Türkendämmerung – Graue Wölfe in Berlin

Am vergangenen Mittwoch fand im tristeza eine Info-Veranstaltung zum türkischen Rechtsextremismus im Allgemeinen und den Grauen Wölfen im Besonderen statt. Organisatoren war die Autonome Neuköllner Antifa, die mit der äußerst kompetenten Referentin Claudia Dantschke ihre radikallinke Bildungsoffensive beat up you brain in die zweite Runde schickt. Das übergeordnete Thema für die Veranstaltungen im April sind, nach den erfolgreichen Terminen im Februar zur Neuen Rechten, die verschiedensten Facetten der Islamdebatten.

Die Veranstaltung war sehr gut besucht. Schon vor Beginn waren alle Sitz- und Stehplätze im tristeza besetzt. Wer zu spät kam, mußte sich mit der Tür begnügen, was einiges an Konzentration beim Verfolgen des Referats von Dantschke abverlangte. Ein klitzekleiner Lautsprecher, der auch nach draußen zumindest die akustischen Informationen verbreiten könnte, wäre vielleicht aufgrund des großen Erfolges der Veranstaltungen gar nicht schlecht. So könnte die antifaschistische Bildungsoffensive noch mehr Leute erreichen.

Neben dem enormen Andrang fiel mir die gute Mischung des Publikums auf. Neben dem üblichen jungen Publikum waren einige ältere Semester anwesend. Außerdem blieb es keine linksintelektuelle Infobeweihräucherung, sondern auch proletarisch Ausgelaugte kamen nach der Arbeit, um sich zu informieren und den Abend nicht mit Geflimmer zu verschenken.

Das Referat von Dantschke selbst war sehr ausführlich. Nach einem Ausflug in die mythischen und historischen Identitätsniederungen der extremistischen Türk_innen ging sie relativ detaliert auf die rechten Strukturen in Deutschland ein. Diese sind in Kleinstvereine und relativ selbstständig arebitende Gruppen unterteilt. Am größten und einflußreichsten ist die Türk Federasyon, die Türkische Föderation. Dieser Dachverband der sogenannten Idealistenvereine in Deutschland ist die Auslandsorganisation der Mutterpartei Milliyetçi Hareket Partisi (MHP), der Grauen Wölfe.

Die ideologischen Grundpfeiler sind recht verworren. So schaffen es die türkischen Rechten sowohl das Osmanische Reich als auch die Reformen von Kemal Atatürk zu integrieren. Dantschke beschrieb das ideologische Amalgam der Grauen Wölfe mit den heroischen Höhepunkten der türkischen Geschichte. Ihr Nationalismus ist zwar in erster Linie säkular, was aber nicht bedeutet, daß der Islam gar keine Bedeutung hat. Viel mehr gehört die religiöse Komponente zum Ursprungsmythos der türkischen Nation. Ihr Panturkismus versucht andere Nationen zu integrieren und imaginierte Feinde zu vernichten. Zu den Feinden gehören Kurd_innen, Jud_innen, Homosexuelle und alles, was vermeintlich nicht türkisch ist, wobei die Ausgestaltung dieses Anspruchs jeweils fließend verhandelt wird.

Aufgrund der Breite des Idealistenspektrums / der Grauen Wölfe ist es nicht verwunderlich, daß sich Anfang der 90iger auch eine fundamentalistisch islamische Fraktion formierte. Diese ist in der Avrupa Türk-İslam Birliği (ATIB), in der Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa e.V., organisiert. Ihre Berliner Zentrale soll, wenn ich mich recht erinnere, an die Moschee Orhan Gazi Camii in der Obentrautstraße 35 (Kreuzberg) gebunden sein.

Als Zentrale der Türkische Föderation in Berlin gilt die Moschee Ertugrul Gazi Camii in der Oranienstraße 189, direkt am Heinrichplatz neben dem SO36. Dort befindet sich auch ein Sportstudio und diverse andere Büros. Der brutale homophobe Überfall auf Besucher_innen des Drag Festivals im Juni letzten Jahres, bei dem mehrere Personen zum Teil schwer verletzt wurden, ging vermutlich von dort aus.

Unter dem Motto smash homophobia gingen damals 3.000 Demonstrant_innen auf die Straße. Trotz kurzer Mobilisierung war die Demo als direkte Aktion auf den Angriff die steigende Homophobie in Kreuzberg, für die insbssondere auch türkische Rechtsradikalen verantwortlich sind, ein großer Erfolg. Wahrscheinlich konnte eine weitere Eskalation so verhindert werden. Denn, wie Dantschke in ihrem Vortrag im tristeza bekräftigt, die türkischen Nationalist_innen wollen von der (deutschen) Bevölkerung und den Nachbarn akzeptiert werden. Jede Diskussion, die den Fokus auf ihren rechten Schwachsinn und ihre Strukturen lenkt, muß möglichst verhindert werden.

Allerdings haben die Berliner Grauen Wölfe offenbar ein neuen Thema gefunden. So scheinen sie maßgeblich in der Initiative Kottbusser Tor engagiert zu sein, die gegen die offene Drogenszene am Kotti, gegen Kurd_innen, soziale Randgruppen und Sprayer polemisiert. Jedoch stoßen sie auch dort auf Gegenwehr.

Die nachbarschaftliche Intervention und mediale Fokusierung auf die Aktivitäten der Grauen Wölfe in Deutschland ist äußerst wichtig. Wie Dantschke am Mittwoch beschrieb haben auch linke Türk_innen keine Berührungsängste zu den Strukturen der Rechtsradikalen. Entweder ignorieren sie die rassistische, antisemistische, homophobe und kurdenfeindliche Tendenzen oder verharmlosen sie zur bloßen Folklore. Das erschreckendende Vernichtungsvokabular gegenüber den Feinden der Türken zeichnet aber ein ganz anderes Bild. In übelster Fäkalsprache rufen die Grauen Wölfe bei ihren Festen, Konzerten und anderen Veranstaltungen offen und weltweit zum Mord an Kurd_innen auf. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Nationalisten, Konservativen und apolitischen Türk_innen.

Die Strukturen der Grauen Wölfe bilden zunehmend eine wichtige kulturelle Konstante in der türkischen Community, die auch antifaschistische Aufmerksamkeit verdient hat. Solange sie sich verstecken können, bleiben sie in migrantischen Kreise wichtig. Eine Entlarvung ihrer blödsinnigen Mythen und ihrer oberflächlichen Identitätskonstruktionen könnte im Kampf gegen diese Tendenzen erfolgreich sein. Sie glauben zwar, daß sie selbst Antifaschist_innen wären, weil sie ihre Landsleute gegen Nazis schützen, jedoch haben sie auf der anderen Seite in einer Welt der autonomen Nationen (bis auf die Kurdische) aber keine Berührungsängste mit Neonazistrukturen in Deutschland. Es gibt zwei interessante Videos zum Thema. Das eine ist von polylux. Ein zweites Video strahlte Spiegel TV im November 2007 aus.

Am 15ten um 20 Uhr gehts übrigens weiter mit den Islamdebatten. Diesmal sind die Auseinandersetzungen zu Moscheebauten in Deutschland Thema. Insbesondere Berlin tat sich hierbei als Scharnier zwischen konservativ christlichen Kreisen und Neonazis hervor. Der CDU Ortsverband hat im islamophoben Protest gegen eine Moscheeneubau bis heute keine Berührungsängste nach rechts. So lief Bernhard Lasinski, damals Schatzmeister des CDU-Ortsverbandes Pankow-Nord, im Mai 2006 bei einer NPD Demo mit. Der breiten Kritik konnte er nur entgehen, weil er seine Mitgliedschaft, offenbar zu Schein, aufgab. Denn im Februar diesen Jahres tauchte er, wie die ALB berichtet, wieder frisch und munter aus der Versenkung auf. Sein fortgesetztes Engagement für die CDU in Pankow wurde vom Kreisverband auch dementsprechend belohnt, so daß Lasinski wieder in den Ortsvorstand gewählt wurde.


6 Antworten auf „Türkendämmerung – Graue Wölfe in Berlin“


  1. 1 mobster 12. April 2009 um 10:38 Uhr

    beat up your brain? aua, das tut aber weh…

  2. 2 Machnow 12. April 2009 um 11:11 Uhr

    wenn’s wehtut, wirkts. äh :? : ne, wenn scheiße schmeckt, wirkts. hm… egal. war auf jeden fall ’ne sehr gute veranstaltung. ich hoffe, daß das thema rechtsradikale migrantische strukturen endlich jenseits von islamophobie und volksfront scheiße diskutiert werden kann.

  3. 3 links jenseits antifa 14. April 2009 um 1:14 Uhr

    linke,, die sich zumindest ein bisschen in kreuzberg auskennen und nicht den antifa-üblichen fokus schieben und sich permanent mit deutschen nazis beschäftigen, ist eigentlich schon sehr lange bekannt, dass die grauen wölfe neben dem so36 beheimatet sind. vllt wär das auch mal eine aufgabe, wenn nicht sogar wesentlich notwendigeres feld zur intervention für gruppen wie die ajak oder aim. gerade auch im wedding haben die türkischen faschisten eine sehr breite basis.

  4. 4 links jenseits antifa 14. April 2009 um 1:18 Uhr

    zu bedenken ist außerdem, dass die migrantischen ultra-nationalisten in der regel wesentlich militanter agieren, als die deutschen nazis. in den 90er jahren gab es häufig auch tote.
    aber statt permanent den rechten hinterherzurennen, sollte vllt auch einfach mal das gemacht werden, was den zielen der linken dient, nämlich linke bildungsarbeit und agitation zu betreiben und den leuten eine ordentliche kritik an der gesellschaft zu vermitteln. dann klappts auch mit dem nachbarn ähhh dem vorhaben diese ganze scheiße hier zu kippen

  5. 5 Claudia Dantschke 27. April 2009 um 16:05 Uhr

    Korrektur:

    „Diese ist in der Avrupa Türk-İslam Birliği (ATIB), in der Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa e.V., organisiert.“

    Korrektur: Neben der ATIB – die in Berlin keine Dependance hat – gibt es noch die ATB (Avrupa Türk Birligi – ehemals Nizam-i Alem – Europäische Türkische Union. Diese ATB hat eine Berliner Zentrale.

    ATB (islamistische Abspaltung der Grauen Wölfe): „an die Moschee Orhan Gazi Camii in der Obentrautstraße 35 (Kreuzberg)“

    Nein: Die Orhan Gazi Camii gehört zu DITIB. Berliner Zentrale der ATB/Alperen Bewegung ist die Eyüp Sultan Moschee-Gemeinde (Türkischer Kulturverein/ Berlin Nizam-i Alem Ülkü Ocagi), Wedding, Lindower Straße

    Tschüß Claudia Dantschke

  1. 1 Termine « Linienstraße 206 bleibt! Pingback am 12. April 2009 um 15:21 Uhr
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