Und mit dem Ende der Solidarität brach die Dunkelheit herein


Am Wochenende hab ich was gefunden. Erstaunlich, was manchmal so in S-Bahnen oder auf ’ner Parkbank rumliegt. Und, wie ich wiedermal erfahren durfte, nicht alles ist Müll, was wie solcher aussieht. Auch Müll kann Gedanken zum tanzen bringen.

Vor ein paar Wochen hatte der Freitag ein interessantes Wochenthema. Er beschäftigte sich mit der Apokalypse, dem Geheimnis des Untergangs. Gemeint ist nicht die christliche Idee des antiken Halluzinanten Johannes, der für jede sakrale und säkulare Enzeitvision herhalten muß und zur Zeit ganz modern in eine Comicform transformiert wird. Es ging um das Ende der Zivilisation, um die Auflösungserscheinungen von Hochkulturen und ihrer offensichtlich historisch nicht nachvollziehbaren Ursachen.

Ulrich Kühne beschäftigt sich in seinem Artikel mit Imperien und setzt diese als Indikatoren für zivilisatorische Hochkulturen. Ob dem wirklich so ist, bleibt für mich problematisch. Jedoch sehr viel erstaunlicher ist, was er an Indikatoren für den Zerfall der Großen Reiche feststellt. Es sind nämlich weder Krieg, noch Armut oder Katastrophen. Offenbar lassen sich gar keine Gründe finden. Die Zivilisation hört einfach auf zu sein. Die Hochkultur zerbricht und die (historische) Dunkelheit zieht übers Land.

Gruselig, was. Aber ‚ne, es muß überhaupt nicht erschreckend sein. Denn es hat sich auch immer wieder gezeigt, daß es dennoch weitergeht. Immer der paradiesischen Sonne entgegen, immer weiter gen Osten. Oder Westen, oder weiß ich wohin.

Kühne klebt zwar an einer mythisch mystischen Zeit, den großen Jahrhunderten der theologisch verklärten Genese christlich europäischer Werte, die er ganz eurozentristisch auf Südamerika überträgt, aber die Beschreibung der Phänomene bleibt erstaunlich. Die Erkenntnis, daß das Römische Reich nicht von außen zertrümmert wurde, ist zwar nicht wirklich neu, sticht aber trotzdem mächtig ins – heute würde mensch sagen nationale – Herz, daß alles böse von Außen kommt. Genauso mysteriös ist die Frage, warum die Maya in der Blüte ihrer Kultur alles stehen und liegen ließen und in den Wald gingen. Womöglich sind Fundamentalismen, wie die von Justitian, die Kühne beschreibt, wirklich die Gründe für ein Ende der Kultur und die Dämmerung der Dunkelheit, die von so vielen wiederum quasisakral als Apokalyse beschrieben wird.

Was Kühne allerdings in seiner spannenden Argumentation gar nicht betrachtet, was aber aufgrund seines Eurozentrismus dann doch nicht verwunderlich ist, sind die Völkerwanderungen in Osteuropa und die damit einhergehende komplette Vermischung der Kulturen. Auch hier ist bis heute unklar, warum die Völker losmarschiert sind und warum sie plötzlich Halt machten.

Mit diesen nomadisierenden Massen, die sich ebenfalls in den großen westeuropäisch christlichen Jahrhunderten im Osten rumtrieben, kann Kühne, der als Zivilisation Städte und feste Ansiedlungen brauch, wenig anfangen. Die hatten keine Städte, keine Tempel, keine Paläste und schon gar keine Aufzeichnungen.

Ich halte sehr viel von ihnen. Die Skythen haben gezeigt, was es heißt unsichtbar ein Imperium zu erobern. Ängste spielen dabei eine große Rolle. Die Wirklichkeit der Städte wird durch virtuelle Bedrohungsszenarien permanent gefährdet. Die realen, wie auch die virtuellen Straßen müßen deshalb verstaatlicht und geschützt werden. Die Kategorie der nomadisierenden Macht ist das Flüßige, das Fließende. Das gilt sowohl für das Kapital, als auch für die Rebellen.

Die Entkoppelung eines großen Teils des Geldvermögens von allen realen Werten, das aufgeblähte Schneeballsystem, das Kühne diagnostiziert, ist deshalb eben keine Schwäche und schon gar nicht Zeugnis von Dummheit. Die virtuellen Werte sind keine Schande der zivilisierten Menschheit und ihre Träger ganz bestimmt keine Bauerntölpel. Es sind moderne Nomaden, die arbeitsteilig ein riesen Imperium kontrollieren. Hyperspeed machts möglich.

Und trotzdem hat Kühne ein interessantes Fazit, was er auf seinen einengenden Eurozentrismus allerdings nicht übertragen kann. Das Ende der Zivilisation ist der Beginn des Egomanen. Das solidarische Kollektiv wird am Ende der zeiten durch das egozentrische Tier abgelöst. Alpha udn Omega fallen in eins und Dunkelheit bricht herein. Der Fundamentalismus von weiß und schwarz hat gewonnen.

Die Menschen hatten einfach keine Lust mehr auf komplexe Wahrheiten. Sie verloren den Gemeinsinn für arbeits­teilige Organisationsformen. Sie hatten kein Interesse an einer Zivilisation, die sie nicht mehr verstanden und deshalb nicht mehr als ihre begriffen. Jede Gruppe suchte lieber ihr eigenes Glück innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft fernab der großen Gemeinschaft der Städte. Und mit dem Ende der Solidarität brach die Dunkelheit herein.


2 Antworten auf „Und mit dem Ende der Solidarität brach die Dunkelheit herein“


  1. 1 Thomas 30. März 2009 um 1:09 Uhr

    Was findest du denn so toll an dem Volk? Und was haben die Skythen mit dem christlichen Jahrhunderten Westeuropas zu tun?

  2. 2 Machnow 30. März 2009 um 9:32 Uhr

    Die Völker interessieren mich nicht. Was aber interessant ist, daß sie sich konsequent einer imperial seßhaften Ausbeutung entzogen. Die „Völker“ waren eher Stämme. Der Begriff „Völker“-Wanderung ist wahrscheinlich in der sogenannten bürgerlichen Aufklärung entstanden, in der Völker / Nationen und ihre Legenden zu einem Ursprungsmythos zusammengeschustert wurden… Naja. Hab mich mit dem Begriff wohl vertan. Gehört in Anführungszeichen. ich hab nix mit Völkern am Hut! Mich interessieren Menschen…

    Die Skythen haben deshalb mit Westeuropa zu tun, weil sie dort nicht rezipiert wurden, aber dennoch taktisch relevant waren. Die Skythen sind deshalb wichtig, weil sie ein riesiges Imperium kontrollierten ohne seßhaft zu sein. Sie attackierten Städte, eroberten Territorien, ohne daran zu denken sie zu halten oder zu verteidigen. Trotzdem ware nsie mächtig & gefürchtet (vielleicht so ähnlich wie der „Schwarze Block“). Ihre Angst war vorauseilender Gehorsam. Tribut wurde im voraus gezählt, damit sie nicht brandschatzend kommen. Es war für die Seßhaften besser (vorsoglich) nicht aufzufallen, sich also ‚unsichtbar‘ für die Skythen zu machen, als sich ihnen machtvoll entgegen zu stellen.

    In The Persian Wars, Herodotus describes a feared people known as the Scythians, who maintained a horticultural-nomadic society unlike the sedentary empires in the “cradle of civilization.” The homeland of the Scythians on the Northern Black Sea was inhospitable both climatically and geographically, but resisted colonization less for these natural reasons than because there was no economic or military means by which to colonize or subjugate it. With no fixed cities or territories, this „wandering horde” could never really be located. Consequently, they could never be put on the defensive and conquered. They maintained their autonomy through movement, making it seem to outsiders that they were always present and poised for attack even when absent. The fear inspired by the Scythians was quite justified, since they were often on the military offensive, although no one knew where until the time of their instant appearance, or until traces of their power were discovered. A floating border was maintained in their homeland, but power was not a matter of spatial occupation for the Scythians. They wandered, taking territory and tribute as needed, in whatever area they found themselves. In so doing, they constructed an invisible empire that dominated “Asia” for twenty-seven years, and extended as far south as Egypt. The empire itself was not sustainable, since their nomadic nature denied the need or value of holding territories.

    CAE, Electronic Disturbance (S. 14, pdf)

    Die christliche imperiale Genese tut das Gegenteil. Sie befestigt, verstaatlicht, usurpiert und scheitert am Ende doch. Vielelicht ist es eben nicht die Unsolidarität gewesen, sondern die Bunkermentalität, die das Römische Reich zu fall brachte…

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.