Medienschau am Sonntag (2)

Es gab in der vergangenen Woche wieder viele interessante Artikel und die Auswahl fiel wieder nicht leicht. Mehr als 10 Verweise will ich aber nicht in meine Sammlung aufnehmen. Für die taz-lastigkeit möchte ich mich entschuldigen, aber in dieser Woche gab es dort eine Menge guter Texte – wobei ich den Bericht von dem 20-jährigen palästinensischen Mädchen, das durch einen Phosphorgranatenangriff der israelischen Armee nach langem Leiden verstarb, erschütternd fand.

Krise als Chance“ (ZDF-Nachtmagazin vom 06.04.2009)
Eine interessante Diskussion mit wechselnden Übereinstimmungen der Gesprächspartner. Das Thema klingt zwar erst einmal altbacken, aber die intelligenten Stichelein eines Norbert Bolz haben die anderen Gesprächspartner, darunter Günther Wallraf, aus der Reserve gelockt. Herrlich erfrischend im Gegensatz zu dem Geblabbel früher bei Frau Christiansen.

Armut und Demut“ (telepolis vom 06.04.2009)
Erschreckendes hat eine Bielefelder Studie bei Arbeitsvermittlern in Jobcentern ergeben: Sie sehen nicht mehr die Schwäche des Arbeitsmarkts sondern immer mehr die Haltung der Arbeitssuchenden als Grund für Arbeitslosigkeit. Dadurch werden die Jobcenter zu Kontroll- und Bestrafungsbehörde, der Hartz-IV-Empfänger ist nicht länger ein mündiger Bürger dem eine eigene Ansicht zur Erwerbsarbeit zugestanden wird.

Die Bürger sind ein wichtiges Korrektiv“ (taz vom 06.04.2009)
Hartmut Häußermann plädiert für mehr soziale Durchmischung und multikulturelles Miteinandern um die Gentifizierung zu verhindern. Er kritisiert die Wohnungspolitik der Berliner Regierung. In Berlin ist die Situation aber noch um Längen besser als in vergleichbaren Großstädten.

Rivalität mit Klassenkampfcharakter“ (taz vom 08.04.2009)
Am 1. Mai werden Tumulte in Berlin erwartet. Aber nicht in erster Linie von den üblichen Verdächtigen, sondern von verfeindeten Basketball-Hooligans aus Griechenland. Man munkelt, die Griechen wären ziemlich krass darauf. Dazu kommen noch Basketball-Fans aus Moskau, von denen einige das in Deutschland verbotene Keltenkreuzsymbol tragen. Hier vermutet man, dass die örtliche Antifa darauf allergisch reagieren könnte. Oh, oh!

Video reveals G20 police assault on man who died“ (The Guardian vom 08.04.2009)
Ein Londoner Banker (!) hat gefilmt, wie Ian Tomlinso, Minuten bevor er auf einer Demonstration gegen den G20-Gipfel einem Herzinfakt erlag, von einem Polizisten mittels dessen Knüppel rüde zu Boden geschuppst wird. Fahrlässige Tötung? Die britische Polizei dürfte in Erklärungsnöte geraten, hat sie doch vorher noch glaubhaft machen wollen, dass es vor dem Tod des Mannes keinerlei Kontakt mit der Polizei gab.

Kunstfleich: Wurst ohne Schrecken“ (Spektum der Wissenschaft vom 09.04.2009)
Künstliches Fleisch aus dem Labor? Daran arbeiten zumindest einige Wissenschaftler, denn die (Massen-)Nutztierzucht wird zunehmend ethisch und ökologisch bedenklich. Die Tierschutzorgaisation PETA hat derweilen eine Prämie über 1 Million Euro für denjenigen ausgeschrieben, der in den nächsten vier Jahren als erster Kunstfleisch aus embryonalen Stammzellen herstellt. Die Forschung steckt aber noch in den Kinderschuhen.

Raus aus der Nato, rein nach Strasbourg – aber wie?“ (Jungle-World vom 09.04.2009)
Eine Nachlese des Nato-Gipfels in Strasbourg. Kritisiert wird der Polizeieinsatz während der Demonstration und die 14-tägige Belagerung der Stadt Strasbourg.

Gotteskrieger im Internet“ (Publik-Forum vom 10.04.2009)
Die Plattformen kath.net und kreuz.net sind aggressive, rechtskonservative, katholische Kampfmedien, die nicht nur die Ansichten des Papstes unreflektiert wiedergeben und verteidigen sondern auch Holocaustleugnern eine Plattform für ihre menschenverachtende Ideologie liefern. Insbesonders lieberal gesonnene Christen sind das Ziel von Kampagnen dieser Plattformen, wobei kreuz.net um einiges radikaler vorgeht.

Mahnwache am Freitag: Keine Scheuklappen fürs Netz“ (netzpolitik.org vom 11.04.2009)
Die deutschen Internetprovider werden von Familienminsterin von der Leyen angehalten Kinderpornografieseiten zu sperren. So weit, so gut. U. a. der Chaos Computer Club, netzpoltik.org und der AK Vorratsdatenspeicherung wollen dagegen am Freitag den 17.04. eine Mahnwache in Berlin veranstalten. Sie vermuten hinter dem Sperren dieser Webseiten das Einfallstor für die Zensur des Internets nach dem Vorbild Chinas.

Das Feuer fraß sich in meinen Körper“ (taz vom 11.04.2009)
Die 20-jährige Ghada Riad Guha wurde bei einem israelischen Angriff mit Phosphorgranaten schwer verletzt – 40% ihrer Haut waren verbrannt, fünf Mitglieder ihrer 18-köpfigen Familie starben bei dem Angriff. Zwei Männer, die sie zum Krankenhaus bringen wollten, wurden von der israelischen Armee erschossen. Sie kam in ein ägyptisches Krankenhaus. Die Einweisung in ein Spezialkrankenhaus wurde ihr durch die ägyptische Bürokratie zunächst verweigert, die Erlaubnis kam er nach ihrem Tod. Unter anderem mit diesem Bericht möchten „Physicans für Human Rights Israel“ und „Human Rights Watch“ die Kriegsverbrechen der israelischen Armee beweisen.


11 Antworten auf „Medienschau am Sonntag (2)“


  1. 1 Machnow 13. April 2009 um 8:11 Uhr

    Also, das Interview mit dem Hartmut Häußermann ist schon erschreckend in der Verharmlosung der Verdrängungsmechanismen in Berlin. Der Kollwitzplatz ist gerade das Beste Beispiel wie die sogenannte Wohnraumaufwertung funktioniert. Und es ist eben nicht so, daß am Kollwitzplatz Gentrifiezierung lediglich eine „Tendenz“ ist. Interessante und gegenteilige Zahlen und Fakten können bei Andre Holms Gentrifizierungsblog nachgelesen werden.

    Folgendes Zitat ist aber echt die Frechheit.

    Jeder Mieter hatte in der Zeit der Sanierung, das Recht und die Möglichkeit, zu bleiben. In dieser Zeit gab es natürlich viel Veränderung, viele etwa wurden rausgekauft. Der Punkt ist: Man musste sich engagieren, man musste sich mit Eigentümern auseinandersetzen. In praktisch jedem Haus ist eine andere Regelung möglich gewesen. Der Wandel hier ist das Ergebnis komplexer Prozesse – abhängig vom Verhandlungsgeschick der Bewohner – und eben nicht vor allem von ökonomischen Faktoren.

    Wieviele durften denn wirklich bleiben? Von den bis 2000 dort lebenden sind 25% übrig geblieben (bis 1990 zugezogenen lediglich 15%)! Es leben von ehemals 19% Arbeiter_innen nur noch 4% am Kollwitzplatz. Dafür aber 40% Selbstständige und Freiberufler_innen mit einem durchschnittlichen Einkommen von 2.332, was 40% über dem Berliner Durchschnitt liegt.

    Aber alles ganz harmlos. Es gab keine Verdrängung. Alle waren schon weg. Erstaunlich, daß Häußermann Gentrifizierung in anderen dt. Städten erkennt, aber Berlin als Sonderfall betrachtet. Sein Beispielkiez für Gentrifizierung / Verdrängung sieht er aber gar nicht. Was für eine Koryphäe! Was für ein Schlappschwanz, der bezüglich „seinem“ eigenen hübschen Kiez, wo er sich so wohlfühlt & alle so nett sozial abgesichert sind, keine wiss. Distanz herstellen kann.

    Häußermann ist auch verantwortlich für die Einführung von Quartiersmanagement, die als Idee eine soziale Durchmischung aufrecht erhalten sollte, allerdings praktisch ökonomische Interessen durch vermeintliche ehrenamtliche Nachbarschaftsarbeit forciert. So nutzen Immobilienverwertungsfirmen diese Möglichkeit langfristig mit Hilfe von städtischen Zuschüßen schwierige Viertel profitorientiert aufzuwerten ohne Rücksicht auf soziale Durchmischung, sondern im Gegenteil. Das Quartiermanagment will, wo sich Immobilienvertreter beteiligen (wie in Freidrichshain, Mitte, Kreuzberg, Nordneukölln), den Weg frei machen zur Ansiedlung von Kreativwirtschaft, die zahlungskräftige Mieter_innen anlocken soll. Das ist Verdrängugn pur, was sich nach dem Prenzlberg, Friedrichshain nun auch im Reuterkiez bewerkbar macht.

    Das blöde Gequatsche von Häußermann, der sich als alternativer gibt, aber maßgeblich an der Gentrification / Gentrifizierung / Aufwertung / Verdrängung eines Kiezes beteiligt war, ist einfach unerträglich und macht in der Verharmlosung des Phänomens und seines eigenen Anteils einfach nur wütend. Was für ein Arschloch!!!

  2. 2 Thomas 13. April 2009 um 11:26 Uhr

    Du übertreibst erheblich. Mir scheint als hättest du den Rest des Interviews nicht gelesen. Die Situation am Kollwitzplatz sieht er sicher etwas zu rosig – in seinem Haus ist die Situation wohl eine andere gewesen, aber das darf er nicht auf den gesamten Prozess übertragen. Das Verhandlungsgeschick wichtiger war als der ökonomische Faktor, da könnte er durchaus auch recht haben, aber dann muss man dazu sagen, dass ehemalige DDR-Bürger gerade hier unverschuldet Defizite hatten. Das haben Investoren natürlich gerne ausgenutzt. Wie auch immer, das Resultat am Ende ist ziemlich erschreckend.

    Häußermann benennt aber ganz klar wodurch die Gentifizierung immer mehr an Schwung bekommt: durch den Ausstieg der Politik aus dem sozialen Wohnungsbau.

    Ihn für schlechtes Quartiersmanagement verantwortlich zu machen ist völlig sinnfrei. Wie dem Interview zu entnehmen ist beginnt Quartiersmanagement z.B. bei der deutlichen Verbesserung der Bildungssituation und keineswegs bei der Ansiedlung von Kreativwirtschaft. Leider wird das aber oft anders umgesetzt, wie derzeit in Nordneukölln. Aber auch hier muss der Ball flach gehalten werden: Gezielt Investoren für einzelne Projekte „anzulocken“ ist noch nichts teuflisches.

    Nur weil er die Situation am Kollwitzplatz zu positiv beurteilt ist er nicht gleich ein Protagonist der Gentifizierung!

  3. 3 Machnow 13. April 2009 um 11:59 Uhr

    Mal eine Sammlung der Verharmlosungen bezüglich des Kollwitzplatzkiez.

    Wenn man von Gentrifizierung hier spricht, ist das sicher eine Tendenz – mehr aber auch nicht. Es ist schon noch sehr durchmischt hier.

    andre holm wiederlegt diese ansicht nachdrücklich.

    . . . und da wohnen noch häufig Menschen, die hier tief verwurzelt sind.

    ebenfalls gelogen. die zahlen erzählen etwas anderes.

    Die Bewohner hatten die Wahl, zu bleiben.

    In diesem Zusammenhang von fehlendem Verhandlungsgeschick der alten Mieter_innen zu reden, ist zynisch und hochgrädig ignorant. Ich kenne persönlich mehrere Menschen, die durch immer dieselben Taktiken rausgeeckelt wurden. Sanierung und Betriebskostennachforderungen ist da das geringste. Verhandlungsgeschick bedeutete damals eher Anwälte, die ordentlich kosten. Oft reichten auch Anwohnerinitiativen, die sich gemeinsam gegen die Neubesitzer_innen wehrten eben nicht aus um dort wohnen zu bleiben. Das ging eben gar nicht. Meistens konnte durch ‚Verhandlungsgeschick‘ höchstens die Abschlagszahlungen und eventuell Umzugskosten erstritten werden.

    Der Typ weiß ganz genau, was damals lief. Er lügt aber. Andre Holm hat oft genug die Geschichte der Gentrifizierung am Kollwitzplatz, eben aus der eigenen Erfahrung von Bürger_innen-Initiativen, die eben die Verdränung nur aufhielten, aber nicht verhinderten. Das Korrektiv Bürger hat nämlich trotz enormen Engagement nicht funktioniert.

    Häußermann sieht die Fehler der Gentrifizierung in anderen Städten udn Kiezen glasklar, aber eben nicht am Kollwitzplatz. Er reagiert zynisch, igrnorant und blind. Er negiert die Forschungsergebnisse von Holm fortgesetzt udn schwafelt etwas von Bürgerkorrektiv. Mediaspree existiert immer noch, obwohl es eine gegenteilige Bürger_innen-Abstimmung gab.

    Und du behauptest ich übertreibe.

    PS. Das Quartiermanagment ist eine wichtige Idee. Die Ansätze sind gut. Sie wurden aber nicht umgesetzt, sondern (mit dem governance Ansatz) ins Gegenteil verwandelt. Quartiersmanagment funktioniert dort, wo sich Anwohner_innen engagieren. Jedoch , wo es Interessen von Immobilienfirmen gibt /wie in Kreuzberg, Neukölln, Friedrichshain usw) funktioniert es eben nicht. Die Strukturen udn Mechanismen bleiebn dieselben. Nur das sich das Engagement eben unterscheidet.

  4. 4 Thomas 13. April 2009 um 12:21 Uhr

    Ja, ich muss bei meiner Behauptung bleiben. Er ist nicht maßgeblich an der Gentifizierung beteiligt, wie du behauptet hast, selbst wenn er die Lage in seinem eigenen Kiez als zu positiv einschätzt. Zumal er in dem Interview ja auch viel von seinen persönlichen Erfahrungen im eigenen Haus erzählt – also nicht aus soziologischer Sicht.
    Gänzlich unrecht hat er aber laut der Studie auf Holms Blog auch nicht: 40% der Bewohner in und um dem Kolwitzplatzkiez wohnten dort vor 1990. Also gibt es schon noch recht häufig Menschen die dort verwurzelt sind.
    Klar gab es Miethaie, die die Menschen rausgeekelt haben. Aber auch Häußermann sagt: in jedem Haus gab es eine andere Regelung. Das ließe sich wesentlich deutlicher ausdrücken, ist aber noch keine bewusste Lüge.

  5. 5 Machnow 13. April 2009 um 12:47 Uhr

    es ist nicht richtig, daß 40% vor 1990 schon dort wohnten. Von denen, die 1990 schon dort wohnten, sind lediglich 15% übrig. Von den, die 2000 am Kollwitzplatz wohnten sind nur noch 25% dageblieben. 3/4 sind weg, seit 2000 der Gentrifizierungsdruck mächtig erhöht wurde. Das schreibt übriugens Andre Holm zur Behauptung, die alten Mieter_innen wären freiwillig gegangen oder einfach zu undiplomatisch gwesen:

    Natürlich – so die Studie – wurden die anderen 75 Prozent der früheren Bewohnerschaft nicht verdrängt, vielmehr sei dies mit “vielfältigen individuellen Umzugsgründe’ zu erklären… Naja, jedenfalls leben die früheren Bewohner/innen der größte Teil nicht mehr im Gebiet und die Sozialstruktur im Gebiet hat sich tiefgreifend verändert.

    Die Sozialstruktur ist eben nicht tendenziell anders, sondern hat sich grundlegend verändert. Aus dem Armenviertel (1992 lag das Einkommen 60% unter dem Berliner Durchschnitt) ist ein Luxusviertel geworden (heute liegt das Durchschnitseinkommen 40% über dem Durchschnitt).

    Häußermann war vielleicht nicht persönlich beteiligt. Aber er negiert immer noch, daß es eine grundlegend Veränderung der sozialen Struktur in „seinem“ Kiez gibt (und gab). Er verdreht (unbewußt oder nicht, auf jeden Fall aber wider besseren Wissens) die Tatsachen bezüglich mangelhafter Verhandlungspotenzen der rausgeschmißenen Mieter_innen. Ältere Menschen, Arbeiter, die aus einem ostdeutschen Hintergrund kommend nun mit westdeutschen Immobilienhändlern konfrontiert werden, können vielleicht auch gar nicht adäquat „verhandeln“. Der Existenz- und Prekarisierungsdruck stieg außerdem von Jahr zu Jahr.

    Diese Menschen konnten sich gar keine Eigentumswohnungen leisten, Häußermann (und die Neuankömmlinge) aber schon. Deshalb ist auch Häußermann Teil der Gentrifizierung, wenn auch nicht maßgeblich. Vielleicht liegt in diesem Umstand aber auch der Grund, warum er in „seinem“ Kiez, obwohl er es besser Wissen müßte, Verdrängung strikt negiert, obwohl sogar städtische Gutachten unmißverständlich das Gegenteil beweisen.

  6. 6 Thomas 13. April 2009 um 13:09 Uhr

    In der Studie heißt es: „Über die Hälfte der Befragten ist nach 2000 in die Wohnung gezogen, rd. 15% der Befragten wohnte bereits vor 1990 in ihrer jetzigen Wohnung … (immerhin) … 25% wohnten bereits in der Wohngegend (Sanierungsgebiet Kollwitzplatz und Umgebung- benachbarte Sanierungsgebiete)“. Für mich heißt es, dass 40% vor 1990 zumindest in der Gegend gewohnt haben… annähernd die Hälfte, wenn man so will. Oder auch: 25% der derzeitigen Bewohner des Kollwitzplatzes kommen aus den unmittelbar angrenzenden Gebieten.

    Das der Druck zunimmt liegt, wie Häußermann sagt, am Ausstieg der Stadt aus dem sozialen Wohnungsbau. In dem Sinne benennt er also durchaus eine maßgebliche Ursache der Gentifizierung und sieht diese auch am Kollwitzplatz wirken.

  7. 7 Machnow 13. April 2009 um 15:20 Uhr

    . . . auf der anderen Seite betont er aber auch, daß es vor allem am Kollwitzplatz lediglich eine Tendenz ist & die Menschen dort „tief verwurzelt“ wären. Das ist lächerlich. Eine Umkehrung der sozialen Struktur ist keine Tendenz. Erste Verharmlosung! Die tiefe Verwurzelunug ist ebenfalls nicht gegeben. Auch wenn Menschen aus den umliegenden Gegenden dort hingezogen wären, kann von einer Verwurzelung wohl kaum gesprochen werden.

    Noch perfider ist allerdings den „Verlierenn“, diejenigen die wegziehen mußten, mangelndes Verhandlungsgeschick vorzuwerfen und im gleichen Atemzug die Politik zu bemühen.

    Er hat sich dort zusammen mit anderen ein Haus gekauft. Er hat es saniert. Die alten Bewohner durften großzügig bleiben. (Vielleicht, weil sie sowieso nicht mehr lange leben werden) Woanders lief es nicht so. Ich kenne diesen Kiez seit Ende der 90iger. Damals gab es dort Asia-Buden, Eckkneipen, Antiquariate, Pfennigläden. All das ist verschwunden und ist Lounges, teuren Restaurants, Cafès und Lofts gewichen. Ich kann mir nicht leisten in dieser Gegend abends wegzugehen. Nicht umsonst war Clinton damals am Kollwitzplatz.

    Früher konnte ich es! Das nennt mensch üblicherweise Gentrifizierung. Da ist nix mit Tendenz. Da is‘ nix mit Verwurzelung. Das alternative ist aus dem Kollwitzkiez schon längst verchwunden. Geblieben ist die Verwertung, kommerzielles Spektakel & stinkende Yuppiescheiße!

  8. 8 Thomas 13. April 2009 um 18:17 Uhr

    Du unterstellst ihm persönlich mittlerweile auch sehr perfide Methoden die du noch nicht mal im Ansatz belegen kannst.

    Und wie ich gerade merke ist der Begriff Verwurzelung offenbar völlig unbrauchbar. Man kann ja auch in einer Scheinwelt, wie derzeit am Kollwitzplatz, verwurzelt sein.

    Du wählst ziemlich drastische Bilder um den Wandel zu beschreiben. Das mag in dem Fall zutreffend sein, aber dadurch entsteht der Eindruck einer Idealisierung des Zustands in den 90er-Jahren. Nun ist Armut aber nicht unbedingt ein idealer Zustand.

    In dem Sinne muss ich wieder Häußermanns These von der sozialen Durchmischung und dem Multikulturalismus recht geben. Sein Fehler ist wohl, dass er seine These am Kollwitzplatz verwirklicht sieht. Zur Umsetzung dieser Forderungen ist aber die Politik gefordert.

  9. 9 Machnow 13. April 2009 um 19:44 Uhr

    Es geht mir weder um einen vorgentrifizierten Idealzustand, noch um eine totale Verteufelung von Sanierung. Mir geht es darum, daß Häußermann offenbar sehr gut Bescheid weiß, was Gentrifizierung / Verdränung ist – in anderen Städten erkennt, analysiert & bewertet er dies super – jedoch schafft er es nicht diese Erkenntnisse auf seinen Kiez anzuwenden.

    Der Kiez war in den 90igern kaputt. Es gab ordentlich viele Ofenheizungen. Die Wohnungen waren akut sanierungsbedürftig. Das passierte zu Beginn allmählich und mit dem Versuch die soziale Struktur nicht anzutasten. Wei lder Kiez billig war, siedelten sich viele kreative, alternative & politisch engagierte Menschen an. Der Boom zum Ende der 90iger veränderte den Kiez & machte in äußerst spannend.

    Die totale Verwertung des Kiezes begann Ende der 90iger. Alles frei & alternative geriet (auch im Zusammenhang mit der Krise der Werbe- und Filmwirtschaft) massiv unter Druck. Die Freiheit & die kreative Atmosphäre zog zunehmend etablierte & reiche Menschen an, die lediglich die Atmosphäre genoßen & haufen Geld dafür bezahlten. Sie kauften die Cafès, Restaurants & Läden auf. Kaisers kam. Die Antiquariate schloßen. Die kleinen Filproduktionen gingen weg. Die Kulturbrauerei wurde wiedereröffnet & verdrängte die alternative Partykultur. Die Preise zogen mächtig an. Sowohl für Wohnraum, aber auch für das kulturelle Leben. Die zuvor frie Atmosphäre wurde verwertet …

    All das weiß Häußermann und er spricht trotzdem von einer Tendenz. Das ist einfach nicht wahr. Er kann doch ruhig sagen, daß die Gentrifizierung am Kolwitzplatz nur Gutes gebracht hat. Jedoch tut er so, als ob es keine Gentrifiierung dort gab, keien Verdrängugn, keinen Ausverkauf von Kreativität & Freiheit. Und das werfe ich ihm vor. Er soll die Scheiße beim Namen nennen und nicht so tun als sie nicht stinkt. Das macht mich wütend, daß er ignoriert. Für die gentrifizierung ist er nicht verantwortlich. Aber er rechtfertigt sie im Nachhinein als inexistent. Das ist blind. Ich vermute, er muß diesbezüglich blöind sein, weil er sonst auch gegen sich & seinesgleichen forschen würde.

  10. 10 Thomas 13. April 2009 um 20:40 Uhr

    Also daraus schließe ich zwei Fragen: Kann man Häußermann nicht einfach Häußermann sein lassen, wenn es im speziellen um den Kollwitzplatz geht und seine Wissenschaft nur heranziehen, wenn es um „den Rest der Welt“ geht? Lohnt es sich so derart über diese persönliche Unzulänglichkeit, die seine Arbeit allgemein ja kaum abwertet, aufzuregen?

    Ist nicht die zweite Frage viel wichtiger: Was man nämlich gegen solche Gentifizierungsprozesse tun kann, die ja, unwissenschaftlich betrachtet, wie ein Schwarm Heuschrecken mal diesen und mal jenen Kiez befällt? Und liefert nicht Häußermann, mehr vielleicht noch Holm, eine Antwort?

    Unsere Leser werden sich freuen ob unserer vielen Schreiberei. ;-)

  11. 11 Machnow 13. April 2009 um 20:46 Uhr

    naja, wenn es nicht um den kollwitzplatz geht antwortet er als wissenschaftler. er wurde als experte interviewt. menschen, die „verliere“ in seinem kiez mangelhaftes engagement vorzuwerfen udn so ihnen eine gewisse mitschuld an der entwicklung im kollwitzkiez zu geben ist schon perfide.

    ich erwarte von einem wissenschaftler, daß er auch in seinem gebiet position beziehen kann. vielleicht sogar gegen sich selbst. er mag seinen kiez. er mag es dort zu leben. er mag die menschen. das ist keine problem. nur sollte er sich gegenüber so ehrlich sein udn zugeben (können). daß diese neue atmosphäre eben der gentrifizierung geschuldet ist. diese selbstreferentielle kritik würde ich dann persönliche charakterstärke nennen. häußermann hat offensichtlich keinen.

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