt, ist daher völlig am Thema vorbei argumentiert. Überdies ist tiradische Forderung der SPD nach mehr Bildung auch noch zynisch, da bisher noch keine sozialdemokratische Bildungsministerin für mehr Bildung gesorgt hat. (Aber das ist ein anderes trauriges Thema)
Typisch für Vertreter der SPD und der Gewerkschaften ist natürlich das Menschenbild, dass Arbeit frei mache. Ich wundere mich nicht, dass immer mehr Arbeiter einer Partei davonlaufen, die von der heutigen Arbeitsrealität an ihren Stammtischen so weit entfernt ist, wie man nur sein kann. Arbeit für Lohn macht nicht frei, mit viel Glück sichert man damit seinen Lebensunterhalt. Vielleicht meint die SPD aber auch, dass Arbeit von den Hartz-IV-Schikanen befreit.
Leider verfallen nicht nur die Gegner, sondern auch die Befürworter des BGE immer wieder darauf, von ihm wunderliche Dinge zu behaupten. Es ist kein Allheilmittel für jedes Zipperlei der modernen Gesellschaft. Jeder, der das BGE befürwortet sollte darauf achten, dass er sauber argumentiert und nicht von seinem Auto behauptet, es könne auch noch fliegen.
Wenig hilfreich ist es außerdem, das bedingungslose Grundeinkommen an Bedingungen zu knüpfen, wie dies der „Kultursoziologe“ Engler tut. Obwohl er Soziologe ist, scheint er nicht begriffen zu haben, dass Bildung ein gesellschaftliches Phänomen ist. Man kann die Verantwortung dafür nicht auf den Einzelnen abwälzen. Es kann nicht die Aufgabe des Einzelnen sein, einem an formalen Abschlüssen orientierten politischem Idealbild zu genügen. Es ist die Gesellschaft, die die Rahmenbedingungen für die Bildung des Einzelnen festlegt. Und in Deutschland sind die Rahmenbedingungen auf Ausschluss ausgerichtet. Will Herr Engler wirklich den Anreiz „Lerne, dann bekommst du einen guten Job“ gegen den Anreiz „Lerne, dann bekommst du ein Grundeinkommen“ austauschen? Reichlich eindimensional gedacht, wenn es denn stimmt.
Vielleicht überfrachte ich die ‚Idee‘ des Grundeinkommens wirklich. Und vielelicht sollte mensch von diesem Instrument nicht zu viel erwarten. Aber mein Ziel ist eben die soziale Revolution und meien Perspektive auf das Grundeinkommen ist eben auch, ob dieses ein Schritt in diese Richtugn sein könnte. So wie es aussieht, würde ich fast behaupten in einigen Modellen könnte es so sein…
Zum Thema Konsum: Damit meinte ich nicht die Bedürfnißbefriedigung verschiedener Fetische. Ich meine mit KONSUM die profitorientierte, medial inszenierte Überhöhung bestimmter Waren zum größtmöglichen Gewinn. Ich meine damit die kommerzielle Überhöhung der Bedürfnisbefriedigung durch einen spekulativen Apparat, der die Ware zu einem Fetisch (siehe anarchopedia). Es geht also darum, daß die ‚Ware‘ nicht mehr nur etwas ist, welche zu einem bestimmten Zweck hergestellt wurde, sondern, daß die ‚Dinge‘ einen (übersinnlichen / kommerziellen) Wert erhalten, der jedoch eben nicht naturgemäß ist, sondern Ergebnis einer zivilisatorischen Perspektivenverscheibung. Also, die ‚Ware‘ bestimmt ihren Wert durch ihre Taxierung in einem kapitalistischen System. Dadurch, das alles zur Ware wird – Wasser, Strom, Brot, Kleidung, Wohnung usw. – wird auch hier das lebensnptwendige in ein kapitalistisches System eingebunden, was durch KONSUM erst genutzt werden kann. Aber dieser Konsum ist eben keien Naturgesetz, sondern die Grundlage eines kapitalistischen Systems.
Die Bedürfnisbefriedigung muß eben auch vom KONSUM abgetrennt werden. Dies wäre durhc ein (relativ) johes Grundeinkommen sogar möglich. Aber vielelicht erwarte ich auch hier zu viel vom Grundeinkommen.