Für die soziale Revolution!


Am gestrigen Samstag gingen in Berlin circa 25 – 30 Tausend Demonstrant_innen auf die Straße. Im buntgemischten Antikapitalistischen Block liefen um die 6.000 Teilnehmer_innen. Dazu gehörte ein sogenannter Schwarzer Block von mindestens 2.000 lauten Menschen. Einen ersten, sehr guten Bericht zur Demo gibt es bei indymedia. Erste Fotos gibt es bei Björn Kietzmann, dem Medienkollektiv Berlin, bei urbanberlin und pm_cheung.

Die Demo begann am Roten Rathaus. Treffpunkt war 12 Uhr. Die Reden der verschiedenen beteiligten Gruppen von attac, den gewerkschaftlichen Verbänden, der Interventionalistischen Linken und den Parteien dauerten relativ lange. Erst nach 13 Uhr formierten sich die Blöcke und zogen gemütlich los.

Der Antikapitalistische Block teilte sich. Vor dem Lauti lief der offene floating Block, der sich zum Ziel gesetzt hatte radikallinke Positionen auf der ganzen Demo zu verbreiten und auch in andere Blöcke einzudringen.

Wir wollen uns nicht abkapseln und uns nicht von Polizeikordons unsichtbar machen lassen. Er ist eine Einladung: offen für Alle – über Subkulturen, Dresscodes und indentitäre Politikformen hinweg. Eine Einladung sich einzubringen, aus der Krise eine Krise des Kapitalismus zu machen und für solidarische Perspektiven jenseits von Krise, Krieg und Kapital zu kämpfen.

Damit schloß das Bündnis um den floating block offenbar konzeptionell an die Ideen der freiRäume Demo am 14. März an. Auch dort sollten Blockbildungen aufgebrochen und ein uniformierter Schwarzer Block problematisiert werden. Trotzdem hat sich die Öffnung gelohnt. Denn so war es hinter dem Lauti möglich eine sehr bunte Mischung zu mobilisieren. Es liefen viele offensichtlich nicht oft bei Demonstrationen teilnehmende Demonstrant_innen mit. Generationsübergreifend lauschte der hintere Teil des Antikapitalistischen Blocks den zahlreichen Redebeiträgen der beteiligten Gruppen und Initiativen.

War das united we stay-Bündnis mit dem Konsens angetreten die (eigene) Demo bewußt zu führen, sie ohne Musik sowie permanente Redebeiträge an die Teinehmer_innen zurück zu geben und diese so eventuell wieder zu emanzipieren, ging es den Veranstalter_innen gestern offensichtlich darum die Beteiligten zu informieren, ihre Positionen gegeneinander zu stellen und so inhaltliche Überschneidungen zu veröffentlichen. Mit diesem politischen Entertainment-Ansatz war jedoch eine lautstarke Intervention der Demonstrant_innen ausgeschlossen. Lediglich der floating / schwarze Block konnten durch Parolen Akzente setzen. Der als fließend geplante offene Block verwandelte sich von innen heraus in einen lauten und entschloßenen black bloc. Jedoch ohne das geplante floating für all diejenigen, die es zelebrieren wollten, zu behindern.

Trotzdem würde ich sagen, daß die Öffnung des Blocks wiederum gescheitert ist. Zum einen von innen, weil sich ein schwarzer Block bildete, vor allem aber von außen durch die Sicherheitskräfte. Denn der gesamte Antikapitalistische Block, also auch der bunt durchmischte Teil hinter dem Lauti, wurde durchgehend im Spalier begleitet. Zivis waren sowohl im Block, als auch außerhalb massiv vertreten. Die Abteilung Politisch Motivierte Straßengewalt (PMS) lief am Rand der Demo ebenfalls mit. Offenbar war auch das BKA an den Inhalten der Demo interessiert und ließ es sich nicht nehmen die Teilnehmer_innen etwas spezieller zu begutachten.

Durch diese massive Präsenz aller Facetten des Überwachungsstaates zeigt sich, daß sozialer Protest zunehmend als staats- und verfassungsfeindliche Aktivität betrachtet wird. Dies deutete sich aber schon an der Kriminalisierung der Demo im Vorfeld an.

Die Krise auf allen Ebenen der Gesellschaft gefährdet aber auch den Staat. Er generiert sich selbst nun so wie er zumindest von der radikalen Linken immer wieder wahrgenommen wird, nämlich als repressive Struktur, die einzig und allein ökonomische Interessen des Kapitals gegen soziale Forderungen schützt.

In den sehr guten Redebeiträgen der North-East Antifacists (nea), dem Berliner Mayday Bündnis und der Jugendantifa Berlin (jab) ist die Verknüpfung sozialer Verwerfungen mit nationalistischen, rassistischen sowie kapitalistischen Denkmustern sehr gut gelungen. Prekarisierung, Gentrifizierung, Verdrängung von freiRäumen und die Krise des ökonomischen Systems lassen sich alle in einem Begriff zusammenfassen: Kapitalismus!

Während die Abschlußkundgebung lief, kam es zu Übergriffen der Polizei auf Demonstrant_innen. Team Green attackierte den schwarzen Block. Offenbar wollten sie Transparente klauen. Die Teilnehmer_innen wehrten sich aber offenbar gegen die Angriffe der Hooligans in Uniform. In einem Beitrag bei indymedia wird berichtet, daß sich sogenannte Autonome und Gewerkschafter_innen gemeinsam gegen die Polizei wehrten. Es ware wieder die bekannten 20iger Prügelhundertschaften, die auf Demonstrant_innen einschlugen, sie zu Boden warfen und auf die am Boden liegenden eintraten. Ob sie dabei ihre ebenfalls anwesenden Kolleg_innen von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) getroffen haben?

Am Ende gab es circa 30 Festnahmen, verletzte Demonstrant_innen und hoffentlich wieder einen fetten Skandal für die Berliner Polizei. Diesmal hat sich sogar attac über die Störungen durch Team Green bei der Abschlußkundgebung beschwert, das immer wieder massiv auf den Platz vorrückte – also in die Demo hineinrannte.

Grundsätzlich kann die Demo als Erfolg gewertet werden. Trotz des teilweise Scheiterns des offenen Konzepts im floating block und der Dominaz von Redebeiträgen im Rest des Antikapitalistischen Blocks konnten sehr viele Menschen an der Strecke und in der Demo erreicht und ausführlich informiert werden. Einige Neudemonstran_innen dürften positiv überrascht sein und eventuell bei der ein oder anderen (Groß-) Demonstration wieder teilnehmen. Das Vorgehen der Polizei, sowohl während der Demo mit der erkennbaren Anwesenheit von Zivis und behelmten Spalierlauf, als auch die massiven Angriffe auf Teilnehmer_innen bei der Abschlußkundgebung, dürfte den ohnehin schon lädierten Ruf als Freund und Helfer weiter geschädigt haben.

Konzeptionell ist meiner Ansicht nach deutlich geworden, daß beide Konzepte, das relativ geschloßene des durch Redebeiträge und Musik geführten Blocks sowie das offene, welches auf politisches Entertainment zu Gunsten kreativer Aktionen und Uniformierung verzichtet, zu einseitig sind. Bei ersterem geht die Aktivität der (zuhörenden) Teilnehmer_innen flöten. Das (neue) offene Konzept emanzipiert zwar die Demonstrant_innen, hat aber Schwächen in der Kommunikation bei Aktionen am Rand der Demo, auf die unmittelbar und schnell reagiert werden muß. Allerdings wurde gestern sichtbar, daß beide Taktiken für bestimmte Situationen durchaus fruchtbar sind. Außerdem ist es möglich bei einer großen Demo beides gleichzeitig zu fahren. Die recht starre Taktik der informativen Demo mit Agitprop kann einer Vernetzung und Annäherung der Inhalte der verschiedenen Spektren dienen. Die floating Taktik dagegen öffnet Handlungs- und Interventionsräume. Die Demo kann so auch von dem organisierenden Bündnis und der verantwortlichen Gruppe unabhängig agieren und den öffentlichen Raum zurückerobern. Dazu bedarf es aber auch einer Offenheit gegenüber allen Aktionsformen.

Also, weiter denken, demonstrieren, intervenieren und Kapitalismus abschaffen!


4 Antworten auf „Für die soziale Revolution!“


  1. 1 Thomas 29. März 2009 um 22:30 Uhr

    Ich war ja nun leider nicht auf der Demo, mich würde interessieren wie du die anderen ca. 19000 Demoteilnehmer titulieren würdest bzw. welche Blöcke es da – abgesehen von den Gewerkschaften – noch gab.

  2. 2 Machnow 29. März 2009 um 23:18 Uhr

    Die anderen Blöcke waren kleiner, als der Antikapitalistische Block. Laut waren auch die anderen. Sehr engagiert & entschloßen fand ich den Bildungsblock. Der Block der Falken war auch rech laut. Der attac Block war ebenfalls recht beeindruckend, glänzte aber mehr mit Gerede von einem möglichst breiten Bündnis, daß Kompromiße nötig macht. Naja, nich so mein Fall. Zum Ende de Demo hin war es relativ ruhig. Ich würde schätzen, daß ab dem attac Block, ab den Puppen, noch circa 4.000-5.000 Leute (vielleicht auch mehr, aber nicht weniger) kamen. Da wars offenbar recht ruhig. Da gabs keinen Lauti & kaum Parolen.

    Mein eindruck kann täuschen. Im großne und ganzen würde ich die gesamte Demo als sehr bunt & offen einschätzen. Die Aktivitäten – Parolen, Musik, Redebeiträge – waren unterscheidlich gewichtet, aber es gab sie überall. Engagement & Entschloßenheit gab es bei den Gewerkschaften genauso wie bei attac, den Parteien oder den Politsekten. Vor allem die „Jugend“ – im Bildungblock – hat mich sehr beeindruckt! Die waren wirklich laut.

  1. 1 schwarzerkater Trackback am 30. März 2009 um 12:23 Uhr
  2. 2 Nachruf zum Konzept des „Floating Block“ « Gratis Mittagsbueffet & Happy Hour-Angebote Pingback am 11. April 2009 um 18:18 Uhr
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